Thomas Morus‘ Entwurf einer unwirklichen Gesellschaft

Die von Thomas Morus als Reisebericht konzipierte Schrift De optimo reipublicae statu, deque nova insula Utopia gilt als sein Hauptwerk, mit dem der Heilige des heutigen Tages zugleich die Utopie als literarische Gattung begründete. Zu finden ist sie etwa in: Der utopische Staat, übers. und hg. von Klaus Joachim Heinisch, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 7–110.

Der Text der Utopia ist in zwei Abschnitte gegliedert, der erste Teil enthält eine satirische Kritik an den realen ökonomischen Zuständen im England des beginnenden 16. Jahrhunderts, der zweite Teil schildert das ideale Gemeinwesen auf der nahe Sri Lanka künstlich angelegten Insel Utopia, eine perfekt organisierte Gesellschaft, die in der Glückseligkeit das Höchste Gut sieht und vorführt, wie man dieses erreichen kann.

Davon berichtet der Seefahrer Raphael Hythlodaeus, angeblich ein Gefährte Amerigo Vespuccis. Der Name des fingierten Berichterstatters Raphael Hythlodaeus ist dabei mit Bedacht gewählt, weil er die Ambivalenz Utopias kennzeichnet: Raphael bedeutet soviel wie „heilbringender Arzt“, Hythlodaeus setzt sich aus den griechischen Wörtern ΰλος („Geschwätz“, „Unsinn“) und δάΐος („erfahren“, „bewandert“) zusammen und bedeutet somit etwa „erfahrener Fachmann für unsinniges Geschwätz“.

Morus möchte also schon im Namen des Erzählers andeuten, dass die Ausführungen teils heilsamen, teils unsinnigen Charakter haben, was in der grundlegenden Gegenüberstellung von Wünschenswertem und Unwirklichem gerade dem Wesen der Utopie entspricht.

Die Signifikanz der Namensgebung erfährt im übrigen bei allen wichtigen Eigennamen eine Fortsetzung: Der Name der Hauptstadt Utopias, Amaurotum, ist abgeleitet vom Griechischen άμαυρός, was soviel bedeutet wie „dunkel“, „nebulös“, „unsichtbar“, ein Hinweis auf die Nichtexistenz einer solchen Stadt. Der wichtigste Fluss der Insel heißt Anydrus. Auch dieser Name ist ein Fingerzeig auf die Unwirklichkeit Utopias, denn das griechische Wort άνυδρος bedeutet „wasserlos“, „trocken“.

In der Utopia verarbeitet Morus sowohl den Anspruch Platons, einen Idealstaat zu entwerfen, als auch den Duktus der epikureischen Schule, der sich in der Gleichförmigkeit der Utopier zeigt, die jedes äußere Unterscheidungsmerkmal abgeschafft haben. Das Gleichheitsparadigma bringt so etwas hervor wie eine kommunistische Monarchie, deren hierarchisches System paternalistischer Sippen für eine flächendeckende Einbeziehung aller Bewohner in gesellschaftsbildenden Bereichen (Politik, Bildung, Wirtschaft) sorgt. Eine echte Utopie.

(Josef Bordat)