Meat, Heat, Beat

Der McCartney für den Klimawandel: Rezept mit fadem Beigeschmack.

Im Beat der Zeit legt Paul McCartney ein kleines Büchlein zu einem der großen Menschheitsprobleme vor: „Less Meat, less heat. Ein Rezept für unseren Planeten“. Der Titel verspricht viel. Und tatsächlich gibt es auch einige Rezepte, zum Beispiel „Getoasteter Bagel mit Humus“. Warum man allerdings die Energie fürs Toasten aufwenden soll, wird nicht gesagt. Konsequent wäre: „Bagel mit Humus“.

Ansonsten rät der bekennende Vegetarier McCartney zu einem fleischlosen Tag in der Woche. So richtig neu ist das nicht. Die Katholische Kirche kam vor über 1800 Jahren auf diese Idee. Um das Jahr 150 wird in einer Kirchenordnung, der Didache (Doctrina duodecim apostolorum), von einem wöchentlichen Fasten gesprochen – demnach galt damals sogar an zwei Tagen in der Woche „let it beaf“.

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Doch es kommen dem Paul, einem Mensch mit regem Privatflugzeugverkehr, noch andere planetenrettende Gedanken: Die Politik sollte die Völker der Welt zur Verringerung des Fleischkonsums „anhalten“ (wie genau, wird nicht gesagt – außer, man müsse „aktiv werden“) und „wir“ müssten „den Landwirten erklären, was sie anbauen können und wie sie weiter genug produzieren können, nur eben auf andere Weise, denn wir müssen uns anpassen“. Und: „Wir müssen uns auch um die Armut in der Welt kümmern“, in jener Welt, in der Paul McCartney mit 1,3 Milliarden US-Dollar Vermögen der mit Abstand reichste Musiker ist.

Und Paul McCartney hat ein Buch geschrieben, das ihn sicher nicht ärmer machen wird. Stolze 12 Euro kostet das winzige Büchlein mit etwa 70 Seiten im Großdruck, dessen Substanz höchst überschaubar ist. Auf zwei bis drei DIN A4-Seiten ließe sich der Text bequem zusammenfassen und irgendwo ins Netz stellen. Im Text selbst steht nichts wesentlich Neues, außer ein paar persönlichen Bekenntnissen des Alt-Meisters der Popkultur nebst höchst persönlichen Einschätzungen (McCartney spricht davon, dass derzeit 1,4 Milliarden Menschen in „extremer Armut“ leben, die Vereinten Nationen in ihrem Bericht 2017 von 767 Millionen Menschen).

Für echte Beatles- resp. McCartney-Fans ist „Less Meat, less heat. Ein Rezept für unseren Planeten“ sicher ein nettes Geburtstagsgeschenk. Sonst ist es eher entbehrlich.

Bibliographische Angaben:

Paul McCartney: Less Meat, less heat. Ein Rezept für unseren Planeten.
München: Claudius (2019).
72 Seiten, € 12,–.
ISBN: 978-3532628324.

(Josef Bordat)

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Verlangen nach Bildung

Wer sich bildet, erweist sich seiner Gottebenbildlichkeit würdig.

In der Lesung der Messe des heutigen Tagesheiligen, des Mysikers Heinrich Seuse, wird eine sehr schöne Perikope aus dem Buch der Weisheit gelesen.

Denen, die nach ihr verlangen, gibt sie sich sogleich zu erkennen. Wer sie am frühen Morgen sucht, braucht keine Mühe, er findet sie vor seiner Türe sitzen. Über sie nachzusinnen ist vollkommene Klugheit; wer ihretwegen wacht, wird schnell von Sorge frei. Sie geht selbst umher, um die zu suchen, die ihrer würdig sind; freundlich erscheint sie ihnen auf allen Wegen und kommt jenen entgegen, die an sie denken. Ihr Anfang ist aufrichtiges Verlangen nach Bildung; das eifrige Bemühen um Bildung aber ist Liebe. Liebe ist Halten ihrer Gebote; Erfüllen der Gebote sichert Unvergänglichkeit, und Unvergänglichkeit bringt in Gottes Nähe. (Weish 6, 12-19)

Besonders schön finde ich das „aufrichtige Verlangen nach Bildung“, dem das „eifrige Bemühen um Bildung“ folgt – als Ausdruck der Liebe. Das passt zu einem Dominikaner wie Heinrich Seuse. Meister Eckhart, der Lehrer Seuses, hatte mit dem von ihm geprägten deutschen Begriff „Bildung“ zum Ausdruck bringen wollen, der Mensch solle werden, wie er gemeint ist: Bild Gottes. Meister Eckart meint also eine Bildung, die als ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung den Menschen befähigt, wie sein gottgeschenktes Idealbild zu werden – „gebildet“ eben. Ein wirklich weiser Gedanke.

