Interessante Entdeckung

Zur Deutung des Koran als Schlüssel für einen menschenfreundlichen Islam

Gestern Abend war ich in der Katholischen Akademie Berlin bei der Vorstellung des Buchs „Im Herzen der Spiritualität. Wie sich Muslime und Christen begegnen können“, erschienen bei Herder (Rezension). Es ist ein dialogisch angelegter Text, der zum Dialog ermutigen soll. Dabei geht es auch um „harte“ theologische Themen (etwa das Gottesbild) und deren jeweilige Behandlung durch Christentum und Islam. Im Gespräch: Pater Anselm Grün und Professor Ahmad Milad Karimi.

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Anselm Grün und Ahmad Milad Karimi in der Katholischen Akademie Berlin. Foto: RVB.

Pater Anselm Grün betonte, für ihn sei in der Auseinandersetzung mit dem Islam dessen undogmatische und deutungsoffene Theologie eine Entdeckung gewesen. Professor Karimi führte dazu aus, dass islamische Gelehrte im Hochmittelalter, der Blütezeit des Islam, bei einer Auslegungsfrage immer drei Deutungsvarianten angeboten hätten, um daraus von den Gläubigen, die eigentlich eine klare Antwort hören wollten, die plausibelste auswählen zu lassen.

Methodisch trägt dieses Standardverfahren leicht dogmatische Züge. Daran sollte man sich aber nicht festbeißen. Entscheidend ist der Hinweis auf die inhaltliche Pluralität der Interpretation. Menschenverachtende Auslegungen des Koran seien insoweit zulässig (und damit hat der islamistische Terror auch etwas mit dem Islam zu tun), sie erweisen sich aber als unplausibel, wenn und soweit es einen Diskurs über Plausibilität gibt (Karimi: „Salafisten sind theologisch Kreisliga“) und wenn die favorisierte plausible Deutung von Muslimen auch gelebt wird. Konkret: Wenn etwa der Dialog mit Anders- und Nichtglaubenden gesucht wird, statt sich abzuschotten.

Ich halte das für einen interessanten Aspekt, der bisher etwas zu kurz kommt in der Rezeption des Islam hierzulande. Denn das hieße ja: Das eigentliche Problem ist ein Bildungsdefizit. Durch theologische Bildung gewönnen menschenfreundliche Korandeutungen an Gewicht und Integration gelänge besser. Doch ist das realistisch? Mit Blick darauf, dass manchmal auch Christen, denen die exegetische Kenntnis fehlt, aus dem Kontext gerissene Bibelverse zur Rechtfertigung von Unbarmherzigkeit und Menschenverachtung missbrauchen, bin ich skeptisch, vor allem, weil ich weiß, wie schwer es ist, dagegen zu argumentieren. Pater Anselm Grün hofft dennoch, dass die theologische Bildung allmählich bis an die Basis durchsickert. Bei Muslimen und Christen.

(Josef Bordat)

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Europa, die EU und der Nationalstaat. Eine Diskussion in Berlin

Wie kann man heute sinnvoll von „Nation“ sprechen? Welche Rolle spielt die Nation in einem inter- resp. übernationalen Staatenbund wie dem der Europäischen Union? Das waren einige der Themen einer Tagung zur nationalen Identität in Europa, die als sechsstündige Diskussionsveranstaltung im Polnischen Institut Berlin mit drei Panels konzipiert war. Den ausführlichen Veranstaltungsbericht für die „Tagespost“ lesen Sie hier.

Panel 1 mit (v.l.n.r.) Frank Füredi, Monika Maron und Jacques Dewitte. Foto: Josef Bordat.

