Das Gleichnis als Kommunikationsform

Nochmal zum heutigen Tagesevangelium (Joh 16, 29-33). Das hat einen ungewöhnlichen Einstieg. Hier kommen nämlich die Jünger als erstes zu Wort. Normalerweise heißt es zu Beginn der Perikopen: „In jener Zeit sagte Jesus zu seinen Jüngern“. Heute hören wir: „In jener Zeit sagten die Jünger zu Jesus“. Heute geht es erst mal um sie, um ihre Befindlichkeit, die eine Stimme erhält.

Auch das, was die Jünger dann zu Jesus sagen, ist interessant: „Jetzt redest du offen und sprichst nicht mehr in Gleichnissen“ (Joh 16, 29). Das klingt ein wenig eigenartig und ist, wie ich finde, schwer einzuschätzen. Es steht irgendwo zwischen der Erleichterung, den Herrn endlich zu verstehen, und dem Vorwurf, dass die bisherige Redeweise Jesu diesem Verständnis quer lag. Man kann sich hier ja ein „Warum nicht gleich so!“ dazudenken.

Jesus spricht tatsächlich oft in Gleichnissen. Das bereitete den Jüngern Schwierigkeiten und uns heute auch. Warum wählt er diesen Weg?

Der Grund liegt wohl in der Natur dessen, worüber Jesus lehrt: Gott, Gottes Reich, Endzeit. Ein Sprachbild, eine Metapher, wie sie jedem Gleichnis zugrunde liegt, hat die Eigenschaft, den Gegenstand zu um-, aber nicht exakt zu beschreiben. Die Erkenntnis des Sinngehaltes bleibt abhängig von der Deutung des Bildes.

Dabei darf das Bild nicht mit der Sache verwechselt werden. Wer Gleichnisse liest und auch verstehen will, muss sich bewusst sein, dass es sich um ein Gleichnis handelt, mit Metaphern und Allegorien, die uns etwas über den Gegenstand zu verstehen geben wollen, ihn aber nicht genau bezeichnen können. Ein Gleichsetzen von Bild und Sache führt zu Missverständnissen – eine große Gefahr besteht darin, es sich ganz einfach zu machen und auf die anstrengende Deutungsarbeit zu verzichten.

Das Gleichnis ist aber nur ein Modell, nicht die Wirklichkeit. Es gibt uns eine Vorstellung von der Wirklichkeit, die so großartig oder auch verstörend ist, dass über sie direkt nichts gesagt werden kann oder soll. Jesus spricht also in Gleichnissen, um eine Vorstellung vom Unvorstellbaren zu vermitteln, um überhaupt das Unsagbare sprachlich zu fassen. Es ist ein Einkreisen, eine Annäherung, die nie ganz bis zum Kern der Sache vordringt, ihn jedoch gleichsam nach außen zu kehren versucht.

Bild- und Modellhaftigkeit, die narrative Umschreibung und die zaghafte Annäherung – das sich Elemente der von Jesus bevorzugten Kommunikationsform des Gleichnisses. Diese sind nötig, wenn es um Gott, Gottes Reich oder auch die Endzeit geht. Die offene und unverhüllte Auskunft würden wir wohl noch viel weniger verstehen können.

(Josef Bordat)