Das Gesetz in einem Satz

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet? Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten. Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten. (Mt 7, 7-12)

Im heutigen Tagesevangelium erscheint die berühmte Goldene Regel: Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! (Mt 7, 12) Damit fasst Jesus das Gesetz und die Propheten in einem Satz zusammen. Die gesamte Geschichte der Moralität wird in einen Merkvers gefasst, für die Zukunft der Menschheit.

Die Goldene Regel erscheint hier jedoch weder erstmals in der Bibel noch erstmals in der Menschheitsgeschichte. Sie ist vielmehr ein Metaprinzip der Moralität, das seit Jahrtausenden in verschiedenen Kulturen und Religionen zu finden ist. Die Goldene Regel ist daher ein besonders wichtiges und wertvolles Prinzip der Verständigung über Kultur- und Religionsgrenzen hinweg. Beispiele aus dem 6.-4. Jh. v. Chr. sind im Konfuzianismus die Regel „Was ihr nicht wollt, daß man euch zufügt, fügt es anderen nicht zu.“, im Buddhismus „Füge anderen nicht Leid durch Taten zu, die dir selber Leid zufügen.“ und im Parsismus, das ist die persische Philosophie, die auf Zarathustra zurückgeht, heißt es: „Fügt andern nichts zu, was nicht gut für euch selbst ist.“ Aber auch die griechische Philosophie kennt die Goldene Regel: Thales von Milet, auch 6. Jh. v. Chr., ein Vorsokratiker, sagt: „Wie können wir das beste und rechtschaffenste Leben führen? Dadurch, daß wir das, was wir bei anderen tadeln, nicht selber tun.“ und Platon fragt rhetorisch: „Soll ich mich anderen gegenüber nicht so verhalten, wie ich möchte, daß sie sich mir gegenüber verhielten?“. Etwas jünger sind die entsprechenden Goldene-Regel-Varianten des Judentums und des Christentums. Im Buch Tobit, das aus dem 2. Jh. v. Chr. stammt, steht geschrieben: „Was dir selbst verhaßt ist, das mute auch einem anderen nicht zu.“ (Tob 4, 15). Bekannt ist dann vor allem auch die Goldene Regel des Matthäus-Evangeliums, die wir im heutigen Tagesevangelium hören. Jesus Christus gibt Seinen Jüngern und uns auf den Weg: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ (Mt 7, 12)

Die Goldene Regel ist aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte und ihres Auftretens in verschiedenen Kulturen und Religionen ein Beispiel für ethische Universalität, und zwar nicht bloß als Möglichkeit oder Absicht, sondern als Tatsächlichkeit. Die Universalität der Goldenen Regel ist nicht allein proklamatorisch, sondern faktisch. Neben der Universalität, die die Goldene Regel auszeichnet, ist die Reziprozität das Wesensmerkmal dieser ethischen Norm. Es geht um Gegenseitigkeit, um eine Beziehung, die wahrgenommen und geachtet werden soll, es geht um ein Sich-Hineinversetzen in den Anderen. Es geht also um Empathie als eine wichtige Voraussetzung für ethisches Urteil und moralisches Handeln. Gottfried Wilhelm Leibniz meint dazu, „daß der rechte Gesichtspunkt, um billig zu urteilen, der ist, sich in die Stelle des anderen zu versetzen“ (Nouveaux essais sur l’entendement humain. Buch I, Kap. 2, § 4). Andererseits vermag die Goldene Regel mit ihren positiven und negativen Formulierungen zwei Grundaspekte jeder Ethik zu erfassen: Wird in der positiven Form der Goldenen Regel („Verhalte dich dem Anderen gegenüber so, wie du willst, dass er sich dir gegenüber verhält.“) kontextualistisches Wohlwollen gefordert, verweist die gerechtigkeitsorientierte negative Fassung („Was Du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“) auf die kontraktualistisch zu definierenden Grenzen der Eingriffsmöglichkeit in die Sphäre des autonomen Anderen.

Zu diesen gravierenden Argumenten tritt ferner hinzu, dass der Impetus der Goldenen Regel den entscheidenden zivilisatorischen Fortschritt vom Vergeltungsprinzip zum Grundsatz des Wünschenswerten manifestiert. Nicht mehr Gleiches mit Gleichem zu beantworten (nach dem alttestamentlichen ius talionis, also „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“, Dtn 19, 21), sondern zu erkennen, dass die Fortschreibung von moralisch falschem Verhalten nur in der empathischen Haltung dem anderen gegenüber durchbrochen und nur in der Bezugnahme auf das Erwünschte überwunden werden kann, stellt eine neue Form des Umgangs miteinander dar, die alle Möglichkeiten friedlich-kooperativen Zusammenlebens eröffnet. Dabei ist auf die Deutung der Goldenen Regel im Sinne des Wünschenswerten zu achten, also darauf, dass man fragt: „Wie hätte der andere gerne, dass ich ihn behandele?“ und nicht „Wie würde der andere mich wohl behandeln?“, denn mit dieser Frage sind wir wieder sehr nahe am Vergeltungsprinzip. Hans-Ulrich Hoche schlägt deswegen folgende Formulierung der Goldenen Regel vor: „Behandele jedermann so, wie du selbst an seiner Stelle wünschtest behandelt zu werden.“ (Die Goldene Regel. Neue Aspekte eines alten Moralprinzips. In: Zeitschrift für philosophische Forschung (32) 1978, S. 358).

Derart universalistisch verstanden und mit Klugheit und gutem Willen angewendet ist die Goldene Regel ein geeignetes ethisches Prinzip, die globale Geltung grundlegender Werte zu erweisen und deren faktische Verbreitung zu befördern. Die Goldene Regel kann im 21. Jahrhundert Spielregel eines interkulturellen Dialogs sein, der zu einem prinzipiellen Konsens im Streit um Werte und Normen führt. Von besonderer Bedeutung ist dies im Zusammenhang mit dem Diskurs um die Menschenrechte. Für mich ergibt sich die Eignung der Goldenen Regel als eine Dialogregel und als ein ethisches Prinzip zur Stützung des Universalitätspostulats im Kontext der Menschenrechte schon aus ihrer weltweiten Verbreitung, ihrer universalen Bekanntheit und ihrer inhärenten Reziprozität. Bereits daraus erweist sich – wie ich vor Jahren an anderer Stelle schrieb – die Universalität der Menschenrechte, „denn wenn man die Goldene Regel als universalistischen Grundsatz des Miteinanders akzeptiert, dann ergibt sich daraus, dass die elementaren Menschenrechte universale Geltung haben“, weil man diese dann nicht für sich beanspruchen und zugleich den anderen Menschen vorenthalten kann: „Wenn ich Würde, Autonomie, Leben, Gesundheit, Streben nach Glück für mich beanspruche, dann muss ich diese Rechte oder Ansprüche auch den anderen zubilligen“. (Zur Universalität der Menschenrechte. In: Widerspruch. Münchner Zeitschrift für Philosophie (43) 2005, 68, Anm. 13.) Sonst verstoße ich gegen das, was ich eingangs akzeptierte: die Goldene Regel.

Noch einmal: Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! (Mt 7, 12)

(Josef Bordat)