Thomas und der Krieg

„Wie kann“, so fragte Jesus gestern im Tagesevangelium, „der Satan den Satan austreiben?“ (Mk 3, 22), um zu erläutern, dass das nicht geht. Kann man, so fragen wir uns oft, Gewalt mit Gewalt, Krieg mit Krieg bekämpfen? Oder geht das auch nicht?

Thomas von Aquin, dessen die Katholische Kirche heute gedenkt, fragt etwas anders: Er untersucht, ob Kriegsführung immer eine Sünde ist. Unter drei Bedingungen sei dies zu verneinen: Eine Autorisierung durch den bevollmächtigten Fürsten (auctoritas principis), ein gerechter Grund (causa iusta) und eine rechte Absicht (recta intentio) müssen gleichzeitig vorliegen, um von einem gerechten Krieg sprechen zu können (Sum. Theol. II-II, 40, 1).

Dabei verlagert sich der Schwerpunkt von der causa iusta, die bei Augustinus noch im Vordergrund stand, zum auctoritas principis. Später, in der frühen Neuzeit mit ihrem absolutistischen Staatsbegriff, fallen diesen beiden Aspekte zusammen: Ein Fürst, der zum Krieg qua Fürstenamt autorisiert ist, führt stets gerechte Kriege. Das sehen wir heute anders.

Für die Kriegsführung gelten bei Thomas hingegen ähnliche Grundsätze wie wir sie auch heute noch in den Debatten um Humanitäre Interventionen aufrufen. Die recta intentio zeigt sich in der Wahl der Mittel. So geht auch die Art und Weise eines Krieges in dessen sittliche Beurteilung ein, sogar derart, dass ein Krieg, bei dessen Beginn alle drei Voraussetzungen vorlagen, durch den Umstand, dass im Kriegsverlauf unangemessene Mittel zum Einsatz kommen, ungerecht wird. Nicht nur der Zweck muss gerecht sein, sondern auch die Mittel.

Für heute bedeutet dies, dass neben der Selbstverteidigung auch Humanitäre Interventionen gerechtfertigt sein können, wenn deren Verlauf nicht mehr Opfer befürchten lässt als Menschen durch sie gerettet werden können. Zwar ist eine solche konsequentialistische Argumentation, die Leben gegen Leben verrechnet, ethisch höchst problematisch und widerspricht der Absolutheit des Tötungsverbots im Dekalog, aber in Extremfällen massiver Verletzung elementarer Menschenrechte muss gehandelt werden, notfalls auch mit Gewalt.

Gestern haben wir einer solchen Handlung gedacht: der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Damals wurde Krieg mit Krieg bekämpft. Um die Gewalt in den KZs zu beenden, war militärische Gewalt notwendig.

(Josef Bordat)

Ist Antisemitismus „vor allem muslimisch“?

Philipp Amthor meinte gestern in einem Interview mit dem Fernsehsender n-tv, Antisemitismus gehe heute vornehmlich von Muslimen aus: „Antisemitismus, das darf man nicht vergessen, ist vor allem in muslimisch geprägten Kulturkreisen besonders stark vertreten“, so der CDU-Politiker. Der Nachrichtensender titelte: „Antisemitismus ist vor allem muslimisch“. Daneben ein Bild Amthors.

Daraufhin war die Empörung groß. Ausgerechnet am Schoah-Gedanktag, noch dazu am 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz lenke Amthor, so der Vorwurf, den Blick auf eine Minderheit und versuche, die Problematik auf diese abzuwälzen.
Mittlerweile hat Amthor seine Position erläutert und teilweise zurückgenommen.

Doch man könnte ja jenseits der Empörung mal fragen: Hat Philipp Amthor Recht? Also, nicht kulturhistorisch, sondern in dem konkreten Sinne, dass Muslime heute in Deutschland und in Europa die Haupttätergruppe bilden. Schaut man sich die Zahlen, Daten und Fakten an, ergibt sich ein differenziertes Bild.

Zunächst bei uns. Hier sei es – folgt man dem Gutachten „Antisemitismus in Deutschland. Aktuelle Entwicklungen“ (2017) des Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus – so, dass Muslime als Täter in den letzten jahren öfter „vorkommen“: „Der mediale Fokus sowohl in den Print- als auch in den Fernsehmedien hat sich in den letzten Jahren in Bezug auf Antisemitismus immer stärker auf ‚die Muslime‘ gerichtet und damit die Diskurse in der Öffentlichkeit entscheidend beeinflusst. Andere Tätergruppen, wie etwa Rechtsextreme, traten in der medialen Wahrnehmung demgegenüber in den Hintergrund“ (S. 122). Amthor – ein Medienopfer?

