Der Antichrist, oder: Die Nietzsche-Challenge

Ich lese derzeit „Der Antichrist“ von Friedrich Nietzsche, mit dem für Nietzsche ungewöhnlich bescheidenen Untertitel „Versuch einer Kritik des Christentums“. Nietzsches Religionskritik hatte ich zuletzt im Zusammenhang mit meinem Buch zum Glaubensbekenntnis kursorisch behandelt; das ist nun auch mittlerweile schon rund sechs Jahre her. Nun wage ich mich also erneut an den Philosophen heran, den ich im Studium tunlichst mied.

„Der Antichrist“ ist interessant. Und erschreckend. Schon die Art, wie Nietzsche in das Thema einfällt, ist brachial. Das Mitleid des Christentums, so Nietzsche, wirke „depressiv“, raube dem Menschen die Kraft. Das Christentum entziehe seinen Blick der Wirklichkeit, mit der es nichts zu tun habe, weil alles imaginär (also: vorgestellt) sei, was es ausmache: Gott, Seele, Reue, Gewissen. Da weiß man gleich, was Sache ist bzw. was Nietzsche dafür hält.

Statt des Christentums empfiehlt Nietzsche – wenn es denn schon etwas aus dem religiösen Bereich sein müsse – den Buddhismus, der zumindest brauchbare Lebensregeln anbietet (Bewegung, Ernährung) – durchaus Themen, auf denen Nietzsches Denken basiert (zumindest macht er sich für einen Philosophen ziemlich viele Gedanken über Physiologisches).

Im Christentum kommen die „instinkte Unterworfner und Unterdrückter in den Vordergrund“. Was wir – zumindest als Christen – für einen zivilisatorischen Fortschritt halten, das ist für Nietzsche eine verachtenswerte, weil naturwidrige „Sklavenmoral“. Das Evangelium der „Niedrigen“ mache gerade „niedrig“, halte am Boden, statt zum Leben zu erhöhen.

Ihren Ursprung habe diese „Entnatürlichung der Natur-Werte“ schon im Alten Bund, in der Beziehung Gottes zum Volk Israel, in der die Moral nicht mehr als „Ausdruck der Lebens- und Wachstums-Bedingungen eines Volkes“ konstituiert ist, sondern in einen Kanon abstrakter göttlicher Forderungen überführt wird.

Der Priester (bei Nietzsche „der heilige Parasit“) institutionalisiert diese Entnatürlichung und der Neue Bund – das Christentum, das vom Judentum das Amt des Priesters übernimmt – wird so zu einer „Todfeindschafts-Form gegen die Realität, die bisher nicht übertroffen worden ist“.

Mit Jesus kann Nietzsche auch wenig anfangen. Er kritisiert – aus Sicht der Christologie nicht ganz zu Unrecht – die Zuschreibung „Genie“ und „Held“ und charakterisiert die Liebesethik Jesu als „letzte Lebens-Möglichkeit“ der christlichen „Erlösungs-Lehre“. Eigentlich doch gut, oder? Tatsächlich billigt Nietzsche dem Christen darauf fußend nicht nur einen anderen Glauben, sondern ein anderes Handeln zu. Das sei das eigentliche Unterscheidungsmerkmal der Christen, dass sie sich anders verhalten.

Damit rediziert er Jesus – dessen Göttlichkeit das Proprium des Christentums bildet – auf ein rein menschliches Vorbild in Fragen praktischer Lebensführung und Beziehungsgestaltung („Dieser ‚frohe Botschafter‘ starb, wie er lebte, wie er lehrte – nicht um ‚die Menschen zu erlösen‘, sondern um zu zeigen, wie man zu leben hat.“); für einen personalen Gott hat Nietzsche kein Verständnis, er nennt den Glauben daran „kirchliche Krudität“.

Trotz der moralischen (vielmehr: zum moralischen Handeln aufrufenden) Botschaft Jesu, ändere sich aber faktisch nichts in der Welt (hier hat Nietzsche meiner Ansicht nach nicht ganz Unrecht). Es sei daher geradezu „unanständig“, Christ zu sein (hier bin ich anderer Meinung). Wenn es überhaupt Christen gibt; Nietzsche bezweifelt, dass es sie je gegeben hat – der „Christ“ sei Produkt eines „psychologischen Selbst-Missverständnisses“, das eine „kluge Blindheit über die Herrschaft gewisser Instinkte“ lege. Das Christentum insgesamt sei eine Erfindung des Paulus („der Jude, der ewige Jude par excellence“); Nietzsche deutet es insoweit als Versuch, die vorhandenen Kulte „mit schonungsloser Gewalttätigkeit an der Wahrheit“ zusammenzubringen und zu überbieten.

Gottesvorstellung, Lebensbejahung, Wahrheitsskepsis, Christentumsgenese, Renaissancebegriff – Nietzsche bietet zahlreiche Topoi, die theologisch von Interesse sind. Allerdings ist die Deutung dieser Themen sehr eigentümlich. Daraus macht er auch nie einen Hehl. Umwertung aller Werte – dieses Programm entfaltet Friedrich Nietzsche in „Der Antichrist“.

Was fangen wir nun damit an, als Christen? Einiges ist sicher bedenkenswert (Woran sollte man Christen erkennen – und woran erkennt man sie, wenn man sie denn überhaupt erkennt?), einiges ist polemisch und insoweit nicht nur gegen das Christentum (sondern etwa auch gegen Kant) und die Gesellschaft seiner Zeit gerichtet („Es sind meine Feinde, ich bekenne es, diese Deutschen“), die Nietzsche für verlogen und verdorben hält.

Einiges ist auch schlicht unwahr (Leibniz als Teil des „deutschen Umsonst“, das Nietzsche beschwört? – Ohne Leibniz könnte ich diesen Text nicht schreiben, nicht am PC! – Luther als Wiederhersteller der Kirche? Selbst in der kontrafaktischen Vorstellung Nietzsches, die Kirche sei durch die Angriffe der Reformation gestärkt worden, kann das nicht überzeugen!) bzw. mindestens grotesk verzerrt (Das Jenseits als Tod des Lebens – kann man auch gerade andersherum sehen!).

Fehleinschätzungen sind die Folge: „Wenn man nicht fertig wird mit dem Christentum, die Deutschen werden daran schuld sein…“, weil sie mit dem Protestantismus „die unheilbarste, die unwiderlegbarste“ Spielart des Christentums hervorgebracht habe – Nietzsche übersieht die Möglichkeit der Selbstsäkularisierung, die rund hundert Jahre nach Nietzsches Niederschrift von „Der Antichrist“ (1888) zum zentralen Thema des deutschen Christentums (besser: Christentums in Deutschland) wurde, gerade desjenigen protestantischer Provenienz.

Nehmen wir das Beste aus dem Text auf: Der Christ hat sich, um Christ zu sein, an Jesus zu orientieren und sein Handeln am Vorbild Jesu zu orientieren und zu prüfen. Guter Gedanke. Zugleich – und hier sollten wir Nietzsche zu widerlegen bestrebt sein – bleibt Jesus dem Christen der Christus, der ihn erlöst hat. Das tut seinem Handeln und seinem Leben hier und jetzt keinen Abbruch. Im Gegenteil. Also: Nehmen wir die Nietzsche-Challenge an!

(Josef Bordat)