Social Media-Kreuzweg

1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt

Pilatus sagte zu ihnen: Was soll ich dann mit Jesus tun, den man den Messias nennt? Da schrien sie alle: Ans Kreuz mit ihm! Er erwiderte: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Da schrien sie noch lauter: Ans Kreuz mit ihm! Darauf ließ er Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen. (Mt 27, 22 – 23, 26)

Ein Mem macht die Runde. Es ist manipuliert, es ist bösartig, es bringt Unschuldige in Schwierigkeiten. Ans virtuelle Kreuz mit ihr, mit ihm! Irgendjemand postet es, in einem Gefühlsgemenge aus Hass, Langeweile und Überdruss. Fake news, im Schutz der Anonymität. Es wird geteilt und geteilt und geteilt. Likes und Kommentare geißeln das Opfer.

***

2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium, das Amtsgebäude des Statthalters, und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Heil dir, König der Juden! Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf. Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an.
(Mt 27, 27-31)

Du öffnest Dein Profil. Dein Herz klopft. Was wird jetzt wieder passiert sein, wer wird inzwischen kommentiert haben? Hämisch, bösartig, verletzend. Du öffnest es, weil dort auch Gutes, Schönes und Wahres zu finden ist. Du musst das Kreuz der negativen Stimmungsmache auf Dich nehmen, um das Positive nicht zu verlieren.

***

3. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr ließ auf ihn treffen die Schuld von uns allen. Er wurde bedrängt und misshandelt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt, so tat auch er seinen Mund nicht auf. (Jes 53, 4-7)

Der Blogbeitrag kommt nicht gut an, das Foto wird nicht geliked. Neue Medien bringe neue Erfahrungen eines alten Problems: Scheitern. Alles erscheint sinnlos. Man bemüht sich, seine Meinung zu verdeutlichen, und dann schüttet es wieder nur Häme, Spott und dumme Sprüche. Man fühlt sich zu Boden gedrückt. Aber man steht wieder auf.

***

4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter

Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, – und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden. (Lk 2, 34-35)

Hilflos sieht man zu, wie andere leiden. Man kann nichts tun. Doch. Man kann da sein, treu bleiben. Einen netten Gruß schicken, einen aufmunternden Kommentar schreiben, ein Like geben. Das ist nicht viel, aber es zeigt, dass man jemanden, der sichtlich leidet, nicht einfach vorbeiziehen lässt beim Scrollen durch die timeline.

***

5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Auf dem Weg trafen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon; ihn zwangen sie, Jesus das Kreuz zu tragen.
(Mt 27, 32)

Aktiv werden, dem Anderen helfen, dem Schwächeren beistehen. Oft ist man gefordert, obwohl man gar nicht will. Eigentlich wollte man gerade den Rechner runterfahren, da kommt man doch noch mal auf eine Seite, die zum Mitreden motiviert. Manchmal sind Worte wie das Tragen einer Last.

***

6. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Mein Herz denkt an dich: Suchet mein Angesicht! Dein Angesicht, HERR, will ich suchen. Verbirg nicht dein Angesicht vor mir; weise deinen Knecht im Zorn nicht ab! Du wurdest meine Hilfe. Verstoß mich nicht, verlass mich nicht, du Gott meines Heils! (Ps 27, 8-9)

Und noch einmal: Aktiv werden! Wer nicht direkt eine hilfreiche Antwort in einer hitzigen Debatte weiß, kann an anderer Stelle ein stärkendes, tröstendes Wort schenken, das wie ein Schweißtuch wirkt.

***

7. Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

Ich bin der Mann, der Leid erlebt hat durch die Rute seines Grimms. Er hat mich getrieben und gedrängt in Finsternis, nicht ins Licht. Mit Quadern hat er mir die Wege verriegelt, meine Pfade irregeleitet. Meine Zähne ließ er auf Kiesel beißen, er drückte mich in den Staub. (Klgl 3, 1-2, 9, 16)

Immer wieder Rückschläge. Da hat man sich gerade in einer Diskussion geeinigt, bricht an anderer Stelle neuer Streit auf. Es ist zum Verzweifeln! Wozu noch sich aufrichten, warum weitergehen? Gegen all die erdrückende Oberflächlichkeit der Menschen ist doch eh nichts auszurichten. Oder? Steh auf!