Schauen wir weiter. Das wirklich lesenswerte Gutachten weist im Kapitel „4.7.2 Antisemitismus unter muslimischen Befragten“ auf etwas sehr wichtiges hin: „Der Faktor ‚muslimische Religionszugehörigkeit‘ ist mit einer Reihe von anderen Variablen konfundiert, die nicht immer auseinandergehalten werden“ (S. 75). Das heißt, es gilt herauszuarbeiten, ob der Antisemitismus der Muslime mit dem religiösen Glauben (also dem Islam), der kulturellen Verwurzelung (als türkisch- oder arabischstämmig), der sozialen Situation (empfundene relative Deprivation, latente Anomia) oder mit anderen Einflüssen (vorherrschender Autoritarismus in den zugehörigen Kommunitäten) zu tun hat. Das ist – zumal dezidierte Studien dazu fehlen – extrem schwierig. Entsprechend reserviert geht das Gutachten mit dem Thema um.

Auch die Polizeistatistik des BKA zu antisemitischen Straftaten macht es einem da nicht leichter, weist sie doch die Kategorien „rechts“, „links“, „ausländisch“ und „religiös“ aus, wobei die Einordnung eines dänischen Neonazis ebenso uneindeutig wäre wie die eines linksextremen Kurden. Und „religiös“ heißt nicht automatisch „muslimisch“ – es gibt auch christlich motivierten Antisemitismus (obwohl man es kaum glauben mag).

Fest steht: In den letzten Jahren führte hierzulande zumeist eine rechtsextreme Motivation zu antisemitischen Straftaten. Um den Daumen gepeilt sind es seit einigen Jahren stets rund 90 Prozent der Taten, die auf Rechtsextremisten zurückgehen. Die Tätergruppen „links“, „ausländisch“ und „religiös“ sind nur marginal vertreten. Auch zuletzt: 2018 gab es 1799 antisemitische Straftaten, davon 1603 von rechts. Das entspricht 89,1 Prozent.

Irrelevant ist muslimischer Antisemitismus – oft in Verbindung mit einer ablehnenden Haltung gegenüber Israel – damit jedoch nicht, denn eingedenk der Tatsache, dass es in Deutschland nur fünf Prozent Muslime gibt, also auch nur jeder 20. Einwohner für „muslimisch motivierten Antisemitismus“ überhaupt in Frage kommen kann, sind natürlich auch nur Anteile in dieser Größenordnung zu erwarten. Für konkrete Angaben sich die Kategorien „ausländisch“ (2018: 5,7 Prozent) und „religiös“ (2,9 Prozent) viel zu vage.

Das Problem scheint dabei jedoch größer zu sein als es diese geringen Anteile ausdrücken. Vor allem unter jungen Muslimen ist eine israelfeindliche Haltung weit verbreitet und fünfmal höher als in der nicht-muslimischen Vergleichsgruppe. Die Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ (2010) ergab für das Statement „Es wäre besser, wenn die Juden den Nahen Osten verlassen würden“ 25 Prozent Zustimmung bei muslimischen Jugendlichen, dagegen nur 5 Prozent Zustimmung bei nicht-muslimischen Jugendlichen (vgl. Antisemitismus in Deutschland, S. 77, FN 247).

Eine Studie des Exzellenzclusters Religion und Politik an der Universität Münster („Integration und Religion aus der Sicht der Türkischstämmigen in Deutschland“, 2016) brachte ans Licht, dass die „persönliche Haltung von erwachsenen türkischstämmigen Muslimen gegenüber Juden deutlich negativer ausfällt als die gegenüber Christen. Gaben 80 Prozent an, gegenüber Christen eine sehr bzw. eher positive Haltung zu haben, waren dies bezüglich der Juden nur 59 Prozent. Christen wurden nur von fünf Prozent sehr oder eher negativ gesehen, Juden von 21 Prozent. Auffällig ist dabei, dass 30 Prozent bei der Frage nach der persönlichen Einstellung zu Juden die Antwortvorgabe ‚weiß nicht/keine Angabe‘ wählten, im Fall der Christen waren es nur halb so viele“ (Antisemitismus in Deutschland, S. 77 f.) Das kann man durchaus dahingehend interpretieren, dass die Befragten sehr wohl um die in Deutschland erwünschte Antwort hinsichtlich der Haltung gegenüber Juden wissen, diese aber nicht geben wollen und daher lieber schweigen.

Schaut man nach Europa, rücken Muslime noch weiter ins Zentrum des Interesses. Eine Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte (2018) befragte in zwölf EU-Staaten Jüdinnen und Juden nach ihren Erfahrungen mit Antisemitismus. Diese häufen sich insgesamt in erschreckender Größenordnung („Für neun von zehn Juden in Europa hat der Antisemitismus in den vergangenen fünf Jahren zugenommen“) und gehen dabei oft von Muslimen aus: „Zu den häufigen Täter-Gruppen zählten Menschen mit extremen muslimischen Einstellungen (30 Prozent), gefolgt von Menschen aus der eher linken Szene (21 Prozent), Arbeits- oder Schulkollegen (16 Prozent), Menschen aus dem Bekanntenkreis (15 Prozent) und Personen mit eher rechtsextremen Ansichten (13 Prozent)“.

