Folgenschwerer Paradigmenwechsel

Folgt die Würde der Selbstbestimmung oder die Selbstbestimmung der Würde? Was ist das Leitmotiv, der Anker allen Rechts? Bisher war das die Würde, als unverfügbar verstanden – für den Staat unverfügbar, der die Würde des Menschen unbedingt zu achten und zu schützen hat, aber auch für den Menschen als Adressat der Achtung und des Schutzes.

Vor einem Jahr vollzieht das Bundesverfassungsgericht einen Paradigmenwechsel hin zu einer neuen Rechtskultur, indem es urteilt, dass nur ein selbstbestimmtes Leben ein würdevolles Leben sei, und dass dieses Primat der Autonomie auch die Entscheidung rechtfertige, sein Leben zu beenden bzw. beenden zu lassen.

Die Würde ist also nicht mehr unverfügbar, sondern darf selbstbestimmt mit dem Leben aus der Welt geschafft werden, weil und soweit sie nur noch Konsequenz der Autonomie ist und damit dieser Autonomie keine Grenze setzen kann, ohne sich selbst aufzuheben. Das ist die logische Folge, wenn man Würde komplett in Selbstbestimmung überführt und dabei die Unverfügbarkeit verwirft, die dem Würdebegriff bisher immer zu eigen war.

Ich hatte die BVerfG-Entscheidung damals aus christlicher (Schöpfungstheologie), aber auch aus säkularer Perspektive (Kant) kritisch kommentiert, meine Kritik danach in einem Buch erläutert und vertieft und kürzlich meine Argumente in einem Vortrag im Rahmen der Akademikerseelsorge im Erzbistum Berlin (Kurt-Huber-Kreis) dargelegt.

Ich bin sehr froh, dass sich die deutschen Bischöfe bei ihrer Frühjahrsvollversammlung eindeutig gegen die Sterbehilfe ausgesprochen haben: „Die Beihilfe zum Suizid ist keine zustimmungsfähige Handlungsmöglichkeit. Das ergibt sich unserer Überzeugung nach sowohl aus dem christlichen Glauben als auch aus einer allgemein zugänglichen Ethik“.

(Josef Bordat)