Drei Irrwege im Klimaschutz – Teil 1

Nicht alle Ideen zum Klimaschutz sind moralisch gut – zumindest aus Sicht der Kirche bzw. der katholischen Ethik. Ich möchte drei Irrwege nennen.

„Bevölkerungswachstum stoppen!“

Der Verzicht auf Kinder ist nicht die Lösung des Klimaproblems. Klimaschutz soll ja – letztlich – nicht dem Klima, sondern dem Menschen dienen. Opferte man diesen für jenes, stellte man die Dinge auf den Kopf. So geschehen in der – epistemisch korrekten, aber ethisch bizarren – Haltung Patricia MacCormacks, die eine „Ausrottung des Menschen“ für den „besten Weg“ hält, „den Klimawandel zu stoppen“. Das ist nicht der Klimaschutz, für den es sich einzutreten lohnt. Um nicht missverstanden zu werden: Der Verzicht auf Kinder kann eine legitime Lebensentscheidung sein, die jeder Frau, jedem Mann und jedem Paar unbenommen bleibt. Aber diese Entscheidung sollte nicht aufgrund der Klimaschädlichkeit einer wachsenden Bevölkerung getroffen werden, schon gar nicht aufgrund von Fehlannahmen.

Es wäre widersinnig, das Ziel des Klimaschutzes aufzugeben (nämlich den Schutz menschlichen Lebens in einem dafür geeigneten Klima), um das Klima an sich zu schützen. Das Klima muss nicht vor dem Menschen geschützt werden, sondern für den Menschen. Natur meint immer auch die menschliche Natur, Ökologie ist immer auch „Humanökologie“, Lebensschutz ist nur in diesem umfänglichen Sinne möglich: als komplexer Lebensschutz. Robert Spaemann hat das frühzeitig erkannt und verdeutlicht. Bereits Anfang 1988 gab er in einem Interview mit der Zeitung Die Welt zu Protokoll, dass er mit den Grünen aufgrund deren stark verengtem Lebensschutzkonzept wenig anfangen könne (erschienen am 6.2.1988, abgedruckt in: Robert Spaemann: Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter. Stuttgart 2011, S. 70-85). Zwar gehe es, so Spaemann, der Umweltpartei (die 1983 erstmals in den Deutschen Bundestag eingezogen war) einerseits um einen „verantwortungsvollen und sparsamen Umgang mit den Ressourcen der Natur“, andererseits setze sie „das Emanzipationsprogramm der letzten zweihundert Jahre“, mit dem sich der Mensch von der Natur zu befreien sucht, „ungerührt“ fort und strebe damit keine grundlegende Änderung des Mensch-Natur-Verhältnisses an (Kernschmelze, S. 75). Vielmehr steigert sie nach Ansicht Spaemanns die Hybris wissenschaftlich-technischer Beherrschung noch weiter, etwa durch ihre „Forderung nach einer wie auch immer konditionierten Freigabe der Abtreibung bis zum neunten Monat“, die „in einem grotesken Missverhältnis zum Programm der Versöhnung mit der Natur“ stehe (Kernschmelze, S. 76). Wer diese will, muss gegen jene entschieden Einspruch erheben.

Auch das menschliche Leben zu schützen, ist für Spaemann „öko“. Die ökologische Position des katholischen Philosophen steht nur scheinbar im Widerspruch zu seiner konservativen Haltung in Fragen der Abtreibung. Es sind schließlich zwei Seiten einer lebensfreundlichen Ethik. In Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter kann man anhand hochaktueller Aufsätze aus den 1970er und 1980er Jahren sowie einiger thematisch einschlägiger Interviews aus dieser Zeit nebst der Erstveröffentlichung eines kurzen Gesprächs mit Dominik Klenk einen Eindruck von der biophilen Grundposition Spaemanns gewinnen.

Warum diese Aspekte – Umwelt- und Naturschutz auf der einen, Lebensschutz auf der anderen Seite – aber in geradewegs „schizophrener“ Manier auseinanderdividiert werden (so in der Frage des damaligen Welt-Interviews: „Das Thema Lebensschutz hat Konjunktur. Zu diesem Ergebnis könnte man jedenfalls kommen, wenn man die starke Anti-Atomkraft-Lobby hierzulande betrachtet. Demgegenüber scheint die Lobby für das ungeborene Kind kleinlaut zu sein. Wie erklären Sie sich dieses schizophrene Engagement?“, vgl. Kernschmelze, S. 78), erklärt Spaemann wie folgt: „Die Abtreibung haben wir alle hinter uns. Das heißt, wie alle haben das Glück, nicht abgetrieben worden zu sein. Das kann uns also nicht mehr passieren. Die Menschen sind nun einmal so, dass sie vor allem auf solche Dinge allergisch reagieren, die ihnen selber noch zustoßen können. Umgekehrt neigt man zur Gleichgültigkeit, wenn es darum geht, ein Leben zu respektieren, das vollkommen auf uns angewiesen ist, das keine Möglichkeiten von Repressalien und Vergeltung besitzt. Ein Zweites kommt hinzu: unsere Abhängigkeit von der sinnlichen Wahrnehmung. Das ist ja der Grund, warum der amerikanische Gynäkologe Bernard Nathanson seine Abtreibungspraxis erst in dem Moment abgebrochen hat, wo er in einem 1984 gedrehten Film die Ultraschallaufnahme einer Abtreibung vor Augen bekam. In dem Film sieht man, wie der Embryo sich wehrt und welche Reaktionen er zeigt, bevor er getötet wird. Das war für den Gynäkologen ein solches Schockerlebnis, dass er zur Gegenpartei übergetreten ist. Und nicht umsonst wehren sich die Befürworter der Abtreibung mit Händen und Füßen dagegen, dass dieser Streifen gezeigt wird. Es ist ja unglaublich, wie man auch hierzulande versucht, der Öffentlichkeit diesen Film von Nathanson vorzuenthalten. Die Menschen sollen nicht sehen, was sie tun, weil sie es dann leichter tun können“ (Kernschmelze, S. 78-79). Spaemann meint den Film The silent Scream (deutscher Titel: „Der stumme Schrei“) aus dem Jahr 1984. Diesem folgte drei Jahre später der Film Eclipse of Reason (deutscher Titel: „Ungeborene wollen leben“). Davon, dass der Film der Öffentlichkeit vorenthalten würde, kann allerdings nicht die Rede sein: 1985 zeigte immerhin der NDR den Film „Der stumme Schrei“. In einer Rezension sprach die TAZ davon, dass gezeigt werde, wie der Fötus vor der „Mordwaffe“ des Gynäkologen die „Flucht“ ergreife (vgl. Georg Stözel / Martin Wengeler: Kontroverse Begriffe: Geschichte des öffentlichen Sprachgebrauchs in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin 1994, S. 580, FN 63). Auch das Magazin Der Spiegel nahm sich des Films an (Abtreibung: Biologischer Zwang, in: Der Spiegel, Nr. 34/1985 v. 19.8.1985).

Robert Spaemann steht damit für komplexen Lebensschutz. Auch die Kirche steht dafür ein. Es zeigt sich, dass unter diesem Paradigma kein Keil zwischen die umwelt- bzw. klimaethische Haltung auf der einen und die bioethischen Grundsätze der katholischen Morallehre auf der anderen Seite getrieben werden kann. Anders gesagt: Ökologisches Gespür und der konsequente Einsatz für den Schutz des menschlichen Lebens gehören im wertkonservativen Denken unbedingt zusammen.

(Josef Bordat)