Corona. In Deutschland und in Peru

Ich habe das große Glück, in einem Land zu leben, das die wissenschaftlichen Kapazitäten besitzt, das zur Eindämmung einer Pandemie Notwendige zu erkennen, das mit politischer Kompromissbereitschaft und Durchsetzungsfähigkeit gezielte Maßnahmen vornimmt, das die wirtschaftliche Stärke hat, ein resilientes Gesundheitssystem zu unterhalten und das die rechtlichen Freiheiten gibt, das Vorgenannte mit Füßen zu treten. Diese Kombination dürfte weltweit einzigartig sein – und ich bin froh, in einem solchen Land zu leben. Auch, wenn das beinhaltet, gewisse kognitive Defizite bei einigen tausend Menschen aussitzen zu müssen. Das gehört dazu.

Ein Teil meiner Familie hat dieses Glück nicht, denn dieser Teil lebt in Peru. Dort herrscht seit über vier Monaten ein rigoroser Ausnahmezustand mit massiven Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens. Diese strengen Maßnahmen fruchten leider kaum, da das Gesundheitssystem hoffnungslos überlastet ist und zudem unter aberwitzigen Fehlallokationen leidet. Die Politik ist ratlos, die Mediziner machtlos, die Lage hoffnungslos. Immer häufiger sind auch persönlich Bekannte betroffen. In der Familie eines Studienfreundes meines Schwagers gab es zwei Todesfälle, eine dritte Person ist erkrankt. Wann es wieder eine Rückkehr zur Normalität geben wird, ist völlig offen.

Ich denke heute ganz besonders an Peru und bete für dieses geschundene Land, dessen Bevölkerung so sehr leidet. Wenn diese Menschen die Bilder aus Berlin erreichen, von einer Demonstration gegen eine höchst erfolgreiche Eindämmungspolitik, dann werden sie mehr als am Sachverstand der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zweifeln. Sie werden fragen, ob diese Menschen eigentlich wissen, wie gut es ihnen geht und ob sie verlernt haben, dankbar zu sein. Sie werden hoffentlich nicht den Fehler machen, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Demonstration für repräsentativ zu halten, auch wenn es heißen wird, in der deutschen Hauptstadt Berlin gingen Tausende auf die Straße. Millionen Deutsche gingen gestern nicht auf die Straße. Und das ist auch gut so.

(Josef Bordat)