Opfer und Täter

Weil es offenbar immer wieder missverstanden wird – einige Anmerkungen zur Menschenwürde.

Wenn wir sagen, Folter und Todesstrafe sind gegen die Würde des Menschen gerichtet, dann meinen wir natürlich in erster Linie die Würde des Opfers. Zugleich – das habe ich (wie schon bemerkt) von Claudia Sperlich gelernt – ist die Würde des Täters ebenfalls verletzt. Die Würdeverletzung liegt freilich auf einer anderen Ebene. Dennoch sollte man beachten, welche Folgen es hätte, führte man Folter und Todesstrafe ein, nicht nur für die Opfer, sondern auch für alle anderen Menschen, die man in irgendeiner Form in die Sache reinzieht.

Wie ist das also mit den Tätern, mit den Folterern und Henkern? Warum soll deren Würde verletzt sein?

1. Zunächst könnte man sagen, dass sie vom Gesetzgeber zu einer Handlung gezwungen werden. Denn: Folter und Hinrichtungen müssen gesetzlich geregelt werden. Es geht ja etwa im Kontext der „Rettungsfolter“ darum, das generelle Folterverbot zu kippen und Ausnahmen zuzulassen. Dazu braucht es eine Regelung dieser Ausnahmen. Es kann ja nicht sein, dass man es den Beamten überlässt, nach Gutdünken oder persönlichen Vorlieben zu foltern oder auch nicht. Schreibt etwa auch Winfried Brugger, der sich, ähnlich wie Dreier und Wittrek, für eine eng begrenzte Ausnahme vom absoluten Folterverbot ausspricht, diese aber geregelt wissen will. Mit Bezug auf den Entführungsfall Jakob von Metzler, der ja das typische Szenario enthält (das ja auch in Schirachs „Feinde“ aufgegriffen wird), schreibt Brugger mit Blick auf die beiden inkriminierten Beamten Daschner und Ennigkeit: „Sollten wir Polizisten in eine solche Entscheidungsnot bringen? Das ist unmenschlich und zynisch. Entweder gilt das Folterverbot absolut, weil es so angeordnet und auch gerecht ist: Dann bleibt kein Raum für moralisches Verständnis und Hoffen auf Rechtsbruch mit anschließender milder Rechtssanktion. Oder es ist in der genannten Situation evident ungerecht und die Relativierung ist bei näherem Hinsehen schon im geltenden Recht angelegt: Dann muss die Ausnahme interpretativ oder legislativ formuliert werden, damit wir selbst, das gesamte Volk, für Recht und Gerechtigkeit und, wo immer möglich, für Zivilität und Würdewahrung einstehen“.

Das bedeutet, es wäre nötig, die Folter zu normieren. Es bräuchte also im Polizeirecht und in der StPO einen „Folterparagraphen“, der bestimmt, wann und wie gefoltert werden soll. Daraus resultieren dann immer auch Rechts-(in diesem Fall: Dienst-)pflichten für Menschen, die zwar immer unter Hinweis auf das Gewissen abgelehnt werden können, aber das ist dann doch im Einzelfall ein sehr weiter Weg.

2. Dies alles fiele weg, wenn es jedem freistellt ist und bleibt, sich in den Fachabteilungen für Folter bzw. Hinrichtung des Staatsapparats zu bewerben. Dann hat die- oder derjenige ja hinreichend Zeit, sich mit möglichen Folgen der Tätigkeit auseinanderzusetzen. Und selbst wenn dem Einzelnen dabei die potentielle Gefahr von empfundenen Würdeverletzungen in den Blick käme (vgl. Punkt 3), könnte auch Schulterzucken die Reaktion sein: „Na, und – ich mach’s trotzdem!“ – Und dann?

Wir kommen hier an einen Punkt, der immer wieder eine zentrale Rolle spielt in Debatten, in denen die Menschenwürde und ihre unterschiedlichen Interpretationen im Hintergrund steht, etwa bei der Frage nach dem Verhältnis von Suizid und Sterbehilfe zur Menschenwürde, aber auch bei der Frage, ob Leihmutterschaften erlaubt sein soll oder etwa verschiedene Praktiken, bei denen sich Menschen selbst objektivieren (Zwergenwerfen, Prostitution etc.).

Gibt es eine Sphäre des menschlichen Seins, die eine Würde begründet, die derart ist, dass man sie auch zu achten hat, wenn man nur selbst betroffen ist? Zugespitzt: Darf man seine Würde „freiwillig“ verletzen? Noch anders: Kann man das überhaupt?

Verneinende Antworten gehen davon aus, dass das subjektive Empfinden entscheidet, ob eine Würdeverletzung vorliegt. Der Mensch lebt hier seine Freiheit in praktisch schrankenloser Selbstbestimmung und dazu gehört auch, die eigene Würde bewusst zu verletzen. Autonomie ist hier die feste Größe, Würde leitet sich daraus ab, d.h. die Würde des Menschen kann im Grunde nur dadurch verletzt werden, dass seiner freien Selbstbestimmung Grenzen gesetzt werden.

