Heimat

Im heutigen Evangelium geht es um Jesus in seiner Heimat. Und um die Schwierigkeiten, die er dort hat, die in dem oft zitierten Satz münden: „Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat“ (Mk 6, 4).

Der Heimatort ist Inbegriff für Geborgenheit, Sicherheit und Gewissheit. Er steht für die Verwurzelung im wohldefinierten lebensweltlichen Kontext, für familiäre und freundschaftliche Beziehungen und für ein bekanntes soziales wie kulturelles Umfeld. Wenn da der Zimmermann von nebenan beginnt, die Schrift auszulegen, sorgt das für Irritationen. Das ist Nazaret. Doch Beheimatung findet auch statt, wo Ideen geteilt werden und wo man sich geistig und geistlich wohl fühlt. Wo man zuhört. Das kann in der räumlichen Fremde auch, vielleicht sogar viel eher geschehen.

Der Glaube ist die geistige und geistliche Heimat des Christen, die der Heimatverbundenheit in topographischer Hinsicht oft quer liegt. Viele Menschen müssen gerade deswegen ihre örtliche Verbundenheit aufgeben, ihren Heimatort verlassen, weil sie im christlichen Glauben eine Beheimatung gefunden haben. Der Glaube gibt Geborgenheit in der Ungeborgenheit der Welt (Peter Wust), zugleich verlangt er den Aufbruch aus der Komfortzone des Gewohnten.

Wie dramatisch ist es aber, einen Ort wie die Heimat aufgeben zu müssen – freiwillig tut das kaum jemand! Viele Menschen, die ein solches Drama des Verlustes ihrer räumlichen Heimat erlebt haben, kommen in diesen Tagen und Wochen zu uns – in unsere Heimat. Es kommt darauf an, den Heimatbegriff von einem geschlossenen, räumlichen Verständnis zu einer Haltung geistig-geistlicher Offenheit weiterzuentwickeln, die ein Konzept von Heimat als Gefühl ermöglicht, als Ahnung eines Eu-topos, der nicht an einen Topos gebunden ist, der aber auch keine Utopie bleibt. Gesucht ist mithin eine Haltung, die möglichst vielen Menschen das Gefühl zu vermitteln versucht, eine Heimat zu haben, auch jenseits der Heimat.

Kann das gelingen? Das gilt natürlich vor allem im Umgang mit diejenigen Migranten, die bereits in unserem Glauben verwurzelt sind, viel tiefer zum Teil als wir selbst. Das gilt für die Opfer der Christenverfolgung, für die christlichen Flüchtlinge aus Syrien, aus Ägypten und aus dem Irak. Hier ist die geistige Heimat ja grundsätzlich die gleiche, wir können – mal abgesehen von Sprachbarrieren – unmittelbar in Beziehung treten: Gemeinsam Gottesdienst feiern, zusammen beten. Das schafft Nähe, das schafft Vertrautheit, das schafft Ausgangspunkte für weitere Schritte.

Kirchengemeinden sind bereits jetzt Knotenpunkte im Netzwerk der Flüchtlingshilfe. Immer noch ist die Verzahnung der kirchlichen Strukturen mit dem gesellschaftlichen Leben eine enge. Zum Sonntagsgottesdienst kommen auch Kommunalpolitiker und lokale Unternehmer, mit denen Kontakte entstehen, die über die Ebene des praktizierten Glaubens hinausgehen und weitreichende Integration ermöglichen. Integration ist noch nicht Heimat. Doch Integration kann helfen, neue Heimat zu finden. Die Beheimatung im geteilten Glaube kann dabei helfen.

(Josef Bordat)

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Thomas

Oder: Vom Wert des Zweifels für den Glauben

Thomas ist der Apostel mit dem wohl modernsten Zugang zum Herrn: Er glaubt nur, wenn er den empirischen Beweis für den Inhalt des Glaubens erhält. Als die anderen Jünger ihm von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen berichten, entgegnet er: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“ (Joh 20, 25). Wer wollte ihm diesen Zweifel verdenken? Am wenigsten wohl die Kirche, deren bedeutendste Heilige die Anfechtung des Zweifels kennen lernten. Sie feiert heute das Fest des „ungläubigen“ Thomas.

