An keiner Stelle verurteilt die Bibel Homosexualität?

Auf katholisch.de ist ein Interview zum Thema „Homosexualität“ erschienen. Rede und Antwort stand Ilse Müllner, Professorin für Biblische Theologie am Institut für Katholische Theologie an der Universität Kassel.

Sie vermittelt interessante Einsichten (etwa die, das der enge Zusammenhang von Sex und Macht, den die Missbrauchskrise kennzeichnet, in antiken, biblisch beschriebenen Gesellschaften bereits Realität war). Insgesamt überzeugen mich ihre Ausführungen aber nicht.

Auf Römer 1, 26-27 geht Ilse Müllner beispielsweise gar nicht ein, auch dann nicht, als sie explizit danach gefragt wird. Paulus meint offenbar, dass die Homosexualität eine „entehrende Leidenschaft“ hervorbringt, was ihn insgesamt urteilen lässt, eine homosexuelle Handlung sei eine „Verirrung“ (vgl. Römer 1, 26-27). Keine Verurteilung?

Die Rede richtet sich zwar „gegen die Menschen aus der Völkerwelt“ – damals, wie in der Einheitsübersetzung erläutert wird. Doch ist damit nur eine historische Bestandsaufnahme verbunden und kein zeitloses moralisches Urteil? Dann bräuchten wir also den ganzen Absatz (Römer 1, 18-32) nicht mehr auf uns zu beziehen? Wo aber ist die Grenze dieser historischen Kontextualisierung erreicht? Anders gefragt: Was gilt dann für uns heute überhaupt noch – und woher wissen wir das? Nur die Stellen, die heute nicht ins Welt- und Lebensbild der Mehrheit passen, willkürlich auszuklammern, scheint mir einseitig.

Noch problematischer finde ich den Versuch, homosexuelle Beziehungen in der Bibel nachzuweisen, auch dann, wenn der Text das gar nicht hergibt („Ob die Beziehung von David und Jonatan sexuelle Aspekte hat, ist in der Erzählung offen, jedenfalls wird von Liebe gesprochen.“). Und: Wenn die Schwiegertochter der Schwiegermutter Treue zusagt, ist das ein Beleg für eine lesbische Liebesbeziehung? Etwas zu spekulativ für meinen Geschmack.

Und gleich nach dem Satz „So müssen wir die Bibel lesen und nicht anders.“ auf die Würdigung der „Bandbreite[sic!] exegetischer Auslegungsansätze“ durch die Päpstliche Bibelkommission zu verweisen, ist auch einigermaßen kühn, zumal Ilse Müllner in erster Linie auf einen exegetischen „Fundamentalismus“ zielt. Was aber ist „…und nicht anders.“ denn anderes als „Fundamentalismus“? Auch methodologisch bleiben also Zweifel übrig.

Der Wille Ilse Müllners, die Kirche „zu einer reifen Sexualität, in der Machtgefälle nicht sexuell missbraucht werden“ zu führen, ist sicher unterstützenswert. Ob diese Reifung darin ihren Ausgang nehmen kann, dass die Kirche – einer einseitig-spekulativen Exegese folgend – nun als erstes eine theologische Neubewertung der Homosexualität vornimmt, ist hingegen mehr als fraglich.

(Josef Bordat)

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Jesu Froh- und Drohbotschaft

Da sagte Johannes zu ihm: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt. Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns. Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört – amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen. Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde. Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer. Und wenn dich dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau ihn ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden. Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus; es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt. (Markus 9, 38-43; 45; 47-48)

Jesus präsentiert seinen Jüngern und uns hier zwei radikale Positionen. Zum einen gilt: „Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört – amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen.“ Liebe und Gnade werden greifbar: Frohsinn macht sich breit. Doch dann: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde. Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer.“ Ähnliches gilt für das Auge. Was für eine Drohung!

Oft wird die Frohbotschaft von der Liebe und Gnade Gottes und deren Konsequenz (Heil) gegen die Drohbotschaft vom Scheitern und Versagen des Menschen und deren Folge (Verdammnis) gegeneinander gestellt. Dabei gehören sie zusammen, so wie sie hier von Jesus in einen einzigen eschatologischen Zusammenhang gestellt werden. Daher müssen sie theologisch und pastoral auch zusammen betrachtet werden.

