Lebensschutz umfasst mehr

Noch ein kurzer Kommentar zum Marsch für das Leben 2020 – und zu dessen Gegnern.

In Berlin fand gestern der Marsch für das Leben 2020 statt. Zugleich gab es eine Gegenveranstaltung. Ich bin immer wieder erstaunt, wie kurzsichtig beide Seiten auf das Thema Lebensschutz blicken. Einerseits gehen beim Marsch für das Leben Menschen mit, denen Themen wie Klimawandel und Migration kaum ein Schulterzucken abnötigen, während sie gegen Abtreibung und Sterbehilfe aufbegehren, andererseits stehen auf der Gegenseite Klimaschutzaktivisten und „Omas gegen Rechts“, die sicher ein Herz für Geflüchtete haben, aber nicht bereit sind, dem Ungeborenen überhaupt so etwas wie einen ethischen Status zuzubilligen; anders lässt sich ja „Mein Bauch gehört mir!“ (oder dem Sinngehalt nach ähnliche Slogans) nicht interpretieren: Du bist nichts, mein Körper ist alles.

Ist es nicht widersinnig, Generationengerechtigkeit zu fordern – und zugleich ein uneingeschränktes „Recht auf Abtreibung“? Und diese dann zum „Menschenrecht“ erheben zu wollen, wissend, dass bei jeder Abtreibung menschliches Leben beendet wird, nicht beiläufig oder zufällig, sondern als deren Zweck? Sich für männliche Küken einzusetzen, nicht jedoch für weibliche Föten? Den Teilnehmern am Marsch für das Leben pauschal Funamentalismus und Schlimmeres vorzuwerfen, gegen sie übergriffig zu werden (bzw. dies zu versuchen), zugleich aber eine tolerante und offene Gesellschaft vertreten zu wollen?

Und, an die Teilnehmer am Marsch für das Leben gerichtet: Wäre es nicht ein gutes Zeichen, wenn die Debatten der Lebensschutzbewegung sich auch für ökologische und humanitäre Probleme unserer Zeit offen hielten? Wenn neben den Bildern von ungeborenen Menschen auch Bilder von Menschen träten, die durch Missachtung ihrer Würde zur Flucht gezwungen wurden? Wenn man auch uneingeschränkt gegen die Todesstrafe wäre (was man nicht ist)? Wenn man nicht nur in der Sterbehilfe, sondern auch im Klimawandel ein dramatisches Problem für die Würde, Freiheit und Selbstbestimmung (nicht erst) kommender Generationen sähe?

Geht es nicht immer um Lebensschutz? Geht es nicht immer um die Würde des Menschen? Ich verstehe nicht, wie (von beiden Seiten) Themen wie Umwelt- und Klimaschutz, Flucht und Migration, Abtreibung und Sterbehilfe gedanklich in ganz verschiedene Sphären verfrachtet werden, ja, dass diese Themen sogar der aktiven Abgrenzung voneinander dienen, immer mit dem Anspruch, dem „wahren“ Lebensschutz verpflichtet zu sein. Widersinnig und unglaubwürdig! Denn Lebensschutz ist immer mehr als das, was die eigene Filterblase dafür hält.

Darum empfand ich die Predigt Heiner Kochs als so wohltuend, weil der Berliner Erzbischof die großen Themen biophiler Ethik wieder zusammenbrachte: „Deshalb kämpfen wir als Menschen und als Christen für die Würde und Größe des Menschen und für sein Lebensrecht in jedem seiner Lebensaugenblicke: Wir kämpfen für das Lebensrecht des ungeborenen Kindes genauso wie für das Lebensrecht dessen, der in den Augen der Gesellschaft gering geachtet wird. Wir kämpfen für die Lebenswürde des Migranten und Flüchtlings genauso wie für die des Kranken, des Leidenden und des Sterbenden.“ So ist es. Bzw.: So sollte es sein.

Mir ist klar, dass ein Dialog zwischen den beiden Gruppen vor und hinter dem Brandenburger Tor kaum möglich ist, zu groß sind die Vorbehalte und Vorurteile. Dennoch kann ein Lebensschutz, der den Namen verdient, nicht willkürlich Aspekte ausblenden, die nicht ins idiologische Kalkül passen. Hier müssen beide Seiten, denen ich zubillige, jeweils das Beste für den Menschen zu wollen, in sich gehen und fragen, wo denn in der eigenen Deutung der Begriffe Würde, Freiheit und Selbstbestimmung ihr blinder Fleck liegt, wenn es darum geht, das Leben des Menschen – und ganz konkret: Menschenleben – zu schützen.

Der Lebensschutz als Prinzip moralischer und rechtlicher Normen ist zu wichtig, als dass man ihn verkürzt oder verengt. Denn Lebensschutz ist ein Fundament der Zivilisation. Wenn wir also weiter zivilisiert leben wollen, müssen wir darauf achten, dass sich die Risse in diesem Fundament nicht ausweiten. Oder gar neue hinzukommen, die es in der Folge immer brüchiger machen. Das sollte im Interesse aller Menschen sein – vor und hinter dem Brandenburger Tor.

(Josef Bordat)