Mit dem Zweifel ist das so eine Sache. Er stört natürlich das Idyll der harmonischen Glaubensgemeinschaft, in der sich alle einig sind, doch andererseits hat er seinen Wert, weil er mit der Wahrheit, auf die sich die Gemeinschaft im Glauben ausgerichtet hat, in enger Verbindung steht. Dadurch, dass sich Zweifel nicht in Negation erschöpft, sondern eine Brücke baut zur Wahrheit, Bedingungen nennt, unter denen die Wahrheit annehmbar ist, nachfragt, wie sich die Wahrheit verstehen lässt, dadurch verweist der Zweifel auf die Wahrheit. Das ist sein großer Wert.

Man kann nur an Dingen zweifeln, von denen man meint, dass sie wahr sein könnten. Zweifel sind ohne Wahrheit nicht möglich, denn worauf sollten sie sich beziehen, wenn nicht auf eine Aussage, die als Wahrheit geäußert wird und nicht nur als beliebige oder sinnlose Bemerkung. Wenn es kompletter Unsinn ist, den ich höre, gehe ich nicht zweifelnd darauf ein. Auf kompletten Unsinn kann man keinen Zweifel richten. Wenn mir also jemand sagt (und in Berliner U-Bahnen passiert das schon mal), die blauen Schuhe seien im Hafen fröhlicher als vorgestern, dann bezweifle ich das nicht, indem ich frage: „In welchem Hafen?“ – „Wieso gerade da?“ – „Und warum blau? Sind Sie sich da sicher?“

Zweifel basiert also auf einer Anerkennung der Möglichkeit von Wahrheit in der bezweifelten Sache. Mehr noch: Zweifel, der geäußert wird, zeigt Interesse an der Wahrheit. Ist da was dran an der Erscheinung des Auferstanden? Wenn Thomas keinerlei Interesse gehabt, keine Sehnsucht gespürt, keinen Wunsch in sich empfunden hätte, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen, hätte er sich nicht zweifelnd gezeigt, sondern ablehnend. Vielleicht wäre er dann schlicht zur Tagesordnung übergegangen. Hätte „Ach, was?!“ gesagt und gefragt, was es zu essen gibt. Aber irgendetwas an dem, was man ihm sagte, reizte ihn, so dass er es genauer erfahren wollte – sinnlich.

Das ist typisch – für die Neuzeit. Seit Bacons Begründung der modernen Erfahrungswissenschaft im frühen 17. Jahrhundert, die in der Induktion ihr Schlüsselmoment der Erkenntnisgewinnung birgt, glauben Menschen, nur noch das wissen zu können, was sich sinnlich erfassen lässt. Der moderne Mensch neigt weiterhin dazu, sich durch Reduktion auf sinnliche Erfahrung einen schlichten Bezug zur Immanenz der Welt aufzubauen und die Beziehung zur Transzendenz abzubrechen. So kann er sich der Zweifel entledigen, die mit dem religiösen Glauben für ein Sinnenwesen notwendig verknüpft sind. Manche meinen gar, durch die Verbindung von Erfahrung und Erkenntnis zu wissen, dass man nicht glauben kann, was sich nicht sinnlich erfassen lässt.

Thomas erhält auf seine zweifelnde Anfrage eine Antwort in gleicher Münze: eine sinnliche Erfahrung. Jesus sagt ihm: „Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ (Joh 20, 27). Thomas’ Glaube („Mein Herr und mein Gott!“, Joh 20, 28) ist Resultat dieser Erfahrung („Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du.“, Joh 20, 29). Wie groß ist unsere Sehnsucht nach solch einer Erfahrung, die alle Zweifel ein für alle mal beseitigt! Doch Jesus selbst erteilt ihr eine Absage: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh 20, 29). Was wäre das auch für ein „Glaube“, wenn ihm die gleiche epistemische Gewissheit innewohnte wie der Erkenntnis, dass Gras grün ist!

Wären wir wirklich einen Schritt weiter, wenn wir eine direkte sinnliche Erfahrung Gottes machten? Würden wir nicht eher an unserem Verstand zweifeln, als uns dadurch des Glaubens vergewissern zu können? Gotteserfahrung geht anders, sie ist mittelbar, verschleiert, schwer verständlich. Sie lässt Raum für Zweifel – und Glauben. Die biblische Offenbarung kann eine Quelle dieser Erfahrung sein, die Kirche mit ihren Heiligen, aber auch der Mitmensch, durch den Gott uns anspricht. Dem „Thomas in uns“, der nach Gewissheit schreit, lässt sich sagen: Gott darf nicht bewiesen werden, selbst wenn dies leicht wäre. Gott muss bezeugt werden, auch wenn es schwer fällt.

