Der Zölibat – kein Joch, sondern Geschenk

Äbtissin Dr. Christiana Reemts OSB plädiert für eine andere Sicht auf den Zölibat.

Die Äbtissin der Benediktinerinnenabtei Mariendonk, Dr. Christiana Reemts OSB, schreibt am 10. März 2021 in ihrem Blog:

In den aktuellen Diskussionen ist immer wieder von „Zwangszölibat“ die Rede und es wird gefordert, diese unmenschliche Bedingung für das Priestertum endlich aufzugeben. Bei vielen Beiträgen, die ich lese, fühle ich mich persönlich angegriffen, denn ich lebe selbst in dieser Lebensform und empfinde sie nicht als ein Joch , sondern als ein Geschenk, für das ich Gott danke. Manchmal vermisse ich allerdings, dass unsere Priester sich zu dieser Lebensform bekennen und von ihrer Schönheit sprechen.

Wir müssen in unserer Kirche neu den Mut haben, davon zu sprechen, dass man auch auf ganz vitale Interessen und Begierden verzichten kann. Dazu brauchen wir ein neues Verhältnis zur Sexualität, nicht im Sinn immer weiterer Liberalisierung, sondern im Sinn tieferer Humanisierung. Kein Mensch hat ein Recht darauf, seine sexuellen Wünsche jederzeit befriedigen zu können, egal auf wen sich sein Begehren richtet. Bei Pädophilen ist uns das klar, aber es gilt für jede Lebensform, dass Liebe immer auch den Verzicht auf das Ausleben eigener Wünsche fordert.

In unserer Kirche gibt es Menschen wie meine Mitschwestern und mich, die, um Gott und die Menschen freier lieben zu können, auf Ehe, Familie und Geschlechtsverkehr verzichten. Wir wollen damit leiblich sichtbar machen, dass wir Christus nichts vorziehen. Dieser Verzicht schenkt uns Zeit für Gebet und Bibelstudium, Zeit für andere Menschen. Wir sind dadurch keine besseren Christen als Eheleute, aber wir sind von Christus wie die Priester zu einer anderen Aufgabe berufen worden. Was ärgert unsere Gesellschaft eigentlich so maßlos daran?

Höchst eindrucksvolle Worte einer Ordensfrau, Worte, die man nicht einfach vom Tisch wischen kann in der aktuellen Debatte um Sexualmoral, Priesteramt und Zölibat. Worte, die glaubwürdig verdeutlichen: Der Zölibat ist wertvoll.

Der Zölibat ist kein Zwang, denn niemand ist gezwungen, in einen Orden einzutreten oder Priester zu werden. Einfach aufgeben sollte man den Zölibat nicht. Schon gar nicht aus den falschen Gründen. Nachfolgend möchte ich an acht Aspekte erinnern, die für den Erhalt dieser katholischen Einrichtung sprechen – bezogen auf das Priesteramt, doch selbstredend grundsätzlich auch übertragbar auf Ordensleute. Vielleicht hilft auch die Erinnerung an diese Argumente, eine andere Perspektive auf den Zölibat einzunehmen, der dem Lebensgefühl der Äbtissin (und anderer Frauen und Männer in Ordensgemeinschaften und dem priesterlichen Dienst) eher gerecht wird.

1. Bibel

Der Zölibat lässt sich zunächst biblisch begründen. Man findet im Neuen Testament die Empfehlung des Apostels Paulus, ehelos zu bleiben, wenn man die Nachfolge Christi ernsthaft antreten will (vgl. 1 Kor 7, 32-35). Allerdings lassen sich auch Ausnahmen vom Zölibat biblisch begründen. Der erste Papst war verheiratet. Zumindest ist von einer Schwiegermutter des Simon Petrus die Rede, die von Jesus geheilt wird (vgl. Mk 1, 29-31; Lk 4, 38-39; Mt 8, 14-15). Auch andere Stellen deuten darauf hin (vgl. 1 Tim 3, 2 und 12; Tit 1, 6). Unter Umständen waren auch weitere Apostel verheiratet, schließlich schreibt Paulus der Gemeinde von Korinth: „Haben wir nicht das Recht, eine gläubige Frau mitzunehmen, wie die übrigen Apostel und die Brüder des Herrn und wie Kephas?“ (1 Kor 9, 5). Dagegen wiederum kann man einwenden, dass die Ehen vor der Berufung zur Nachfolge geschlossen wurden. Auch heute darf ein zum Katholizismus konvertierter Priester einer anderen christlichen Gemeinschaft verheiratet bleiben (Zölibatsdispens nach Kanon 1049, CIC).

