Querdenker

Dass Verschwörungserzähler und Wirklichkeitsleugner heute als „Querdenker“ firmieren, ist die wohl größte denkbare Beleidigung der menschlichen Vernunft. Querdenker – das waren früher Leute wie Kepler und Kopernikus, Leibniz und Lessing, Kant und Kandinsky. Meinetwegen: Nietzsche. Beim heutigen „Querdenker“ ist keine intelligente Phantasie mehr erkennbar, keine Klugheit, die das Gegebene respektvoll reformuliert, sondern nur noch Phantasie, ohne alles. Das Ausdenken hat das Nachdenken ersetzt.

Wie ist es dazu gekommen? Spürbar ist ein totales Misstrauen, das – durch Skandale und Skandälchen genährt – gegen alles opponiert, was „von oben“ kommt: aus den Medien, aus der Wissenschaft, aus der Politik, aus der Kirche. Die großen Agenten der Zivilgesellschaft sind nicht ganz unschuldig an der Misere („Querdenker“ sind nur die Spitze des Eisbergs), denn unter ihnen gibt es eben auch Fälscher und Betrüger, Gier und Rücksichtslosigkeit, Machtstreben und Missbrauch. Auch – das heißt: nicht nur. Die Frage bleibt: Wie konnte sich bei vielen Menschen die pauschale Verdammung der etablierten Gegenwartskultur (zu der es auch seit geraumer Zeit gehört, sich – wenn möglich – durch Impfung vor übertragbaren Krankheiten zu schützen) so zum Kernnarrativ des persönlichen Weltverständnisses aufblähen?

Es zeigt sich: Vertrauen ist wichtig. Nur setzt Vertrauen eben den Glauben daran voraus, dass es gut und richtig ist (und sich vielleicht auch „lohnt“), dem Anderen den nötigen Kredit zu gewähren, von dem das Vertrauen lebt. Und dazu braucht es überzeugende Gründe. Früher war die nachgewiesene Kompetenz ein solcher Grund. Ganz früher auch die angeborene Autorität. Dahin sollten wir nicht zurück wollen, dass wir meinten, „die ab oben“ hätten immer Recht, sonst wären sie nicht „da oben“. Aber, dass sie immer falsch liegen, ist auch nicht richtig. Nicht richtig kann es ebenso nicht sein, an allem und jedem zu zweifeln, nur nicht am eigenen Zweifel und damit an sich selbst. Vielleicht ist das der größte Unterschied zwischen Querdenkern und „Querdenkern“: Jene kannten Respekt vor dem Anderen, Distanz zu sich selbst. Mit einem Wort: Demut. Gut – Nietzsche mal ausgenommen.

(Josef Bordat)