Die Frage nach dem Nationalstaat in Europa bettet sich ein in die übergeordnete Fragestellung nach der Zukunft Europas, der Legitimation hoher Kompetenzen europäischer Einrichtungen und danach, welche Aufgaben dem Staat vor diesem Hintergrund zukommen und wo die Grenzen des staatlichen Handelns liegen, in Anbetracht der „Globalisierung“ und der in ihrer Folge fortschreitenden Auflösung der Nationalstaaten in ihrer historischen Form. Staatsaufgabe als Aufgabe? Dagegen steht der Trend zur Neudefinition ethisch-nationaler Räume in einer postkolonialen Welt – überall entstehen neue Nationen, der Drang zum Bilden von nationalen Identitäten ist dabei auch in Europa sehr deutlich, wie Flandern, Schottland und Katalonien zeigen. Eine komplexe und kompliziete Materie, die sich die Veranstalter vorgenommen hatten.

Panel 2 mit (v.l.n.r.) Jacek Dehnel, David Engels, Andrzej Bryk und Moderatorin Justyna Schulz. Foto: Josef Bordat.

Da tat es gut, die Debatte zu strukturieren, historische von sytematischen Fragen abzugrenzen, Europa als Kulturraum neben den eher technizistischen Begriff Europas zu stellen, der in Form der EU Europa als Wirtschaftsraum mit grundsätzlichen geteilten politischen Vorstellungen der Mitgliedsländer begreift. So ging es zunächst um unterschiedliche europäische Konzeptionen des Nationalstaats, ehe sich die Diskussionsteilnehmer über die Rolle der Nationalstaaten in der Europäischen Union sprachen. Und da die Veranstaltung vom Polnischen Institut Berlin organisiert wurde, ging es in einem weiteren Panel um Polens nationale Identität vor dem europäischen Hintergrund. Im Gegensatz zu vielen anderen Nationen empfanden die Polen den Zusammenbruch der alten Ordnung nicht als Irritation der Identität, sondern als deren Wiedererwachen. Das ganze „lange 19. Jahrhundert“ (1789 bis 1918) war das Land geteilt gewesen; nun bestand eine neue Chance zur Nationenbildung.

Panel 3 mit (v.l.n.r.) Manuel Sarrazin, Izabela Kloc, Frédéric Petit und Moderator David Engels. Foto: Josef Bordat.

Problematisch an der Veranstaltung war: Migration wurde ausschließlich als Problem gesehen, Europas starke Außengrenzen als dessen Lösung. In diesem Punkt bestand die größte Einigkeit. Doch diese Verkürzung ist ähnlich fragwürdig wie die Romantik einer Welt ohne Regeln und Grenzen. Eine Reduzierung der Renaissance nationaler Identitäten auf eine Abwehrhaltung dem Anderen gegenüber, dem, der nicht schon qua Geburt (natus) dazugehört, wurde in der europäischen Innenperspektive aus historisch naheliegenden Gründen noch einhellig abgelehnt. Sollte nun eine „europäische Identität“ geprägt werden, die als „Selbstbehauptung“ (Engels) in der Außenperspektive ähnlich abgrenzend wirkt wie das überwundene Nation-Konzept des 19. Jahrhunderts, das bekanntlich in den Ersten Weltkrieg mündete? Offen nach innen, geschlossen nach außen – ist das die Rolle Europas im 21. Jahrhundert? Und was folgte daraus?

Problematisch war ferner: Die Diktion bei den Wortmeldungen der Zuhörer glitt bisweilen in Regionen ab, die man sonst nur aus dem Facebook kennt, wenn über „die Millionen“ gesprochen wird, die „vor Europas Türen stehen“ und zum Integrieren ohnehin „viel zu primitiv“ seien, weil sie dem „Bodensatz“ ihrer Gesellschaften entstammten – Äußerungen, die von den Referenten sprachlich geschliffen, inhaltlich aber durchaus affirmativ rezipiert wurden. Man kann es auch positiv wenden: Die Moderation nahm nicht nur das Konzept „Nation“ sehr ernst, sondern auch das Konzept „Meinungsfreiheit“. Dennoch: Wenn man schon über Migranten spricht statt mit ihnen, sollten sich pejorative Pauschalurteile verbieten, ganz gleich, wie elegant sie formuliert sind. Gilt nicht nur für diese Veranstaltung.

