Himmelfahrt und Wissenschaft

Dass Christus „aufgefahren in den Himmel“ sein soll, wie es Christen bekennen, ist weder mit den Mitteln der Logik analytisch ableitbar noch empirisch naheliegend oder gar erwiesen (es gibt davon zwar Gemälde, aber keine Fotos), ja, es ist sogar klar, dass die Frage, ob Christus „aufgefahren in den Himmel“ ist, nach allem, was wir wissen können, weder analytisch noch empirisch je abschließend zu beantworten sein wird und es daher auch nicht darum gehen kann, im Rahmen einer Grundlagenforschung Methoden zu entwickeln, wie man künftig vielleicht doch zu analytischen Deduktionen oder empirischen Befunden gelangen könnte, die uns Christi Himmelfahrt „beweisen“. Damit endet die wissenschaftliche Betätigung. Das scheint mir ein „Knackpunkt“ in der Debatte um Glauben und Wissen zu sein: der wissenschaftstheoretische Status religiöser Aussagen und damit ihre Beurteilbarkeit „von außen“. Also, noch einmal: Wissenschaft beginnt, wenn man etwas nicht weiß, sie endet nicht, wenn man dann weiß, was man nicht wusste (es entstehen immer neue Fragen), sondern sie endet, wenn man weiß, dass man das, was man (noch) nicht weiß, nicht wissen kann. Das ist der Fall bei den Glaubenssätzen aus dem Credo, so wie dem „aufgefahren in den Himmel“, das wir morgen feiern.

Der Bereich des prinzipiellen Nicht wissen-Könnens ist im Laufe der Zeit immer kleiner geworden. Heute ist er extrem, ja, verschwindend klein. Die Wissenschaft ist in den letzten 300 Jahren sehr erfolgreich in verschiedene Lebensbereiche des Menschen eingedrungen und dabei auch auf Felder gelangt, von denen man dachte, dort habe sie, die Wissenschaft, nun wirklich nichts verloren. Nahezu alles wird heute erforscht, weil man meint, man könne damit etwas Neues über den Menschen und die Welt herausfinden. Oder über Gott. Denn ein Bereich, der dabei neuerdings ebenfalls in Betracht kommt, ist die Religion und der Glaube. Das ist gut so, denn man kann über diese Themen nicht genug wissen. Man kann ruhig Religionen im Hinblick auf ihre moralischen Vorstellungen vergleichen, von Theologiestudentinnen den Johannesprolog lesen lassen und dabei mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie bunte Bilder der aktiven Hirnregionen aufzeichnen oder Benediktinermönche bei der Komplet an ein EKG anschließen und die Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe im Yoga-Zentrum vergleichen – alles wunderbar. Was allerdings fälschlicherweise oft damit einhergeht, ist die Annahme, damit auch über die Glaubensinhalte Aussagen machen, ja, selbst die Gottesexistenzfrage beantworten zu können.

Es stellt sich doch die Frage, ob das, was man untersucht, tatsächlich für Aussagen solcher Tragweite valide und reliabel ist. Ja, ist es überhaupt relevant? Mit anderen Worten: Was untersucht man eigentlich: den religiösen Glauben oder die unterschiedlichen Vorstellungen religiös unmusikalischer Wissenschaftler davon, was der religiöse Glaube sei? Denn diese prägen am Anfang das Versuchsdesign und präjudizieren am Ende die Interpretation der Befunde. Übrigens gilt das auch mit anderen Vorzeichen: Wenn gläubige Wissenschaftler sich Gott durch Naturwissenschaft nähern wollen (sei es im Bereich der Evolutionsbiologie mit dem Intelligent Design-Ansatz, sei es in der Hirnforschung), ist ebenfalls Vorsicht geboten. Dennoch: Die Forderung steht im Raum, Gott zum Gegenstand der Naturwissenschaft zu machen – oder – wenn das nicht geht – als „sinnloses Konzept“ ein für alle Mal abzuhaken. Dahinter steht der szientistische Anspruch, der Leitgedanke der wissenschaftlichen Weltanschauung, der vom Wiener Kreis in den 1930er Jahren populär gemacht wurde. Er lautet, dass nur Sinn hat, was sich beobachten und in empiristischer Sprache beschreiben lässt, was sich also dem naturwissenschaftlichen Zugang verfügbar und überprüfbar hält. Die Metaphysik sollte damit, so der Plan, endgültig überwunden werden.