Richtig dramatisch wird es in der Studie „Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland“ vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Danach gaben Opfer von antisemitischen Gewaltdelikten zu 81 Prozent an, dass die mutmaßlichen Täter einer „muslimischen Gruppe“ angehört hätten, wobei die zugrundeliegende Fallzahl wohl zu klein ist, um das Ergebnis als repräsentativ anzusehen. Die Autoren selbst raten zur Vorsicht: „Generell ist bei der Angabe bezüglich der körperlichen Angriffe die insgesamt niedrige Fallzahl bei der Bewertung der Befunde zu beachten“ (S. 22).

Dennoch: Es zeigt sich eine gewisse Diskrepanz zwischen BKA-Statistik und den Studien. Das fiel auch der „Jüdischen Allgemeinen“ auf. Die Zeitung bezweifelt nun nicht die Validität und Reliabilität der Studien oder die Methodik der diesen zugrundeliegenden Umfragen (und natürlich erst recht nicht die Erfahrungen der Opfer), sondern die Daten der Statistik.

Tatsächlich kann man Fragen stellen: Nach welchen Kriterien wird klassifiziert? Was ist mit den Taten, die gar nicht zur Anzeige kommen? Auch Benjamin Steinitz, Leiter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Berlin, stellt fest: „Es gibt eine Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der Betroffenen von antisemitischen Angriffen, Beleidigungen und Beschimpfungen und den polizeilichen Statistiken“. Diese Diskrepanz ist für sich genommen schon eine Untersuchung wert – wir werden sie auslösen müssen, um das schiefe Bild gerade zu rücken. Das ist wichtig für einen wirksamen Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland und Europa.

Zurück zu Philipp Amthor. Der Zeitpunkt der Aussage Amthors war sicher äußerst unglücklich. Er musste damit rechnen, dass diese Aussage nach vorne gestellt wird, auch, wenn sie eher beiläufig fiel. So entstand der fatale Eindruck eines Ablenkungsmanövers. Das wäre sicher der größte Irrtum in Sachen Antisemitismus: Zu meinen, man könne die rechtsextreme Motivation vernachlässigen, nur weil es auch (und leider zunehmend) eine muslimische Motivation gibt. Doch: Diesen Irrtum als seine Position zu vertreten, das war sicher nicht Amthors Absicht. Ansonsten liegt er in der Sache – bei Lichte betrachtet – weit weniger daneben als viele gestern meinten.

(Josef Bordat)

Holocaustleugnung

Wer den Holocaust leugnet, wird in Deutschland (§ 130 Abs. 3 Strafgesetzbuch) und Österreich (§ 3 h Verbotsgesetz) bestraft. Trotz der Androhung hoher Haftstrafen (in Deutschland muss man mit bis zu 5 Jahren Gefängnis rechnen, in Österreich mit bis zu 10 Jahren, in besonders schweren Fällen mit bis zu 20 Jahren), gedeiht das Phänomen „Holocaustleugnung“ weiterhin, wie heute auf tagesschau.de und in den Vatican-News zu lesen ist.

Voraussetzung für eine Bestrafung ist das öffentliche bzw. öffentlichkeitswirksame Leugnen. Es geht nicht darum, Menschen zu bestrafen, die es nicht besser wissen. Es geht vielmehr darum, Menschen davon abzuhalten, wider besseres Wissen in der Öffentlichkeit diffamierende Unwahrheiten zu verbreiten.

Ein solches Verhalten ist nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt. Denn zum Irrtum selbst tritt die Wirkung hinzu. Von der im Grundgesetz garantierten Meinungsfreiheit ist nicht geschützt, was gegen die Werte des Grundgesetzes – insbesondere gegen Artikel 1 und 20 – gerichtet ist. Das Leugnen des millionenfachen Leids ist eindeutig eine Entwürdigung der Opfer, also unvereinbar mit Artikel 1 Grundgesetz. Abgesehen von der grundrechtsbeschränkenden Strafnorm gibt es in Deutschland also auch verfassungsrechtlich keinen Spielraum für Holocaustleugner.

Das hat das Bundesverfassungsgericht 1994 entschieden (Az. 1 BvR 23/94), denn es handle sich bei der Leugnung des Holocausts „um eine Tatsachenbehauptung, die nach ungezählten Augenzeugenberichten und Dokumenten, den Feststellungen der Gerichte in zahlreichen Strafverfahren und den Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft erwiesen unwahr ist. Für sich genommen genießt eine Behauptung dieses Inhalts daher nicht den Schutz der Meinungsfreiheit“.

