Warum? – Ach, so!

„Nachdem in Potsdam vier Menschen in einer Einrichtung für Behinderte getötet wurden, ist im Netz eine Debatte um den Umgang mit Behinderten entbrannt. Im Zentrum steht die Frage, ob die Tat Ausdruck struktureller Gewalt und eines behindertenfeindlichen Systems ist.“ So hebt ein Beitrag in der Märkischen Allgemeinen an, der leider nicht frei zugänglich ist. Aber diese beiden Sätze reichen schon, um einiges an Gedanken auszulösen.

Ich bin – wie sicher die allermeisten Menschen – erschüttert über diese abscheuliche Gewalttat, bei der vor einer Woche in einer Klinik für Behinderte in Potsdam vier Personen getötet und eine weitere schwer verletzt wurde. Die Tat begangen haben soll eine Mitarbeiterin der Einrichtung. Ich kann aber – und hier dürfte der breite Konsens auch schon zuende sein – nicht wirklich ernsthaft fragen: „Warum?“ Insoweit fasst die Überschrift des Beitrags in der Märkischen Allgemeinen meine Gefühlslage gut zusammen: „Ich bin schockiert, aber nicht überrascht“.

Ich kann nicht „Warum?“ fragen, weil ich die Antwort zu kennen glaube. Und ich meine, dass wir sie alle kennen könnten. Auch, wenn sie mir, wenn sie uns nicht gefällt, sollten wir sie geben: Der Grund – zumindest: ein Grund – für die Gewalttat von Potsdam liegt in der immer weiter fortschreitenden Entwertung des Lebens kranker und behinderter Menschen. Wenn wir beim Thema Abtreibung kollektiv mit „Ach, so!“ reagieren, sollte der getötete ungeborene Mensch genetisch in besonderer Weise zu Krankheit und Behinderung geneigt haben (und sowas kriegt man ja heutzutage rechtzeitig heraus), können wir dann allen Ernstes bei der Gewalttat von Potsdam in tränenreicher Fassungslosigkeit „Warum?“ fragen? Ich meine: ohne Heuchelei?

Es wundert mich stattdessen, dass es nicht schon viel mehr brutale Gewalt gegen Behinderte gibt in unserer Gesellschaft, in der Behinderte gefälligst rechtzeitig beseitigt werden. Ihre vorgeburtliche Identifikation, Selektion, Exekution ist doch schon längst Routine. Und wenn nun jemand durch die engen Maschen des Systems schlüpft, hinein in eine Gesellschaft, in der Behinderte im Idealfall offenkundig gar keinen Platz haben? Was darf sie, was darf er dort erwarten? Vielleicht gibt es sie ja auch viel öfter, die tödliche Gewalt gegen Behinderte, ohne, dass sie es als solche in die Medien schafft. Auch das wäre geradezu logisch: Warum über etwas berichten, dass – wäre es ein paar Jahre zuvor geschehen – eine medizinische Leistung gewesen wäre, die die Gesellschaft bezahlt hätte?

Auch die Gewalttat von Potsdam schafft es nicht wirklich auf den großen Bildschirm. Bei einem Terroranschlag mit vier Toten wäre das wohl anders. Dabei ist das, was in Potsdam geschah, der Mentalität nach so weit vom Terrorismus gar nicht entfernt, lässt doch auch hier die Entmenschlichung des Anderen, das Bestreiten des Lebensrechts für bestimmte Menschengruppen im Vorfeld alle Hemmungen fallen. Es geht also darum, für die Frage „Warum?“ den richtigen Zeitpunkt und Kontext zu wählen. Damit man nicht angesichts von Gewalttaten wie der in Potsdam künftig nur mehr sagen kann: „Ach, so!“.

(Josef Bordat)