Metaphysik – Schimpfwort einer unaufgeklärten Moderne

Wenn es einen ideengeschichtlichen Begriff gibt, der in der gegenwärtigen Philosophie verpönt ist, dann wohl „Metaphysik“. Das geht wo weit, dass (philosophisch offenbar ungebildete) Journalisten das Irrationale einer „Anti-Corona“-Demo auch unter dieses Konzept subsumieren, indem sie deren Protagonisten „brüllende Verirrte, geistige Raufbolde und verschwitzte Metaphysiker“ nennen. Damit wird Metaphysik zum Gegenkonzept von Vernunft – ganz abgesehen von den moralisch wie ästhetisch ungünstigen Konnotationen des Brüllens, Raufens und Verschwitztseins. Und das genau einen Tag nach Hegels 250. Geburtstag. In einer Zeitung, die Die Welt heißt. Man könnte es nicht besser erfinden.

Das ist etwa so, als würde Kunst zum Gegenkonzept von Schönheit. So, wie es schöne Kunst gibt und Kunst, die (bewusst oder unbewusst) Hässliches zeigt, so gibt es rationale und irrationale Metaphysik. Es kommt ja darauf an, wie man sich über die Physis äußert, die sich als raumzeitliche Gegebenheit beobachten und beschreiben lässt. Die Deutung der Wahrnehmung ist immer metaphysisch. Was sollte sie auch sonst sein? Wenn „Metaphysik“ also zum Schimpfwort der Moderne erklärt wird (und das nicht erst durch Zeitungskommentare, sondern bereits durch knapp hundert Jahre Philosophiegeschichte), dann ist diese Moderne epistemologisch unaufgeklärt. Ethisch übrigens auch. Denn wie sollte sich das Gute ohne Metaphysik begründen lassen? Die Geltung einer Aussage der Art „Es ist nicht gut, einen Unschuldigen zu bestrafen“ ergibt sich jedenfalls nicht aus der Beobachtung.

Stellt man hingegen alles, was der Beobachtung voraus geht oder ihr folgt (und selbst nicht beobachtbar ist), dem Verdacht anheim, es sei per se unvernünftig, kommt man nicht weit. Die Beschreibung der Welt allein reicht nicht für wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritt – sie will gedeutet werden. Und das kann vernünftig und unvernünftig geschehen. Anzunehmen, die Deutung sei bereits in der Wahrnehmung enthalten, es bedürfe also gar keiner Interpretation, die (auch) nicht-empirische Annahmen und Vermutungen zulässt, ist selbst metaphysisch, löst also das Problem nicht, sondern formuliert lediglich ebenso eine Prämisse wie es etwa das Christentum tut, wenn es empfiehlt, die Welt als Gottes Schöpfung zu sehen und sämtliche Interventionen im Geist der Liebe Christi vorzunehmen. Welche der Annahmen nun voraussetzungsreicher ist – (1) Wir sehen, was ist, indem wir sehen, wie es ist. (2) Wir sehen, wie es ist, können das, was ist, aber nur verstehen, wenn wir an einen Grund dessen glauben: Gott. – muss jede und jeder für sich selbst entscheiden.

Was ist nun – im Rahmen dieser Prämissen – jeweils rationale und was ist irrationale Metaphysik? Rationale Metaphysik gehorcht logischen Gesetzen, nimmt auf, was bereits auf eine Frage durch angestrengtes Nachdenken geantwortet wurde, ist sich der Grenzen ihrer Erkenntnis bewusst, schätzt Glauben und Wissen (ohne es zu vermengen) und achtet daher auf einen intensiven Austausch zwischen unseren Erfahrungen auf der einen sowie unserem Denken und Fühlen (auch über Gefühle kann man rational sprechen) auf der anderen Seite. Irrationale Metaphysik ist unlogisch, geschichtsvergessen, naseweis, engstirnig und (ironischerweise) unfassbar überheblich. Welcher Metaphysik nun „Anti-Corona“-Demonstranten anhängen, sei dahingestellt. „Verschwitzt“ ist jedenfalls kein stringentes Attribut.

(Josef Bordat)