Das für sich genommen würde jedoch die Frage aufwerfen, warum die Leugnung der Tatsache, dass Paris die Hauptstadt von Frankreich ist, nicht ebenfalls strafrechtlich verfolgt wird – auch das ist ja „erwiesen unwahr“. Das wiederum hängt mit dem Inhalt des „Irrtums“ zusammen. Nach einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 2018 (Az. 1 BvR 673/18, Rd. 22–23) wiegt „die Verhinderung einer propagandistischen Affirmation der nationalsozialistischen Gewalt- und Willkürherrschaft zwischen den Jahren 1933 und 1945“ schwerer als das Recht auf Äußerung (irriger) Meinungen. Holocaustleugner strafrechtlich zu verfolgen, trage „der identitätsprägenden Bedeutung der deutschen Geschichte Rechnung“.

In Deutschland gilt: Es gibt kein Grundrecht auf Holocaustleugnung. Auf europäischer Ebene gilt: Es gibt kein Menschenrecht auf Holocaustleugnung. Umgekehrt wiegt die Meinungsfreiheit nach Ansicht des Europäische Gerichtshof für Menschenrechte schwerer, wenn nicht der Holocaust, also der Völkermord an den europäischen Juden, sondern der Völkermord an den Armeniern geleugnet wird. Zweierlei Maß? Zumindest ein Grund, darüber nachzudenken, ob und wie Europa der identitätsprägenden Bedeutung der europäischen Geschichte Rechnung tragen will.

(Josef Bordat)

Nach Auschwitz

Adornos Vorlesungen über „Probleme der Moralphilosophie“

Theodor W. Adorno (1903-1969) ist einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Mit Max Horkheimer und Walter Benjamin zählt Adorno zu den wichtigsten Vertretern der „Frankfurter Schule“, die aus dem Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt hervorging. In der Nazi-Zeit emigriert (Adorno war väterlicherseits jüdischer Abstammung), kehrte er 1949 nach Frankfurt zurück, wo er zu einem der wichtigsten Denker der jungen Bundesrepublik wurde, und zugleich zu einem ihrer „kritischen Theoretiker“; zu seinen Schüler zählt unter anderem Jürgen Habermas. Zugleich ist Adorno Komponist und Musiktheoretiker.

Adorno ist in seinem gesamten Spätwerk stark vom Holocaust beeinflusst. Ob in seinem zusammen mit Max Horkheimer verfassten Hauptwerk „Dialektik der Aufklärung“ (1947) oder in dem berühmten Essay „Erziehung nach Auschwitz“ (1966): Stets reflektiert er vor dem Hintergrund der Frage, wie passieren konnte, was passiert ist. Seine Lösung kristallisiert sich im Begriff vom „Verblendungszusammenhang der bürgerlichen Gesellschaft“. Anders gesagt: Was fehlte, war Mündigkeit und die Fähigkeit zur Kritik. Das ist die Hintergrundmelodie seiner gesamten soziologischen und philosophischen Arbeit der „späten Frankfurter Phase“ (1949-1969).

Stacheldrahtzaun im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Foto: JoBo, 6-2013.

Deutlich zu hören ist sie auch in seiner Ethik, etwa in seiner Vorlesung über „Probleme der Moralphilosophie“ (1963), die Thomas Schröder für die Reihe „Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft (stw)“ herausgegeben hat. Der Text ist identisch mit dem 10. Band der IV. Abteilung („Vorlesungen“) aus der Reihe „Nachgelassene Schriften“, die vom Theodor W. Adorno Archiv herausgegeben wurde. Bei den 17 Vorlesungen handelt es sich um editorisch (formal und stilistisch) leicht überarbeitete Transkriptionen von Tonbandaufnahmen der Vorträge. Die stw-Ausgabe verfügt über ein hilfreiches Personenregister und eine zweiseitige Übersicht über die wesentlichen Inhalte der Vorlesungen.

Sie gehen von Adornos Grundsatz aus, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe, dass also Individuum und Kollektiv – Gesellschaft oder Gemeinschaft – gleichermaßen Gegenstand der praktischen Moralität sind und von einer theoretischen Moralphilosophie erfasst werden müssen. Adorno will von Moral sprechen, nicht von Ethik. Das erinnere zu sehr an „Ethos“ („Charakter“), ein Begriff, dessen individualistische Note die kollektive Dimension dessen verhülle, wovon Moralphilosophie handelt. Die kollektive Dimension zu enthüllen wehre indes einer „Verblendung“ der Gesellschaft. Mündigkeit durch Moralität, das ist das Anliegen der Moralphilosophie Adornos.

Eisenbahnwaggon auf dem Gelände des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Foto: JoBo, 6-2013.