***

8. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen

Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder! Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns!, und zu den Hügeln: Deckt uns zu! Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden? (Lk 23, 28-31)

Immer wieder kommen Mails und Nachrichten an, die zur Teilnahme an Petitionen aufrufen. Schicksale werden geschildert, mit denen man sich solidarisch erklären soll. Es sind weinende Kinder, Frauen, Männer, es sind leidende Menschen und Tiere, es sind schmerzhafte Zustände. Doch was kann ich tun? Ich kann doch oft nichts tun – außer zu weinen. Das jedoch ist oft schon sehr viel.

***

9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Gut ist es für den Mann, ein Joch zu tragen in der Jugend. Er sitze einsam und schweige, wenn der Herr es ihm auflegt. Er beuge in den Staub seinen Mund; vielleicht ist noch Hoffnung. Er biete die Wange dem, der ihn schlägt, und lasse sich sättigen mit Schmach. Denn nicht für immer verwirft der Herr. Hat er betrübt, erbarmt er sich auch wieder nach seiner großen Huld. (Klgl 3, 27-32)

Jetzt ist Schluss. Jetzt wird blockiert. Jetzt melde ich mich ab. Ich habe genug. Es geht nicht mehr weiter. Die Last ist zu groß. Der Klügere gibt nach. Doch: Soll die Dummheit triumphieren? Die Aggression? Der Hass? Aufstehen! Nur noch dieses eine Mal.

***

10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt

So kamen sie an den Ort, der Golgota genannt wird, das heißt Schädelhöhe. Und sie gaben ihm Wein zu trinken, der mit Galle vermischt war; als er aber davon gekostet hatte, wollte er ihn nicht trinken. Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich. Dann setzten sie sich nieder und bewachten ihn. (Mt 27,33-36)

Nackt stehst Du jetzt da, Du Opfer! Das Cybermobbing zeigt Wirkung, der letzte große Shitstorm, das Shamen, Haten, Dissen. Der Würde beraubt stehst Du da, während man einfach weiterzockt, als sei nichts geschehn. Doch Gewinnen kann man dabei nichts. Zumindest nichts, das Bestand hat.

***

11. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt

Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld angab: Das ist Jesus, der König der Juden. Zusammen mit ihm wurden zwei Räuber gekreuzigt, der eine rechts von ihm, der andere links. Die Leute, die vorbeikamen, verhöhnten ihn, schüttelten den Kopf und riefen: Du willst den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst, und steig herab vom Kreuz! Auch die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten verhöhnten ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Er ist doch der König von Israel! Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben. (Mt 27, 37-42)

Festgenagelt. Wer online für den Glauben (oder eine politische Position) eintreten will, muss bereit sein, sich festnageln zu lassen. Auch auf die unangenehmen Seiten. Nichts bleibt unentdeckt, alles kommt ans Licht. Mit ein paar Klicks erreicht man Hintergründe und Kontroversen. Wahrhaftigkeit wird zur Bedingung. Dennoch: Hohn wird nicht ausbleiben.

***

12. Station: Jesus stirbt am Kreuz

Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land. Um die neunte Stunde rief Jesus laut: „Eli, Eli, lema sabachtani?“, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Er ruft nach Elija. Sogleich lief einer von ihnen hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Die anderen aber sagten: Laß doch, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihm hilft. Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er seinen Geist aus. Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten. Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!
(Mt 27, 45-50, 54)

Sprachlosigkeit angesichts des Kreuzes. Schweigen muss man sich leisten können, wenn die Welt auf Tweets und Kommentare wartet. Doch irgendwann ist es eben soweit: Tod. Ende. Aus. Kontakt abgebrochen. Der User ist für mich gestorben. Doch täuschen wir uns nicht: Wer jemand wirklich ist, das merkt man erst offline.

Kreuz_Breslau
Kreuzigungsdarstellung an der Fassade der Magdalenenkirche in Breslau. Foto: JoBo, 8-2018.