(Josef Bordat)

Ausgrenzend? Kann sein!

Der Begriff „christliches Abendland“ sei „vor allem ausgrenzend“, meinte Reinhard Kardinal Marx im Gespräch mit Michel Friedman. Mir ist das gar nicht aufgefallen, obwohl ich ziemlich aufmerksam zugehört habe. Andere jedoch haben es gehört und seitdem wird diskutiert: Wie hältst du‘s mit dem Abendland?

Die Rede vom „christlichen Abendland“ gänzlich abzulehnen, unterschätzt den Konnex von christlicher Morallehre und dem, was wird heute in Europa und „im Westen“ an Rechten genießen. Abendland, Europa, „der Westen“ – das sind natürlich Konstrukte, wenn man nicht ganz banal geographische Räume damit meint, sondern kulturelle Vorstellungen mit den Begriffen verbindet. Und so ist es ja gemeint. Insoweit ist Australien abendländisch, europäisch, „der Westen“, obwohl das mit Blick auf den Globus natürlich Unfug ist. Es geht eben um ein bestimmtes Denken, um politische Einrichtungen, um Rechtstradition, meinetwegen auch um Musik- und Modestile oder populäre Sportarten. Und in dem Zusammenhang ist das „christliche Abendland“ ein berechtigter Begriff.

Es ist auch weniger der Begriff selbst, sondern vielmehr sein Verwendungskontext, der ausgrenzend wirkt. Das gilt ja grundsätzlich und ist daher trivial. Dass das so eine geringe Rolle spielt in der Debatte, verwundert etwas. Geht es darum zu beschreiben, wie das Abendland, wie Europa, wie „der Westen“ zu seinen Wertvorstellungen gekommen ist, dann ist das Christentum der entscheidende Hinweis. Das ist historischer Fakt. Insoweit ist „christliches Abendland“ das Ergebnis einer Genese von Moral, Recht und Kultur. Und von daher unproblematisch. Wenn aber „christliches Abendland“ in diesem Sinne nicht retrospektiv erklärend , sondern mit Blick in die Zukunft besitzergreifend verwandt wird, man also sagen will, das Abendland sei eine abgeschlossene christliche Idee, die allein bestimmen soll, wie Menschen in Europa und „im Westen“ leben, dann kann das eine Wirkung entfalten, die als ausgrenzend empfunden wird. Zumal, wenn die Rede auf Personen kommt, wenn also aus „christlichem Abendland“ ein „Abendland der Christen“ wird.

Nur: Wer benutzt bzw. missbraucht den Begriff derart? Doch nur eine kleine Minderheit, der man die Deutung des „christlichen Abendlands“ nicht überlassen sollte. Dass Kardinal Marx, den ich – gerade wegen seiner theologischen Tiefe und seiner Fähigkeit, oftmals angemessene Formulierungen zu finden – sehr schätze, diese Splittergruppe aufwertet, indem er ihre Interpretation zugrunde legt und die Rede vom „christlichen Abendland“ daher als „vor allem ausgrenzend“ bezeichnet (und nicht als „vor allem historisches Deutungsmuster und überzeugende Erklärung für die normativen Bedingungen, unter denen wir leben“), ist sehr schade.

(Josef Bordat)

Kirchensteuer abschaffen?

