Neuer Volkssport

Ich mag Sport. Treiben. Schauen. Was auch immer. Ich mag das. Und daher mag ich auch den neuen Berliner Volkssport. Nein, nicht „Radfahren ohne Ampelbeachtung“. Das ist ja nicht neu. Straßenumbenennungen einfordern – das ist mal ein Trend-Sport! Erst die „Mohrenstraße“ (liebe Mauren, ihr müsst stark sein: Man muss beim Sport auch verlieren können!), dann die „Pacelliallee“ (näheres im Sportteil), jetzt die „Martin-Luther-Straße“: Der Reformator habe „in seiner Zeit für ausgebeutete Menschen, Minderheiten und Frauen eine sehr negative Rolle gespielt und – wo immer es ging – Öl ins Feuer der Auseinandersetzungen gegossen und bitterbösen Hass gesät“.

Das macht Spaß. Viel mehr als Spinning oder Zumba. Also, ich mache heute „Goethestraße“ (Antisemitismus), „Richard-Wagner-Platz“ (Antisemitismus) und „Kantstraße“ (wünschte immerhin, „die unter uns lebenden Palästiner“ hätten die Chance auf „Euthanasie“, also: einen guten Tod; ferner: Kritik der reinen Vernunft – spielt für Philosophiestudenten „eine sehr negative Rolle“, nicht nur „in seiner Zeit“). Ach, so: Sie fragen, welche Regeln es gibt? Eigentlich keine. Das heißt – eine: Such Dir eine Straße, die nach einer Person oder Personengruppe benannt ist und finde ein Haar in der Suppe. Rudi Dutschke und Karl Marx sind tabu, Bismarck auch (wegen Pazifismus), ansonsten: Feuer frei! Mein Favorit: „Frankfurter Allee“ (Banken und Würste – beides Klimakiller).

Los geht’s! Alles, was man braucht, ist ein Stadtplan mit Straßenverzeichnis, bequeme Schuhe, Funktionskleidung und eine Flasche stilles Wasser, und dann ran ans Werk. Voltaire ma‘ probiern? OK. Aha: „Voltairestraße“, 10179 Berlin, in beide Richtungen befahrbar. Voltaire über Juden: „Sie wurden alle mit rasendem Fanatismus im Herzen geboren, so wie die Bretonen und Deutschen alle blond sind“. Und die andere Richtung: „Mich würde nicht im mindesten wundern, wenn diese Leute eines Tages gefährlich würden für das Menschengeschlecht“. Na, wie ist das? Besser oder schlechter als „Schopenhauerstraße“? 14129 Berlin: „Schon der Anblick der weiblichen Gestalt lehrt, daß das Weib weder zu großen geistigen, noch körperlichen Arbeiten bestimmt ist. Es trägt die Schuld des Lebens nicht durch Thun, sondern durch Leiden ab, durch die Wehen der Geburt, die Sorgfalt für das Kind, die Unterwürfigkeit unter den Mann, dem es eine geduldige und aufheiternde Gefährtin seyn soll“ (hier geht‘s weiter, Sportsfreund!).

Naja, wir wollen‘s ja am Anfang auch nicht übertreiben. Hinterher kommt noch raus, nach wem die „Wilhelmstraße“ benannt ist. Oder die „Heerstraße“. Am Ende bliebe dann wohl nur eins in Berlin erhalten: der „Kurfürstendamm“. Schließlich waren die immer politisch korrekt, emanzipativ und basisdemokratisch, die Dämme.

(Josef Bordat)