13. Station: Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

Gegen Abend kam ein reicher Mann aus Arimathäa namens Josef; auch er war ein Jünger Jesu. Er ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Da befahl Pilatus, ihm den Leichnam zu überlassen. Josef nahm ihn und hüllte ihn in ein reines Leinentuch. (Mt 27, 57-59)

Einer setzt sich ein, einer macht den Unterschied. Kein großer Held, aber jemand der da ist. Er ist online, wenn er gebraucht wird. Kein Poser mit Angeber-Fotos, sondern jemand, dem es um echte Beziehung geht. Auch, wenn er das versteckt – und aus Angst anonym bleibt.

***

14. Station: Der heilige Leichnam Jesu wird in das Grab gelegt

Dann legte er ihn in ein neues Grab, das er für sich selbst in einen Felsen hatte hauen lassen. Er wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg. Auch Maria aus Magdala und die andere Maria waren dort; sie saßen dem Grab gegenüber. (Mt 27, 60-61).

Grabesruhe. Unvorstellbar in einer Welt, die immer auf Abruf ist, immer pulsiert, immer online. Ruhe, Abschalten – wahrer Luxus und wahren Privileg. Doch bitter nötig, wenn man zur Auferstehung gelangen will. Die gibt es nämlich nicht als App, sondern nur, wenn man durch Kreuz und Tod hindurchgeht, wahrhaftig, nicht nur virtuell. Leid und Tod – das ist keine Simulation. Auferstehung auch nicht.

(Josef Bordat)

Werbeanzeigen

Pressemitteilung zur Neuerscheinung

Neuerscheinung im Lepanto-Verlag:

Josef Bordat: Ewiges im Provisorium. Das Grundgesetz im Lichte des christlichen Glaubens
Mit einem Geleitwort von Mechthild Löhr
212 S., 120 x 190 Klappenbroschur, € 15,80
ISBN: 978-3-942605-08-3
Erscheinungsdatum: 2. April 2019

Alle Informationen können Sie der Pressemitteilung entnehmen.

(Josef Bordat)

Elf

Countdown zur Neuerscheinung – Ewiges im Provisorium. Das Grundgesetz im Lichte des christlichen Glaubens

41wkSDZgFoL

Im modernen Naturrecht geht es also weder um eine theologisch-religiöse Manifestierung des Rechts, in der die Vernunft als »von Gott erleuchtet« aufgefaßt wird (Thomas), noch um eine metaphysische Grundlegung, in der die Vernunft als Dünkel einer Elite für eben diese die unmittelbare Einsicht in die Idee des Naturrechts ermöglicht (Platon), sondern es geht darum, das Recht auf die natürliche Vernunft als anthropologische Konstante und somit geeignete überkonfessionelle Bestimmungsgröße vorkonventioneller Rechtsideen zurückzuführen.

(Josef Bordat, aus: Ewiges im Provisorium. Das Grundgesetz im Lichte des christlichen Glaubens, S. 34)

Beachtliches Ergebnis

Laut aktuellem ARD-DeutschlandTrend sind 15 Prozent der Deutschen für und 39 Prozent der Deutschen gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform. Es gibt also mehr als doppelt so viele Gegner wie Befürworter. Das überrascht kaum. Das eigentlich Erstaunliche an dem Ergebnis: Fast die Hälfte der Befragten (44 Prozent) gibt zu, dass ihr für ein fundiertes Urteil das Hintergrundwissen fehlt („kann ich nicht beurteilen“). Beachtlich für die heutige Zeit, in der doch jede und jeder zu allem eine Meinung hat.

(Josef Bordat)

Erste Besprechung des Grundgesetz-Buchs

Pünktlich zur Leipziger Buchmesse erscheint das idea-Spektrum Spezial „Lesen, hören & sehen“ als Sonderbeilage der Wochenzeitschrift idea-Spektrum (Nr. 12, 2019). Auf Seite XII oben gibt es die erste Besprechung des Grundgesetz-Buchs (Ewiges im Provisorium. Das Grundgesetz im Lichte des christlichen Glaubens), das in wenigen Tagen im Handel erhältlich sein wird.

