Seit 15 Jahren Kanzlerin: Angela Merkel

Angela Merkel. Die Frau, die die Entwicklung der deutschen Politik und Gesellschaft während der letzten 30 Jahren entscheidend mitgeprägt hat, wurde in Hamburg geboren, wuchs in der DDR auf und landete in Berlin, der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland. Heute blickt sie auf 15 Jahre Kanzlerschaft zurück. Angela Merkel ist damit auf Augenhöhe mit Adenauer und Kohl. Sie gehört zu den großen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte.

In den meisten Ländern der Erde würden die meisten Menschen ohne zu zögern ihren jeweiligen Regenten gegen Angela Merkel eintauschen. Zumindest drängt sich mir dieser Verdacht auf, wenn ich mit Menschen spreche, die in anderen Ländern leben und unter der politischen Situation dort leiden.

Tatsächlich ist Angela Merkel eine große Politikerin. Bewundernswert, wie sie in schwierigen Zeiten und komplizierten Krisen klug und besonnen Weichen stellt und unsere Gesellschaft zum Wohle vieler Menschen gestaltet, Humanität beherzt in die Politik einträgt und trotz der unsäglichen Anfeindungen immer ruhig und im besten Sinne souverän auftritt. Leiden wird sie dennoch darunter, wenn die Kameras aus sind.

Denn das, was diese großartige Frau sich tagtäglich bieten lassen muss, geht weit über das Maß an sinnvoller Kritik hinaus. Es übertrifft auch die Häme und Polemik, die sich Helmut Kohl während seiner 16 Jahre als Bundeskanzler gefallen lassen musste. Faktenwidrige Narrative setzen sich zu ihrem Nachteil unhinterfragt im kollektiven Bewusstsein fest, wie etwa das von der „Grenzöffnung“ im Jahr 2015. Zu welchem der Nachbarstaaten hat Angela Merkel die Grenze geöffnet?, fragt erstaunlicherweise keiner. Auch durchaus vernünftige Menschen scheinen nicht zu wissen, dass es 2015 bereits so etwas wie die EU gab – mit weithin offenen Grenzen.

Die Kritik an Frau Merkel treibt bisweilen groteske Blüten. Für einige Mitmenschen scheint Angela Merkel die größte Unterdrückerin des deutschen Volkes in dessen jüngster Geschichte zu sein. Man möge den Test machen: „Angela Merkel ist eine Diktatorin!“ schreiben und schauen, was passiert. Wahrscheinlich: nichts. Denn: Erstens fällt diese Aussage (wohl) unter Meinungsfreiheit, zweitens wird sich der Staat unter Angela Merkel nicht für jede Äußerung jedes Menschen interessieren, so dass der Spruch (wohl) gar nicht weiter auffällt. So wichtig sind wir dem demokratischen Staat nämlich nicht, dass er jede unserer Regungen mitprotokolliert. Unter Hitler und Honecker war das anders: Die hätte man nicht einfach mal so als Diktatoren bezeichnen können, ohne dass a) der Staat davon Notiz genommen und b) der Bezeichner die harten Konsequenzen gespürt hätte. Insofern kann es mit der „Merkel-Diktatur“ nicht allzu weit her sein.

Zu ihrem 15. Arbeitsjubiläum als Bundeskanzlerin möchte ich Angela Merkel herzlich gratulieren und Danke sagen dafür, dass sie sich einsetzt für eine humane und soziale Demokratie. Welch große historische Leistung das ist, angesichts von Herausforderungen wie Migration, Klimawandel und Corona, wird man wohl erst in einigen Jahrzehnten ermessen können.

(Josef Bordat)