Und: Gott darf bezweifelt werden. Wie gut, dass Thomas seine Zweifel an der Auferstehung deutlich anmeldet! Es gehört Mut dazu, den Mund aufzumachen und das zu bezweifeln, was alle Anderen begeistert sein lässt. Viel einfacher wäre es wohl gewesen, die Zweifel zu unterdrücken und mitzuschwärmen. Für die Stimmung wäre das sicher gut gewesen, doch so hätte Thomas wohl bei der ersten Glaubenskrise die Flinte ins Korn geworfen. Seine Missionsreise hätte ihn wohl kaum über den Irak und den Iran bis nach Indien geführt. Und seinem Martyrium konnte er nur in gefestigtem Glauben entgegensehen.

Der Zweifel bereitet dem Glauben den Grund. Der Apostel Thomas zeigt, wie das gehen kann. Er zeigt: Es ist nichts verloren, solange man Sehnsucht in sich trägt.

(Josef Bordat)

Maß halten, oder: Unsere wunderbare Chance

Ich erinnere mich noch gut an eine typische Situation beim Fußballspielen in meiner Kindheit. Wenn wir als Feldspieler über die Leistung unseres Torwarts gemeckert haben, hat uns der Trainer immer angeraunzt: „Reinstellen, besser machen!“. Ich fand das damals schon irgendwie unangebracht, wusste aber nicht genau, warum. Heute weiß ich, woher das ungute Gefühl kam. Ich weiß aber auch, was uns der Trainer eigentlich sagen wollte.

Allgemein gesprochen wollte er uns wohl klar machen, dass man nicht zu schnell urteilen sollte, ohne vergleichbare Erfahrungen gemacht zu haben. Das ist sicher richtig. Andererseits muss es auch möglich sein, und genau das spürte ich damals schon, Kritik an Personen oder Zuständen zu üben, die der eigenen Erfahrung und dem eigenen Können weit entrückt sind. So wie etwa unser Torwart, der trotz allem immer noch besser hielt als jeder Feldspieler.

Man kann nämlich auch die Person an ihrem eigenen Anspruch oder den Zustand an einem allgemein akzeptierten Ideal messen und dann eine offensichtliche Lücke monieren – auch, wenn man persönlich keine bessere Lösung herbeiführen könnte. Ich kann einen politisch Verantwortlichen, einen Wirtschaftsmanager, einen Fußballprofi kritisieren, auch, wenn ich es selbst nicht besser könnte. Es kann einfach sein, dass ich der Meinung bin, er mache mit seinen Möglichkeiten, seinen Kompetenzen, seinen Befugnissen zu wenig aus einer bestimmten Situation.

Im heutigen Tagesevangelium (Mt 7, 1-5) geht es darum, das wir den Anderen nicht voreilig be- oder gar verurteilen sollen. Zugleich wäre es eine Fehldeutung zu meinen, nur wer selbst perfekt und über jeden Zweifel erhaben ist, darf überhaupt Kritik üben. So ist das mit den Splitter und dem Balken sicher nicht gemeint. Es geht nur darum, dass wir vor der Kritik, vor dem Urteil daran denken, dass wir selbst nicht unfehlbar sind, und dass auch uns Kritik und Urteile treffen können. Und dass wir in dem Rahmen, der uns selbst gegeben ist, den Prinzipien und Normen folgen, die wir zur Beurteilung Anderer anlegen.

Maß halten bei Kritik und Bewertung, das bedeutet nicht, aufgrund eigener Grenzen und eigenem Versagen zum Unrecht zu schweigen oder ganz allgemein zu dem, was schief läuft in der Welt. Es bedeutet nur, sich vor Augen zu führen, dass jedes voreilige, unüberlegte, hartherzige, ungerechte, gehässige, vernichtende Urteil auch auf uns zurückfällt. Spätestens dann, wenn Gott uns richtet. Dass Gott uns nach unserem Maß beurteilen wird, ist aber nur dann bedrohlich, wenn wir selbst kein gutes und gerechtes Maß halten. Im Grunde ist es eine wunderbare Chance: Wir selber legen fest, wie streng oder mild uns Gott sieht. Wir bestimmen damit selbst unser Urteil. Das ist Liebe.

(Josef Bordat)

Mit Jesus auf Friedenssuche

Unfriede herrscht auf der Welt. Eine aktuelle Studie sieht das Weltfriedensniveau auf einem neuen Tiefstand. Ursachen dafür sind nicht nur die Kriege und Bürgerkriege in Syrien, Afghanistan, Irak, Südsudan und Somalia, sondern auch der Terrorismus, der zunehmend auch in Europa die eigentlich seit Jahrzehnten solide Sicherheitslage verschlechtert. Unfriede herrscht aber auch dort, wo Kriminalität ein normales Leben unmöglich macht oder wo mit erschreckender Regelmäßigkeit Schüler Amok laufen.