Darin nimmt der Theologe Horst Marquardt, Gründer der Evangelischen Nachrichtenagentur idea, eine erste Einschätzung vor: „Der Autor zeigt geschichtliche und philosophische Zusammenhänge auf, erwähnt aber auch Ereignisse der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit, etwa aus der Justiz und der Lebensrechtsbewegung, mit der Feststellung, dass ‚der grundgesetzlich verbriefte Lebensschutz auch dem Ungeborenen gilt‘.“ Er kommt zu dem Schluss: „Hilfe bietet das Buch vor allen politisch Interessierten, Verantwortungsträgern in Kirchen, Justiz sowie Mitarbeitern von Familien- und Lebensrechtsbewegungen.“

(Josef Bordat)

Zwölf

Countdown zur Neuerscheinung – Ewiges im Provisorium. Das Grundgesetz im Lichte des christlichen Glaubens

41wkSDZgFoL

Die Mehrheit der Deutschen ist jedoch im großen und ganzen zufrieden mit dem Grundgesetz. Wir haben auch allen Grund, auf das Grundgesetz »stolz« zu sein. Viele verfassungsgebende Organe im postkommunistischen Osteuropa haben sich nach 1989 daran orientiert. Die Verfassung, die eigentlich gar nicht als solche gedacht war, wurde vierzig Jahre später zum Vorbild für viele neue Verfassungen. Ironie der Geschichte.

(Josef Bordat, aus: Ewiges im Provisorium. Das Grundgesetz im Lichte des christlichen Glaubens, S. 20 f.)

Down-Syndrom: Dringend zu vermeidender Schadensfall?

Heute, am 21.3., findet der Welt-Down-Syndrom-Tag statt. Diesen Tag haben die Vereinten Nationen eingerichtet, um auf das Thema Trisomie 21 aufmerksam zu machen und für eine bessere Integration von Menschen mit Down-Syndrom in unserer Gesellschaft zu werben. Die Nähe zum Frühlingsanfang ist dabei eine schöne Koinzidenz.

Trisomie 21 meint die Verdreifachung des 21. Chromosoms, eine Genmutation, die zum Down-Syndrom führt. Entdeckt hat sie der Kinderarzt und Genetiker Jérôme Lejeune. Als Mediziner forschte er an der Heilung dieses Gendefekts, als Christ setzt er sich für das Recht auf Leben behinderter Kinder ein, und damit auch gegen die Auswahl und Abtreibung von Embryonen mit Trisomie 21. Dafür wiederum hatte er mit seiner Entdeckung die diagnostischen Grundlagen geschaffen – eine Tragik, die ihm sehr nahe ging. Am 3. April dieses Jahres erinnern wir uns an seinen 25. Todestag.

Es geht also beim Welt-Down-Syndrom-Tag darum, die Integration von Menschen mit Down-Syndrom in unserer Gesellschaft zu befördern. Die beste Integration ist Inklusion – volle Teilhabe, ohne Einschränung. Inklusion von Menschen mit Down-Syndrom in unserer Gesellschaft – das ist immer noch ein Problem. Dafür zu werben, scheint immer noch bitter nötig zu sein. Laut einer Studie aus dem Jahr 2001 muss sich die Mehrzahl der Eltern eines Kindes mit Down-Syndrom (72 Prozent der befragten Mütter, 100 Prozent der befragten Väter) nach der Geburt dafür rechtfertigen, warum keine pränatale Diagnostik in Anspruch genommen wurde. Gemeint ist: So etwas muss doch heute nicht mehr sein! Tatsächlich entscheiden sich neun von zehn Frauen in Deutschland nach einem positiven Pränataltest auf Trisomie 21 für eine Abtreibung. Island rühmt sich damit, „Down-frei“ zu sein, in Holland gibt es den Traum von einer „Down-freien“ Gesellschaft.

Was ist das eigentlich, das nicht mehr sein darf? Mal ganz abgesehen davon, dass man eher behindert wird, als dass man behindert ist, gelten Menschen mit Down-Syndrom als „geistig“ rückständig (wohl besser: kognitiv eingeschränkt). Das heißt: Sie schneiden bei einem Intelligenztest schlechter ab als der Durchschnitt der Bevölkerung. In einer Cogito-Gesellschaft, in der ein gutes Abschneiden bei einem Intelligenztest zum Würdeausweis wird, bedeutet das folgerichtig einen Mangel an Würde bis hin zum Verlust derselben.

