Olympia

Herzlich willkommen zur Handy-Einzelwertung der Männer hier in der Kabushito-Hall in Tokyo. Die Achtelfinals stehen an – ohne deutsche Beteiligung. Der deutsche Meister Karl Stegmeier ist leider bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Eine WhatsApp hat ihn nach nur 56 Sekunden auf sein Handy schauen lassen. Das ist natürlich Pech und eine herbe Enttäuschung für den jungen Tuttlinger, der sich so viel mehr vorgenommen hatte für diese Olympischen Spiele.

Jetzt kommen wir zum ersten Achtelfinale und das hat es gleich einmal in sich! Der US-Amerikaner Thomas Parker, einer der ganz heißen Medaillenkandidanten, und Europameister Vladimir Krylakow aus der Mannschaft der unabhängigen olympischen Teilnehmer treffen aufeinander. Das ist eigentlich mindestens ein Halbfinale, aber da Krylakow in der Vorrunde dem Südkoreaner Yung-Kim Sun unterlag – mit nur sieben Hundertstel Unterschied – und lediglich den Australier John Newcome hinter sich lassen konnte, kommt es bereits jetzt zum Duell der Giganten. Parker hat seine Vorrundengruppe gegen den Schweden Sollström und den Portugiesen Costa klar gewonnen.

Noch einmal zu den Regel, für alle die, die mit dem Handy-Sport noch nicht so vertraut sind: Das Handy liegt zu Spielbeginn mit dem Display nach unten auf dem Tisch vor den Athleten. Die Zeit beginnt zu laufen und jeder der Kontrahenten muss sein Handy so lange wie möglich zu ignorieren versuchen. Dreht er es um, wir die Zeit gestoppt. Der Weltrekord aus dem Jahr 2008, der hier aller Voraussicht nach nicht gebrochen wird, liegt bei sieben Minuten 22 Komma 39 Sekunden, gehalten vom damals 93-jährigen Armenier Michal Katamian.

Jetzt geht es los. Parker und Krylakow sitzen sich regungslos gegenüber. Die Zeit läuft! Krylakows Handy vibriert! Man sieht ihm an, welche Anstrengung es ihn kostet, nicht ranzugehen, nicht auf das Display zu blicken, denn er weiß: Das wäre die frühe Entscheidung! Jetzt klingelt Parker! Mein Gott, ist das spannend! Parker ist gezeichnet, hin und her gerissen von dem Gedanken, es könnte was Wichtiges sein. Krylakow hat offenbar eine Facebook-Nachricht! Das könnte die Vorentscheidung sein! Ja, Krylakow hält es nicht mehr aus! Er schaut auf das Display. Eine Minute 38 Komma 47 Sekunden. Das ist ein neuer Landesrekord. Aber das reicht nicht, denn Parker hatte sich besser unter Kontrolle und zieht damit hochverdient ins Viertelfinale ein. Jetzt schaut auch er, klar, kann er ja auch machen, die Quali für die nächste Runde ist geschafft.

Und ich gebe ganz schnell zurück ins ZDF-Olympiastudio, wo Rudi Cerne einen interessanten Gesprächspartner hat. Rudi, bitte!

Ja, vielen Dank in die Kabushito-Hall! Wirklich, ein toller Sport und sicher eine richtige Entscheidung des IOC, diesen ins olympische Programm aufzunehmen. – Bei mir ist Professor Doktor Armin Hofstatter, Kinder- und Jugendpsychologe, Autor des Buchs „Die Angst, eine Twittermeldung zu verpassen“. Herzlich willkommen, Herr Professor!

Professor Hofstatter ist mit seinem Handy beschäftigt und murmelt: „Kleinen Moment, geht gleich los!“

(Josef Bordat)