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke kann sich vorstellen, „über die Zukunft der Kirchensteuer nachzudenken“. Das bedeutet zum einen noch nicht, dass er die Kirchensteuer ersatzlos gestrichen sehen möchte, zum anderen problematisiert er an der Kirchensteuer das „Junktim von Gnade und Geld“ – und kritisiert damit mehr die Einstellung zur Kirchensteuer als die Kirchensteuer selbst. Es geht ihm darum, „eine ärmere Kirche zu wagen“. Das muss man im Hinterkopf haben, bevor man über den Vorstoß Hankes spricht. Und bevor man über die Kirchensteuer spricht, muss man zudem mit einigen Mythen und Halbwahrheiten aufräumen, die gegebenenfalls das Verständnis dessen, worum es eigentlich geht, trüben. Fünf Anmerkungen dazu.

Zunächst: Eine Kirchensteuer im engeren Sinne gibt es nur in Deutschland. Rechtsgrundlage dafür ist die Weimarer Verfassung (1919), Art 137 Abs 6: „Die Religionsgesellschaften, welche Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind, sind berechtigt, auf Grund der bürgerlichen Steuerlisten nach Maßgabe der landesrechtlichen Bestimmungen Steuern zu erheben.“ Diese Regelung wurde 1949 ins Grundgesetz übernommen. In Österreich gibt es einen Kirchenbeitrag, das ist so was ähnliches, dazu ist den Schweizer Kantonen freigestellt, eine Kirchensteuer zu erheben, sowohl für natürliche als auch für juristische Personen. In Italien und Spanien gibt es eine allgemeine Kultur- und Sozialsteuer, die man an die Kirche geben kann, aber auch an staatliche Einrichtungen. In vielen Ländern gibt es nichts offizielles, da läuft alles über Spenden, etwa in den USA. Rund zwei Drittel ihrer Einnahmen erhält die Kirche weltweit aus Spenden.

Sodann: Der Eindruck, die Kirchensteuer lasse die Kirche in Deutschland „im Geld schwimmen“, ist völlig falsch. Bei rund 24 Millionen Katholiken und rund 4 Milliarden Euro Kirchensteuer jährlich kommen auf jeden Katholiken 167 Euro pro Jahr, das sind 13 Euro im Monat. So schmelzen die „Unsummen“ schnell auf den Betrag einer Mitgliedschaft im Kegelclub zusammen. Dabei braucht die Kirche die Steuer, denn die Katholische Kirche in Deutschland finanziert sich ganz überwiegend aus der Kirchensteuer; je nach Bistum werden zwischen 60 und 90 Prozent der Kosten mit Kirchensteuermitteln gedeckt. Die Unterdeckung wird über Staatsleistungen, Vermögenserträge (Zinsen) und Spenden ausgeglichen. Mancher Pfarrhaushalt in Berlin kann trotz der „Milliarden an Kirchensteuern“ nur mit regelmäßigen Spenden („freiwilliges Kirchgeld“) engagierter Gemeindeglieder ausgeglichen werden. Das ist die Realität. Ich denke, die Kirchensteuer ist angemessen hoch. Sie beträgt 8 bis 9 Prozent der Steuerlast aus der Einkommensteuer. In Bayern und Baden-Württemberg 8, sonst 9 Prozent. Wenn diese 22 Prozent des Bruttoeinkommens beträgt, sind das 2 Prozent vom Brutto. Jesus sprach mal vom „Zehnten“, nicht vom „Fünfzigsten“. Da sind wir also noch sehr gut bedient. Im Ernst: Gemessen an dem, was die Kirche damit auf die Beine stellt, ist das nicht zu viel. Die pastorale Arbeit, aber auch die Caritas, die zu etwa zehn Prozent aus der Kirchensteuer finanziert wird. Zu 90 Prozent wird die Caritas-Arbeit aus den allgemeinen Steuern und Sozialabgaben finanziert, also auch von denen bezahlt, die nicht Mitglied der Katholischen Kirche sind, aber eben zu zehn Prozent von den Kirchenmitglieder allein, obwohl die Arbeit zu 100 Prozent allen Menschen – unabhängig von ihrer Kirchenzugehörigkeit – zugute kommt.