Was können Christen aus ihrem Glauben heraus dazu beitragen, dass die Welt friedlicher wird? Die Antwort ist klar: Die friedensethische Botschaft Jesu ernst nehmen und befolgen. Diese ermöglicht einen besonderen Weg zum Frieden, weil sie eine neue Sichtweise auf den Feind und die Feindschaft beinhaltet. Der Feind soll für das, was er in seiner Person trägt – nämlich als Abbild Gottes immer noch die Menschenwürde – geliebt, nicht aber für seine Position gehasst werden. Und die Feindschaft soll nicht dadurch überwunden werden, dass man den Blick zurück richtet, aufs Verschulden, sondern, dass man im Blick nach vorn Versöhnung sucht.

Das sind zwei ganz besondere Aspekte der Ethik des Evangeliums, die sich aus dem, was Jesus in der Bergpredigt formuliert, gewinnen lassen.

Den Vorrang der Versöhnung vor einer Klärung der Schuldfrage motiviert die folgende Aussage Jesu: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe!“ (Mt 5, 23-24). Hier geht es nicht darum, warum Streit herrscht, ob der Bruder zu Recht oder zu Unrecht „etwas gegen Dich hat“, sondern allein um die Zukunftsperspektive: damit die Opfergabe zum Heil gereicht.

Und zum Umgang mit dem Feind ist die Empfehlung Jesu ganz eindeutig: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5, 44-45). Der Friede wird in einen Zusammenhang mit der Gotteskindschaft gestellt; sie ist das eigentliche Ziel, das erreicht wird, aus dem Gedanken an die Gottebenbildlichkeit des Feindes heraus. Ich kann also nur dann Kind Gottes werden, wenn ich – bei allem Streit – nicht vergesse, dass der Feind Abbild Gottes ist – mit dem Potenzial, ebenso Kind Gottes zu werden wie ich.

(Josef Bordat)

Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat

An einem Sabbat ging Jesus durch die Kornfelder, und unterwegs rissen seine Jünger Ähren ab. Da sagten die Pharisäer zu ihm: Sieh dir an, was sie tun! Das ist doch am Sabbat verboten. Er antwortete: Habt ihr nie gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren und nichts zu essen hatten – wie er zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar in das Haus Gottes ging und die heiligen Brote aß, die außer den Priestern niemand essen darf, und auch seinen Begleitern davon gab? Und Jesus fügte hinzu: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat. Als er ein andermal in eine Synagoge ging, saß dort ein Mann, dessen Hand verdorrt war. Und sie gaben acht, ob Jesus ihn am Sabbat heilen werde; sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn. Da sagte er zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte! Und zu den anderen sagte er: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? Sie aber schwiegen. Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz, und sagte zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus, und seine Hand war wieder gesund. Da gingen die Pharisäer hinaus uns fassten zusammen mit den Anhängern des Herodes den Beschluss, Jesus umzubringen. (Mk 2, 23 – 3, 6)

Die entscheidende Wende, die durch die Ethik Jesu in Welt kommt, liegt nicht in der Geltung des Gesetzes selbst (die bleibt), sondern in der Auslegung des geltenden Gesetzes in Liebe (das ist neu). Es steht bei der Auslegung eines Gesetzes – und das erkannte Jesus – immer Barmherzigkeit gegen Buchstabentreue. Die Barmherzigkeit überwiegt bei ihm, weil sie bei Gott überwiegt.

Das begründet die Spannung zwischen Ihm und den Pharisäern, die Jesus oft für ihren inhaltsleeren Formalismus gerügt hat. Jesus kommt mit Seiner Ethik etwa zu dem Schluss, dass Heilen und Versorgen wichtiger ist als die Sabbatruhe, die im Dekalog immerhin an prominenter Stelle (3. Gebot) genannt wird und der in Exodus 20 genauso viele erläuternde Verse gewidmet sind (Ex 20, 8-11) wie Mord, Ehebruch, Diebstahl und Lüge zusammen (Ex 20, 13-16).

