Einige Bischöfe verbreiten Verschwörungstheorien, aber… – Teil 3

…es waren christliche Missionare, die klassische Bildung und Bücher nach Mitteleuropa brachten.

Lesen und Schreiben muss man nur dann können, wenn eine Schriftkultur vorherrscht. Das war in Mitteleuropa lange Zeit nicht der Fall. Artefakte, allenfalls Zeichen dienten der Verständigung, Kommunikation lief mündlich und wurde daher nur schwach tradiert. Schlecht für die wissenschaftliche Forschung, die auf Datenaustausch und Verstetigung angewiesen ist. Das änderte sich allmählich ab dem 6. Jahrhundert mit dem Christentum. Missionare brachten die Bibel über die Alpen und diese wollte gelesen und kopiert werden. Kulturtechniken wurden vermittelt, Klosterschulen und -bibliotheken entstanden. Die Kirche wird zur Trägerin der Bildung.

Eine Ausbildung in den grundlegenden Kulturtechniken Lesen und Schreiben gab es erst mit dem Christentum, denn dieses „hatte zur Grundlage das Buch der Bibel, weswegen Lesen, Schreiben wie noch Auslegung erforderlich waren“, so der Historiker Arnold Angenendt (Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert. Münster 2012, S. 395). Die christliche Mission brachte also nicht nur eine neue Religion nach Mittel- und Osteuropa, sondern auch die Schriftkultur, mit der eine verstetigte Überlieferung und der Datenaustausch auch jenseits des eigenen Stammes möglich wurde. Und damit auch – im weitesten Sinne – Wissenschaft und Bildung.

Bis heute feiert die Kirche zwei Heilige, die für diese Bildungsarbeit stehen: Kyrill und Methodius, zwei Brüder aus Saloniki, die als Mönch (Kyrill) resp. Bischof (Methodius) wirkten und gemeinsam als Schutzpatrone Europas verehrt werden. Dieses Patronat über unseren Kontinent hat eben durchaus auch kulturhistorische Bedeutung, wie vor allem Kyrill von Saloniki zeigt. Er schuf das erste slawische Alphabet, die Glagolitische Schrift, aus der später die nach ihm benannte Kyrillische Schrift entstand, um den Menschen die Botschaft der Bibel verständlich zu machen und eine volksnahe Liturgie zu ermöglichen. Damit erwies er nicht nur der christlichen Mission einen Dienst, sondern auch der europäischen Kultur.

Man kann sagen: Europa lernte mit den Missionaren nicht nur den Erlöser Jesus Christus kennen, sondern auch Lesen und Schreiben. Aus illiteraten Tribalstrukturen entsteht mit der Mission die Grundlage der modernen Wissensgesellschaft. Das war nicht leicht. Im Zuge von Bibelübersetzungen musste etwa auf eine angepasste Sprache geachtet werden, um die christliche Botschaft einer „Einfachkultur“ verstehbar zu machen, deren Sprachvermögen sehr begrenzt war: „Jeder höhere Gedanke, jede theologische Spekulation, jede Wissenschaft entzog sich noch ihrem Sprachvolumen“, resümiert der Mediävist Johannes Fried die kulturellen Defizite unserer Vorfahren (Die Anfänge der Deutschen. Der Weg in die Geschichte. Berlin 2015, S. 108), und Angenendt fügt hinzu: „Es fehlte den germanischen Sprachen an der nötigen religiös-innerlichen Ausdrucksfähigkeit“ (Toleranz und Gewalt, S. 398). Anders gesagt: Ihnen fehlte die differenzierte Begrifflichkeit und das hohe Abstraktionsniveau des Griechischen oder Lateinischen, mithin Aspekte, die für philosophische und theologische Überlegungen nötig sind.

Arnold Angenendt betrachtet die Mission daher insbesondere als Aufeinandertreffen von christlicher Hochkultur und heidnischer Einfachkultur: „Welten von ganz unterschiedlichem Niveau prallten aufeinander, einerseits mit Philosophen, Juristen, Gesetzen und Gerichten und andererseits mit Brauchtum, Ordal und brachialem Zweikampf; einerseits Schulen mit Lesen und Schreiben und andererseits Stammessagen mit rituellem Zauber“ (Toleranz und Gewalt, S. 395). Damit formte das Christentum auch ein neues Denken, ein Denken in Abstrakta, das vor allem die Wissenschaft, aber auch das Rechtswesen in Europa beflügelte. Die Kirche schuf damit – Kultur.

(Josef Bordat)