Ferner: Der Staat hilft den Kirchen beim Inkasso, also dabei, die Kirchensteuer zu berechnen und einzuziehen. Das tut er aber nicht deshalb, weil die Kirche ihn sonst auf den Scheiterhaufen zerrt, sondern weil er, der Staat, dafür bezahlt wird, sehr gut sogar. Er bekommt dafür viel Geld und hat zugleich keine oder kaum zusätzliche Kosten. Jedes Jahr nimmt der Staat zig Millionen Euro ein, für die er nichts weiter zu tun braucht als den Kirchen die Erlaubnis zu erteilen, seine Infrastruktur im Bereich der Finanzverwaltung mitzunutzen. Übrigens: Hier sind nicht nur die Kirchen mit im Boot, auch für die Jüdischen Gemeinden, die ebenfalls eine Steuer erheben, leistet der Staat diesen Dienst. Gegen Gebühr, versteht sich. Seit der Vereinigung (1990) hat der Staat mit seiner Inkasso-Tätigkeit über fünf Milliarden Euro eingenommen. Dann muss man aber auch sehen, dass der Staat ja nichts gegen die Christen und Juden hat und daher gerne hilft (Stichwort: „wohlwollende Neutralität“, mit Betonung auf „wohlwollend“). Es grenzte an Schikane, wenn man der Kirche aufbürdete, eine eigene Finanzverwaltung aufzubauen. Das wäre zumindest reine Ressourcenverschwendung. So ergibt sich eine „Win-Win“-Situation: Der Staat hilft der Kirche, die dafür sehr dankbar ist und zahlt (allein die Katholische Kirche hat im letzten Jahr etwa 120 Millionen Euro für die Dienstleistung bezahlt). Alles andere wäre unvernünftig. Das sehen selbst kirchenkritische Politiker wie Volker Beck so.

Aber, so heißt es dann: Die Kirchensteuer mindert die Steuereinnahmen, weil die gezahlte Kirchensteuer als Sonderausgabe vom Gesamtbetrag der Einkünfte abziehbar ist und damit das zu versteuernde Einkommen reduziert. Das stimmt zwar, nur wäre ja auch die Alternative – eine direkte Spende an die Kirchengemeinde – abzugsfähig, mit gleicher Wirkung für die Steuerlast. Der Einwand wäre erst dann gerechtfertigt, wenn man den Kirchen die Gemeinnützigkeit entzöge, um Zuwendungen an Gemeinden steuerlich zu neutralisieren. Die Kirche müsste also schlechter gestellt werden als ein Sportverein oder eine Theatergruppe. Das kann nur jemand wollen, der nicht dem Staat nützen, sondern der Kirche schaden will.

Schließlich: Ich kann mir so ein Modell wie in Italien oder Spanien gut vorstellen. Interessanterweise sind gerade diejenigen dagegen, die bislang keine Kirchensteuer zahlen, sich aber über deren Existenz aufregen. Da muss man schon klar sagen, was man will: dem Sozialstaat helfen oder der Kirche schaden. Also, wenn es diese Möglichkeit gibt, dass jeder, sagen wir mal ein Prozent des Bruttoeinkommens zahlt, entweder an die Kirche oder an eine islamische, jüdische oder humanistische Einrichtung, dann fänd‘ ich das in Ordnung bzw. im Sinne Hankes wert, einmal genauer „darüber nachzudenken“. Dazu gehört auch, einmal in ein Land zu schauen, das die Optionsregelung hat, zum Beispiel nach Spanien. In Spanien gibt es rund 35 Millionen Katholiken, also 11 Millionen mehr als in Deutschland. Trotzdem kommt die Kirche mit erheblich weniger Geld aus, nämlich mit nur 250 Millionen Euro pro Jahr. Das Geld stammt auch in Spanien zum größten Teil vom Steuerzahler, über das Optionsverfahren. Jeder Steuerpflichtige zahlt einen bestimmten Anteil seiner Einkommensteuer automatisch an soziale Einrichtungen des Staates, es sei denn, er möchte diesen Anteil der Kirche zukommen lassen. Dann muss er das bei der Steuererklärung angeben. Das Geld fließt dann in einen Fonds, aus dem die spanische Bischofskonferenz Mittel erhält. Zur Zeit optieren rund 35 Prozent der Steuerzahler Spaniens für die Kirche – im Vergleich zur Katholikenquote von 75 Prozent ist das nicht einmal die Hälfte. Wenn man sich dann anschaut, was für die Caritas-Arbeit in ganz Spanien bleibt, dann sind das – sechs Millionen Euro. Ein Witz, verglichen mit dem deutschen Caritas-Verband. Aber es funktioniert – durch die freiwillige Arbeit vieler Menschen, durch sehr hohe Effizienz und die Reduktion auf echte karitative Arbeit. Etwa 4,2 Millionen Menschen (9 Prozent der Bevölkerung) konnte in den 8500 Caritas-Stellen Spaniens geholfen werden. Und das bei einem Budget von 1,43 Euro pro Klienten. Es geht also, aber es geht nur dann, wenn alle mit anpacken. Die „arme Kirche“, da hat Bischof Hanke völlig Recht, ist ein Wagnis.