Diese liegt damit quer zum Zeitgeist der frühen 1960er-Jahre, der „bürgerlichen Gesellschaft“ par excellance. Aber auch für uns heute, ein halbes Jahrhundert später, hat Adorno die richtige Botschaft, etwa wenn er gleich zu Beginn der Veranstaltung seine Hörerinnen und Hörer darauf hinweist, dass die Auffassung, man müsse nur seinem eigenen Ethos gemäß leben, um dem moralischen Anspruch zu genügen, falsch sei, dass mithin keineswegs „schon das richtige Leben herauskomme“, „wenn man, wie man so schön sagt: sich selbst verwirkliche oder wie diese Phrasen alle lauten mögen“. Adornos unzeitgemäße Kommentare zur Moralphilosophie als Disziplin und zur Moral als Praxis der Lebensführung haben im letzten halben Jahrhundert nichts an Aktualität eingebüßt. Sie zu lesen, lohnt sich.

Diese Besprechung erschien zuerst auf Literaturkritik.de.

(Josef Bordat)

Hass. Hetze. Holocaust

Welche Rolle spielten die Medien?

Ein Aspekt der historischen Klärung von Ursachen und Bedingungen der Schoah ist auch die Analyse der Medien und ihrer propagandistischen Wirkung. Dabei sollte der Anfang all des Schreckens der Jahre 1938 bis 1945 in den Blick geraten. Denn es handelt sich um eine perpetuierende Eskalation. Und es gibt in dieser Kette kein Glied, von dem man sagen könnte: „Jetzt reicht es aber!“ Man muss die Kette zurückverfolgen bis ans erste Glied, bis zum ersten falschen Hetzartikel, bis zur ersten entwürdigenden Abbildung voller Hass.

„Der Stürmer“ („Deutsches Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit“) bediente sich tatsächlicher oder vermeintlicher anti-jüdischer Stereotype aus über tausend Jahren. Die „Ritualmord“-Legende lebte wieder auf. Aber auch völlig neuen Unfug ließen sich Julius Streicher und Co. einfallen: Vor Erlass des Reichsbürgergesetzes, eines der beiden Nürnberger Rassengesetze von 1935, schrieb die Zeitung, ein jüdischer Mann könne mit seinem Samen den Blutkreislauf einer „deutschblütigen“ Frau auf ewig verändern, so dass alle ihre zukünftigen Nachkommen jüdische Bluts- und Erbanteile hätten; „Imprägnation“ nannte „Der Stürmer“ seine genetische Legende über die ewigen und unausweichlichen Folgen eines vaginalen Samenergusses beim Geschlechtsverkehr mit einem Juden.

Erscheinungsformen der Gewalt

Wann wird aus Hass und Hetze Gewalt? Der Übergang ist wohl fließend – zudem: Hetze ist Gewalt. Der Friedensforscher Johann Galtung unterscheidet aus soziologischer Sicht drei Erscheinungsformen der Gewalt: die direkte, die sich als physische unschwer identifizieren lässt, die strukturelle, die auf bestehenden Machtverhältnissen basiert, und die kulturelle, welche die direkte und strukturelle erst ermöglicht. Gewalt in der Sprache in Form von Hetze und Hassrede ist als symbolische Gewalt teils der Struktur, teils der Kultur zuzuweisen. Sie muss in Abgrenzung von jener körperlichen Gewalt gedeutet werden, mit der sie allerdings eine unheilvolle Allianz eingeht, wenn etwa genozidale Gewalt zuvor durch systematische und andauernde Degradierung der Opfergruppe vorbereitet wird.

Auch, wenn die Vernichtung in Auschwitz und anderswo geheimgehalten wurde, verfehlte die Propaganda bei der Vorbereitung der Menschen, die zu Tätern wurden, nicht ihr Ziel. Im Zuge der Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher fällt dazu das Zeugnis eines Soldaten auf: Er sei der Ansicht gewesen, es sei richtig, Juden zu töten. Ja, sogar notwendig. Man hatte ihm das so oft gesagt, er hatte das so oft gehört, dass er es schließlich glaubte.

Hetze und Gewalt – auch heute

Die Verbindung von Hetze und Gewalt ist kein abgeschlossenes historisches Kapitel. Während des Genozids in Ruanda (1994) erfolgte über den Radiosender RTLM mehrmals täglich der Aufruf „Tod! Tod! Die Gräben sind erst zur Hälfte mit den Leichen der Tutsi gefüllt. Beeilt euch, sie ganz aufzufüllen!“ Bei der Frage, ob die Radio-Hetze den Tatbestand der „Aufstachelung zum Völkermord“ erfülle, stellte das Ad hoc-Strafgericht für Ruanda einen Zusammenhang mit der Hass-Propaganda des „Stürmer“ her und nahm im bejahenden Urteilsspruch gegen einige einige Verantwortliche und Moderatoren des Senders explizit Bezug auf das Urteil des Nürnberger Tribunals gegen „Stürmer“-Herausgeber Julius Streicher, der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt und am 16. Oktober 1946 hingerichtet wurde.

