Zwischen Sport und Religion

Die Olympischen Spiele als sakrales Spektakel

Morgen werden die Olympischen Spiele in Tokyo eröffnet – mit Athleten, mit Funktionären, ohne Fans. Die Rituale einer olympischen Eröffnungsfeier haben quasireligiösen Charakter. Es ist ein „heiliges“ Ritual, jener „Einmarsch der Nationen“, das hineintragen der Olympischen Fahne, die Hymnen, das Entzünden des Feuers. Die Eröffnungszeremonie habe den Charakter einer Friedenswallfahrt, hat der ehemalige österreichische Olympia-Kaplan Bernhard Maier einmal gesagt. Der „Einmarsch der Nationen“ erinnere ihn an die Verheißung der alttestamentlichen Propheten von der Völkerwallfahrt nach Jerusalem und dem verheißenen Reich des Friedens: „Wenn 200 Nationen einmarschieren, sind im Stadion praktisch alle Völker der Welt versammelt“.

Olympia vereint die Sphären von Sport und Religion. Die Spiele begannen mit dem religiösen Glauben an Gott. Oder an Götter. Der Olymp ist der Sitz der hellenischen Götter, die Olympischen Spiele im antiken Griechenland Feiern zu ihren Ehren, insbesondere zu Ehren des Zeus. So war es ab 776 vor Christus. Olympia war wichtig – die Griechen teilten ihre Zeit danach ein: eine Olympiade war der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen. Jesus Christus wird – so hören wir es im Martyrologium in der Weihnachtsliturgie – „in der 194. Olympiade“ geboren.

Voraussetzung für ein unbeschwertes Fest und nicht zuletzt, um den Athleten überhaupt die sichere An- und Abreise zu den Wettkampfstätten in Olympia zu ermöglichen, war die olympische Waffenruhe, die als ausdrücklicher Gottesfriede in einem Abkommen griechischer Stämme bereits 884 vor Christus vereinbart wurde. Olympia macht‘s möglich. Wie sehr würde man sich so etwas auch heute wünschen!

Für die Athleten selbst gab es eine besondere Qualifikationsbedingung: „An den Spielen darf teilnehmen jeder Grieche, sofern er frei geboren, von keiner Bluttat befleckt und nicht beladen ist mit dem Fluch der Götter“. Religiöse Wettkämpfe zu Ehren der Götter waren dabei nicht auf Olympia beschränkt, sondern fanden in vielen Teilen Griechenlands regelmäßig statt. Ein Ende hatte dies erst im Jahr 393 – oder: am Ende der 293. Olympiade: Kaiser Theodosius I. verbot alle heidnischen Kulte. Das betraf auch die Wettkämpfe in Olympia. Theodosius II. schuf dann 426 mit der Schließung des Zeustempels endgültig Fakten. The Games must not go on – obwohl sie im Verborgenen noch bis ins 6. Jahrhundert hinein stattgefunden haben sollen. Das Verbot der Spiele aus religionspolitischen Gründen ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Sport und Religion in der Antike untrennbar miteinander verbunden waren.

Der Bezug zur Sphäre des Religiösen wird jedoch auch bei den Spielen der Moderne deutlich, die ab 1896 regelmäßig stattfinden – „olympischer Friede“ vorausgesetzt: 1916 sowie 1940 und 1944 fiel Olympia den Weltkriegen zum Opfer – 1940 waren sie in Tokyo geplant. Der Begründer der neuzeitlichen Olympischen Spiele, Baron Pierre de Coubertin, griff bewusst den religiösen Aspekt der antiken Wettkämpfe auf. Dabei ging es ihm weniger um den Kern des Religiösen, den Transzendenzbezug und die Rituale kultischer Verehrung, sondern um religiöse Sprache und die Fähigkeit der Religion, ein stabiles Wertegerüst aufzurichten und zu sichern.

