200 Jahre Peru – Teil 1: Von den Schätzen

Am 28. Juli 1821 erklärte Peru seine Unabhängigkeit. Das ist jetzt 200 Jahre her. – Nachfolgend einer von zwölf Beiträgen zum Peru-Geburtstag, die hier im Laufe des Jahres am 28. jeden Monats um 18:21 Uhr erscheinen sollen.

Den Anfang soll ein Traktat machen, in dem Bartolomé de Las Casas seine Ansichten zu möglichen Anspruchsgrundlagen für die Inbesitznahme von Schätzen ausführlich darlegt: De Thesauris in Peru. Auf die Exploration Perus bezogen lautet dabei die Frage: Hat der Kaiser das Recht, auch über die Güter zu verfügen und sich nach Belieben der Schätze des Landes zu bedienen, wenn es ihm zusteht, über das Volk zu herrschen?

Dazu klärt Las Casas zunächst den römisch-rechtlichen Unterschied zwischen Eigentum und Besitz, um dann die Frage zu verneinen, denn der de facto-Besitz entspricht nicht dem de iure-Eigentum, und ein solches ergebe sich aus der Bulle Inter cetera nicht.

Dabei folgt Las Casas der von ihm selbst in anderen Schriften vorgestellten Argumentation, deren fünf Säulen sind: (1) die Interpretation der Inter cetera als alleiniger Missionsauftrag ohne weitergehende Nutzungsrechte, (2) die Unantastbarkeit des Herrschaftsrechts der indianischen Fürsten, (3) die Bindung der Oberhoheit der spanischen Könige an die freiwillige Zustimmung aller neuen Untertanen, (4) die Notwendigkeit eines Vertragsschlusses zwischen den Kolonien und Spanien sowie (5) die Betonung der Rechtsbindung des Königs.

Neue Aspekte finden sich in der Annahme, dass die Kolonialfrage in „Westindien“ Auswirkungen auf andere Regionen haben werde, in der Entkopplung von religiösem (Taufe) und politischem (Zustimmung) Akt der Anerkennung, in seiner umstrittenen Einlassung zur Frage der Verteidigung Unschuldiger (defensio innocentium) und hinsichtlich der Kostenfrage der Glaubensunterweisung.

Der natur- und völkerrechtswidrige Umgang mit den neuen Untertanen, also die Unterwerfung ohne Zustimmung, sorge, so Las Casas, für „schwerstes, nicht zu besänftigendes Ärgernis nicht nur bei einem Volk, sondern unter zahllosen Völkern und unterschiedlichster Nationen.“ In der Tat eilte den Spaniern der Ruf voraus, sich im Namen von Papst und Kirche fremde Reiche rücksichtslos anzueignen. Die Kritik innerhalb Europas kam v. a. seitens der Portugiesen und Franzosen und selbst die Chinesen hatten mitbekommen, was in Lateinamerika geschehen war. 1580 sollten sie ihre Landesgrenzen schließen, als die ersten spanischen Missionare aus den Philippinen in China landeten.

In der Frage der Akzeptanz der spanischen Herrschaft durch die Indios revidiert Las Casas seine frühere Haltung, in der er zum Ausdruck gebracht hatte, nach erfolgter Taufe sei zugleich die politische Fremdherrschaft anerkannt; für den Fall des Widerstands habe der spanische König sogar das Recht, seinen Anspruch gewaltsam durchzusetzen (im Traktat zur Begründung der souveränen kaiserlichen Herrschaft hatte Las Casas noch eine solche Position vertreten). Nunmehr rückt Las Casas von diesem Automatismus ab und nimmt eine Entkopplung von religiösem und politischem Anerkennungsakt vor. Er macht deutlich, dass auch nach der Bekehrung jede Form von Zwang zur Unterwerfung unrecht ist: „Niemandem ist es erlaubt, jene Völker nach ihrer Bekehrung mit weltlichen oder kirchlichen Strafen zu züchtigen oder zu peinigen, weil sie die besagte Zustimmung verweigert haben oder die päpstliche Verfügung hinsichtlich unsrer Könige nicht anerkennen wollten.“

