Warum sind so viele Menschen anfällig für Verschwörungstheorien?

Die Hälfte der deutschen Bevölkerung ist anfällig für Verschwörungstheorien (VTn). Das brachte die so genannte „Mitte-Studie“ der Friedrich Ebert-Stiftung vor einem Jahr ans Licht. Laut einer YouGov-Studie glaubt jeder fünfte Deutsche, dass es einen geheimen Plan gibt, Muslime gezielt nach Deutschland einwandern zu lassen, um einen religiös-kulturell konnotierten Bevölkerungsaustausch herbeizuführen. Für diesen Plan führt man dann offenbar auch schon mal jahrelang Krieg im Mittleren Osten, um mit den Geflüchteten die Quoten erfüllen zu können. Mittlerweile scheinen VTn noch weiter in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. Man kommt sich jedenfalls – zumindest in den Sozialen Medien – inzwischen ziemlich dumm vor, wenn man als Nicht-Virologe die Expertise von Virologen gelten lässt. Oder einfach mal unterstellt, dass deutsche Spitzenpolitiker nicht die Marionetten finstrer Mächte sind. Sondern Juristen, die es ohne Parteikarriere nicht in den Staatsdienst geschafft hätten. Kann ja nicht jeder Richter werden.

Nein, das Thema ist zu ernst für Scherze. VTn richten schwere Schäden an. Nicht nur im Kopf derer, die an sie glauben, sondern ganz konkret, messbar. Etwa an den Opferzahlen von Anschlägen, bei denen VTn motivational wirkten (von Halle bis Hanau). Rechtsextremisten erhalten durch VTn eine Art mythischen Überbau, der ihren Einfluss in der verunsicherten Mitte der Gesellschaft vergrößert. Zugleich befeuern sie die VTn, deren Gegenstand oft genug Szenarien bilden, in denen die typischen Feindbilder Rechtsextremer (Juden, Jüdische Unternehmen, Angela Merkel) im Geheimen die Fäden ziehen, um zum Schaden der Guten (Deutsche, Europäer, Weiße) das Böse (Migration) zu realisieren und andere Feindgruppen zu begünstigen (Muslime, Migranten, Nicht-Deutsche, Nicht-Europäer, Nicht-Weiße, Homosexuelle, Journalisten), während „die da oben“ (Politik, Wissenschaft, Medien) stillhalten – aus Überzeugung oder gegen Bezahlung. Ein geschlossenes, in sich stimmiges und insoweit nur von außen (etwa durch Fakten, Logik und Plausibilität) angreifbares Weltbild. Das „Außen“ ist jedoch dumm und / oder böse. Dumm, soweit es die Wahrheit nicht sieht, böse, soweit es sie verheimlicht. Ende der Diskussion.

Quadratisch, praktisch, schlecht. Dabei sind VT bei näherer Betrachtung alles andere als einfach. Sie sind – zumindest der Begrifflichkeit nach – durchaus konkurrenzfähig mit den komplizierten Sachverhalten, für die sie alternative Erklärungen anbieten. In ihrer Absicht, gegen jede Logik und Lebenserfahrung abwegige Zusammenhänge herzustellen, um damit letztlich Problemlagen in ihrem Sinne zu banalisieren, müssen sie zudem einige gewagte Gedankenverbindungen eingehen und skurrile Voraussetzungen machen, um tatsächlich jederzeit gegen Welt und Wirklichkeit immunisiert zu bleiben. Das macht VTn so verworren, dass ihnen am Ende gerade dadurch kaum beizukommen ist. Zugleich ergibt sich daraus in der Struktur der VTn selbst immer ein argumentativer Ausweg, wenn einer der Anhänger mal kritisch nachfragt. Das ist ein riesiger Vorteil: Das Absurde kann man beliebig mit weiteren Absurditäten ergänzen, ohne dass es sich aufhebt. Und wenn ein – selbst innerhalb des kruden Denksystems erkennbarer – Widerspruch auftritt oder wenn Prognosen mal nicht eintreffen, dann ist das eben kurzerhand ein Ablenkungsmanöver, das dazu dient, den übermächtigen Gegner, der den Erleuchteten natürlich längst auf der Spur ist und diese über Gebühr zu unterdrücken versucht, in falscher Sicherheit zu wiegen. Und wer zu kritisch wird, macht sich als Agent dieses Gegners verdächtig. Voilà.

Gute wissenschaftliche Theorien sind einfach, aber nicht banal. Bei VTn ist das umgekehrt. Dabei ist diese „Banalisierung durch Verworrenheit“ das Erfolgsgeheimnis der Geheimniskrämer: Niemand kann einem vorwerfen, einer allzu schlichten Erzählung zu folgen (es gibt VTn, die möchte man verfilmt sehen), zugleich aber hat man eindeutig definierte Räume für Gut und Böse, klare Abgrenzungen von „Wir“ und „die“, geringen Bestätigungsaufwand („Die sollen uns mal beweisen, dass es nicht so ist!“) und stets das passende Erklärungsmuster für die eigene weltanschauliche Präferenz. Schuld ist am Ende immer der, der einem nicht passt, Opfer hingegen ist man von Anfang an immer selbst. Die VT bedient also millimetergenau die eigene Einstellung. Das muss eine gewöhnliche wissenschaftliche Theorie erst mal leisten!

Der Reiz einer zünftigen VT besteht weiterhin darin, in einer Welt der Unübersichtlichkeit Klarheit zu schaffen, Unsicherheit zu überwinden und damit der Angst zu begegnen, die jeder von uns hat – als Relikt unserer Entwicklung. Darum ist die VT auch so eng verwand mit Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und gruppenbezogener Menschenverachtung allgemein. Auch das hat ja viel mit Angst zu tun. VT ist eine Form der Komplexitätsreduzierung, die wir alle vornehmen müssen. Zudem gibt sie ihren Anhängern die Chance, in einer Welt, in der selbst habilitierte Fachleute manchmal – völlig zu Recht – sagen müssen: „Ich weiß es nicht!“, immer eine Antwort zu haben. Man gehört mit dem Geheimwissen der VT zu einer Elite, die über den öffentlich als solche wahrgenommenen Eliten steht. Das ist natürlich hochattraktiv. Und je gering das eigene Prestige bei Lichte betrachtet ist, desto attraktiver wird es. Deswegen werden VT vor allem von Laien vertreten, und von Fachleuten, die sich schon länger auf dem absteigenden Ast befinden oder aber nie wirklich den Sprung in die erste Charge geschafft haben. VT bietet damit Psychohygiene vom Allerfeinsten.

Eine unwiderlegbare Theorie, die genau das liefert, was einem passt, die alle offenen Fragen schließt und alle Probleme löst und deren quasi-exklusive Kenntnis mich und die anderen in der Facebook-Gruppe über alle Menschen erhebt, ohne je die Folgelasten der Erkenntnisgewinnung tragen zu müssen – eigentlich sollte bereits das stutzig machen. Zu schön, um wahr zu sein. Sag ich mal. Von außen.

(Josef Bordat)