Bejahende Antworten sehen das zunächst auch so, sagen aber, dass die Subjektperspektive nicht reicht. Sie werden oft als heteronomistische Gängelung, als Paternalismus und mangelndes Zutrauen zum Menschen missverstanden, ergeben sich aber notwendig aus Menschenbildern, die das Sein des Menschen nicht auf sein Da-Sein und So-Sein beschränken, sondern ein diese empirischen Bestimmungen überschreitendes Mensch-Sein annehmen (etwa das schöpfungstheologisch begründete christliche Menschenbild, bei dem der Mensch auf Gott verwiesen und an Gott gebunden bleibt, aber auch die Vorstellung, die Kant vom Menschen hat, dass es eine den empirischen Menschen übersteigende Transzendentalsubjektivität gebe). Die Würde umfasst dann mehr als das, was einen einzelnen Menschen angeht, mehr als seinen Körper und seine Seele. Es geht um die Würde, die in uns wohnt, uns zugleich aber übersteigt und uns letztlich entzogen ist. Auch die „schafft man aus der Welt“, wenn man sich das Leben nimmt oder nehmen lässt, um das Beispiel Suizid und Sterbehilfe aufzugreifen.

In diesen Fällen kann man seine Würde objektiv auch dann verletzen, wenn man mit einer prinzipiell würdeverletzenden Handlungen subjektiv einverstanden ist, weil und soweit man das Mensch-Sein als solches verletzt. Und das darf man nicht, weil und soweit man dazu sein Einverständnis eben nicht geben kann. Der einzelne kleinwüchsige Mensch mag beispielsweise für sich sagen, Zwergenwerfen empfinde ich für mich nicht als würdeverletzend, er kann damit aber nichts daran ändern, dass es das ist. Und dabei kommt es nun nicht einmal – das ist entscheidend – darauf an, dass sich andere kleinwüchsige Menschen in ihrer Würde verletzt fühlen, sondern weil mit der Objektivierung als „Wurfmaterial“ die Würde des Mensch an sich verletzt wird. Und diese Argumentation, die freilich ein nicht-empiristisches, supernaturalistisches Menschenbild voraussetzt (sei es eines der Heiligkeit des Lebens oder eines mit nicht-religiöser metaphysischer Sinn- und Zweckdimension), lässt sich auch auf andere Fälle übertragen, in denen Menschen „freiwillig“ (oder auch wirklich freiwillig) die eigene Würde verletzen.

Bei Folterern und Henkern kommt noch hinzu, dass sie mit ihrem Tun die Würde Anderer verletzen. Wer die Würde des Menschen verletzt, verletzt – soweit er Mensch ist – immer auch die eigene Würde, über den „Umweg“, dass er mit der Verletzung der Würde des konkreten Menschen immer auch die Würde des Menschen an sich, die Würde des Menschseins verletzt. Aus dieser Falle kommt man nicht heraus, auch dann nicht, wenn man Maschinen das Quälen und Töten überließe, denn hier wären mit dem Programmierer, der Ingenieurin, dem Monteur etc. nach wie vor Menschen beteiligt.

3. Zu diesen recht abstrakten Überlegungen tritt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Auch, wenn man erst einmal nichts dabei empfindet und / oder sich „freiwillig“ oder freiwillig zum Folterdienst meldet oder beim Exekutionskommando bewirbt – erst hinterher wird man erfahren, was das mit einem macht, etwa an einer Foltersituation nicht nur teilzuhaben, sondern sie maßgeblich herbeizuführen. Und das ist sicherlich nichts Gutes, wenn nur ein winziger Teil der psychologischen Folterfolgen für Folteropfer auch – langfristig – für Foltertäter in Frage käme. Es ist also auch von daher zwar paternalistisch, aber doch nicht grundverkehrt, Menschen vor sich selbst zu schützen.

Ich traue dem Menschen durchaus zu, Dinge für sich selbst zu entscheiden. Doch die Menschenwürde als rechtlich wirksamer Moralbegriff muss auch vor dem Menschen geschützt werden. So, wie es auf kollektiver Ebene zum Schutz der Menschenwürde gehört, diese vor jedem konventionalistischen Zugriff zu bewahren, so gehört es auf der individuellen Ebene zu ihrem Schutz, jeder Überschätzung der eigenen Frustrationstoleranz gegenüber Selbstentwürdigung Einhalt zu gebieten. Das sollte auch im Rahmen einer autonomistischen Denkweise säkularer Provenienz nachvollziehbar sein: Manche Dinge sind zu verbieten, weil sie die Würde des Menschen verletzen, auch wenn es so sein sollte, dass die verletzende Handlung ohne jeden äußeren und inneren Zwang erfolgt; das Verbot erfolgt dann, damit die Würde der menschlichen Gattung keinen Schaden nimmt.

Also – noch einmal: Finger weg von der Folter!

(Josef Bordat)