(Josef Bordat)

Vorkonziliar, Herr Pfarrer?

Das ist jetzt so die Phase im Jahr, wo man in eine Kirche kommt und sich beim Anblick der Krippe denkt: „Vorkonziliarer Pfarrer – oder keine Freiwilligen für den Abbau?“

Steht sie noch? Oder wurde sie schon abgebaut, in Einzelteile zerlegt und in den Keller verbracht? Und die Bäume, was ist mit den Bäumen? Noch da? Noch grün? Noch beleuchtet? Noch da und grün, aber nicht mehr beleuchtet? Oder umgekehrt?

Wer Mitte Januar eine katholische Kirche Berlins betritt, kann so ziemlich alle Antworten auf die gestellten Fragen erleben. Mal steht der Baum noch in vollem Ornat, mal steht noch die Krippe in ganzer Pracht. Gut, in einigen Szenerien liegen die ehemals knieenden Hirten jetzt auf dem Gras und knobeln. Und das Jesuskind bekommt den ersten Geigenunterricht, aber sonst ist alles so, wie man es aus der Heiligen Nacht in Erinnerung hat.

Manchmal steht auch noch beides, manchmal aber auch gar nichts mehr vom weihnachtlichen Schmuck. Die Krippe hat längst wieder einem Spendenbarometer „Für die Orgelrenovierung – benötigt werden 100.000 Euro, bisher gespendet: 13,95 Euro“ Platz gemacht. Oder einer Fotokollage „Kommunion 2019“.

Es wäre allerdings ziemlich voreilig, aus dem Zeitpunkt von Krippenabbau und Baumentsorgung irgendwelche Rückschlüsse auf die theologische Disposition des Pfarradministrators zu ziehen. Oft genug scheitert ein fristgerechtes Ende des Weihnachtsambientes allein an der Verfügbarkeit von Pfarrgemeinderatsmitgliedern ohne Rückenprobleme. Oder Ministranten. Irgendjemand muss das Ding ja nach draußen tragen.

Sinnvoll wäre es trotzdem, die dreiwöchige Phase des „Ende der Weihnachtszeit“ kirchenrechtlich zu regeln. Vielleicht könnte man eine Intersolutio (zu deutsch: Zwischenlösung) einführen, nach der es den Pfarreien obliegt, das Ende der Weihnachtszeit selbst festzulegen. Irgendwann zwischen Taufe und Darstellung des Herrn. Muss doch jeder selber wissen, wann Weihnachten vorbei ist.

(Josef Bordat)

Menschengemachter Klimawandel

1. Norbert Bolz kritisiert in der „Tagespost“ zu Recht die Ungenauigkeit des Begriffs „menschengemachter Klimawandel“. Gemeint ist ja damit nicht, wie es grammatisch den Anschein hat, der Klimawandel sei in Gänze vom Menschen „gemacht“, gerade so, als hätte es vor dem Erscheinen des Homo sapiens zig Millionen Jahre lang ein konstantes Klima gegeben, weil es eben des Menschen bedarf, damit sich das Klima wandeln kann. Gemeint ist damit, dass es einen gewissen anthropogenen Anteil am Klimawandel gibt, der zudem für uns relevant, genauer: gefährlich ist. Das Gute ist nun, dass wir genau diesen Anteil beeinflussen können.

