Kloster und Gefängnis

In der FAZ wird da nicht mehr groß unterschieden.

Ein an und für sich harmloser Bericht über eine Kunstausstellung in der FAZ strotzt nur so vor pseudo-aufgeklärter Diktion. Da ist die Rede davon, durch die Kunst komme das Menschliche zurück in die Abtei Fontevraut (Abbaye royale Notre-Dame de Fontevraud), in der vom 12. bis 18. Jahrhundert u.a. Lepra-Kranke gepflegt wurden, ehe das Kloster im Zuge der Französischen Revolution zwangsweise schließen musste (1792) und dann unter Napoleon Bonaparte zum Gefängnis wurde (1804). Die Autorin macht daraus in der Summe ein unmenschliches „Klostergefängnis“.

Die Sache mit dem „Klostergefängnis“ in der bestenfalls reißerischen Überschrift. Screenshot aus dem Facebook.

Die Zwangsschließung selbst erscheint in diesem Kontext regelrecht als Beglückung mit überquellender Menschlichkeit, denn schließlich hätten die Schwestern und Brüder zuvor jahrhundertelang unter einem „unbarmherzigen Schweigegebot“ gelitten, unter der „Missachtung alles Körperlichen und Seelischen, welche die Geschichte der Abtei auszeichnet“. Lepra-Kranke pflegen. Und beten. Und so. Angesichts solch plumper Betrachtungsweisen erscheint mir die Ausdrucksform des Schweigens gleich mal weit weniger unbarmherzig als der Autorin.

Einleitung des Artikels voll dümmlicher Diktion. Screenshot aus dem Facebook.

Im Ernst: Die Verfasserin fällt selbst hinter das absolute Minimum an Kenntnissen der abendländischen Kultur zurück (Was ist ein Kloster? Was ist ein Gefängnis? Was ist der Unterschied zwischen einem Kloster und einem Gefängnis?) bzw. will sich partout nicht nachsagen lassen, darüber zu verfügen. Oder aber sie vermengt mit der Rede vom „Klostergefängnis“ in böser Absicht die selbstgewählte monastische Askese mit der Zucht einer säkularen Anstalt, in der niemand freiwillig ist.

Mag ja sein, dass die FAZ über eine kluge Leserschaft verfügt. Über kluge Autorinnen und Autoren offensichtlich nicht immer.

(Josef Bordat)