Nationalsozialmus am Niederrhein

Die Zentrumsfraktion im Gelderner Stadtrat gab am 30. Juni 1933 ihre Auflösung bekannt, noch vor der (erzwungenen) Auflösung des Zentrums im Deutschen Reich (5. Juli).

Wer in der Bibliothek des elterlichen Anwesens stöbert, findet so manchen Schatz. So fiel mir bei einem Besuch in Straelen diverse Ausgaben der Reihe „Geldrischer Heimatkalender“ in die Hände. In diesen Jahresbänden gibt es neben einer Chronik des abgelaufenen Jahres auch Beiträge von Heimatforschern und Regionalhistorikern. In der Ausgabe des Jahres 1983 fällt mir ein Beitrag eines meiner Lehrer auf dem Friedrich-Spee-Gymnasium in Geldern auf. Der Historiker Heinz Bosch, Autor zahlreicher Studien über die Geschichte des Nationalsozialmus und des Zweiten Weltkriegs am Niederrhein, Blick dort auf die Anfänge der NS-Diktatur vor 50 Jahren zurück: „Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 in Geldern“.

Der etwa 30 Buchseiten umfassende Beitrag enthält manches spannende Detail, gerade auch im Hinblick auf das Verhältnis der Katholischen Kirche zum Nationalsozialismus – ein Dauerthema der Geschichtswissenschaft. So habe sich der damalige Gelderner Pfarrer van Heukelum an die Seite des Zentrums gestellt und anlässlich einer Parteiveranstaltung am 22. Februar 1933 im Vorfeld der Kommunalwahl vom 12. März gesagt: „Wir Katholiken lassen uns auch an wahrem Nationalismus von keiner Partei übertreffen“. Theologisch eine eher fragwürdige Haltung, politisch jedoch ein durchaus mutiger Nadelstich gegen die NSDAP, die im Gelderner Stadtrat gerne die Mehrheit errungen hätte.

Das ist ihr nicht gelungen. Das Zentrum blieb im katholisch geprägten Geldern mit 44 Prozent die stärkste Kraft; die NSDAP kam „nur“ auf 33 Prozent. Eine Woche zuvor hatte sie bei den letzten (einigermaßen) freien Wahlen reichsweit 44 Prozent eingefahren und konnte mit der DNVP die Regierung bilden. Wenige Tage später war mit dem Ermächtigungsgesetz (23. März) das Ende der Demokratie besiegelt.

In Geldern ging es erst einmal demokratisch weiter. In der ersten Sitzung des Stadtrats am 6. April zeigte sich aber gleich, wes Geistes Kind die zweitstärkste Fraktion ist. Sie stellte sechs Anträge, die sich gegen die Feindbilder der Nationalsozialisten richteten: Juden, Ausländer und „die da oben“. So wurde beantragt, dass Ausländer nicht mehr an den Gelderner Märkte teilnehmen dürfen (das betraf vor allem die benachbarten Holländer) und dass es Staatsbediensteten verboten sein soll, bei Juden einzukaufen (das richtete sich gegen das Gelderner Kaufhaus „Albert David“, das gerade mit Sonderangeboten zur Erstkommunion warb). Hinzu kamen Anträge für Normen gegen „Vetternwirtschaft“ und „Doppelverdienerei“ im Verwaltungsapparat der Stadt Geldern.

Das aus heutiger Sicht so Peinliche daran: Diese xenophoben, antisemitischen und populistischen Anträge wurden vom Zentrum unterstützt. Die stärkste Partei zeigte sich in diesen Tagen extrem schwach. Heinz Bosch hebt heraus, wie offensiv das Zentrum den Gang in die eigene Bedeutungslosigkeit antrat und die Gelderner Fraktion bereits am 30. Juni ihre Auflösung bekannt gab, also noch vor der (erzwungenen) Auflösung des Zentrums im Deutschen Reich (5. Juli). Die Nationalsozialisten verhöhnen die über Jahrzehnte in Geldern führenden katholischen Demokraten als „Zentrümler“.

Auch die Gleichschaltung der Vereine und Verbände beschreibt Heinz Bosch sehr kenntnisreich, seine Ausführungen sind eindrücklich bebildert. In Paraden und Aufmärsche integriert und zur Beflaggung mit dem Hakenkreuz gezwungen, werden Schützenbruderschaften, Gesangvereine und Sportklubs in der ersten Jahreshälfte 1933 braun und immer brauner. Kirchliche Gruppen wie der Katholische Gesellenverein oder der Katholische Arbeiterverein machen da leider keine Ausnahme. Und so konnte sich die „nationale Revolution“ auch in der schönen Stadt Geldern am katholischen Niederrhein durchsetzen, obgleich die NSDAP – gemessen an den Wahlergebnissen – nur jeden Dritten überzeugen konnte.

Dieses regionale Beispiel macht deutlich, wie sich eine Diktatur auch ohne Mehrheit für die treibende Kraft durchsetzen kann: Wenn die Demokraten kooperieren und sich wegducken, wenn es eng wird, und wenn die Zivilgesellschaft – auch die Kirche – schweigend mitzieht.

(Josef Bordat)