Propaganda ist oft Vorstufe und immer Begleitmelodie genozidaler Gewalt. Zuletzt in Myanmar als das Militär hunderttausende Angehörige der muslimischen Minderheit der Rohingya vertrieb. UN-Beobachter meinten, Facebook habe daran entscheidenden Anteil. In einer Untersuchung vom März 2018 sprechen sie davon, Facebook habe „grundlegend zu dem öffentlichen Grad an Verbitterung, Meinungsverschiedenheit und Konflikt in Myanmar“ beigetragen. Ultra-nationalistische Buddhisten unterhielten Seiten, auf denen sie massiv zu Gewalt gegen die Rohingya anstifteten. „Ich befürchte, dass Facebook zur Bestie geworden ist und nicht mehr das ist, wozu es gedacht sei“, sagte damals die Sonderberichterstatterin Yanghee Lee. Dabei bliebe die Propaganda ungeprüft, obgleich Facebook versicherte, man reagiere darauf, wenn jemand „kontinuierlich Hass verbreite“. Offenbar ist das allerdings in diesem Fall nicht geschehen.

Umso aufmerksamer sollten wir sein, die wir täglich Medien nutzen, vor allem Soziale Medien. Die normative Achtung vor dem Anderen (durch die Bestrafung von physischen Gewaltakten) muss um das Bewusstsein dafür ergänzt werden, dass man diesem auch strukturell und kulturell Gewalt antun kann, etwa symbolisch. Es muss ein Klima der Achtsamkeit entstehen, das für die verletzende Form von Sprache sensibel bleibt. Oder es wieder wird.

(Josef Bordat)

Das Unvorstellbare erklären

Heute vor 75 Jahren wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit. Kann man erklären, was zuvor dort geschah? Zygmunt Bauman tut es. Seine These: Die Schoah ist kein Unfall, sondern ein Produkt der Moderne. Seine Botschaft: Seid wachsam! Und der erste Schritt zur Wachsamkeit ist das Bewusstsein davon, dass die Geschichte von Auschwitz nicht am 27. Januar 1945 endete. Sie ging und geht weiter. Und jeder von uns ist ein Teil von ihr.

Der Mensch ist aufgrund seiner Vernunftbegabung frei. Er kann sein Leben planen und dabei sogar für andere Menschen mitdenken. Die Geschichte ist das, was Menschen einst planten und realisierten. Es fällt uns manchmal schwer, historische Ereignisse, die Ergebnis solcher Planungen waren, zu verstehen. Besondere Schwierigkeiten wirft der Holocaust, vielmehr: die Schoah auf. Kann man verstehen, was in Auschwitz und anderswo geschah? Kann man die Schoah erklären?

Namensliste aus den Akten des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Etwa 1,5 Millionen Menschen kamen hier zwischen 1940 und 1945 gewaltsam ums Leben. Foto: JoBo, 6-2013.

Angesichts der Singularität des Schreckens, der automatisierten Tötung von Menschen durch eigens und ausschließlich dafür konzipierte Verfahren, fällt dies schwer. Es fehlt der Vergleich. Und es fehlt ein Koordinatensystem, in das man die schier dimensionslosen Verbrechen einordnen kann. Doch angesichts der „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt), die sich in der bizarren bürokratischen Abwicklung der Schoah und ihrer zweckrationalen Begründung verbirgt (die Wehrmacht hatte sich beschwert, die Erschießungen von Juden seien Munitionsvergeudung, man möge sich in Berlin doch andere Verfahren ausdenken), scheint nicht ausgeschlossen, dass sich Auschwitz wiederholt.

Seit 1945 haben sich viele Menschen mit der Schoah befasst. Sie wurde zum Kristallisationspunkt der Theodizee (vormals hatte das Erbeben von Lissabon von 1755 diese Funktion zu erfüllen), zum Gegenstand unterschiedlicher Forschungsgebiete – nicht nur der Geschichtswissenschaft. Denn im Gegensatz zu Lissabon ist Auschwitz keine Naturkatastrophe, kein malum physicum, sondern malum morale. Nach der Phase von Trauer und Verstörung musste hier die Frage nach Schuld und Verantwortung gestellt werden. Mehr noch: Wir sind aufgerufen, nach den Ursachen und Gründen zu suchen, die zu dieser Schuld führten. Bei uns und in uns.

Ein Soziologe, der sich auch dezidiert soziologisch mit der Schoah beschäftigt hat, ist Zygmunt Bauman in seinem Buch „Modernity and the Holocaust“ (1989), das 2002 in der deutschen Übersetzung erschien: „Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust“; die Zitate stammen aus der deutschsprachigen Ausgabe. Baumans fast schon triviale These lautet: „Der Holocaust wurde inmitten der modernen, rationalen Gesellschaft konzipiert und durchgeführt, in einer hochentwickelten Zivilisation und im Umfeld außergewöhnlicher kultureller Leistungen: er muß daher als Problem dieser Gesellschaft, Zivilisation und Kultur betrachtet werden.“

Bauman benutzt den Begriff „Holocaust“, was „Brandopfer“ bedeutet und damit nicht den Charakter der Vernichtung beschreibt. Ich ziehe, nach Gesprächen mit jüdischen Bekannten, den Begriff „Schoah“ („Unheil“) vor, auch wenn damit eine Schicksalhaftigkeit angedeutet wird, die gerade nicht zur baumanschen Erklärung passt. Es zeigt sich: Das, was geschah, ist nicht nur schwer in Worte zu fassen, sondern auch schwer mit einem Wort treffend zu bezeichnen.

