Zum Tode Hans Küngs

Hans Küng, einer der bekanntesten und auch umstrittensten Theologen der Gegenwart, ist am Dienstag, 6. April, in Tübingen verstorben.

Hans Küng wurde 1928 in Sursee im Kanton Luzern geboren. Er studierte Philosophie und Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und wurde 1954 zum Priester geweiht. Seine Dissertation schrieb er über die Theologie der Rechtfertigung bei Karl Barth. 1960 erhielt er den Ruf nach Tübingen als Professor für Fundamentaltheologie sowie ab 1963 als Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie und Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung. Am Zweiten Vatikanischen Konzil wirkte Hans Küng als Peritus intensiv mit.

1979 wurde Hans Küng die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen, nach verschiedenen stark vom Lehramt abweichenden Positionierungen zu zentralen theologischen Fragen. Küng wurde fakultätsunabhängiger Professor für Ökumenische Theologie, blieb Direktor des Instituts für Ökumenische Forschung und gründete zudem die Stiftung Weltethos.

Ohne identitätsbildende Dogmatik kommt die Kirche nicht aus. Das sah auch der streitbare Theologe selbst so. Die Kirche definiere dabei, so Hans Küng in Unfehlbar? Eine Anfrage (Zürich/​Einsiedeln/​Köln 1970), „nicht aus Freude an Defini­tionen das mögliche Maximum, sondern, von außen gezwungen, das notwendige Minimum“ (S. 118).

Die Kirche gibt damit Hinwei­se darauf, was es heißt, katholisch zu sein. Denn etwas wird eben nicht schon dadurch zur katholischen Position, weil es von einem Katholiken – sei dieser Laie, Priester, Bischof, Papst oder Professor für katholische Theologie – geäußert wird, sondern weil es sich konsistent in das einfügt, was wir „Lehramt“ nennen. Und das ist entscheidend für die katholische Identität.

Die wollte und konnte Hans Küng nicht mehr stärken. Das wollte und konnte die Kirche nicht hinnehmen. Beide haben dabei einen hohen Anspruch: dem Gewissen zu folgen und die Freiheit der Forschung zu fördern (Küng), sicherzustellen, dass nicht im Rahmen der katholischen Theologie gelehrt wird, was nicht katholisch ist (Kirche).

Dass sich die Popularität Küngs über die Universität hinaus erst mit dem Entzug der Lehrerlaubnis einstellte, zeigt, dass dieses Machtmittel eine höchst ambivalente Wirkung hat: Erst das Verbotene wird interessant. Wie ein Beleg dafür kann die Tatsache gelten, dass Küng sich trotz (oder wegen) des Verlustes der kirchlichen Lehrerlaubnis zu einem weltweit bekannten Intellektuellen mit zahlreichen Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden entwickelte.

Hans Küng wird auch in den Nachrufen vor allem über seinen Streit mit der Kirche definiert. Interessante ist da wohl, sich das Weltethos-Projekt anzuschauen und damit das Verhältnis von Religion, Moral, Recht und Politik zu bestimmen. Stellt Küng die Religion funktionalistisch in den Dienst der Moral, wie Robert Spaemann meinte, und lässt er diese durch die Politik in ein Recht überführen, das sich letztlich gegen die Religion wendet (soweit menschenrechtlichen Vorstellungen von der Katholischen Kirche aus säkularer Perspektive nicht entsprochen wird)? Hochaktuell.

(Josef Bordat)