Die meisten Kinder mit Trisomie 21 können heute Lesen und Schreiben lernen und erwerben Grundkenntnisse im Rechnen. Zudem häuft sich die Zahl der Menschen mit Down-Syndrom, die einen höheren Bildungsabschluss erlangen. Selbst das erfolgreiche Absolvieren eines Hochschulstudiums mit Trisomie 21 ist offenbar möglich, wie die Literaturwissenschaftlerin Aya Iwamoto und der Lehrer Pablo Pineda zeigen. Zwar wird dies die Ausnahme bleiben, andererseits ist zu fragen, ob denn das Lebensrecht erst mit der Promotion erworben wird.

Es scheint generell bei Menschen mit Trisomie 21 so zu sein wie bei Menschen ohne Trisomie 21: Wichtig ist die individuelle Fähigkeit und die Förderung, die eine Person erhält. Zwar wird der Anteil der Akademiker mit Down-Syndrom wohl auch in Zukunft unterdurchschnittlich bleiben, doch je selbstverständlicher die Integration im Rahmen der Früherziehung funktioniert, je sensibler Erzieher und Lehrerinnen reagieren, kurz: je mehr wir wissen über den vielgestaltigen Phänotyp dieser Genanomalie, desto besser werden betroffene Menschen ihr Leben führen können.

Was auffällt: Menschen mit Trisomie 21 bereichern als Künstler und Sportler unsere Kultur. Schauspieler wie Mirco Kuball und Gewichtheber Lukas Schütterle (Deutscher Meister im Kraftdreikampf) zeigen das Potential von Menschen mit Down-Syndrom. Und: Kinder mit der Genanomalie fallen den Erzieherinnen und Erziehern überdurchschnittlich oft positiv auf, wegen ihres vorbildlichen Sozialverhaltens und ihrer besonderen Emotionalität. Menschen mit Down-Symdrom sind meist lieb, nett, gesellig, ehrlich, unterhaltsam, offen, sozial und glücklich.

Anders sieht das die US-Justiz: Für sie ist ein solches Menschleben ein „Schadensfall“, dessen fahrlässige oder vorsätzliche Nichtverhinderung ersatzpflichtig macht. In den Vereinigten Staaten gab es 2012 für die Eltern eines nicht diagnostizierten Trisomie 21-„Falles“ drei Millionen Dollar Schadensersatz. Wie fühlt sich wohl ein Mensch, der erfährt, dass seine Eltern eine Menge Geld als Entschädigung dafür bekommen, dass er lebt? Und was bleibt von der Beschwichtigung übrig, Trisomie 21-Testverfahren mit Tötungsrecht bei positivem Ergebnis führten nicht zur Diskriminierung von Menschen mit Down-Syndrom? Richtig: Es löst sich in Luft auf, wenn das Leben eines Menschen mit Down-Syndrom, der dem Test durch die Lappen ging, künftig mit drei Millionen Dollar Schadensersatz belegt wird. Die Aussage, die dahinter steht: Du bist für uns eine Katastrophe! – Ist das Diskriminierung? Entscheiden Sie selbst, ob es für einen Menschen angenehm ist, das Äquivalent eines Hochwassers zu sein. Denn dafür gibt es sonst Schadensersatz.

Der Mensch als „Schaden“, das Leben als „Schadensfall“. Wer so einen „Schaden“ liebevoll großzieht, sieht sich in Zeiten, wo das „ja nicht mehr sein muss“, sozialem Druck ausgesetzt. Denn nicht Inklusion, sondern Selektion ist das Gebot der Stunde – Welt-Down-Syndrom-Tag hin oder her! Darauf aufmerksam zu machen, gehört daher auch zu den traurigen Obliegenheiten eines solchen Tages, der eigentlich ein Feiertag ist, ein Tag, das Leben zu feiern, sei es behindert oder nicht.

(Josef Bordat)