Schrei des Unschuldigen

»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Mt 27, 47). Dein Schrei, Herr, verstummt nicht und hallt wider von diesen Wänden, die an die Leiden so vieler Söhne und Töchter dieses Volkes erinnern. Litauer und Menschen verschiedener Nationen haben am eigenen Leib den Größenwahn derer erlitten, die sich anmaßten, alles zu kontrollieren. In deinem Schrei, Herr, hallt der Schrei des Unschuldigen wider, der sich mit deiner Stimme vereint und zum Himmel schreit. Es ist der Karfreitag der Trauer und Bitterkeit, der Verzweiflung und Hilflosigkeit, der Grausamkeit und Sinnlosigkeit, den dieses litauische Volk angesichts eines ungezügelten Machtanspruchs erlebte, der das Herz verhärtet und blendet.

Papst Franziskus (aus dem Gebet im Museum für Genozid-Opfer in Vilnius, Litauen)

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Ökumenisches Wort zur Interkulturellen Woche

In einem Gemeinsamen Wort der Kirchen laden der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, Metropolit Augoustinos, zur Teilnahme an der 43. Interkulturellen Woche ein. Sie findet vom 23. bis 29. September 2018 statt und steht unter dem Leitthema „Vielfalt verbindet“. Geplant sind mehr als 5.000 Veranstaltungen an über 500 Orten im gesamten Bundesgebiet.

In dem Ökumenischen Wort heißt es:

„Die Interkulturelle Woche dient der Begegnung zwischen ‚alten‘ und ’neuen‘ Nachbarn: Im Austausch über den Alltag, im Gespräch über Gemeinsames und Unterscheidendes kann Vertrauen wachsen. Gleichzeitig bietet die Interkulturelle Woche eine gute Gelegenheit, mit politischen Verantwortungsträgern über drängende Fragen ins Gespräch zu kommen.

Dazu gehört etwa die Situation an den europäischen Außengrenzen. Die Staaten Europas stehen vor der Aufgabe, Fragen der Migration menschengerecht zu gestalten. Wenn wir uns daran gewöhnen, dass tagtäglich schutzsuchende Menschen an den Außengrenzen ihr Leben verlieren, drohen unsere Grundwerte bedeutungslos zu werden. Seenotrettung darf daher nicht kriminalisiert werden. Sie stellt eine völkerrechtliche und humanitäre Verpflichtung dar.

Mit Nachdruck setzen sich die Kirchen dafür ein, dass Menschen, die bei uns Schutz suchen, nicht dauerhaft von ihren engsten Angehörigen getrennt werden. Der Schutz der Familie liegt den Kirchen am Herzen. Zugleich ist er im Grundgesetz verbrieft und durch mehrere Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts bestätigt. Die Aussetzung des Familiennachzugs für Bürgerkriegsflüchtlinge hat viele Betroffene in Verzweiflung gestürzt. Künftig soll er nur noch in stark eingeschränkter Form möglich sein. Damit verbindet sich eine Frage, die für die Betroffenen existentiell ist: Was passiert mit jenen Familien, die nicht berücksichtigt werden und deshalb über mehrere Jahre voneinander getrennt bleiben? Welche Folgen hat das Trauma der Trennung für sie persönlich? Können sie sich unter solchen Umständen auf ein neues Leben in Deutschland einlassen? Als Kirchen werben wir hier für eine humane und verantwortungsvolle Lösung.“

Der Text des Gemeinsamen Wortes der Kirchen zur Interkulturellen Woche kann auf der DBK-website heruntergeladen werden.

(Josef Bordat)

Kontrastprogramm

Sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa. Er wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr; denn er wollte seine Jünger über etwas belehren. Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen. Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen. Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer (von ihnen) der Größte sei. Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat. (Markus 9, 30-37)

Noch einmal kündigt Jesus seinen Jüngern an, wie es mit ihm weitergehen wird: Auslieferung, Hinrichtung, Auferstehung. Er zieht sie ins Vertrauen, nur sie. Abseits der Menschenmengen, heimlich. Er offenbart ihnen Gottes Plan, er zeigt ihnen den Weg der Erlösung. Er weiht sie ein in das Geheimnis des Glaubens.

Dieser zweiten Ankündigung des Leidens und der Auferstehung folgt ein bizarres Kontrastprogramm, der so genannte „Rangstreit der Jünger“. Nachdem Jesus die Jünger ins Vertrauen gezogen hat, haben sie nichts Besseres zu tun, als darüber zu diskutieren, „wer (von ihnen) der Größte sei“. Es ist schier zum Verzweifeln!

Jesus wiederum bietet den Jüngern ein anschauliches Kontrastprogramm zur menschlichen Hybris, der Größte zu sein: ein Kind. Es steht für das Kleine, das Unschuldige, aber auch für das sich Entwickelnde, das Unfertige, für das, was wachsen und lernen muss. Ein solches Bewusstsein sollen die Jünger und damit auch wir in uns aufnehmen, denn: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf“.

