Über Krieg. Und Gerechtigkeit – Teil 5

Eine siebenteilige Serie zur 75. Jährung des 8. Mai 1945, dem Tag, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa endete.

Der Krieg gegen das faschistische Deutschland wird von vielen als „gerechter Krieg“ angesehen, ging es doch darum, Unschuldigen beizustehen und die Friedensordnung wieder herzustellen. Doch: Kann es einen „gerechten Krieg“ geben? Schon der Begriff „gerechter Krieg“ ist sehr umstritten – gerecht gehöre nicht in einen Kontext mit Krieg; der Völkerrechtler Knut Ipsen bevorzugt „rechtmäßig“ (1990, 28), die Philosophin Herlinde Pauer-Studer spricht von „zulässig“ (2001, 93). Es handelt sich bei „gerechter Krieg“ um die Übersetzung des lateinischen Ausdrucks bellum iustum. Die Tradition der Debatte rund um dieses Konzept muss man nachvollziehen, um sagen zu können, ob das, was damit beschrieben wird, überhaupt möglich ist: ein gerechter Krieg. Das ist gerade heute wieder wichtig, weil der Begriff – nach einer Phase des Pazifismus in der Debatte – eine Renaissance erfährt.

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Der gerechte Krieg – eine Denkfigur wird radikal in Frage gestellt (Francisco Suárez)

Während sowohl für Sepúlveda und Vitoria als auch für Las Casas das Recht auf Selbstverteidigung als Naturrecht unbestreitbar war und Krieg – in bestimmten Fällen – als gerecht gelten kann, wird er einige Jahrzehnte später mit einer rechtsphilosophisch erstaunlichen Argumentation fundamental in Frage gestellt.

Francisco Suárez bricht insoweit mit der Tradition, als er das Völkerrecht – zu dem auch das Kriegsrecht gehört – aus dem Naturrecht löst, und es als „Gewohnheitsrecht“ zwischen Naturrecht und positivem Recht ansiedelt. Dafür hat er primär eine anthropologischen Begründung. Suárez lehnt die Übertragung des Menschenbildes vom animal rationale, dem vernunftbegabten Sinneswesen, auf das Rechtssystem ab, so wie sie der römische Jurist Gaius vorgenommen hatte. Gaius wies der Gattung „animal“ – zu der Menschen gehören, aber etwa auch Tiere – das Naturrecht zu und entwickelte für das menschliche Spezifikum rationale das Völkerrecht, das somit ins Naturrecht eingebettet war, wie der Mensch in die Welt der Sinneswesen, also der Menschen und Tiere. Suárez ist dagegen der Ansicht, durch die ratio stehe der Mensch als Ganzes, also auch von der Rechtslage her, auf einer höheren Ebene, weshalb das Völkerrecht vom Naturrecht zu trennen sei. Die Menschen sollten insbesondere die dem Tier erlaubte bedingungslose gewaltsame Verteidigung zum Selbsterhalt nicht zur Rechtsfigur erheben. Mit anderen Worten: Gewalt ist für Suárez kein Naturrecht, das Selbstverteidigungskriege zur völkerrechtlichen Notwendigkeit erhebt. Es gelte stattdessen, im Rahmen des Völkerrechts andere, dem Menschen als Vernunftwesen eher zukommende, Selbsterhaltungsmechanismen einzuführen.

Die These, Gewalt – auch zur Selbstverteidigung – sei dem Menschen nicht natürlich gegeben, hat entscheidenden Einfluss auf das Kriegsrecht. Der Gedanke, der Suárez zu diesem „Traditionsbruch“ führt, ist in der Tat ein sehr tiefer: Wenn man das Recht auf Gewalt nicht naturrechtlich, sondern nur gewohnheitsrechtlich ins Völkerrecht aufnimmt, wird es modifizierbar. Man schafft damit den Krieg zwar nicht ab, behält sich aber vor, grundsätzlich über Alternativen zum Krieg nachdenken zu dürfen, denn schließlich wurde der Krieg als Mittel zur zwischenstaatlichen Auseinandersetzung vom Menschen eingeführt, kann also von ihm auch wieder verworfen und durch ein anderes Verfahren ersetzt werden: „Denn allein Kraft der natürlichen Vernunftsordnung war es nicht notwendig, daß diese Befugnis [zur Kriegsführung, J.B.] dem ungerecht geschädigten Staat zukommt; die Menschen hätten auch eine andere Art von Sühneverfahren einführen können oder jene Befugnis einem dritten Fürsten als einen Schiedsrichter mit Zwangsgewalt geben können. Aber weil die jetzt eingehaltene Art leichter zu handhaben und naturgemäßer ist, wurde sie durch Gewohnheit eingeführt und ist jetzt rechtens“ (Suárez 1965, 65).

Der Krieg ist also bei Suárez etwas, das aus praktischen Gründen erwogen wird, sich aber nicht zwingend aus der menschlichen Natur ergibt. Prinzipiell könnte es für die Menschen andere Methoden des Streits zwischen den Völkern geben und tatsächlich schimmert im suarezianischen „Schiedsrichter“ schon so etwas wie die Vereinten Nationen durch. Diese Überlegungen wären völlig sinnlos, wenn man – so wie zuvor die aristotelisch-thomistische Naturrechtstradition und später v. a. Hobbes – Gewalt nicht nur als Teil der Natur, sondern auch als Teil des Natur- und Völkerrechts begreift, von der angeborenen Gewalt des animal gewissermaßen auf einen „Rechtsanspruch auf Gewalt“ des animal rationale schließt, Gewalt mithin zum rechtlich unanfechtbaren Prinzip menschlichen Zusammenlebens erhebt.

Man kann Suárez viel entgegenhalten, etwa historisch-empirische Befunde (Kriege gab es immer) oder anthropologische Forschungsergebnisse zum Aggressionsverhalten des Menschen, nichts schmälert die Bedeutung des Versuchs, dem Krieg den naturrechtlichen Boden zu entziehen und somit grundsätzlich in Frage zu stellen. Denn das eine ist der empirische Befund (Gewalt erscheint als anthropologische Konstante), etwas anderes ist die scheinbare Notwendigkeit, die dazu führt, daraus ein Recht auf Gewaltanwendung abzuleiten. Diesen naturalistischen Fehlschluss vom Sein auf das Sollen umgeht Suárez geschickt. Insofern hat er ein neues Kapitel im Kriegsrecht aufgeschlagen, das zur Basis jenes radikalen Pazifismus wurde, der Gewaltlosigkeit zur bedingungslosen Maxime erhebt.

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Literatur

K. Ipsen: Völkerrecht. München 1990.

H. Pauer-Studer: Ethik des gerechten Krieges. In: K.-P. Liesmann (Hrsg.): Der Vater aller Dinge. Nachdenken über den Krieg. Wien 2001.

F. Suárez: Ausgewählte Texte zum Völkerrecht, hrsg. von J. de Vries. Tübingen 1965.

(Josef Bordat)