Sex in der Bibel

Simone Paganini über das Thema Nr. 1 in der Heiligen Schrift und was mit ihm zusammenhängt: Macht, Liebe und Intrigen.

Sexualität. Wenn es ein Thema gibt, bei dem sich die Haltung der Katholischen Kirche von der anderer christlicher Konfessionen und anderer Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften unterscheidet (und von der, die in der säkularen Gesellschaft gang und gäbe ist, ohnehin), dann wohl die Sexualität. Die Kirche ist nach wie vor der Ansicht, dass Sex in die Ehe zwischen Mann und Frau gehört, auf Lusterfahrung, Beziehungsvertiefung und Nachkommenschaft hin angelegt (zumindest auf die Offenheit für Kinder).

Alle Formen der Sexualität, bei denen es an einer der drei Bedingungen mangelt, sind nach Maßgabe der katholischen Morallehre eine Verfehlung des Auftrags, der mit dem göttlichen Geschenk der Sexualität einhergeht: Mann und Frau sollen Lebensfreude und Fruchtbarkeit als Ausdruck der Liebe miteinander verbinden. Kurz: „Sex ist göttlich!“ (Papst Franziskus) – und erfordert daher ein Höchstmaß an moralischer Achtsamkeit.

Und was sagt die Bibel zu diesem Thema? Eine ganze Menge – und nicht nur solches, das sich ohne weiteres unter die katholische Normativität subsumieren lässt. Der katholische Theologe Simone Paganini, Professor für Biblische Theologie an der RWTH Aachen, hat sich auf die Suche gemacht und Antworten auf pikante Fragen gefunden: Was hat es mit Salomos Liebesleben und seinen 1000 Frauen auf sich? Wieso finden sich in Jesu Stammbaum gleich mehrere Prostituierte? Und warum schliefen Lots Töchter mit ihrem Vater? Paganini, der bereits vor zwei Jahren einen unterhaltsamen Faktencheck zur Heiligen Schrift vorlegte, zeigt in seinem neuen Werk, dass in den Büchern der Bibel offen über das vermeintliche Tabu gesprochen wird – eine durchaus überraschende Erkenntnis.

Überraschend, gerade auch angesichts der kirchlichen Haltung, die über viele Jahrhunderte eher verstockt war und den Sex verschämt auszuklammern versuchte aus dem Topos Ehe und Familie; einige meinen, sie tue das heute noch. In der Tat: Reformansätze richten sich immer auch direkt oder indirekt auf die Frage der Sexualität. Vielen Streitthemen (etwa dem Zölibat oder dem Umgang mit Geschiedenen) liegt das Thema – ausgesprochen oder nicht – im Rücken. Simone Paganini Buch kann hier den Horizont erweitern und zu einem unverkrampften Umgang mit Sexualität in der Kirche beitragen – und das aus biblischer Perspektive. Beachtlich.

Bibliographische Angaben:

Simone Paganini: Unzensiert. Was Sie schon immer über Sex in der Bibel wissen wollten, aber nie zu fragen wagten.
Mit Illustrationen von Esther Lanfermann.
Freiburg i. Br.: Herder (2021).
160 Seiten, € 14.
ISBN 978-3-451-03275-2.

(Josef Bordat)