Theologisch, weil wir als Christen doch wissen, dass am Ende tatsächlich die unendliche Liebe und Gnade Gottes auf uns wartet, die uns in unserem Egoismus zwar (paradoxerweise!) zu stören vermag, aber doch nicht zerstören will. Das können wir nur selbst, indem wir uns mehr Raum geben als Ihm, das Ego höher platzieren als die Liebe.

Und auch pastoral, denn: Man kann doch heute gar Niemandem mehr mit Verdammnis drohen! Früher hatten die Menschen noch existentielle Angst. Sie hatten Alpträume, die sie in Schweiß baden ließen – Furcht vor ewiger Höllenqual. Da konnte die Kirche im negativen Modus ansetzen und hat es (leider!) auch getan. Aber heute? Das schlimmste, was dem Menschen heute passieren kann, ist doch, dass er sein Passwort vergisst! Im Ernst: Die Ängste der Menschen heute lassen sich nicht mehr so kanalisieren, dass man sagt; „Ja, Du hast völlig zu Recht Angst! Und: Wir haben die Lösung. Also: Bleib gefälligst bei uns!“ – Heute geht es nicht darum, die Angst zu verstärken und zugleich Schutz zu bieten, sondern die Angst zu nehmen, indem auf die Liebe und Gnade Gottes gezeigt wird.

Gerade das bedeutet aber, nicht alles gut zu heißen (schon deshalb nicht, weil Angst viel mit moralischer Schuld zu tun hat), sondern im gläubigen Blick auf jenen Gott an dessen Vorstellung vom menschlichen Zusammenleben zu erinnern (Stichwort: Zehn Gebote). Da gehört zum Beispiel auch die Treue zum Partner dazu. Das mag aus der Mode gekommen sein, aber bei Gott hat es nach wie vor Bedeutung. Die Kirche hat daran zu erinnern, dass es gut und böse gibt – und daran, dass man das Gute tun und das Böse lassen soll. Radikal.

Geht dieses Bewusstsein verloren, lässt man also „Hand“ und „Auge“ tun, was sie wollen, verlieren wir das Gespür für unsere Bestimmung, die sich in einem Wort zusammenfassen lässt: Erlösungsbedürftigkeit. Denn die Versöhnung, die Gott uns in Jesus Christus anbietet und die von der Kirche sakramental gestaltet wird, gibt es nur in Rücksicht auf das, was sie nötig macht. Das heißt: Man muss die Fehler (die Kirche nennt sie „Sünden“) bereuen und sich bessern, klar, doch zunächst muss man sie überhaupt als solche erkennen! „Ich bin ein Sünder!“ Diese Einsicht ist der Beginn der Umkehr.

Das ist doch der „Witz“ der Frohbotschaft: den „Lohn“ gibt es nur durch Erlösung, die Erlösung nur nach Versöhnung. Die Versöhnung wiederum gibt es aus Liebe und Gnade, doch selbst ein liebevolles Geschenk muss man annehmen wollen. Wer sein Verhalten immer nur schönfärberisch erklärt, wird ja gar keine Notwendigkeit erkennen für die Versöhnung. Und das ist die eigentliche Gefahr: Dass wir vorbeilaufen an der Liebe und Gnade Gottes. Darauf muss die Kirche hinweisen.

Somit gilt: Nicht Frohbotschaft statt Drohbotschaft, sondern Frohbotschaft und Drohbotschaft, denn die Frohbotschaft ist in der ultimativen Drohbotschaft der Kirche enthalten. Zugleich umgreift die Drohbotschaft die Frohbotschaft: „Pass auf, dass Du die Liebe und Gnade Gottes nicht verschmähst!“

(Josef Bordat)

Engel in der Bibel

Morgen feiert die Kirche das Fest der drei Erzengel Michael, Gabriel und Raphael. Warum eigentlich?

