Facebooks Lachen

Dass die virtuelle Realität die reale Realität nie wird erreichen können, ist mir heute klargeworden, als ich mir nicht sicher war, ob ich wohl mit einem „Lach“-Emoji richtig verstanden worden bin. Denn die soziale Funktion des Lachens und dessen kommunikative Bedeutung sind ja höchst ambivalent: Es gibt das affirmative Lachen, aber auch das spöttische, ja, zynische Lachen. Es gibt Mitlachen und Auslachen. Hinter dem Lachen steht das eine Mal tiefe Verbundenheit und ein anderes Mal größte Verachtung. Als bloße physische Handlung verbindet es damit völlig konträre kommunikative Akte und Willensäußerungen, die – auf ein Bild reduziert – nicht mehr unterschieden werden können.

Wenn Mimik und Gestik, die besonderen Bedingungen der Situation, der diskursive Kontext wegfallen, ist das Lachen deutungsoffen. Die virtuelle Realität erzeugt daher Missverständnisse, die in der realen Realität nicht auftreten können. Das gilt nicht nur, aber doch vor allem für die ikonographische Andeutung, man finde etwas „zum Lachen“. Weil es lustig ist? Weil es lächerlich ist? Das zu bewerten obliegt dem Rezipienten des Lachens, dem dafür jedoch die Kriterien fehlen. Er muss den Charakter des Lachens aus dem Erschließen, was man dem Lachenden zuschreibt. Aus dem Lachen selbst lässt sich nichts lesen, ein „Lach“-Emoji ist ein „Lach“-Emoji ist ein zu interpretierendes Bildschriftzeichen.

(Josef Bordat)