Der Zölibat wird von Paulus vorgeschlagen, um „in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen“ zu können (1 Kor 7, 35). Grundsätzlich gilt für die Nachfolge Christi das Prinzip der Bindungslosigkeit gegenüber weltlichen Dingen: Das Loslassen, das Verlassen weltlicher Bezugssysteme (Familie, Arbeit, Heimat) steht am Beginn der Berufung (vgl. Mt 4, 18-22). Nach kirchlicher Interpretation der Schrift hat Jesus selbst zölibatär gelebt; die Evangelien berichten nichts über eine Ehe Jesu (was sie aufgrund der Bedeutung der Ehe im Judentum mit Sicherheit getan hätten, wäre Jesus verheiratet gewesen).

2. Theologie

Es gibt darüber hinaus gewichtige theologische Argumente in der Debatte um die Bedeutung von Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit der Priester und Ordensleute. Zeichen, Charisma und Nachfolge sind die drei theologischen Hauptgründe für den Zölibat. Zunächst wird der Zölibat als Hinweis auf das Himmelreich angesehen, wo es ebenfalls keine Ehe gibt (vgl. Mk 12, 25). Sodann wird die Ehelosigkeit als Gnadengabe betrachtet, die den Priester in besonderer Weise auszeichnet. Schließlich stehen Priester in der Nachfolge Jesu und sollen ihre Berufung durch eine möglichst enge Orientierung an Jesu Leben und Lehre zum Ausdruck bringen. Zum Leben Jesu gehört die Ehelosigkeit ebenso wie zu seiner Lehre: Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen“ ist einer der Evangelischen Räte (vgl. Mt 19, 12).

3. Pastoral

Es gibt darüber hinaus aber auch pastorale Gründe für den Zölibat. Ehelose Priester können sich ganz auf die Arbeit in ihrer Gemeinde konzentrieren und brauchen bei der Ausübung ihrer Tätigkeit keine Rücksicht auf eine Familie zu nehmen. Sie sind unabhängig, flexibel und – in antiklerikalen Systemen – weniger leicht erpressbar. Das ist heute in vielen Teilen der Welt höchst relevant. Ganz pragmatisch betrachtet ist es auch materiell einfacher, allein zu leben. Man braucht nur für sich zu sorgen und hat außerdem die Möglichkeit, einem Armutsideal zu folgen, das man einer Familie (insbesondere auch Kindern) nicht zumuten kann.

4. Geschichte

Für die historische Entwicklung der zölibatären Nachfolge Christi ist entscheidend, dass eingedenk des Geheimnisses der Menschwerdung Gottes in Jesus die christliche Theologie seit Paulus Leib und Seele zusammenführt und die Körperlichkeit und Sexualität des Menschen daher Teil seines religiösen Glaubens werden. Die Enthaltsamkeit erfährt im Christentum eine nie dagewesene Aufwertung, weil man durch sie Seele und Leib, den „Tempel des Heiligen Geistes“ (1 Kor 6, 19), ganz auf Gott auszurichten vermag. So sieht Lucetta Scaraffia die Entscheidung für den Zölibat als das „Ergebnis eines kulturellen Kontexts“, in dem man überzeugt war, „an der Schwelle zur Wiederkehr Christi zu stehen, weswegen es notwendig erschien, die Kontinuität der Welt zu vereiteln“ („Große Hure Babylon“. Zehn kirchengeschichtliche Klischees kritisch hinterfragt, Rückersdorf 2016, S. 75).