Engel sind Teil der unsichtbaren Sphäre des Seienden und wirken im Auftrag und unter der Weisung Gottes in die sichtbare Welt hinein. Die Bibel gibt davon beredt Zeugnis. Wer das Wort „Engel“ in einer Online-Ausgabe der Einheitsübersetzung sucht, erhält 305 Treffer. An den entsprechenden Stellen erscheinen Engel als Wächter des Paradieses (vgl. Gen 3, 24), als Verkünder des göttlichen Gesetzes (vgl. Apg 7, 52-53), als Vollstrecker der Urteilssprüche Gottes (vgl. 2 Mose 12, 23; 1 Makk 7, 41; Apg 12, 23; Offb 15, 6), als Kämpfer gegen böse Mächte (vgl. Offb 12, 1-17), als Bewahrer vor Fehldeutungen göttlicher Weisungen (vgl. Gen 22, 10-11), als Beschützer und Retter von Gott auserwählter Menschen, die bedroht (vgl. Gen 19, 1-11) oder zu Unrecht bestraft werden (vgl. Dan 3, 49-50), als Mutmacher (vgl. Ri 6, 11-12), als Überbringer überraschender positiver Neuigkeiten (vgl. Ri 13, 2-3) und nicht zuletzt als Helfer Jesu Christi (vgl. Mt 13, 41; Mt 16, 27; Mk 8, 38).

Ohnehin begleiten Engel das Leben und Wirken des Gottessohns auf Erden vom Anfang bis zum Ende. Zentral ist die Rolle Gabriels, eines der drei Haupt- oder Erzengel, bei der Verkündigung an Maria, dass sie den Sohn Gottes zur Welt bringen werde (vgl. Mt 1; Lk 1); die Kirche erinnert mit dem Angelus-Gebet daran, täglich um 12 Uhr mittags. Zur Geburt Christi erscheint „ein großes himmlisches Heer“ (Lk 2, 13), das zum Lobpreis Gottes die berühmten Worte spricht: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2, 14). Engel dienen Jesus nach dessen Zeit in der Wüste, gleich nach den (vergeblichen) Anläufen des Teufels, den Herrn in Versuchung zu führen (vgl. Mk 1, 13; Mt 4, 11). Ein Engel stärkt Jesus in der Stunde tiefster Anfechtung im Garten Gethsemane (vgl. Lk 22, 43). Dann sind es Engel, die den Stein des Grabes wegrollen und den am leeren Grab trauernden und verängstigten Frauen die Auferstehung Jesu verkünden (vgl. Mt 28, 2-5). Engel sind es auch, die Christi Himmelfahrt deuten und die Wiederkunft des Herrn ankündigen (vgl. Apg 1, 10-11). Und schließlich werden sie Christus dabei begleiten (vgl. Mt 25, 31).

Die katholische Theologie hat auf der Basis der biblischen Überlieferung neun Kategorien von Engeln definiert, sogenannte „Engel-Chöre“: die Seraphim, die Cherubim und die Throne, die Herrschaften, die Gewalten und die Fürsten sowie die Mächte, die Erzengel und die einfachen Engel. Bereits die Patristik, namentlich Augustinus und Gregor der Große, hat diese Einteilung vorgenommen. Die Seraphim sind die in Liebe zu Gott Entflammten (vgl. Jes 6, 1-7), die Cherubim wachen über das Heilige (vgl. Gen 3, 24), die Throne dienen am Thron Gottes (vgl. Kol 1, 16). Die zweite Gruppe, die Herrschaften, die Gewalten und die Fürsten, übernehmen als Verwalter Gottes all das, was mit der Natur in Verbindung steht (vgl. Kol 1, 16). Der dritte Chor, die Mächte, Erzengel und Engel dienen dem Menschen nach Gottes Willen (vgl. Ex 23, 20-22).

