Hedonismus für heute

Nicola Condoleo ergründet Epikurs Wege, ohne immer auf ihnen zu bleiben.

Der griechische Philosoph Epikur, der vor etwa 2300 Jahren lebte, hat mit dem Hedonismus eine Ethik entwickelt, bei der das Gelingen des eigenen Lebens zentral ist. Das Glück liegt bei ihm in einer Lebenslust begründet, die durch Freundschaft und die Überwindung von Sorgen und Ängsten erreichbar sei. Epikur ist damit hochaktuell, drohen uns die Krisen der Gegenwart mit ihren Begleiterscheinungen doch oft genug die Lust am Leben zu rauben.

Wie bei vielen antiken Autoren liegen uns von Epikurs Werk nur Fragmente vor. Darunter sind drei Briefe sowie 40 Lehrsätze, die sein philosophisches Denken umreißen. Der Philosoph und Buchautor Nicola Condoleo fragt in Epikurs Wege nach der Aktualität dieses antiken Denkens. Der Gang über die Wege Epikurs erfolgt anhand der Lehrsätze. Er führt zur aktualisierenden Auseinandersetzung mit der Lehre Epikurs in Bezug auf Wissen und Glauben – und immer wieder im Blick auf die Suche nach dem guten Leben.

Nicht immer ist das klar, ob sich die Schlussfolgerungen tatsächlich mit dem decken, was an Epikurs Position aufweisbar ist. Klar ist, dass ihrer Aktualisierung die Interpretation des Aurors zugrunde liegt, allerdings scheint diese wiederum weltanschaulich ziemlich festgelegt zu sein. Bei der Übertragung der Lehrsätze Epikurs in eine moderne Sprache etwa nimmt der Ideologe dem Philologen die Feder aus der Hand – von Epikurs Gottesbild („Das glückselige und unvergängliche Wesen [Gott, J.B.] hat weder selbst Sorgen, noch bereitet es sie einem anderen.“) darauf zu schließen, dass Gott nicht existiert („Es gibt keinen Gott, keine Götter. Es gibt kein Jenseits. Und wenn es eins gäbe, wäre es eine Welt, die uns Menschen nichts angeht.“), mag die Privatmeinung des Verfassers sein, sprengt jedoch den Rahmen einer sprachlich aktualisierten Übertragung weit und wird auch durch den disclaimer, es damit nicht immer ganz ernst meinen zu wollen, nicht geheilt. Auch wird die dezidiert atheistische Deutung von Epikurs Gottesbild und die Reduzierung der Jenseitsvorstellung auf Strafe und Schmerz dem griechischen Philosophen nicht ganz gerecht, der zwar (so ziemlich als erster) die Theodizeefrage stellte, jedoch als Gewährsmann des Atheismus (der Verfasser zieht sogar eine Linie zu Richard Dawkins) nicht taugt. Epikur hat die Existenz Gottes bzw. der Götter nie bezweifelt (vgl. dazu etwa Wolfgang Rothers Aufsatz „Gott, Tod und Lust in der Philosophie Epikurs“ aus 2018).

So steht am Ende ein geteilter Eindruck: Einerseits ist es sicher gut, Epikurs Lehre in allgemein zugänglicher Form zu aktualisieren, andererseits bleibt die Frage offen, ob Nicola Condoleos Epikur-Interpretation das Buch nicht zu sehr in die vom Verfasser gewollte Richtung driften lässt. Vielleicht hätte ja Epikur selbst zu mehr Offenheit geraten.

Bibliographische Angaben:
Nicola Condoleo: Epikurs Wege. Eine praktische Einführung zum lustvollen Leben.
Marburg: Büchner (2022).
90 Seiten, 15 €.
ISBN: 978-3-96317-309-7.

(Josef Bordat)