Auch nach der hochkomplexen Veranstaltung bleibt offen, wie der gestärkte, selbstbewusste, in gewisser Hinsicht restituierte Nationalstaat eingedenk seiner Abhängigkeit von einem System globaler Kräfte und Bedingungen die unilaterale Option so umsetzen kann, dass es dem dient, was die Nation begründet: dem Volk. Globale Probleme können nur global gelöst werden. Dennoch widerspricht dem die wiedererstarkte Nation nur auf den ersten Blick, denn jeder interationale Bund ist nur so stark wie seine Mitglieder. Und zur Stärke gehört die Versicherung der eigenen, besonderen Identität. Hier müsste dann jedoch auch ein Konzept beachtet werden, das etwas zu kurz kam: die Region. Vielleicht liegt in einer so gewendeten „Glokalität“ dann doch ein Schlüssel für die Zukunft.

(Josef Bordat)

Marx und Friedman im BE

In der aktuellen Tagespost vom 17. Januar erscheint mein Bericht über die Diskussion zwischen Michel Friedman und Reinhard Kardinal Marx im Berliner Ensemble – „Glauben!“.

Mir sind noch zwei Dinge eingefallen, die ich auf diesem Wege gerne ergänzen möchte.

1. Zum Thema Theodizee, oder: Glauben nach Auschwitz

Nein, meinte Marx, er könne nicht erkennen, wo hier der Sinn liege, in Auschwitz, in der Schoah, jener Sinn, auf dessen Existenz er im Kontext der Glaubensfrage eingangs des Gesprächs größten Wert legte. „Aber das heißt nicht, dass es ihn nicht gab. Wir Menschen erkennen nicht immer alles.“ – „Aber wenn wir nicht wissen, wo Gott war – wie können wir dann nach Auschwitz an ihn glauben?“ Marx wies auf dreierlei hin: Zum einen, dass sehr wohl auch in den Konzentrationslagern gebetet wurde (er hätte auch darauf hinweisen können, dass die katholische Liturgie im Priesterblock von Dachau einen festen Platz im Lager hatte), zum anderen – mit Habermas –, dass es ohne religiöse Ausdrucksform nicht möglich ist, an Sühne und Gerechtigkeit für die Opfer zu denken – politische und soziale Systeme können hier keinen Trost geben, nichts, das zum versöhnten Weiterleben befähigt. Schließlich: Dass es sehr wohl eine andere Theologie brauche, nach Auschwitz – exemplarisch führt er an, wie die Erinnerung zur theologischen Kategorie wurde, etwa bei Johann Baptist Metz (hier hätte Marx auch darauf verweisen können, dass der Topos der Erinnerung in der Kirche insgesamt seit jeher eine große Rolle spielt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“).

2. Zum Thema Religion, Moral und Recht

Das Verhältnis von Religion und Normativität ist ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs – soweit man davon bei der Überfülle an Stichwörtern überhaupt reden kann. Friedman setzt hier – mit Jan Assmanns theologisch fragwürdiger Monotheismuskritik im Rücken – auf die Trias „Wahrheitsanspruch-Dogmatik-Intoleranz“, die, so Marx, für das Christentum und die Kirche nicht verfange. Hier gehe es zunächst um den Weg zu Gott, dann erst um Ethik. Richtig. Das aber verführt Friedman zu der Annahme, damit sei die normprägende Dimension des Religiösen ein Irrweg; er nennt das Judentum mit seinen 613 Vorschriften. Marx pflichtet ihn bei, versäumt es jedoch festzustellen, dass der eigentliche Irrweg im praktisch folgenlosen persönlichen Bekenntnis besteht, das Friedman für die heute zu favorisierende Form von Religiosität hält. Religionen haben aber nicht nur als soziale Systeme Regeln, bereits aus dem Glauben selbst folgt eine bestimmte moralische Ordnung, die dann freilich auch auf das Leben wirkt und – wenn man nicht ganz allein damit steht – auch auf das Recht der Gemeinschaft, zumal dann, wenn die Angehörigen einer bestimmten Religion in der Mehrheit sind.