Die Verteidigung Unschuldiger (defensio innocentium) ist bei den Gelehrten seiner Zeit unumstritten. Sowohl Vitoria als auch Sepúlveda bejahen die Rechtmäßigkeit des Krieges zum Zweck der Befreiung und zum Schutz Unschuldiger vor Anthropophagie und Kannibalismus. Las Casas stimmt dem grundsätzlich zu, negiert jedoch die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit einer militärischen Intervention für den Fall „Westindiens“. Notwendig sei diese nicht, da die Praxis der Menschenopfer nicht als Straftaten zu bewerten seien, sondern vor dem kulturellen und religiösen Hintergrund als entschuldbare Irrtümer, die sich nur in geringer Zahl ereigneten (hier untertreibt Las Casas etwas – Menschenopfer gab es im „Vizekönigreich“ weit mehr als die „fünfzig pro Jahr“, von denen er spricht). Zweckmäßig sei eine Intervention mit Waffengewalt nicht, weil ein solcher Krieg unverhältnismäßig viele – unschuldige – Opfer forderte und der debitus modus als Bedingung für den „gerechten Krieg“ nicht gewährleistet sei. Es sei hilfreicher, „mit freundlichen Worten“ statt mit Krieg die Menschen von ihren Praktiken abzubringen; nur dann, wenn „die Ungläubigen sich [..] beharrlich weigern, damit aufzuhören, darf – maßvolle – Gewalt angewendet werden“. Doch auch dann müsse klar sein, dass die Uneinsichtigen vom Rest der Bewohner einer Region zu diskriminieren seien, um nicht wieder unschuldige Opfer beklagen zu müssen. Ist dies nicht möglich, muss auch auf jene „maßvolle“ Gewalt verzichtet werden.

Hintergrund einer solch differenzierten Betrachtung ist nicht etwa Naivität, sondern Las Casas erkennt, dass das Interventionsargument ein vorgeschobenes ist und der Krieg nicht primär dem Schutz der Opfer dient, sondern der Erlangung von Herrschaft in den Kolonien bzw. ihrem Erhalt.

In streng scholastischer Weise beantwortet Las Casas schließlich die Frage danach, wer die Kosten der Mission zu tragen habe. Fest steht: der zu Missionierende ist nicht zwangsweise zur Zahlung heranzuziehen, denn „die Predigt des Evangeliums [soll] friedfertig, freundlich, huldvoll, das heißt kostenlos, anlockend, sanft und nicht belastend sein, da ihre Anhörung und die Annahme des Christentums durch jene, die ganz und gar außerhalb der Kirche stehen, freiwillig sein soll und da kein Volk zur Annahme gezwungen werden darf, folgt, daß es auch in seiner Entscheidungsmacht steht, ob es dafür, daß es den Glauben empfangen hat, die Kosten tragen oder aber nicht tragen will. Und folglich darf es, so es sie nicht tragen will, nicht belästigt oder schlecht behandelt werden“. So drohen diejenigen, die mit der Mission beauftragt wurden, die spanischen Könige nämlich, auf ihren Kosten sitzen zu bleiben. Doch wie sind diese zu decken? Etwa damit, dass sie „Spanien plündern, um Mittel für dieses Unterfangen zu gewinnen“? Keineswegs, antwortet Las Casas. Vielmehr seien die Reichtümer der indianischen Länder selbst ausreichend zur Deckung der Kosten. Sie sollten mithin nicht nach Spanien verbracht, sondern an Ort und Stelle zum Wohle der Indios eingesetzt werden, denn es „sind ja all jene Erträge ihr Eigen, sie stammen aus Gebieten, die ihnen kraft Natur- und Völkerrechts gehören, und haben zur Zielursache ihr Wohl“. Voraussetzung dafür sei selbstredend, dass diese Reichtümer den Spaniern „rechtens zufielen“, also nach Zahlung angemessener „Zölle, Gebühren, Steuern und Abgaben“ aus dem Handel mit der autochtonen Bevölkerung in ihren Besitz übergingen.

Abschließend macht Las Casas noch einige Bemerkungen zur Kostenstruktur und behauptet, dass nach Aufgabe des Encomiendasystems, dem Vertragsschluss unter der Maßgabe gegenseitiger völkerrechtlicher Anerkennung etc. viele Kosten gar nicht mehr anfielen, die nur der Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung dienten, nicht aber den originären Missionsaufgaben. Wenn einst Frieden herrschen werde, so Las Casas, würden Truppen von wenig hundert Soldaten ganze Provinzen sichern und weil es nichts für sie zu tun geben wird, werden sie „mit einem geringen Sold zufrieden sein“.

Soweit die Vision des Bartolomé de Las Casas in seinem Traktat über die Schätze Perus. Welch ein Unterschied zur Realität der Eroberung und Ausbeutung Perus über fast drei Jahrhunderte!

(Josef Bordat)