(Josef Bordat)

Was hat Homosexualität mit sexuellem Missbrauch zu tun?

Zwischen der sexuellen Orientierung und sexuellem Missbrauch in Institutionen gibt es nur eine schwache Korrelation. Das stellt die aktuelle Studie der deutschen Bischöfe im Raum der Katholischen Kirche in Deutschland (gemessen an dem Zwischenbericht aus 2016) heraus. Entscheidend seien vor allem Unreife, Persönlichkeitsstörungen und psychische Erkrankungen.

Einen Zusammenhang scheint es aber dort zu geben, wo Missbrauch insgesamt am häufigsten vorkommt: in den Familien bzw. in engen sozialen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen. Genetische Verwandtschaft hemmt in diesen die Wahrscheinlichkeit sexueller Interaktion, der Wegfall dieser „Inzest-Hemmung“ (so der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera) erhöht sie.

Das ist der Fall in Patchwork-Familien (zu den Haupttätergruppen gehören insbesondere Stiefväter) und in Paarbeziehungen homosexueller Männer, wenn in diesen Kinder leben, da diese nicht mit beiden Partner verwandt sind, ja: sein können. Hier ergibt sich also wie in der Patchwork-Familie ein Wegfall der biologischen Nähe zu (mindestens) einem der Partner – nur hier eben systematisch bzw. zwangsläufig.

Damit ist die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit von sexuellem Missbrauch in gleichgeschlechtlichen Beziehungen mit Kindern eine logische Folge der Homosexualität. Dass diese Wahrscheinlichkeit tatsächlich erhöht ist, zeigen Studien aus den USA.

Ulrich Kutschera führt in einem Zeitungskommentar für die „Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA)“ unter Berufung auf Studien in den USA eine „mindestens 10-fach höhere Wahrscheinlichkeit einer Kindesmisshandlung“ in gleichgeschlechtlichen Beziehungen an. Er bezieht sich dabei u.a. auf die Studie „How different are the adult children of parents who have same-sex relationships?“ des US-Soziologen Mark Regnerus, die 2012 in Social Science Research erschien.

Bereits 2004 hatte eine Studie von James E. McCarrol ergeben, dass die Wahrscheinlichkeit eines homosexuell lebenden Mannes, einen Jungen zwischen 12 und 15 Jahren zu missbrauchen, fünfmal höher sei als die Wahrscheinlichkeit eines heterosexuell lebenden Mannes, ein Mädchen zwischen 12 und 15 zu missbrauchen („Comparison of U.S. army and civilian substantiated reports of child maltreatment, in: Childhood Maltreatment).

Aktuelle Studien (Monographien von Lopez und Gartner) belegten diese Befunde, so Kutschera im Juli 2018 in einem Interview mit „kath.net“. Dort findet man auch Hinweise auf besagte Studien.

Für die Kirche – als Institution – gilt jedoch die Annahme der schwachen Korrelation. Plausibel ist, was Wunibald Müller in diesem Zusammenhang bemerkt: Nicht Homosexualität, sondern der restriktive Umgang der Kirche mit homosexuellen Priestern sei das Problem, weil es ihre Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität verhindere, was letztlich sexuelle Unreife zur Folge habe. Und Unreife – so wiederum die aktuelle DBK-Studie – ist die Hauptursache von sexuellem Missbrauch.

(Josef Bordat)

Vier Anmerkungen

Es gibt zu meinem Tagespost-Kommentar „Schweigender Hirte“ viele Rückmeldungen. Zum Teil öffentlich (im Facebook), zum Teil in Gestalt persönlicher Mitteilungen (per Mail). Zunächst: Vielen Dank dafür. Ich bitte um Verständnis, wenn ich nicht auf jeden Beitrag und jede Mail einzeln eingehe.

Ganz allgemein, vier Anmerkungen, die vielleicht etwas aufklären, weil sie Punkte erläutern, die in fast allen kritischen Rückmeldungen vorkommen (über die zustimmenden, die es auch gibt, freue ich mich, muss dazu aber nichts weiter sagen, außer: Danke!).

Also:

1. Es ging mir darum, eine Perspektive zu eröffnen, aus der man das Schweigen auch anders deuten kann denn als Schuldeingeständnis bezüglich der Vorwürfe (solche sind es ja). So kommt das Schweigen offenbar bei vielen an: „am ehesten mit einem Schuldeingeständnis vergleichbar“, „ein schuldiger Mensch schweigt, obwohl (oder gerade weil?) er etwas auf dem Gewissen hat“, „Schutz seiner Person“). Man ist geneigt, gerade katholische Freunde in diesen Tagen daran zu erinnern, dass die Unschuldsvermutung auch (ja: selbst) für den Papst gilt.