Also: Kein Mensch behauptet, der Klimawandel sei ausschließlich vom Menschen verursacht, auch dann nicht, wenn er vom „menschengemachten Klimawandel“ spricht. Wenn die „Klimaskeptiker“ also „in der Regel nicht den Klimawandel leugnen, sondern die alleinige Verantwortung des Menschen“, wie Bolz schreibt, stimmen sie in diesem Punkt mit der weithin anerkannten Klimaforschung überein. Herrschende Meinung ist dort nämlich, dass der Mensch das Klima seit 200 Jahren beeinflusst und damit natürliche Schwankungen verstärkt, in der Summe also Mitverantwortung trägt – nach herrschender Meinung in der Klimaforschung ist das Verhältnis der Anteile von einerseits nicht-humaner Natur und andererseits des Menschen am Klima derzeit etwa halbe-halbe.

Es geht in der Sache qualitativ darum: Auf die derzeitige natürliche Warmphase sattelt der Mensch nach Mehrheitsmeinung der Forscher (wenn ich diese richtig verstehe) durch seine moderne Lebensform (und die damit verbundenen Umwelteinwirkungen, insbesondere Treibhausgas-Emissionen) einen bestimmten anthropogenen Anteil drauf. Der allerdings hat zwei Eigenschaften, eine schlechte und eine gute. Die schlechte: Er kann bei Erreichen so genannter „Tipping Points“ das Klima zum Kippen bringen, gerade weil er den natürlichen Zyklus erheblich verstärkt (in welchem Ausmaß ist Gegenstand der Forschung; der IPCC, der den Stand der Wissenschaft im Auftrag der Vereinten Nationen zusammenfasst, geht momentan für die gegenwärtigen Klimaveränderungen von einem anthropogenen Anteil von mehr als 50 Prozent aus). Die gute hatte ich bereits erwähnt: Er – und nur er – lässt sich (als menschengemacht) vom Menschen (teilweise) vermeiden. Und daran gilt es anzusetzen – mit Maßnahmen, die gemeinhin „Klimaschutz“ genannt werden.

2. Norbert Bolz meint ferner völlig zu Recht, Skepsis sei „eine zutiefst wissenschaftliche Haltung“. Das jedoch sollte nicht dazu verleiten, nun zu meinen, die „Klimaskeptiker“ seien die einzigen, die sich mit den Resultaten der Klimaforschung kritisch auseinandersetzten. Das wäre ungerecht gegenüber der berufsbedingten Skepsis der Naturwissenschaftler, die ihre Arbeiten freilich auch (selbst)kritisch beäugen. Das kritische Korrektiv ist bereits im System „Wissenschaft“ wirksam. Wenn Klimaforscher Modelle entwickeln, gibt es andere Klimaforscher, die darin nach Fehlern suchen und konkurrierende Modelle entwickeln. Skepsis ist kein Monopol der „Klimaskeptiker“.

Wissenschaft funktioniert nur als ein „System der Skepsis“. Das wiederum schließt die Skepsis an der Skepsis ein. Man darf also nicht haltmachen, wenn man Resultate gefunden hat, die einem passen. Oder aber sich darauf beschränken, Thesen zu verwerfen, die einem nicht passen. Das heißt ganz konkret, Theorien, die sich als evident erweisen, weil sie empirisch bestätigt werden, anzuerkennen, auch, wenn ihre Implikationen unangenehm sind. Das gilt nicht nur, aber in besonderer Weise für Theorien, die wichtige Lebensbedingungen behandeln. Und dazu gehört unser Klima.

Wie kann man wissen, ob Skepsis angebracht ist? Wenn man – so wie ich – keine Ahnung von Klimaforschung hat, nie Physik oder Meteorologie studiert und selbst nie in der Antarktis im Eis gebohrt hat, also nicht mit eigenen Theorien aufwarten kann, dann sollte man die Plausibilität der Ansätze vergleichen. Dabei kann es verschiedene Anhaltspunkte geben, zum Beispiel die Frage, welche Auffassung mehrheitlich von Klimaforschern vertreten wird. Auch soziologische und ökonomische Aspekte können Hinweise geben: Wer finanziert die Studien, wer hat an welchen Ergebnissen ein gesteigertes Interesse? Schließlich können auch Stilfragen in der Auseinandersetzung eine Rolle spielen. Randbemerkung: Zwei Menschen haben mir im meinem Leben bisher massiv gedroht – der eine ein mutmaßlich linksextremer Christenfeind, der andere ein selbsterklärter „Klimaskeptiker“. Kann Zufall sein. Doch generell beobachte ich, dass es zwei Diskurse gibt, die mit besonderer Emotionalität geführt werden: der über Religion und der über das Klima. Auch das muss man wissen, wenn man die Skepsis richtig einordnen will.