In diesem Sinne wird nun gefordert, Gott als Gegenstand der Naturwissenschaften anzusehen. Diese szientistische Perspektive, bei der Wissenschaft zur Weltanschauung wird und die Metaphysik verdrängt, erwartet einen Nachweis der Existenz Gottes, so wie sie einen Nachweis für die Behauptung fordert, es gäbe ein Mittel, nach dessen Einnahme ein Durchschnittsmensch mittleren Alters die 100 Meter unter 7 Sekunden laufen kann: „Dann zeig mir das mal!“ Das ist nur allzu verständlich. Und auch gar nicht mal unserer modernen Wissenschaftskultur allein geschuldet, wie man vermuten könnte. Schon in der Antike fordern die Menschen andauernd Beweise (die Bibel spricht von „Zeichen“ – Motto: „Dann zeig uns mal, dass du der Sohn Gottes bist!“). Selbst ein Apostel (nämlich Thomas) will den empirischen Nachweis: Sehen und Fühlen (vgl. Joh 20, 19-29). Auferstehung als Gegenstand der Naturwissenschaften. Damals schon. Es ist verständlich, für alles Zeichen zu fordern, um überzeugt zu werden, aber es ist andererseits nicht überzeugend, wenn sich diese Forderung nach Zeichen zu einer prinzipiellen Abwehrhaltung gegen alles Nichterwiesene bzw. Nichterweisbare entwickelt. Und Szientisten neigen dazu. Sie akzeptieren (als wahr, wertvoll, sinnhaltig, bedeutungsreich) nur das, was mit naturwissenschaftlichen Methoden nachgewiesen ist, allenfalls soll hinzukommen, was sich so prinzipiell nachweisen lässt.

Das ist schade, denn Aussagen der Art „Sokrates war ein griechischer Philosoph, der im 5. Jahrhundert vor Christus lebte“ oder „Es ist nicht gut, einen unschuldigen Menschen zu bestrafen“ oder „A ist größer als B und B ist größer als C, also gilt: A ist größer als C“ sind Aussagen, die wohl die meisten Menschen unterschrieben, ohne dass es für sie, die Aussagen, einen naturwissenschaftlichen Nachweis gäbe. Ein solcher steht auch nicht zu erwarten. Man muss hier schon andere Erkenntnisquellen zulassen (geisteswissenschaftliche Forschung, praktische Rationalität, moralische Intuition, Logik), um ein stimmiges Weltbild zu retten. Das tut man in der Regel auch. Weil man ansonsten historische, normative und geistige Phänomene nicht beschreiben könnte, soweit man sie eben nicht beobachten kann. Warum aber sollte man das „plötzlich“ tun dürfen, wo man sich doch zuvor auf die naturwissenschaftliche Methodik (induktive Schlüsse aus Beobachtung) festgelegt hat? Warum immer die große Skepsis in der Gottesfrage, nicht aber in der Frage logischer Implikationen oder historischer Darstellungen? Warum wird ausgerechnet die Existenz Jesu ständig bezweifelt, die Existenz des Sokrates hingegen nie? Und das, obwohl wir von letzterem tatsächlich nur Zeugnisse seiner unmmittelbaren Gefolgsleute haben, von Jesus hingegen – über das Evangelium hinaus – weitere Zeugnisse in zusätzlichen, außerchristlichen Quellen.

Ich glaube übrigens nicht, dass die erste Reaktion eines Szientisten auf den naturwissenschaftlichen Nachweis Gottes (Wie sähe der im übrigen aus? Pressekonferenz einer Forschergruppe, die behauptet, Gott gefunden zu haben?) nun ausgerechnet wäre: „Prima! Morgen früh trete ich in die Kirche ein!“, sondern wohl eher: „Das kann nicht stimmen!“ Menschen, die zu wissen glauben, dass Gott nicht existiert, lassen sich auch von der Wissenschaft nicht überzeugen. Schließlich hat diese schon oft genug geirrt. Und damit hätten Sie gar nicht mal so Unrecht, befänden sich jedenfalls in der guten Gesellschaft von Christen wie Aurelius Augustinus und Dietrich Bonhoeffer. Was man zeigen kann, ist alles, aber nicht Gott. Ein „Gott“, der sich naturwissenschaftlich erweisen lässt, ist nicht Gott. Und eine Himmelfahrt Christi, für die es logisch zwingende Gründe gibt oder gar empirische Befunde (außerhalb der biblischen Schriften, die davon berichten), wäre wohl kaum etwas, das sich in der Kirche groß zu feiern lohnte. Denn für die Kirche gilt, das sie Geheinmnisse feiert, um Karl Rahners bekanntes Diktum aufzugreifen, Geheimnisse des Glaubens. Und die sind ganz anders gelagert als Rätsel der Wissenschaft. Denn: Für die Wissenschaft ist Lösung der sinnträchtige Schlüssel, für den Glauben Erlösung.

(Josef Bordat)