Schuhe der Opfer des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Foto: JoBo, 6-2013.

„Inmitten der modernen, rationalen Gesellschaft konzipiert und durchgeführt“. Beim zweiten Lesen offenbart sich die Dramatik dieser Worte, die alle gängigen und in gewisser Weise beruhigenden Erklärungen beiseite schieben: Kein Rückfall in die Barbarei, dem man mit Fortschritt begegnen könnte, nein: der Fortschritt ist selbst Teil des Schreckens. Kein deutsches Problem, nein: ein Problem der modernen Zivilisation. Kein jüdisches Thema, nein: ein globales Thema. Keine Singularität, nein: jederzeit und überall wiederholbar. Die Schoah, so Bauman, ist ein ganz „normaler Vorgang“, ein „Ausdruck der Moderne“.

Eine geradezu ungeheuerliche These, die jedoch besticht, im Gegensatz zu vielen anderen Erklärungen, die das Ereignis weit von uns weg schieben. Dadurch, dass wir die Schoah als Teil unserer Kultur verstehen (und nicht als Resultat perversen Wahnsinns einiger Fanatiker, die längst tot sind), dadurch (und nur dadurch) kann und wird es uns gelingen, künftige Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen und Schlimmeres zu verhindern. Der Holocaust, so Bauman in seiner sprachlich und argumentativ glasklaren Analyse, sei kein „gerahmtes Bild an der Wand, das von seiner Umgebung sauber getrennt ist und mit dem Rest des Mobiliars nichts zu tun hat“, er ist Teil der Wohnung, in der wir leben. Der Holocaust sei keine „Unterbrechung des normalen Ganges der Geschichte, ein Krebsgeschwür am Körper der zivilisierten Gesellschaften, ein Fall von Wahnsinn inmitten gesunder Verhältnisse“, er ist Teil unseres Körpers wie eine Hand, die man öffnen und ausstrecken, die man aber auch zur Faust ballen kann.

Es geht nach Bauman darum, die inhärente Korrumpierbarkeit des Systems zu erkennen und zu bändigen. Dazu gehört freilich zunächst, sich diese einzugestehen. Das ist unbequem. Einfacher ist es, Korruption als Ganzes vom System zu trennen und dieses theoretisch zu immunisieren. Wenn dann was passiert, lag es nicht am System. Und alles, zumindest vieles, kann weitergehen wie bisher. Nach Bauman führt diese Denkweise direkt in die nächste Katastrophe. Paradoxerweise umso schneller, je stärker man sich unter Hinweis auf die Vorzüge des Systems und unter Verkennung ihrer Ambivalenz über jeden Zweifel erhebt. Wir sind modern bedeutet dann schlicht: Wir sind gut. Garantieinstanzen der moralischen Überlegenheit sind „Rationalität“ und „Fortschritt“. Die Anfälligkeit der Konzepte für Überdehnungen wird mit Blick auf die Genese der Moderne aus dem Geist von Rationalität und Fortschritt verdrängt. Und „modern“ hieß ja: „gut“. Ein Teufelskreis.

Wir müssen die Herausforderung der Ambivalenz unserer modernen Zivilisation annehmen, um die Gräuel der Geschichte nicht zu wiederholen. Besondere Aufmerksamkeit verdient der wissenschaftlich-technische Fortschritt, von dem wir alle profitieren, der aber wie kaum ein anderer Fortschritt innerhalb der Gesellschaft geeignet ist, für Grausamkeit missbraucht zu werden. Bauman erinnert daran, dass es Wissenschaftler wie der Biologe Erwin Baur und der Anthropologe Martin Stämmler waren, die den Nazis auf die Sprünge halfen: „Die Aufgabe besteht darin, das Volk vor der Überwucherung mit Unkraut zu schützen“ (Das Zitat stammt aus „Hitler’s Professors: The Part of Scholarship in Germany’s Crimes against the Jewish People“ von Max Weinreich, das 1946 im Original auf Jiddisch erschien, mittlerweile in englischer Sprache vorliegt, erschienen 1999 bei Yale University Press). Prinzipien der Tier- und Pflanzenzucht wurden auf die Sozialpolitik und schließlich auf die „Judenfrage“ angewandt, die „gelöst“ werden sollte. Motto: Das „Unkraut“ muss weg. Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse der Genetik garantierten ein modernes politisches Programm.

Zur Vernichtung der Menschen wurde Zyklon B eingesetzt, ein blausäurehaltiges Biozid. Foto: JoBo, 6-2013.

