Gut gemeint! Gut gemacht?

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wollen die U-Bahnstation „Mohrenstraße“ in „Glinkastraße“ umbenennen, im Gedenken an den in der Nähe der Station gestorbenen russischen Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka, nach dem schon die korrespondierte Straße benannt ist. Als Glinka starb, war das Jahr 1857 im Gange, da gab es die Berliner U-Bahn noch nicht, doch dort, wo Glinka zuletzt lebte (Französische Straße 8), ist heute die U-Bahnstation in unmittelbarer Nähe. Das passt also – zumindest vom räumlichen Bezug.

Die Debatte um die Umbenennungsabsicht teilt sich in zwei Fragen: 1.) Ist es grundsätzlich gut, dass die BVG die Station umbenennt, weil die bisherige Bezeichnung rassistisch ist oder so verstanden wird bzw. werden könnte? 2.) Ist Glinka ein guter, nicht-rassistischer Ersatz?

Zur ersten Frage meine ich: Ja. Wenn es auch historisch anders gemeint war, heute ist „Mohr“ ein Pejorativum. Wer schwarze Menschen ehren will, kann dies durch Nennung ihres Namens tun, so, wie das bei weißen Menschen auch üblich ist. Und Menschen werden ohnehin nicht geehrt, weil sie schwarz oder weiß sind oder waren, sondern, weil sie Besonderes leisteten. Das gilt für die Jesse-Owens-Allee am Olympiastadion genauso wie für den Hegelplatz hinter der Humboldt-Uni.

Zur zweiten Frage meine ich: Nein. Glinka war – wie viele Kulturschaffende des 18. und 19. Jahrhunderts – ein theologisch desinteressierter Judenhasser.* Ihm ging es nicht um Differenzen im Glauben oder im Gottesbild – er mochte einfach keine Juden. So, wie viele andere damals auch. Das entlud sich an Personen, oft Konkurrenten, jüdischen Glaubens. Gerade dadurch wurde aus dem christlichen Antijudaismus** in wenigen Jahrzehnten jener rassistisch aufgeladene Antisemitismus, der zur Schoah führte. Insoweit ist „Glinkastraße“ kein besonders großer Fortschritt in Sachen Anti-Rassismus.

Anmerkungen:

*Das soll nicht heißen, dass ich „theologisch interessierten Judenhass“ gut fände. Nur hat die theologische Ablehnung des Judentums durch Christen wenigstens Gründe und kann auf Sachthemen bezogen und damit kommunikativ kanalisiert werden, etwa in einer Debatten- und Dialogkultur zwischen den Gläubigen der beiden Religionen. Ein Christ mag etwas gegen das Judentum haben (z.B. Argumente), hat damit aber nichts gegen Juden. Das Problem ist, dass der theologisch desinteressierte Judenhasser etwas gegen Juden hat, aber nichts gegen das Judentum (weil ihn das gar nicht interessiert). Am Ende weiß er gar nicht, warum er eigentlich was gegen Juden hat. Und dann wird es persönlich – und damit gefährlich. – Ich sage das nur, weil „Worte im Mund verdrehen“ so eine Art Volkssport geworden ist.

**Der ebenfalls – gerade auch in Stilfragen – kein Ruhmesblatt (gewesen) ist, aber eben nie systematisch zur Gewalt gegen Juden anstachelte oder in einzelnen Menschen jüdischen Glaubens einen zu vernichtenden Feind sah. Damit große Teile der Bevölkerung so sehen (oder zumindest wegsehen), musste mehr passieren – und die Wurzeln dafür liegen in einer Aufnahmen anti-jüdischer Rhetorik in die Kulturkonzeptionen des 19. Jahrhunderts, also in Ideen wie Nation, Volk, Gemeinschaft und Gesellschaft. Da fielen die Juden dann (zumindest in der Theorie) raus (in der Praxis brauchte man sie fürs „nation building“) und mussten zur Rechtfertigung durch mehr als theologische Einzelheiten ausgeschlossen werden. Es brauchte ethnische und biologistische „Argumente“, also: Rassismus, die letztlich zu sozialen, politischen und ökonomischen Gründen für die offene Verfolgung wurden.

(Josef Bordat)