Es ist also nicht so, dass Jesus keinen Respekt vor dem Sabbat gehabt hätte, sondern dass er abwägt. Es muss einen guten Grund geben, die Ruhe des siebenten Schöpfungstages zu brechen – eine Frau, die „seit achtzehn Jahren krank war“ (Lk 13, 11), ein Mann, „dessen Hand verdorrt war“ (Mk 3, 1) oder hungrige Menschen (Mk 2, 23-28). Fest steht in diesen Fällen: Barmherzigkeit ist wichtiger als Gehorsam dem Wortlaut einer Norm gegenüber, oder wie Jesus den Pharisäern mitteilt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“ (Mk 2, 27).

(Josef Bordat)

Die WM in der Bibel

In jener Zeit hatte sich „im Osten“ (1 Mo 2, 8) „eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen“ (Offb 7, 9) versammelt. Die FIFA „veranstaltete dort ein Trinkgelage, wie es die jungen Leute zu machen pflegen“ (Ri 14, 10). Dafür hatte „der König der Könige“ (Esr 7, 12) extra „sechzig Stadien“ (Lk 24, 13) bauen lassen. Übrigens: „Das Gewicht des Goldes, das alljährlich bei“ der FIFA „einging, betrug sechshundertsechsundsechzig Goldtalente“ (1 Kön 10, 14), umgerechnet 333 Millionen Schweizer Franken. Sie saß gerne in Zürich, die FIFA. „Der Herr des Landes“ (1 Mo 42, 30) war ihr seit langem der „gute Verwalter“ (1 Petr 4, 10), denn ihr, der FIFA, „gewährte er einen Steuererlass“ (Est 2, 18). Der Bundestrainer, der schon „seit vielen Jahren“ (Apg 24, 10) ohne „Balak plante“ (Mi 6, 5) und wegen der zahlreichen „jungen Männer“ (Jos 6, 23) in den „eigenen Reihen“ (1 Mak 10, 37) etwas „unsicher geworden war“ (Apg 27, 9), dachte „des Nachts“ (Spr 31, 18): „Befrei mein Herz von der Angst, führe mich heraus aus der Bedrängnis!“ (Ps 25, 17). Denn gleich „im Anfang“ (1 Mo 1, 1) sollte es zum Duell „David“ (1 Sam 17, 12) gegen „Goliat“ (1 Sam 17, 4) kommen. Am Spieltag, schon „im Stadion“ (1 Kor 9, 24) „sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an“ (1 Mo 4, 8). Der war überrascht, doch „zur Abwehr entschlossen“ (4 Mo 20, 20). Es war eine starke Abwehr: „zehntausend ausgewählte Männer“ (Ri 20, 34). „Dazu die Torwächter: Akkub, Talmon und ihre Brüder“ (Neh 11, 19). Als „Thomas“ (Joh 11, 16) Müller den Ball „eroberte“ (Jos 10, 28), fragten sie alle „voll Angst“ (1 Sam 13, 7): „Wer ist der Mann dort, der uns auf dem Feld entgegenkommt?“ (1 Mo 24, 65) Und auch die neutralen Zuschauer „wunderten sich über die Maßen“ (Mk 7, 37): „Wer ist der Mann, der den Kampf […] aufnimmt?“ (Ri 10, 18). Das Spiel ging hin und her, rauf und runter, „von Tor zu Tor“ (2 Mo 32, 27). Die Stimmung auf der Tribüne war großartig: „Heman und Jedutun hatten Trompeten und Zimbeln“ (1 Chr 16, 42). Es war die 63. Spielminute, „als Esau erschöpft vom Feld kam“ (1 Mo 25, 29). Kurz darauf „wurde David müde“ (2 Sam 21, 15). Zu allem „Überfluss“ (Phil 4, 18) kam dann auch noch „Pech“ (Jes 34, 9) hinzu, denn „Ahasja […] hatte sich verletzt“ (2 Kön 1, 2); gerade noch „auf den Flügeln des Sturmes“ (Ps 104, 3), riet ihm der Mannschaftsarzt jetzt, „er bade seinen Fuß in Öl“ (5 Mo 33, 24). Da sprach der Bundestrainer: „Auf dem langen Weg bist du müde geworden, aber du hast nie gesagt: Es ist umsonst! Immer wieder hast du neue Kraft gefunden!“ (Jes 57, 10) Aba is scho au klar, des ma da au mal eine Pause braucht. Des isch scho au eine enorme Belaschtung, so ei Turnier. „Es freut mich, dass Stephanas, Fortunatus und Achaikus zu mir gekommen sind; sie sind mir ein Ersatz für euch“ (1 Kor 16, 17). Und er wusste, dass er nun nicht mehr „auswechseln“ (3 Mo 27, 10) konnte, auch nicht, wenn das Spiel (einschließlich Nachspielzeit) „zwei Tage dauerte oder einen Monat oder noch länger“ (4 Mo 9, 22). „Einige Zeit später“ (1 Mo 40, 1) beschwert sich „Matthäus“ (Mk 3, 18) beim Schiedsrichter: „Er, der im Sturm mich niedertritt, ohne Grund meine Wunden mehrt“ (Hi 9, 17), grätscht mir zwischen die Beine, als wolle er meinen „ganzen Besitz mit harten Schlägen treffen“ (2 Chr 21, 14). Ich könnte „heulen vor Verzweiflung“ (Jes 65, 14)! „Da erwiderte er […]: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht“ (Mt 20, 13), es mag „sehr hart“ (2 Sam 2, 17) gewesen sein, aber so sei das nun mal, „wenn Männer in Streit geraten und einer den andern […] verletzt, sodass er zwar nicht stirbt, aber bettlägerig wird“ (2 Mo 21, 18). Die Fans auf der Gegentribüne „erhoben sich von ihrem Platz und schauten“ (1 Mo 18, 16) ziemlich „begeistert“ (2 Mak 8, 27), denn „der Spieler“ (2 Kön 3, 15) kann den Ball noch einmal „zu den Ältesten der Stadt ans Tor bringen“ (5 Mo 22, 15). Doch was für ein „verheerender Sturm“ (Jes 28, 2): „Die Männer“ (1 Mo 18, 16) „fielen, noch bevor sie das Tor erreicht hatten“ (Ri 9, 40). Klare Sache: „Schwalbe“ (Spr 26, 2)! Kein Elfmeter! Da war eindeutig „Lüge im Spiel“ (2 Mo 23, 7). „Nicht Siegesgeschrei, auch nicht Geschrei nach Niederlage ist das Geschrei, das ich höre“ (2 Mo 32, 18), meint der Kommentator – es riecht nach Verlängerung. Doch dann: „Der Frevler zielt“ (Ps 7, 13) „zum dritten Mal“ (1 Sam 3, 8) – und: „an den Torpfosten“ (2 Mo 21, 6)! Nachschuss! Der „geht durch das enge Tor“ (Mt 7, 13), „4000 Torwächter“ (1 Chr 23, 5) sind chancenlos! „So bewirkte der Herr an jenem Tag einen großen Sieg“ (2 Sam 23, 10). Eine ZDF-Reporterin „kam, um ihn mit Rätselfragen auf die Probe zu stellen“ (1 Kön 10, 1) und er „gab ihr Antwort auf alle Fragen“ (1 Kön 10, 3). Reicht’s für den „Titel“ (1 Mak 11, 57)? Jetzt, „nach dem Sieg über Kedor-Laomer“ (1 Mo 14, 17), „nach Davids Sieg über den Philister“ (1 Sam 18, 6), ganz zu schweigen „vom Sieg über die Edomiter“ (2 Chr 25, 14): „Ja“ (2 Mo 22, 8). Zurück ins Studio.