Das war eine völlig neue Weltsicht: „In einer Gesellschaft, in der jeder verpflichtet war, seine Funktion, seinen Beruf, seinen Wohnsitz unverändert beizubehalten und zur Reproduktion der Gruppe von Menschen beizutragen, der er angehörte, bedeutete die Entscheidung für Keuschheit und Armut, mit allem zu brechen: eine Revolution“ (ebd.). Diese „Revolution“ nahm im Zuge des Zweiten Laterankonzils (1139) Form an: Die Ungültigkeit der nach der Weihe geschlossenen Ehe sowie die Ungültigkeit der nach dem Eheschluss vollzogenen Weihe fanden Eingang ins Kirchenrecht. Am Ende der Zölibatsdebatte steht also die Trennung der Christenheit in Klerus und Laien.

5. Gegenwart

Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Zölibat bestätigt. Es betont im Dekret Presbyterorum ordinis („Über Dienst und Leben der Priester“, 1965) unter der Überschrift „Besondere Erfordernisse für das geistliche Leben der Priester“, der Zölibat sei „in vielfacher Hinsicht dem Priestertum angemessen“, denn die priesterliche Sendung sei „gänzlich dem Dienst an der neuen Menschheit geweiht, die Christus, der Überwinder des Todes, durch seinen Geist in der Welt erweckt“ (Nr. 16). Weiter heißt es: „Durch die Jungfräulichkeit und die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen werden die Priester in neuer und vorzüglicher Weise Christus geweiht; sie hängen ihm leichter ungeteilten Herzens an, schenken sich freier in ihm und durch ihn dem Dienst für Gott und die Menschen, dienen ungehinderter seinem Reich und dem Werk der Wiedergeburt aus Gott und werden so noch mehr befähigt, die Vaterschaft in Christus tiefer zu verstehen. Auf diese Weise bezeugen sie also vor den Menschen, dass sie sich in ungeteilter Hingabe der ihnen anvertrauten Aufgabe widmen wollen, nämlich die Gläubigen einem Mann zu vermählen und sie als keusche Jungfrau Christus zuzuführen; so weisen sie auf jenen geheimnisvollen Ehebund hin, der von Gott begründet ist und im anderen Leben ins volle Licht treten wird, in welchem die Kirche Christus zum einzigen Bräutigam hat. Darüber hinaus sind sie ein lebendiges Zeichen der zukünftigen, schon jetzt in Glaube und Liebe anwesenden Welt, in der die Auferstandenen weder freien noch gefreit werden“ (ebd.).

Mehrere Synoden der letzten Jahre und Jahrzehnte haben die Bedeutung des Zölibats betont und sich für dessen Beibehaltung ausgesprochen; zuletzt die XI. Ordentliche Generalversammlung der Weltbischofssynode (2005) zum Thema „Die Eucharistie: Quelle und Höhepunkt des Lebens und der Sendung der Kirche“, auf der sich etwa 80 Prozent der Bischöfe für den Zölibat ausgesprochen hat.

6. Zeugnis in der Welt

Mit der zölibatären Lebensform geben Priester glaubwürdig Zeugnis vom Reich Gottes in einer Welt, die immer weniger mit Gott zu tu haben will. Der Zölibats irritiert diese Welt wie kaum etwas anderes aus dem Bereich der Religion. Die abschließende Frage der Äbtissin geht in diese Richtung: „Was ärgert unsere Gesellschaft eigentlich so maßlos daran?“ Der Mediensoziologe Norbert Bolz hat darauf einmal eine passende Antwort gegeben: „Zölibat ist Askese, und Askese ist etwas, das für unsere Gesellschaft unerträglich ist, das absolut Nicht-Säkularisierbare. Es gibt zwar alle möglichen Formen von Konsum und Befriedigung, aber Askese, also der freiwillige Verzicht auf Möglichkeiten, ist für die offizielle Selbstbeschreibung einer säkularen bürgerlichen Gesellschaft ein Skandal. Die Leute wittern, dass hinter der Askese Macht steckt, und das reizt sie bis aufs Blut“ (Die Tagespost, 22. Mai 2010). Diese Außenwirkung des „Reizes“ kann – wenn der Zölibat positiv gelebt, wenn von seiner Schönheit gesprochen wird – eine missionarische Wirkung entfalten, die jede Predigt, jedes Event und jedes soziale Werk übertrifft.

