Sterbehilfe in der Psychiatrie

Ein Sammelband betrachtet die Herausforderungen des assistierten Suizids für die Praxis.

Sterbehilfe – gäbe es nicht Corona, wäre dieser Begriff wohl seit einem Jahr in den Medien omnipräsent. Seit einem Jahr – denn am 26. Februar 2020 erklärte des Bundesverfassungsgericht (BVerfG) in Karlsruhe den § 217 StGB für verfassungswidrig. Seitdem laufen die Debatten, hauptsächlich jedoch in politischen und akademischen Fachkreisen. Die breite Öffentlichkeit ist mit der Pandemie beschäftigt. Das ist tragisch, denn das Thema Sterbehilfe geht alle an.

In der Debatte stehen häufig alte und sterbenskranke Menschen im Mittelpunkt. Dass die Regelungen zum assistierten Suizid aber auch für jüngere Menschen gelten, etwa für psychisch Kranke, stellt der Sammelband „Assistierter Suizid für psychisch Erkrankte. Herausforderung für die Psychiatrie und Psychotherapie“ heraus und diskutiert die ethischen und praktischen Implikationen.

Es ist ein Blick aus der Schweiz auf das Thema, insoweit nicht in allen Einzelheiten direkt übertragbar auf die Lage in Deutschland (einer der insgesamt neun Beiträge befasst sich allerdings dezidiert mit der Rechtslage hierzulande), doch die Argumente Pro und Contra sind die gleichen und erscheinen auch ohne geographische Zuschreibungen und rechtliche Feinheiten mehr oder weniger überzeugend.

Im Zentrum steht – wie auch in der Entscheidung des deutschen BVerfG – die Autonomie. Kann diese wirklich bei der Entscheidung zum Suizid unterstellt werden? Ist die Entscheidung, sich das Leben nehmen oder nehmen lassen zu wollen, eine freie und selbstbestimmte? Die Autoren sind mehrheitlich der Auffassung, dass hier keine pauschale Zustimmung oder Ablehnung gilt, sondern im Einzelfall die Rationalität des eigenen Sterbewunsch zu beurteilen ist. Weitestgehend wertneutrale Begleitung des Weges hin zu diesem Wunsch – das ist der Nenner, auf den sich die Autorinnen und Autoren wohl einigen könnten.

Das heißt dann aber auch, dass sie gegen prinzipielle – etwa religiös motivierte – Grenzen der Sterbehilfe argumentieren und die Würde des Menschen nicht als unverfügbar ansehen, soweit sie eben Ausdruck der Autonomie ist. Insoweit unterstreicht der Tenor der Beiträge die Entscheidung des deutschen BVerfG: die subjektive Haltung zum Suizid lässt sich nicht objektiv normieren, der Selbstbestimmung lassen sich keine Grenzen setzen, wenn es um das eigene Leben geht; heteronomistische oder transzendentalphilosophische Erwägungen zählen nicht.

Der Band will Akademikern und Praktikern Orientierung bieten, müsste jedoch, damit diese gelingt, für das bessere Verständnis religiöser Argumente ergänzt werden um etwas tiefergehende theologische Betrachtungen, die hier nur in einem Beitrag kurz auflodern. Ansonsten dominieren fachmedizinische, technische und rechtliche Details, die andeuten, dass die Grundsatzentscheidung längst gefallen ist: das „Recht auf Sterben“ steht nicht etwa der Würde des Menschen entgegen, sondern bildet gewissermaßen ihren höchsten Ausdruck.

Dass das nur unter Veranschlagung eines ebenfalls auf subjektive Einschätzung reduzierten Würdebegriffs („Mein Leben hat Würde, wenn….“) reibungslos denkbar ist, wird nicht problematisiert. Dieses für die Sterbehilfe programmatische Würdeverständnis wird vielmehr stillschweigend vorausgesetzt, widerspricht es auch der unbedingten Geltung, die das Grundgesetz der Würde zuschreibt: Der Staat hat sie zu achten und zu schützen, auch wenn die oder der Betreffende für sich entschieden hat, kein hinreichend würdevolles Leben zu führen – Motto: Das Leben hat Würde. Punkt.

Damit wären wir dann aber wieder in Deutschland, wo derzeit Entwürfe für die Reform des § 217 StGB beraten werden. Auch, wenn das keiner merkt.

Bibliographische Angaben:

André Böhning (Hg.): Assistierter Suizid für psychisch Erkrankte. Herausforderung für die Psychiatrie und Psychotherapie.
Bern: Hogrefe (2021).
232 Seiten, € 34,95.
ISBN 9783456860022.

(Josef Bordat)