(Josef Bordat)

Zum ersten Mal: Christen

Es gibt einige Bibelstellen, die sorgen bei mir immer wieder für Gänsehaut, wenn ich sie höre. Diese aus der heutigen Tageslesung gehört dazu: „In Antiochia nannte man die Jünger zum erstenmal Christen“ (Apg 11, 26).

Weil er so nüchtern klingt, gerade so, wie es sich für eine Chronik der Ereignisse gehört, und damit in einem so eigenartigen Kontrast zur Bedeutung und Tragweite der Aussage steht, die er macht, sticht dieser Satz besonders hervor, nicht nur aus der Perikope, sondern aus der Apostelgeschichte insgesamt.

Zum ersten Mal: Christen. Zum ersten Mal wird allgemein anerkannt, dass mit Jesus Christus etwas ganz Neues in die Welt kam, etwas, das einen eigenen Namen verdient. Zum ersten Mal werden die Jünger als Nachfolger Christi wahrgenommen, nicht als abtrünnige Juden.

Wir, die wir uns heute Christen nennen, können mit Ehrfurcht den Blick zurück wagen, auf die Gemeinde in Antiochia. Zugleich können und müssen wir uns fragen, ob man uns heute – mal abgesehen von der Steuerkarte, dem Kreuzanhänger und der Bibel im Regal – auch als Nachfolger Christi identifizieren kann.

(Josef Bordat)