Bauman schreibt über die enge Verknüpfung von Forschung und Politik in der Nazi-Zeit folgendes: „Geraume Zeit, bevor sie die Gaskammern bauten, betrieben die Nazis auf Geheiß Hitlers die Vernichtung ihrer geistig und körperlich behinderten Landsleute durch den infam als ,Euthanasie’ bezeichneten ,Gnadentod’. Gleichzeitig plante man, eine überlegene Rasse zu züchten durch organisierte Vermehrung (Eugenik) rassisch hochwertiger Frauen und Männer. So wie diese Projekte war auch der Mord an den Juden eine Maßnahme rationaler Gesellschaftsplanung, ein Versuch, die Grundsätze und Regeln angewandter Wissenschaft systematisch für diesen Zweck einzusetzen.“ Den Rest der Geschichte kennen wir. Allenfalls die Kirche, in Gestalt des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen, wagte es, dieser mörderischen Moderne etwas entgegenzusetzen. In ihrer Fundamentalkritik diagnostiziert sie ausgehend von der Würde und dem Lebensrecht jedes Menschen das zu Grunde liegende Problem sehr gut, während andere Widerständler vor allem eine andere Moderne wollten, in der andere Menschen zu Opfern werden. Ansonsten liefen die „Projekte“ der Nazis größtenteils reibungslos. Wer ist schon gerne unmodern?

Das historische Beispiel der Schoah sollte uns mahnen, die Moderne mit offenen Augen zu betrachten, damit wir als Kinder der Moderne dem Selbstbetrug wehren, ihre negativen Seiten abzuspalten und „vormodernen“ Phänomenen zuzuschreiben, die es – eben durch „Rationalität“ und „Fortschritt“! – zu überwinden gelte. Statt dessen sollten wir mit kritischem Geist die Bedingungen der Moderne und ihre Konsequenzen ergründen, damit die „Normalität des Bösen“ nie wieder den Raum einnimmt, den ihr unsere wissenschaftlich-technische Zivilisation nolens volens bietet. Die Themenfelder, auf denen sich die „Normalität des Bösen“ heute ausbreitet, liegen gut ersichtlich vor uns: Die Fortschritte in Biologie und Medizin werfen in einer völlig neuen Art und Weise Fragen auf nach dem Leben und der Würde des Menschen. Hier gilt es, wachsam zu sein und der Renaissance einer Denkweise, die „Selektion unwerten Lebens“ für modern (also: „gut“) hält, klar und deutlich entgegenzutreten. Hier gilt es, entschieden unmodern zu sein. Angesichts mancher Mode sollte das Moralin, das uns „modern“ einimpfen soll, keine Wirkung haben. Damit in 75 Jahren nicht wieder Ratlosigkeit herrscht und alle fragen, wie das passieren konnte, wo wir doch Anfang des 21. Jahrhunderts so verflixt modern waren und heute – also morgen – noch moderner sind.

Blick in eine Baracke des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Foto: JoBo, 6-2013.

Muss ich erwähnen, dass damit keiner plumpen Vergangenheitsverklärung das Wort geredet werden soll? Dass es nicht darum geht, die vielen Segnungen der Technik und die großen Leistungen der Wissenschaftler zu leugnen? Dass es auch nicht meine Absicht ist, Phänomene zu vergleichen, sondern die Mentalitäten, die sie ermöglichen? Ich glaube nicht. Denn wenn ich es erwähnen müsste, wäre in der Wahrnehmung des Zeitgeistes aus Kritik an der wissenschaftlich-technischen Moderne längst eine feindselige Einstellung gegenüber einem „alternativlosen“ Programm geworden und die Moderne mithin selbst zur Ideologie erstarrt, auf deren Insignien „Rationalität“ und „Fortschritt“ man rückhaltlos schwören müsste. Und dann stünden uns wohl bald wieder „moderne Morde“ bevor.

(Josef Bordat)

Erinnerungen bewahren

„Wir hoffen, dass Ihr unsere Erinnerungen bewahrt, dass Euch gerade hier in Auschwitz deutlich wird, wie bedroht und zerbrechlich die Welt ist: Auch in diesen Tagen durchzieht viele Länder die Abneigung gegen Fremde, rechtsextreme und fundamentalistische Gewalt vermehren sich, der antisemitische Hass ist immer noch nicht erloschen.

Das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Etwa 1,5 Millionen Menschen kamen hier zwischen 1940 und 1945 gewaltsam ums Leben. Foto: JoBo, 6-2013.

Menschen verachten die Demokratie, hetzen gegen Flüchtlinge und schreien nach den giftigen Antworten alter Zeiten. Und deshalb bitten wir Euch heute: Liebt und schützt Eure Welt, seid besorgt um Eure Familien und Eure Mitmenschen!“

Überlebende des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau in einem Offenen Brief an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Weltjugendtages 2016 in Kaków/Krakau