Noch einmal, Kardinal Müller!

Aber wirklich ein letztes Mal.

„Wenn alles so einfach zu widerlegen ist, warum wischen unsere klugen Anti-Verschwörungstheoretiker nicht mit drei geistreichen Sätzen das Papier vom Tisch oder versenken es in der Schublade?“ Sagt Kardinal Müller. Steht morgen in der Wochenzeitung Die Zeit. Steht heute schon im Domradio.

Also. Noch mal. Genau das geht nicht: widerlegen. Unfug ist nicht zu widerlegen. Wenn jemand sagt: „Schuhe sind im Hafen lustiger als vorgestern“, dann kann ich nicht zeigen, dass dem nicht so ist, schon gar nicht in drei Sätzen. Es kostet ziemlich viel Energie. Man müsste Kategorienfehler auf der Ebene der attributiven Bestimmungen (Ort/Zeit) ansprechen und Irrtümer hinsichtlich der Wesensmerkmale von Schuhen thematisieren. Und: Warum lustiger? Was heißt das denn: Schuhe sind lustig? Sie merken: Um anti-verschwörungstheoretisch zu argumentieren, muss ich auf die Ebene der verschwörungstheoretischen Argumentation gehen. Und das funktioniert nur um den Preis der Aufgabe argumentationstheoretischer Prämissen, etwa der von der rationalen Zugänglichkeit aufgestellter Behauptungen (hier: lustige Schuhe, semantische Äquivalenz von Orts- und Zeitangaben). Und da passt der „unsichtbare Feind“ Viganòs halt nicht rein, ebensowenig wie die „lustigen Schuhe“. Anders gesagt: Um mich mit Schwachköpfen zu streiten muss ich Schwachkopf werden, sonst hat der Streit keinen Sinn. Sich darauf einzulassen, dürfte niemand bereit sein, der überhaupt in der Lage ist, drei Sätze zu formulieren (geistreich hin oder her).

Denn jeder, der drei Sätze formulieren kann, weiß, dass Argumentationen immer bereits in einem Kontext stattfinden, der ein bestimmtes basales Verständnis des Gegenstands voraussetzt. Es gibt einen Diskurshintergrund, einen „Habitus“ (Bourdieu), ein „System von Überzeugungen“ (Wittgenstein), „kollektive Vorstellungen“ (Gil) etc. Dazu gehört – ganz wichtig und außerhalb von Viganò-Manifesten auch allgemein akzeptiert – das Anerkennen zulässiger bzw. sinnvoller Methoden. So kann die Anzahl von Entitäten mal ein Argument stützen und mal völlig irrelevant sein. Der Wert des Cholesterols im Blut ist ein Grund in der Argumentation, es sei jetzt wirklich mal an der Zeit, die Ernährung umzustellen, die Häufigkeit von Unfällen an einer Kreuzung ist ein Grund in der Argumentation, dort eine Ampel zu installieren, die Zahl der „Zs“ in einem Roman ist hingegen kein Grund in der Argumentation, weshalb man die Geschichte langweilig findet. Wir müssen also die Anerkennung der Tatsache allgemein voraussetzen, dass bei der begründeten Antwort auf die Frage, ob ein Buch gefällt oder nicht, die Häufigkeit bestimmter Buchstaben kein sinnvolles Kriterium ist. Setzen wir das nicht voraus oder gibt es darüber Unstimmigkeiten, können wir nicht über Bücher reden. Und wenn mir jemand vorrechnet, wie viel mehr „Zs“ bei Kafka vorkommen als bei Grass und dass Kafka deshalb der größere Autor sei, dann hat es keinen Sinn, nun die „Ts“ zu zählen, die für Grass sprechen. Es ist einfach irrelevant. Es gehört nicht zu Sache. Es ist Schwachsinn. Und deshalb gehört es gar nicht weiter behandelt. So wie Viganò.

Ich wiederhole mich: Erst, wenn man sich darüber einig ist, dass „rot“ und „blau“ Farben sind, also Licht bestimmter Wellenlänge, erst dann kann man die Differenz zwischen roter und blauer Wahrnehmung besprechen. Aber das setzt eben das Teilen von Grundannahmen voraus. Diese geteilten Annahmen werden in dem Viganò-Manifest aber gerade vehement aufgekündigt. Deswegen kann man nicht ernsthaft darüber sprechen, so wie man auch nicht ernsthaft über lustige Schuhe im Hafen sprechen kann. Das Viganò-Manifest definiert wie jede Verschwörungstheorie eine dritte epistemische Kategorie zwischen Wahrheit und Irrtum: den Unsinn, der sich gerade durch seine Unwiderlegbarkeit von den Aussagen unterscheidet, denen man Wahrheitswerte zuschreiben kann, und die deswegen überhaupt diskutabel sind. Wolfgang Pauli nannte derartig unsinnige Aussagen mal – das ist in der Tat geistreich – „not even wrong“. Noch nicht einmal falsch. Noch nicht mal dafür geeignet, als Irrtum bezeichnet oder eben – wie gefordert – mit drei geistreichen Sätzen widerlegt zu werden. Pauli deutet damit an, dass solche Aussagen das Falsifikationskriterium unterlaufen, das für alle Aussagen im rationalen Diskurs gilt: Man muss angeben können, unter welchen Bedingungen die Aussage falsch wird. Dazu muss sie entsprechenden Tests unterzogen werden können, die sie bestätigen oder auch widerlegen. Und das geht bei unsichtbaren Feinden schlecht. Aussagen darüber können nicht falsch werden. Einem unsichtbaren Feind kann ich alles in die lustigen Schuhe schieben. Auch im Hafen. Sogar vorgestern.

So, den Spruch mit dem Keller spare ich mir diesmal. Sonst hab ich wieder das Jugendamt und den Kinderschutzbund am Hals.

(Josef Bordat)