Die gebrauchte Kirche

Zwischen Johannistag und Peter und Paul kam die Hiobsbotschaft: 272.771 Katholiken kehrten 2019 der Kirche den Rücken; insgesamt lag die Zahl der katholische Christen in Deutschland um rund 400.000 niedriger als im Jahr zuvor. Seitdem wird viel diskutiert. Woran liegt es, dass kaum noch jemand die Kirche „braucht“? Wie kann die Kirche wieder „attraktiv“ werden? Und: Gibt es christliche Optionen jenseits der Kirche?

Mich stört diese Debatte etwas. Denn es geht beim Christentum um Wahrheit, nicht um Attraktivität, um Relevanz oder gar um Nutzen. Ein Christ ist Christ, auch wenn es mal nicht gut tut, Christ zu sein. Die Blutspur des Martyriums zeugt davon in eindrucksvoller Weise, gerade auch in unseren Tagen. Denn ein Christ glaubt an Gott, weil Gott Gott ist – wahrer Gott, nicht attraktiver, relevanter oder nützlicher Gott.

Erst das, was zu nichts mehr nützlich ist, nicht mehr als Mittel zum höheren Zweck dient, ist wirklich wertvoll. Nützlichkeit kann daher nie das letzte Kriterium der Ethik sein, zumindest nicht für eine lebensnahe Moral, wie sie das Christentum vertritt. Denn: Erst das, was zu nichts zu gebrauchen ist (mit dem Nebeneffekt, dass es auch zu nichts zu missbrauchen ist), und das uns dennoch fehlen würde, hat es zu einem Eigenwert gebracht. Es wird um seiner selbst willen angestrebt. Und darum geht es im Glauben.

Die wichtigen Dinge des Lebens, zugleich die Kernkonzepte des Christentums, haben diesen Eigenwert. Ich denke an Liebe, aber auch an Glück. Für den Christen deuten Liebe und Glück auf Gott. Die Kirche deutet im Glauben auf Gott. Doch diese Bedeutung ist keine Nutzenrelation, kein Mittel-Zweck-Bezug. Davon, glücklich zu sein, hat man nichts, kann man nichts haben. Zu sagen: „Ich bin glücklich, aber das bringt mir nichts“, das ist im Rahmen der Grammatik des Begriffs Glück unsinnig. Und so sollte es auch als unsinnig erkannt werden, davon zu sprechen, die Kirche sei „unattraktiv“ und deshalb kehre man ihr den Rücken.

Der Glaube, der sich in der Kirchenmitgliedschaft ausdrückt, ist nicht verrechenbar mit anderen Erfahrungsqualitäten des Menschen. Hier ergibt sich eine Sollbruchstelle zur Welt, die gewohnt ist, im Modus einer unmittelbar wirkenden oder zumindest unmittelbar einsichtigen Reziprozität zu denken – Do ut des. Der christliche Glaube als die bedingungslose Annahme Gottes als das Wahre Sein sprengt den Rahmen einer innerweltlichen Teleologie, die sich der vertrauenden Hinwendung zur Transzendenz verweigert und stattdessen den Glauben an Gott als Glied er kausal-deterministischen Wirkungskette, gleichsam als Faktor einer Lebensgleichung zur Maximierung des persönlichen Profits missverstehen muss. Das ist nicht christlicher Glaube, der ja – innerweltlich betrachtet – vor allem durch das Leid und die Ohnmacht seiner Vertreter fortgeschrieben wurde und wird, sondern dessen Karikatur.

„Ich glaube (erst), wenn…“ – „Ich glaube, weil…“ – „Ich glaube, obwohl…“ All diese gut gemeinten Erklärungsansätze von gläubigen und nicht-gläubigen Menschen sind Einschränkungen des Konzepts, die den Glauben letztlich verhindern, auch dann, wenn – etwa im ersten Fall – die Bedingung erfüllt ist. Wäre das dann nicht vielmehr die Gelegenheit, neue Bedingungen zu stellen? Erst das Fallenlassen der Bedingungen führt zu einer Haltung, die den Glauben an Gott ermöglicht, weil dies den Weg bereitet für ein vorbehaltloses Credo, das allein in jenem grundlosen Vertrauen wurzelt, das wir Liebe nennen. Dieses Credo lautet schlicht: Ich glaube. Punkt.

Gut – aber kann man das nicht auch allein: glauben? Braucht man – schon wieder! – dafür die Kirche? Religiöser Glaube ist ein Glaube, der sich religiös eingebettet weiß, also Ausdruck in einer Religiosität findet, die direkt mit Wesen und Lehre einer Religion in Verbindung steht, einer Religion, die den Glauben durch gemeinschaftlich geteilte Offenbarung und einsichtige Deutung formt und nährt, ihn aufrichtet und stärkt. Und hier kommt die Kirche ins Spiel, mit ihren wichtigsten Einrichtungen, den Sakramenten.

Ein Glaube ohne Kirche ist ein „religionsloser Glaube“. Der ist möglich, ohne Zweifel, aber nicht christlich. Es ist ein ganz persönlicher Glaube an die gelungene Lebensführung, ein subjektivistischer Glaube, der psychohygienisch wirken kann und einen Menschen auch tatsächlich erfüllen kann. Aber es ist kein Christentum möglich, ohne Gemeinschaft, ohne Ritus, ohne Lehre, ohne Sakramente. Auch Karl Rahners berühmtes Diktum von der Zukunft des Christentums in der Mystik ist kein Aufruf zur Abkehr von der Kirche, sondern zur Umkehr in den Herzen.

Genauso problematisch ist freilich das Gegenteil: eine Kirche, die „glaubenslose Religion“ bietet, die sich als Funktionssystem der Gesellschaft mit der Rolle einer Sinnstifterin für andere Funktionssysteme (Politik, Recht, Wirtschaft) begnügt. Dabei besteht nämlich die Gefahr, dass sie – einmal ihrer originären Kompetenz beraubt, nämlich Antworten auf Glaubensfragen zu geben – ganz vom zu stützenden System aufgesogen wird. Noch eine NGO. So erfüllte die Kirche nur noch einen billigen Zweck: als bloße Kulturkosmetik politische, juridische und ökonomische Prozesse moralisch aufzuwerten und sie damit beim Menschen akzeptabler zu machen, ohne dass sich dieser mit seinen Anliegen in ihr geborgen fühlte. Dieses Gefühlt stellt sich nur dann ein, wenn sie, die Kirche, ihm, dem Menschen, zu glauben hilft.

So einfach ist es: Die Kirche ist dafür da, den Menschen zu helfen, an Gott zu glauben. Sie muss dafür die Fragen nach Gott aufgreifen, die heute oft verschlüsselt gestellt werden. Sie muss dafür die Mittel bereit halten, den Glauben vernünftig zu erschließen, aber auch die verbleibenden Geheimnisse zünftig zu feiern (und sie nicht verschämt als überkommene Relikte verborgen zu halten). Ob die Menschen diese Hilfe in Anspruch nehmen, ist zweitrangig. Wer meint, die Kirche nicht zu „brauchen“, weil sie oder er meint, Gott nicht zu „brauchen“ (oder bereits hinreichend zu kennen), der hat dazu alles Recht der Welt. Staub abschütteln, weitermachen. Aber nicht versuchen, um (fast) jeden Preis „attraktiv“ zu werden. Um Gottes Willen.

(Josef Bordat)