Hildegard fürs Immunsystem

Brigitte Pregenzer zeigt, wie der Lebensstil nach Hildegard von Bingen Gesundheit und Wohlbefinden fördert, markiert aber im Hinblick auf Covid-19 nicht deutlich genug die Grenzen.

„In der Person Hildegards von Bingen stehen die Lehre und das alltägliche Leben in vollstem Einklang. Die Tugenden, die sie mit großem Einsatz lebte, sind fest in der Heiligen Schrift, der Liturgie und bei den Kirchenvätern verwurzelt. Sie führte sie unter dem Licht der Benediktusregel mit Klugheit zur Vollendung. Sie verband ihren scharfen Geist und die Gabe, mit der sie die himmlischen Dinge verstand, mit beständigem Gehorsam, Einfachheit, Liebe und Gastfreundschaft.“ Dieses Urteil sprach Papst Benedikt XVI. vor neun Jahren über Hildegard in der Litterae decretales de peracta Canonizatione aequipollente Hildegardis Bingensis, dem Schreiben, das die Heiligkeit der hochmittelalterlichen Ordensfrau erklärt und ihre Verehrung durch die ganze Kirche erlaubt, „zur Ehre Gottes, zur Mehrung des Glaubens und zum Wachstum des christlichen Lebens“.

Hildegard, die Seherin und Heilerin, von der Esoterik-Front und der Heilpraktiker-Innung für ihre „moderne“ Sicht auf Gott und den Menschen gefeiert, von Margarethe von Trotta in deren Film Vision (2009) gar als frühe Feministin interpretiert, wird damit nun auch offiziell von der Katholischen Kirche als Heilige geführt, nachdem das erste Heiligsprechungsverfahren im 13. Jahrhundert an Formfehlern scheiterte. Für die Ernährungsbewussten ist sie ohnehin eine Heilige, gibt ihre Küche doch zahlreiche Impulse für eine gesunde und ausgewogene Kost. Hildegards Ansätze fallen in einer Gesellschaft, die Kalorien und Körper über Gott und Geist erhebt, zugleich aber nicht in einen plumpen Materialismus fallen will, auf sehr fruchtbaren Boden.

Wer dann noch die Karte der natürlich-nutritiven Resilienz gegen physische und psychische Krisensymptome ausspielt, kann mit einer breiten Leserschaft rechnen. So wie Brigitte Pregenzer mit ihrem neusten Buch, in dem sie mit Hildegard von Bingen bewährtes Wissen und praktische Anwendungen für ein gesundes Immunsystem bieten will. Dazu aktualisiert sie die wichtigsten Prinzipien, Ratschläge und konkreten Heilmittel der Hildegardlehre für die Corona-Gesellschaft zu einem Kompendium, das helfen soll, Maßnahmen zu ergreifen, um die körpereigene Bildung von Abwehrkräften so weit es geht zu unterstützen.

Wie geht das? Die Autorin rät dazu, den Stress zu reduzieren, genügend zu schlafen, uns an die frische Luft zu begeben, in die Natur, wohltuende Kontakte und Beziehungen zu pflegen und uns gesund zu ernähren – kurz: auf einen möglichst harmonische Lebensführung zu achten. Das ist nicht sonderlich überraschend, doch im Detail kommen – aus der Lehre Hildegards – konkrete Tipps hinzu, wie das Immunsystem durch Heilmittel gestärkt werden kann, deren Wirkung die Heilige im 12. Jahrhundert entdeckte und beschrieb, Wirkungen, welche die Medizin und Ernährungswissenschaft des 21. Jahrhunderts nachwiesen. Brigitte Pregenzer legt damit einen Selbsthilferatgeber vor, der das persönliche Infektionsschutzkonzept ergänzen kann.

Problematisch hingegen ist die Botschaft, dass selbst Corona hildegardisch in den Griff zu kriegen sein soll, gestützt auf eine einzige indonesische Studie vom März 2020; genannt wird Galgant, der den ACE-Rezeptor blockiere und so „dem Covid-19-Virus den Eintritt [in die Zellen]“ verwehre. Ich bin nicht sicher, ob es wirklich im Sinne Hildegard von Bingens ist, diese Einschätzung angesichts zahlreicher gefährlicher Mutanten im Juli 2021 unter das impfmüde Volk zu bringen und möglicherweise das Vertrauen der Zielgruppe auf die Kräfte der Natur ins Irrationale schießen zu lassen. Ich stelle mir vor, dass die große Heilige und Kirchenlehrerin mit ihrem „scharfen Geist“ (Benedikt XVI.) Einspruch erhöbe.

Bibliographische Angaben:

Brigitte Pregenzer: Das Immunsystem stärken mit Hildegard von Bingen. Abwehrkräfte mobilisieren und Ängste abbauen.
Innsbruck / Wien: Tyrolia (2021).
160 Seiten, € 14,95.
ISBN 978-3-7022-3962-6.

(Josef Bordat)