7. Priestermangel

Innerhalb der Kirche sehen Kritiker das Priesteramt künftig quantitativ derart geschwächt, dass man mit der Aufhebung des „Pflichtzölibats“ Berufungen erleichtern und auch nicht-zölibatär lebende, verheiratete Männer als Diakone oder viri probati verstärkt in der Pastoral einsetzen müsse; die II. Ordentliche Generalversammlung der Weltbischofssynode (1971) hatte das noch explizit abgelehnt, aber die Debatte nicht aufhalten können.

Wir jammern hier auf hohem Niveau. In Deutschland kommt ein Priester auf 1500 Katholiken, in Asien und Afrika kommt ein Priester auf 3000 bzw. 4500 Katholiken. Damit ist das Betreuungsverhältnis hierzulande doppelt bis dreifach so gut wie in Asien und Afrika. Betrachtet man die tatsächliche Teilhabe am Gemeindeleben und den Empfang der Sakramente, wird die Quote für Deutschland noch günstiger, denn während bei uns nur jeder Zehnte zur Sonntagsmesse geht, sind es in anderen Teilen der außerdeutschen Welt dreißig, vierzig Prozent – trotz einer oft stundenlangen Anreise zur nächstgelegenen Kirche.

Ferner: Wenn der Zölibat wirklich das Problem wäre, müsste die Evangelische Kirche keine Nachwuchssorgen haben, was ihre Geistlichen angeht. Hat sie aber, noch viel mehr als die Katholische Kirche. Was es hierzulande gibt, das ist ein massiver Mangel an Gläubigen. Doch ob sich dieser ausgerechnet durch verheiratete Priester beheben lässt? Auch in dieser Hinsicht lassen die hiesigen Evangelischen Landeskirchen nichts Gutes erahnen. Im übrigen scheitern nur sehr wenige katholische Priester an der „Bürde“ des Zölibats. Der Anteil der Priester, die ihr Amt niederlegen, um in den Stand der Ehe eintreten zu können, liegt bei unter zwei Prozent, während fast die Hälfte aller geschlossenen Ehen innerhalb der ersten zehn Jahre scheitert.

8. Missbrauch

Ist der Zölibat Schuld an den fürchterlichen Nachrichten, die uns erreichten? Aus Irland, Australien, USA, Deutschland, Holland. Nein, denn es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch, dass man also meinen sollte, zölibatär lebende Männer würden „aus der Not heraus“ zu Missbrauchstätern. Der Gerichtsgutachter Hans Ludwig Kröber meint dazu unmissverständlich: „Man wird eher vom Küssen schwanger als vom Zölibat pädophil“. Auch der Stanford-Professor und Mitherausgeber der Analyse Sexual Abuse in the Catholic Church: A Decade of Crisis, 2002-2012, Thomas G. Plante, weist in einem Artikel für Psychology Today darauf hin, dass: „Clerical celibacy doesn’t cause pedophilia and sexual crimes against minors“. Weiterhin: „Celibacy doesn’t turn people into sex offenders of children. And the vast majority of sex offenders in our community are not celibate men“. Heißt also: Wenn ein Mann pädophil ist, dann war er es schon, bevor er Priester wurde. Er wird es nicht durch den Zölibat.

Aber: Die zölibatäre Lebensform ist attraktiv für Männer, die ihre (gesellschaftlich nicht akzeptierten) sexuellen Präferenzen heimlich ausleben wollen, während sie nach außen hin ein anerkanntes Leben führen, das Niemanden Verdacht schöpfen lässt. Zugleich haben sie in der pastoralen Arbeit tagtäglich Zugang zu Kindern und Jugendlichen. Das ist ein Problem. Der Zölibat ist also nicht die Ursache von sexuellem Missbrauch, er kann aber die Wirkung haben, die Wahrscheinlichkeit für sexuellen Missbrauch in entsprechend organisierten Lebensformen zu erhöhen, weil er potentielle Täter anzieht. Da muss man wirklich aufpassen. Dennoch ist der Zölibat nicht der entscheidende Hebel.

(Josef Bordat)