Der Glaube an Gott als Basis der Naturwissenschaft

Die Metathese der Naturwissenschaft lautet, dass es universale Gesetzmäßigkeiten gibt, die überall gelten, auf der Erde, aber auch im Weltraum. Ohne diese lohnte sich die Forschung nicht, geht es doch dabei gerade um die Erkenntnis dieser Naturgesetze. Der Fortschritt der Naturwissenschaft hängt ja gerade davon ab, immer tiefer einzudringen in die Gesetzmäßigkeiten der Natur. Die Konstanz der Naturgesetze ist schlechthin die Bedingung der Möglichkeit von Naturwissenschaft, die jedoch ihrerseits diese Konstanz nicht erklären kann, ja, nicht einmal erklären kann, warum es überhaupt Naturgesetze gibt. Man kann naturwissenschaftlich nicht erklären, warum sich die Welt naturwissenschaftlich erklären lässt. Benötigt wird dafür eine Einsicht der Vernunft, eine Verstehensleistung, für die die Naturwissenschaft keine Methoden bereitstellt. Viele Naturwissenschaftler stellen sich heute diese Frage der Erstvoraussetzung bzw. Letztbegründung ihrer Forschung gar nicht mehr, sie nehmen die Welt einfach als gegeben hin.

Das war nicht immer so. Zu Beginn der naturwissenschaftlichen Forschung im engeren Sinne, also im 16. Jahrhundert, erklärten sich die Naturwissenschaftler ihren Gegenstand aus einem religiösen Vorverständnis heraus: Die Welt ist die Schöpfung eines Schöpfers, im Buch der Natur wird Gott dem Menschen offenbart, und damit das geschehen kann, muss Gott uns auf die Spur zu ihm bringen – durch konstante Naturgesetze, die wir entdecken können. Das (und nur das) motivierte zur Forschung. Die Basis der Naturerkenntnis ist also historisch gesehen die Annahme, in der Natur das (und nur das) erkennen zu können, was in ihr als intelligible Einstiftung des Schöpfers nachhallt – und damit durch naturwissenschaftliche Forschung den Schöpfer selbst erkennen zu können. Darin lag für Menschen wie Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler, Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz Sinn und Zweck der Naturwissenschaft, ja sogar Sinn und Zweck der Schöpfung selbst: Gotteserkenntnis.

Letztlich ist es also der Glaube an Gott, der Kopernikus, Kepler, Newton und Leibniz verlässlich forschen ließ. Im Glauben dieser christlichen Forscher des 16. bis frühen 18. Jahrhunderts, also im Glauben eines Kopernikus, eines Kepler, eines Newton oder eines Leibniz ist Gott der Garant stabiler Verhältnisse in der Natur. Die genannten Pioniere der Naturwissenschaft betrieben zudem intensive theologische Studien, verbanden also ihre Forschungstätigkeit mit ihrem religiösen Glauben, ohne den sie wiederum gar nicht angefangen hätten, nach Naturgesetzen zu suchen; es ergibt sich ein enger Konnex von Glaube und Wissenschaft, der heute so leichtfertig und so vehement bestritten wird. Der Witz ist: Ohne diesen historischen Konnex von Glaube und Wissenschaft hätten wir nicht das, womit einige Menschen heute vorschnell einen Keil zwischen Glaube und Wissenschaft treiben: Fortschritt im Bereich der Naturerkenntnis.

Noch einmal: Wissenschaft ist ursprünglich aus methodologischen Gründen untrennbar mit dem Glauben an inneweltliche Verlässlichkeit verbunden. Im Glauben der herausragendsten Köpfe der Wissenschaftsgeschichte garantiert Gott diese Verlässlichkeit. Hinzu kommt, dass die betrachtete Natur als Schöpfung begriffen wurde und die Forschung damit auch als Annäherung an den Schöpfer. Die Welt zu erklären hieß, sie zu verstehen, sie zu verstehen hieß, Gott zu verstehen. Diese Motivation überstieg das mit dem Glauben an Gott unterstellte notwendige Minimum an struktureller Verlässlichkeit der Welt und trieb die Forschung weiter an. Nur so lässt sich erklären, zu welchen Leistungen die genannten Genies fähig waren, Leistungen, von denen wir bis heute profitieren – oft, ohne uns dessen bewusst zu sein. Leistungen, die heute ironischerweise dazu veranlassen, mit dem Fortschritt der Wissenschaft im Rücken den religiösen Glauben zu diskreditieren. Kopernikus, Kepler, Newton und Leibniz drehen sich im Grab um.

(Josef Bordat)