Oh, Herr! Hirn! Schnell!

Obskure „Anti-Corona-Front“ formiert sich um Erzbischof Viganò

Was haben erzkonservative Franziskus-Kritiker, Impfgegner, NWO-Verschwörungstheoretiker, Yoga-Organisationen, Robert Francis Kennedy jr. und Gerhard Ludwig Kardinal Müller gemein? Sie glauben, dass die Corona-Pandemie halb so wild ist und eigentlich (oder hauptsächlich) dazu dient, eine sogenannte „Eine-Welt-Regierung“ voranzutreiben, die uns unserer Freiheitsrechte beraubt. Zumindest bringen sie diese krude Weltsicht dadurch zu Ausdruck, dass sie ein Manifest Carlo Maria Viganòs unterstützen, das sich liest, als hätte der ehemalige Nuntius während eines Xavier Naidoo-Videos eifrig mitstenographiert.

Man glaubt es nicht, aber es scheint doch wahr zu sein; katholisch.de berichtet. Auszug? Bitte: „Es gebe ‚Kräfte, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen‘. ‚Fremde Mächte‘ mischten sich ein, ‚supranationale Einheiten‘ mit unklaren Absichten und ‚sehr starken politischen und wirtschaftlichen Interessen‘. Projekte, ‚um besser manipulieren und kontrollieren zu können‘, eine ‚Politik der drastischen Bevölkerungsreduzierung‘ und ein ‚beunruhigender Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung‘. Es geht um den Kampf gegen einen ‚unsichtbaren Feind‘“. Selbst der Durchschnittsreichsbürger dürfte hierzu Rückfragen haben.

Die Kirche im Schulterschluss mit Verschwörungstheoretikern und Impfgegnern? So weit ist es sicher noch nicht, denn die Zahl der Unterzeichner mit kirchlichen Ämtern bzw. der emeritierten katholischen Würdenträger ist überschaubar. Dennoch ist das „Konglomerat an Verschwörungsmythen und Pseudowissenschaft“ (katholisch.de) hochnotpeinlich und fällt allen in den Rücken, die sich entweder mit der Sache auskennen (Randnotiz: als „Ärzte, Immunologen, Virologen und Forscher“ werden einige Unterstützer des Manifests aufgeführt, die nachweislich keine „Ärzte, Immunologen, Virologen und Forscher“ sind – es sei denn, man dehnt den Begriff „Forschung“ in nicht unerheblichem Maße), sich im Kampf an der Corona-Front tagtäglich um die Rettung von Menschenleben bemühen oder aber sich immer wieder für den Einklang von Wissenschaft und Religion aussprechen.

Zur letzten Gruppe gehörend, betrifft mich das Manifest. Vielmehr: Es schockiert und verärgert mich. Es ist ein fataler Rückschritt, in jeder nur denkbaren Hinsicht. Man kann eigentlich nur hoffen, dass die Öffentlichkeit die Sache richtig einschätzt: Hier spricht nicht die Kirche, sondern ein dumm-dreistes Dutzend, das eigentlich die bits nicht wert ist, die dieser Text auf der Festplatte frisst. Es tut mir Leid – ist eigentlich sonst nicht mein Ding, gegen Glaubensbrüder, Präsidentenneffen und Yoga-Lehrer zu ätzen, aber irgendwann ist das Maß auch mal voll. Und irgendwann ist jetzt.

(Josef Bordat)