Laubsauger

Zu den großen Errungenschaften deutscher Kultur zählt neben Kindergarten, Schadenfreude und Beckenbauer der ordentlich gepflegte Vorgarten. Schon der mittelalterliche Minnesang thematisiert den traulichen Samstagnachmittagshabitus der fleißigen Besitzer germanischer Doppelhüttenhälften und bringt ihn zum stolzen romanischen Veni, vidi, vici! in vibrierende Spannung:Mähen, säen, jäten. Die Geschichte erzählt, wie Karl der Große kam, sah und unter den Anweisungen seiner Gattin Sträucher umpflanzte. Der Philosoph Leibniz (der mit den 52 Zähnen) soll einst die Hofdamen zu Hannover aufgefordert haben, die Blätter der Parkbäume zu betrachten, damit sie erkannten, dass nicht „eines dem anderen gleiche“ – ein eindrückliches Sinnbild für die Vielfalt göttlicher Schöpfung. Hinterher haben sie die Blätter zusammengeharkt.

Dem deutschen Volk kommt bei der Pflege des Vorgartens eine besondere Rolle zu. Als Kollektiv der Nachbarn wirkt es neben dem genetisch begründeten inneren Antrieb regulierend auf Rasenhöhe und Blumenbestand. Eine besondere Aufgabe kommt ihm, dem Volk, im Herbst zu, wenn die Bäume der unangenehmen Eigenschaft nachkommen, ihre jeweils einzigartigen Blätter fallen zu lassen. Dann kommt etwas zum Zuge, dass den ganzen Sommer über in gelassener Warteposition im Schuppen stand: der Laubsauger. Für mich ist nicht die Kultur, die Sprache oder die Fähigkeit zur Selbsttranszendierung der Schlüssel zur Essenz des Menschen, zum eigentlichen Humanisimum, sondern der Laubsauger. Kein anderes Wesen, auch kein Schimpanse, Bonobo oder Delphin, käme auf die Idee, dass den Blättern im Vorgarten Recht sein muss, was dem Staub auf dem Wohnzimmerteppich billig ist.

Mit dem Laubsauger, der aus energetischen Gründen direkt aus dem nahegelegenen Kraftwerk gespeist wird, geht homo sapiens der Farbenpracht an den Kragen. Man spürt das Knacken des trockenen Laubs im integrierten Minihäcksler. Hören kann man es freilich nicht, da der integrierte Minihäcksler seine 80.000 Umdrehungen pro Sekunde auch akustisch dokumentiert. Dazu saugt der Laubsauger mit der Kraft eines inwendigen Hurrikans. „Tornado 2000“ – nomen es omen. Deutschlands Laubsaugerindustrie wird ihrer Rolle als Lokomotive des postpandemischen Aufschwungs gerecht. Und ich habe meine gewohnte herbstliche Geräuschkulisse: zwischen dem Säuseln des Windes und der „Ich gehe mit meiner Laterne“-CD die Symphonie für explodierende Turbinen.

(Josef Bordat)