Vor 150 Jahren: Gründung des Deutschen Reichs

Der 18. Januar 1871 gilt als Gründungstag des Deutschen Reichs, obgleich dieses bereits seit 1. Januar 1871 bestand. Was damit begann, ist die schwierige Geschichte des modernen Deutschland, das sich grob in sechs Phasen einteilen lässt: Kaiserreich (1871-1918), Weimarer Republik (1919–1933), Nationalsozialismus (1933–1945), Besatzungszeit in „Germany as a whole“ (1945–1949), Teilung in Bundesrepublik und DDR (1949-1990), wiedervereinigtes Deutschland (seit 1990). Als Staatsformen hätten wir also: Monarchie, Demokratie und Diktatur – letztere auch parallel.

18. Januar 1871. Wie soll man mit diesem Datum umgehen? Ich denke, jede Eindeutigkeit greift zu kurz. Die Freude über die Bildung eines deutschen Nationalstaats wird getrübt durch das, was dieser Staat – ganz oder in einem seiner Teile – meinte, sich herausnehmen zu dürfen. Eine Trauerfeier ist aber auch nicht angezeigt, immerhin steht das Land im Zentrum Europas auch für das europäische Einigungsprojekt und wird weltweit für wissenschaftlich-technische Exzellenz sowie große Humanität geschätzt. Beides gehört heute zusammen: das Bewusstsein für die großen zivilisatorischen Leistungen, aber auch das Wachhalten der Erinnerung an die grausamen Folgen irrwitziger Selbstüberhebung.

Der 18. Januar 1871 ist in diesem Sinne ein Tag des demütigen Gedenkens und der bescheidenen Selbstvergewisserung.

(Josef Bordat)