Wie das Leben des Herrn Schalupke läuft

Ort:

Im Büro auf der Arbeitsagentur

Personen:

Die Dame von der Arbeitsagentur

– Herr Schalupke, ein Arbeitsuchender

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So, Herr Schalupke, wir wollten ja noch mal Ihren Lebenslauf durchgehen, nicht wahr?

– Wenntennseinmuss.

Ja, das muss sein. Eine regelmäßige Überarbeitung und… Anpassung des Lebenslaufs ist unerlässlich. – Also: Was haben Sie denn bisher beruflich so alles gemacht?

– Nüscht.

Naja, „Philosoph, Philosophin (m/f/d)“ – da sind die Stellen rar, wissen Sie. – Denken Sie mal nach, gerne auch was aus dem privaten Bereich.

– Na, ick hab… wann wart jewesen? Vorje Woche… Ne – jestern! Is ja och ejal. – Jedenfalls, hab ick da mitn paar von meene Kumpels dem Jünther jeholfen, mit sein Schrotthandel.

Jaaa… Was genau war das?

– Naja, der war doch uffem Hinterhof und det war de Mietern zu laut und denn sollter sein Jelumpe hinterm Jebäude bringen, da is sonne Wiese, da passiert seit Jahren nüscht druff, det steht praktisch leer sozusagen, und detter da eben… also, detter nich sonn Krach macht, det war ja nich auszuhalten! Da hammse Recht, de Mieter.

Gut. „Planung, Organisation und Durchführung der Standortverlegung eines metallverarbeitenden Unternehmens“. Was noch?

– Wie, jetze?

Waren Sie mal auf der Uni?

– Naja, acht Semester Maschinenbau. – Kiek ma inne Unterlagen!

Ach, ja richtig. Und sonst?

– Nüscht.

Nüscht. – OK.

– Obwohl, ick vor kurzem mit der Melli im Lustjarten, weeste, wat ick meine. Und die is ja sonne Öko-Tussy. Da wollt ick ihr beeindrucken. Bin in det Jebäude rin, uff da andern Seite, am Bebelplatz.

Die Juristische Fakultät der HU?

– Jenau. Weil da hamse… für Müll zu trennen, weeste? Pappbecher hier rinn, Strohhalm da rinn.

„Einführung in das Allgemeine und Besondere Entsorgungsrecht“.

– Kam se hinter mich her und hat janz blöd jefragt, ob ick ihr verarschen will.

„Einführung in das Allgemeine und Besondere Entsorgungsrecht. Kolloquium zur Examensvorbereitung“.

– So isse, die Melly.

Und sonst? Vielleicht ein Auslandsaufenthalt?

– Ja.

Und?

– Fünf Tage Malle. Mit allem.

OK.

– Warnme am Strand jewesen, ganzen Tag. Uff eenma warn da son paar Tommys, so Hooligan-Typen. Sind zu dritt uff mich ruff, denn kam Kalle und Steffen, hammwerse uffjemischt. Det die och ma merken, wat Phase is, weeste? Hinterher hamwe zusammen jebechert, da war ick breit, Holla die Waldfee! Da war mir det allet ejal, weeste.

„Internationale Immunisierungsstudie, Phase 3, erfolgreich“. – Ja, vielen Dank, Herr Schalupke. Das ist ja schon eine ganze Menge. Wie sind Sie heute hier?

– Na, mitte Öffis, wat globen Sie denn?! Det war och sonn Ding. Steh ick da, „Schönhauser Allee“. Wat is? Nüscht! „Sehr geehrte Fahrgäste! Aufgrund einer Störung der Oberleitung im Bereich der Linien S8, S16, S32 und S64 verspätet sich die Abfahrt des Zuges. Vielen Dank für Ihr Verständnis!“ Ick denk: Wat ist los?! Ick glob et hackt! Det is ja wohl… Und denn „Sehr geehrte Fahrgäste!“ Fahr-Gäste, weeste?! Na, dafür müsste ick aba ersma fahren, Keule!

Gut, ich vermerke es: „Analyse der Steuerung urbaner Personennahverkehrsleitsysteme. Praxisprojekt“.

– So sieht‘s aus!

Also, wir hätten da vielleicht was für Sie.

– Verarschen kann ick mir alleene!

Nein, tatsächlich. – Ich gehe doch Ende Juni in Rente. Und da könnten Sie… „Berufsberater*in“, wär das nichts für Sie?

– Berufsberaterin? – Wat mussicknda machen?

Nüscht.

– Na, denn! – Kann ick meinen Lebenslauf mit uffpolieren, wa?

Auf jeden, Alta!

Sie geben sich coronakonform die Ghettofaust.

(Josef Bordat)