Der Pädagoge Coubertin ist ein Streiter gegen die Nebenwirkungen der Moderne, den Egoismus, das Gewinnstreben, den Zerfall familiärer Bindungen und traditioneller Wertvorstellungen. Gegen die Dekadenz will er die Tugenden einer „Athletenreligion“ setzen: Leistungsbereitschaft, Gemeinschaftssinn, Chancengleichheit, Globalitätsbewusstsein, Fairness. Das Bild der Religion wählt Coubertin also nicht mit der Absicht, christliche Glaubensinhalte zu vermitteln, sondern um seiner Idee den Glanz „kultischer Rituale“ zu geben, um Olympische Spiele „mittels der Pracht machtvoller Symbolik von der einfachen Serie von Weltmeisterschaften“ unterscheidbar zu machen und mit ihnen eine „philosophische und historische Lehre gewaltiger Reichweite“ zu begründen, wie der Sportwissenschaftler Elk Franke schreibt.

Die olympische Liturgie wird weiterentwickelt (seit 1920 gibt es den Eid, seit 1928 tragen die Goldmedaillen das Bild der griechischen Siegesgöttin Nike), um kurz vor Coubertins Tod (1937) bei den Nazi-Spielen 1936 in Berlin auf ein neues Niveau gehoben zu werden, mit bis heute gültigen Symbolen und Ritualen, etwa dem Fackellauf. Hier ergibt sich wiederum eine Brücke in die Antike: Bis heute wird die Fackel im heiligen Hain von Olympia von einer als Hohepriesterin verkleideten Frau entzündet, von dort macht sie sich auf den Weg durch die Welt. Athen und der Erdkreis – Olympische Spiele haben ihr ganz eigenes „urbi et orbi“.

Der amerikanische Unternehmer Avery Brundage, der nach dem Krieg die Führung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) übernahm, sah in den Athleten „eine Art Priester und Diener der Religion der Muskelkraft“. 1964 gab er zu Protokoll: „Die olympische Bewegung ist eine Religion des 20. Jahrhunderts, eine Religion mit universalem Anspruch, die in sich die Grundwerte anderer Religionen vereinigt. Eine moderne, dynamische Religion, attraktiv für die Jugend, und wir vom Internationalen Olympischen Komitee sind seine Jünger“.

Es gab zu Beginn der Olympischen Bewegung den Versuch, das Christentum mit der neuen „Religion der Muskelkraft“ zu versöhnen. Bei den Spielen in Stockholm 1912 gab es auf Anweisung Coubertins einen zehnminütigen Gottesdienst mit einem Psalm und zwei Gebeten, eins auf Schwedisch, eins auf Englisch. Später hat der Baron Zweifel an diesem Schritt. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Wenn wir wie in Stockholm die Wettbewerbe durch einen öffentlichen Gottesdienst begannen, zwangen wir die Athleten, daran teilzunehmen. Es waren aber zum Teil reife Männer, denen das missfallen konnte. Das ganze dauerte zehn Minuten, aber es lag etwas Erhabenes in dem tiefen Schweigen dieser Tausenden von Zusehern und Athleten. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass wir unsere Rechte überschritten“. Zukünftig blieb es dem jeweiligen Veranstalter überlassen, eine kurze religiöse Feier von maximal drei Minuten abzuhalten. In den offiziellen olympischen Statuten war hierfür ein Platz unmittelbar vor dem Eid der Athleten (seit 1972 auch der Wettkampfrichter) vorgesehen. Seit 1980 – seit den Boykott-Spielen von Moskau – fehlt ein derartiger Hinweis in der Olympischen Charta.

Olympische Spiele sind heute in erster Linie gigantische Show-Veranstaltungen, die auf Stimmungserzeugung ausgerichtet sind, die sich in der Pseudoreligiösität eines pathetischen Humanismus‘ erschöpfen. Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann warnt angesichts dieser Entwicklung: „In Olympia feiert der Mensch sich selbst. Eine Religion ohne Gott führt zur Vergötterung der Menschen und ihrer Leistung“.

(Josef Bordat)