Zoon politikon

Thilo Hagendorff über das in die Schieflage geratene Verhältnis von Mensch und Tier.

Der Mensch, der sich im Laufe der Zivilisation gedanklich immer mehr von seiner Naturverbundenheit gelöst hat, überhebt sich über die Natur, nutzt sie, nutzt sie aus. Die Verfügung über die natürlichen Ressourcen macht vor Tieren nicht Halt. Auch sie werden rigoros ausgebeutet. Längst hat sich eine vor allem umwelt- und klimaethisch motivierte Gegenbewegung formiert, die auf ein neues Mensch-Natur-Verhältnis drängt. Eine ihrer Speerspitzen ist der Veganismus, der den klassischen Tierschutz konsequent auf die Ernähungspraxis ausweitet. Der Mensch soll keine tierischen Produkte mehr konsumieren.

Der Sozialwissenschaftler und Ethiker Thilo Hagendorff liefert dafür im Rückgriff auf zahlreiche wissenschaftliche Forschungsarbeiten eine kenntnisreiche Begründung. Er schlägt in seinem Buch Was sich am Fleisch entscheidet einen großen Bogen und versucht, in holistischer Betrachtung des Verhältnisses von Mensch und Tier die Facetten dessen zu ergründen, was an diesem Verhältnis schief liegt. Nicht allein der Mensch ist dabei ein politisches Wesen, auch das Tier und der Umgang mit ihm hat eine politische Dimension, fällt zurück auf uns, nicht nur in ökologischer, sondern auch in gesellschaftlicher Hinsicht.

Dieser These folgend durchstreift der Verfasser unterschiedliche Lebensbereiche und Subsysteme des Politischen, stellt Bezüge zwischen unserem Fleischkonsum und unserer kulturellen Großwetterlage her und gibt Anregungen für die Behebung der sozialen Krisen, Hinweise und Ratschläge, die alle damit zusammenhängen, dass wir unsere Beziehung zu den Tieren überdenken und ändern müssen. Denn die industrielle Nutzung und Tötung von Tieren habe, so Hagendorff weitreichende Folgen hinsichtlich der Fehlentwicklungen unserer Zeit. Ganz konkret: Gewalt gegenüber Tieren führe zu Gewalt gegenüber Menschen; die ersehnte von Frieden und gegenseitigem Respekt geprägte Gesellschaft sei ohne die Beendigung der globalen Tierindustrie nicht denkbar. Ergo: Am Fleisch entscheidet sich nicht weniger als unser Schicksal.

Das ist sicher ein radikaler Ansatz, doch verdient er Beachtung. Nur ein verändertes Mensch-Natur-Verhältnis kann die Basis für das Überleben aller Kreaturen schaffen. Da sind sich heute viele einig. Doch nur wenige denken diese Veränderung konsequent zuende und gelangen so zu Schlussfolgerungen, die unsere Lebensweise grundsätzlich in Frage stellen. Thilo Hagendorff ist einer der wenigen.

Bibliographische Angaben:
Thilo Hagendorff: Was sich am Fleisch entscheidet. Über die politische Bedeutung von Tieren.
Marburg: Büchner (2021).
290 Seiten, 18 €.
ISBN: 978-3-96317-237-3.

(Josef Bordat)