(Josef Bordat)

Wasser, Wein und Wahrheit

„Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt, und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt, und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn.“ (Joh 2, 1-11)

Wie peinlich! Auf der Party geht der Wein aus. Wie praktisch! Einer der Gäste kann Wasser in Wein verwandeln. Das beeindruckt. Ein guter Anfang für den, der alles vollenden wird.

So kann man die bekannte Geschichte der Hochzeit von Kana lesen. Doch ist sie geprägt von tiefer Metaphorik, die uns theologisch etwas mehr herausfordert als darin nur den spektakulären Beginn des öffentlichen Auftretens Jesu zu sehen. Wir entdecken in den Bildern Hinweise auf die Heilsgeschichte – in, mit und durch Christus.

Zunächst ist die Hochzeit selbst ein Bild: Gott schließt im Bräutigam Christus einen neuen Bund mit seinem Volk, das sich daraufhin zur Braut „Kirche“ formiert.

Dann die Sache mit dem Wein. Er steht für die besondere Freude angesichts des Bundes. Diese Freude geht der Festgemeinde aus. Es bedarf einer Wandlung, um weiterfeiern zu können. Einer Wandlung, wie sie Christus immer wieder vollziehen wird, wenn er Trauriges froh, Krankes gesund und Totes lebendig macht.

Und am Ende seines irdischen Lebens wandelt er das Kreuz vom Symbol des grausamen Leids zum Symbol des ewigen Heils. Damit wandelt er alles – nichts ist mehr, wie es war. Die Kirche Jesu Christi verkörpert denn auch eine lange Wandlungsgeschichte, die bis heute andauert.

Mittendrin – in Kana und Kirche: Maria. Sie gibt uns den entscheidenden Rat: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2, 5). Ausgerechnet Maria, möchte man sagen. Die annehmende, die duldende, die schweigende Maria. Gerade deshalb sollten wir als Diener des einen Herrn (1 Kor 12, 5) besonders achtsam auf ihren Rat hören. Denn sie ist die Mutter Jesu, des guten Rates Gottes.

Schließlich: Wie wandelt Christus? In Kana ist das Ausgangsmaterial Wasserkrüge aus Stein – schwer, hart, scheinbar nicht zu verrücken. Es sind Monumente der alten Ordnung. Sie dienen dazu, der „Reinigungsvorschrift der Juden“ (Joh 2, 6) gerecht zu werden. Nicht aber der Stimmung auf der Hochzeit.

Jesus nimmt diese Wasserkrüge und wer fortan daraus trinkt, schmeckt Wein. Mehr noch: Aus den Artefakten der formalen Gesetzeskonformität wird der „gute Wein“ (Joh 2, 11) entnommen, der bislang unerkannt blieb, weil er „bis jetzt zurückgehalten“ wurde (Joh 2, 11): Christus selbst.

Christus erfüllt das Gesetz, das bislang nur voller Vorschriften ist. Er gibt dem Gesetz erstmals einen Geschmack – keinen faden Beigeschmack, kein „Geschmäckle“, sondern den guten Geschmack, der sich ergibt, wenn man hinter den Buchstaben den Menschen sieht. Christus wendet das Gesetz in Barmherzigkeit.

Damit nimmt er nichts von der Bedeutung des Gesetzes weg, sondern schenkt uns eine andere Perspektive auf dessen Wesenkern, die es uns erfüllen lässt: Liebe. Heraus kommt eine gewandelte Vorstellung dessen, worauf es ankommt. Am Ende steht eine tiefe Freude.

Die steht schon am Anfang, wenn wir spüren: Er ist da! Nach Geburt, Erscheinung und Taufe des Herrn feiert die Kirche den Beginn seines sichtbaren Wirkens. Und unseres Heils. Denn seine Jünger erkannten ihn und „glaubten an ihn“ (Joh 2, 11).

Fortan werden ihn die Apostel in die Welt tragen – man mag sich vorstellen, dass jeder der sechs Krüge zwei Henkel hat. Der Wein, in dem die Wahrheit liegt, kommt zu uns. Wir dürfen feiern.

(Josef Bordat)