WG mit Jesus

Jonas Goebels verblüffendes Gedankenexperiment

Den Kirchen beider Konfessionen laufen die Mitglieder davon. Gerade junge Menschen haben allenfalls noch eine lose Kirchenbindung, die meisten haben gar keine; Glaubens- und Sinnfragen beantworten sie im Freundeskreis oder im Fußballstadion (wenn das denn mal wieder möglich ist). Dabei geht von Gott nach wie vor eine Faszination aus – man mache das Experimente und starte in einem der Sozialen Medien eine Debatte über fundamentale Fragen des Glaubens, eine dynamische Entwicklung des Austauschs ist garantiert.

In unserer Hemisphäre bezieht sich die Faszination auf den menschgewordenen Gott, dessen Geburt, Tod und Auferstehung wir bis heute kollektiv gedenken. Feste wie Weihnachten und Ostern setzen in der Gesellschaft auch heute wichtige Wegmarken im Jahreskreis. Doch sonst ist Jesus längst erneut zum Opfer geworden – vereinnahmt von diversen Lebensphilosophien und synkretistischen Weltanschauungskompositionen des modernen Menschen, der in Jesus den Sozialreformer, den Meditationsmeister oder schlicht den guten Menschen sieht, der uns eine vorbildliche Ethik hinterließ.

Derart ins allzu Menschliche hineingezwängt, kann man sich „diesen Jesus“ auch als Mitbewohner vorstellen, der einen durch das Alltagsleben begleitet und einen inspirierenden Gesprächspartner abgibt. Jonas Goebel, Pastor der Ev.-Luth. Auferstehungskirchengemeinde Lohbrügge in Hamburg, macht aus dieser Vorstellung ein Buch. Jesus zieht in seine WG und er kann sich mit dem Sohn Gottes mal in aller Ruhe über Krippenspiele und den Klimawandel unterhalten. Dabei kann man dem engagierten Christen nicht vorwerfen, Jesus und seine Botschaft zu verzerren. Goebel zeichnet zwar mit dem lebensnahen Kumpeltypen ein Jesusbild, das nicht jede Tiefe neutestamentlicher Exegese auslotet, bleibt aber theologisch stringent.

An Klarheit lässt er dabei nichts vermissen, auch sprachlich nicht. Beispiel: „,Gibt es denn überhaupt einen Teufel?‘, fragt Trixi. Jesus schaut sie irritiert an. ,Na sichi!‘ – ,Und wie ist der so?‘ – ,Ja, scheiße, was denn sonst?‘“ Man kann Jonas Goebel in der Tat nicht den Vorwurf machen, sich die Zielgruppe – Jugendliche und junge Erwachsene – durch Theologen-Jargon auf Distanz zu halten. Ein innovativer und insoweit mutiger Ansatz, der nicht jeder und jedem gefallen wird, doch zumindest Wertschätzung eintragen sollte für den Versuch, Jesus und das, was er uns zu sagen hat, ganz nah an die Lebenswelt der Zielgruppe heranzuführen.

Bibliographische Angaben:

Jonas Goebel: Jesus, die Milch ist alle. Meine schräge WG und ich.
Freiburg i. Br.: Herder (2021).
160 Seiten, € 16.
ISBN 978-3-451-38957-3.

(Josef Bordat)