Das nur als Ergänzung.

Hingewiesen sei auch auf den Bericht von Anna Lutz für das Pro Medienmagazin. Teilweise ganz ähnlich in der Wahrnehmung, aber doch mit einer etwas anderen Akzentuierung.

Am besten beide Texte lesen. Schadet nicht. Denke ich.

(Josef Bordat)

Die Liste der Toten

Im Deutschen Historischen Museum in Berlin läuft derzeit eine interessante Sonderausstellung: „Europa und das Meer“. Es geht dabei um die Bedeutung des Meeres für die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Europas. Wie viel davon mit der Schifffahrt zusammenhängt, wird einem erst mal so richtig bewusst, wenn man durch die Ausstellung geht, die im Wesentlichen die Geschichte von Hafenstädten beleuchtet, die wiederum mit bestimmten Epochen und Phänomenen der europäischen Geschichte in Verbindung stehen. Sevilla, zu Beispiel; von dort gingen die Reisen in die „Neue Welt“.

Von der Antike bis zur Gegenwart spielt vor allem das Mittelmeer eine Rolle. Für den Handel, als Urlaubsregion und – in der unmittelbaren Gegenwart – als Fluchtroute. Ein Bereich der Ausstellung widmet sich diesem tragischen Kapitel des Topos „Europa und das Meer“. Dort liegt eine Liste mit 33.293 registrierten Personen, die im Zeitraum von 1993 bis Mai 2017 beim Versuch, das Mittelmeer Richtung Europa zu überqueren, verstorben sind. Die Toten wurden von „United for Intercultural Action“ registriert, Leitmotiv: „United Against Refugee Deaths“. Die Liste mit den Opfern bis Mai 2017, wie sie auch in der Ausstellung zu sehen ist, kann hier [pdf] aufgerufen werden. Sie wird fortlaufend ergänzt. Traurige Chronistenpflicht. Auf ihrer website sprechen die Aktivisten von 34.361 Toten (pdf, Stand: Mai 2018).

In der Ausstellung erzählen Geflüchtete, denen – oft als einige der ganz wenigen Überlebenden ihres Bootes – die Flucht über das Meer nach Europa gelang, von ihren Erfahrungen. Jede Videoinstallation ist mit einem Gegenstand versehen, der symbolisch für das Schicksal der Fluchtgeschichte steht: eine Bauchtasche, ein Mobiltelefon, ein Rosenkranz. Der gehört Paul Nkamani. Der junge Mann floh aus seiner Heimat Kamerun nach Spanien und kam von dort nach Deutschland. Der Rosenkranz habe ihn begleitet, habe ihm Mut und Kraft gegeben. Der Rosenkranz sei das einzige gewesen, das die spanischen Behörden ihm ließen.

Ich denke heute, am Gedenktag Allerseelen, auch an die Toten im Mittelmeer – an die 34.361 registrierten und die ungezählten, von denen nur Gott weiß.

(Josef Bordat)

20 Jahre Hoffnung

Hier einige Impressionen vom Franziskusfest am 6. Oktober auf „Gut Neuhof“, bei dem gefeiert wurde, dass es die Fazenda schon seit 20 Jahren in Deutschland gibt.

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Das Haupthaus. Foto: JoBo, 10-2018.
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Die Kapelle. Foto: JoBo, 10-2018.
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Nicht nur für die Kleinen interessant: Landwirtschaft auf „Gut Neuhof“. Foto: JoBo, 10-2018.
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Ehemalige und Verantwortliche vor der Kapelle. Foto: JoBo, 10-2018.
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Buntes Bühnenprogramm. Foto: JoBo, 10-2018.
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Franziskanerinnen im Gespräch über ihr Wirken auf der Fazenda. Foto: JoBo, 10-2018.

Einen ausführlichen Bericht über das Jubiläums-Franziskusfest gibt es in der Online-Ausgabe der Tagespost.

(Josef Bordat)