2. Es geht mir um das persönliche Schweigen des Papstes, nicht um ein „Schweigen“ der Institution Kirche. Es wäre ein Missverständnis zu meinen, ich sei gegen Aufklärung in Sachen Missbrauch. Das widerspräche so ziemlich allem, was ich sonst zum Missbrauch geschrieben haben (und auch dem gesunden Menschenverstand). Dass das Thema behandelt gehört, so schmerzlich das ist, darüber kann es keine zwei Meinungen geben. Aber die Frage, ob sich Papst Franziskus nun persönlich schnellstens zu Vorwürfen äußern soll, die in die Welt gesetzt wurden, ist eine ganz andere.

3. Der Text entstand im Nachgang einer Debatte darüber, inwieweit die Öffentlichkeit (in Gestalt der Presse) von einem Papst eine Stellungnahme zu Vorwürfen einfordern kann, soll, muss oder darf. Möglicherweise auch noch unter zeitlichem („jetzt“) und / oder moralischem Druck (sonst „Rücktritt“). Dazu gibt es durchaus unterschiedliche Positionen. Ich bin davon überzeugt, dass niemand der an der Diskussion Beteiligten damit verbindet, die Kirche solle das Thema Missbrauch als solches unbehandelt lassen. Es geht hier allein um die Frage, wie sich ein Papst persönlich zu verhalten hat.

4. Viele beziehen sich auch auf die Analogie zum Schweigen Jesu, finden den Vergleich „vermessen“, „geschmacklos“, „skandalös“ (ich hör hier mal auf, es geht noch weiter – an dieser Stelle, finde ich, darf man auch deutlich werden!). Den theologischen Einwand der Nichtvergleichbarkeit des Schweigens Jesu mit dem Schweigen eines sündhaften Menschen generell verstehe ich. Jeder Vergleich mit Jesus hinkt. Mir ging es auch nicht so sehr darum, Franziskus‘ Schweigen mit Jesu Schweigen in Gänze (Anlass, Bedeutung, Wirkung) gleichzusetzen, sondern die Analogie der Drucksituation bei „Original“ und „Stellvertretung“ zu nutzen, um eben (vgl. Punkt 1) eine neue Perspektive auf das Schweigen zu erhalten.

Allgemein sehe ich im Schweigen Jesu nämlich die Quelle für den hohen Stellenwert des Schweigens in der christlichen Spiritualität, gerade auch in Bedrängnis und unter dem Druck der Öffentlichkeit. Daher die Bezugnahme darauf.

Und: Eine Nichtvergleichbarkeit im Speziellen anzunehmen, setzt ja voraus, dass Franziskus schuldig ist (und zwar nicht nur hinsichtlich des Konzepts der Sündhaftigkeit, sondern auch hinsichtlich der Vorwürfe). Viele Bemerkungen gehen in diese Richtung („Jesus war unschuldig!“ – freilich war er das! Gemeint ist dann aber wohl auch: im Gegensatz zu Franziskus). Aber dazu müsste man dann eben auch sehen, dass Franziskus nachweislich unschuldig war in einer Angelegenheit, zu er ebenfalls beharrlich schwieg. Die Situation war 2013 durchaus vergleichbar: 1. Vorwürfe (dubiose Rolle während der Militärdiktatur in Argentinien), 2. Forderungen, Stellung zu beziehen, 3. Schweigen des Papstes.

Ich hoffe, mit diesen kurzen Erläuterungen etwas zur Klärung des Anliegens meines Kommentars beigetragen zu haben.

(Josef Bordat)

Weltfrieden

Zum heutigen Weltfriedenstag appelliert die Gemeinschaft Sant’Egidio an die Staaten und die Internationalen Organisationen und Einrichtungen, die Anstrengungen für Friedens- und Vermittlungsmissionen zu vermehren, um die weltweit über 30 aktuell bestehenden Konflikte zu beenden.

Denn es gebe, so Sant’Egidio, in vielen Fällen aufgrund von Untätigkeit keinen Frieden. Der Fall Syrien sei beispielhaft: Dieser Konflikt dauert schon länger als der Zweite Weltkrieg und hat über eine halbe Millionen Todesopfer gefordert sowie fast sechs Millionen Flüchtlinge und fast sieben Millionen Inlandsvertriebene.

Die Gemeinschaft erinnert daran, dass niemand von Konflikten profitiert, außer den Waffenhändlers. Jeder Krieg hinterlasse Wunden und Zerstörungen, die Jahrzehnte benötigen, um geheilt und beseitigt zu werden, heißt es in dem Appell.

Die Gemeinschaft Sant’Egidio bekräftigt im fünfzigsten Jahr seit ihrer Gründung erneut ihren Willen, sich für die Schaffung von Friedensabkommen einzusetzen, wo sie dazu eingeladen wird oder wo sie auch nur einen minimalen Spielraum erkennt, um ihren Beitrag als Christliche Gemeinschaft einzubringen.

Derzeit vermittelt Sant’Egidio vor allem in der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan und in Libyen zwischen Konfliktparteien.

(Josef Bordat)