Engel – nach biblischer Überlieferung von großer, unüberschaubarer Zahl, „Myriaden“ (Hebr 12, 22 – Elberfelder Bibel) oder „zehntausendmal zehntausend und tausendmal tausend“ (Off 5, 11), und dennoch individuell und einzigartig – sind dabei den Menschen an Gnade (vgl. 18, 10) und Stärke (vgl. 2 Petr 2, 10b) überlegen, sie sind als Geistwesen zudem bereits unsterblich geschaffen (vgl. Lk 20, 36), sie sind, so könnte man vielleicht sagen, „näher dran“ am Schöpfer, an Gott. Sie sind aber Geschöpfe wie wir. Und sie sind für uns da. Sie tragen uns durchs Leben, wie es der Psalmist ausdrückt: „Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“ (Ps 91, 11-12). Sie unterstützen lebensmüde Propheten (vgl. 1 Kön 19) oder solche, die in argen Schwierigkeiten stecken (vgl. Dan 6), ebenso die Apostel Petrus und Paulus – jenen in der Gefangenschaft (vgl. Apg 12, 7), diesen in Seenot (vgl. Apg 27, 23). Von daher kann man verstehen oder zumindest nachvollziehen, dass auch menschliche Helfer in der Not gerne als „Engel“ bezeichnet werden, auch in einer säkularen Gesellschaft, die von Gott nichts wissen will. Und man versteht, warum die Kirche den Gedanken an die Engel wachhält.

(Josef Bordat)

Das Machtwort des Papstes

Es war ein Paukenschlag, deutlich vernehmbar in ganz Europa. Der wegen seiner Amtsführung so stark kritisierte Bischof von Rom, setzt sich für eine verfolgte Minderheit ein.

Heute vor 670 Jahren, am 26. September 1348, spricht Papst Clemens VI. in seiner Bulle Quamvis perfidiam die Juden vom Vorwurf der Brunnenvergiftung frei. Im Volk war zuvor der Aberglaube entstanden, die Juden seien die Verursacher der jüngsten Pestepidemie, weil sie das Trinkwasser vergiftet hätten.

Clemens argumentierte gegen diesen Aberglauben mit Verweis auf die Tatsache, dass auch die Juden selbst Opfer der Pest seien. Allerdings wurde dagegen ins Feld geführt, Juden seien unterproportional von der Pest betroffen. Das ist wahr, lag aber – wie wir heute wissen – an den besonderen Hygiene- und Speisevorschriften der Juden, die das Infektionsrisiko hemmten.

So heißt es im Markusevangelium: „Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Hand voll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt. Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln“ (Mk 7, 3-4). Hätten sich auch die Christen daran gehalten, wären sie in diesem Punkt „Pharisäer“ gewesen, dann wäre die Pest nicht zu einer Pandemie geworden, der insgesamt 25 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Wer gegen die Weisung der Bulle weiterhin Juden verfolge, so Clemens, werde exkommuniziert. Die Flagellanten, die sich bei den Judenpogromen besonders hervorgetan hatten, erklärte er zu Häretikern. Das Engagement des Papst war jedoch vergeblich. Noch im selben Jahr kam es zu Pogromen gegen Juden in Toulon und in Zürich, 1349 in Freiburg im Breisgau, Speyer, Straßburg und Erfurt.

Die Pestepidemie hielt bis 1351 an und ebbte danach allmählich ab. Bis heute ist die Pest nicht vollständig besiegt, immer noch erkranken jährlich mehrere tausend Menschen an der Pest, die mittlerweile jedoch behandelbar und damit kein Todesurteil mehr ist. Ein wichtiger Schritt zur Ausrottung der Krankheit gelang 2011 mit der Entschlüsselung des Genoms des Bakteriums Yersinia pestis, das als Erreger der Pest gilt.

(Josef Bordat)

Kontrastprogramm

Sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa. Er wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr; denn er wollte seine Jünger über etwas belehren. Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen. Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen. Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer (von ihnen) der Größte sei. Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat. (Markus 9, 30-37)

Noch einmal kündigt Jesus seinen Jüngern an, wie es mit ihm weitergehen wird: Auslieferung, Hinrichtung, Auferstehung. Er zieht sie ins Vertrauen, nur sie. Abseits der Menschenmengen, heimlich. Er offenbart ihnen Gottes Plan, er zeigt ihnen den Weg der Erlösung. Er weiht sie ein in das Geheimnis des Glaubens.

Dieser zweiten Ankündigung des Leidens und der Auferstehung folgt ein bizarres Kontrastprogramm, der so genannte „Rangstreit der Jünger“. Nachdem Jesus die Jünger ins Vertrauen gezogen hat, haben sie nichts Besseres zu tun, als darüber zu diskutieren, „wer (von ihnen) der Größte sei“. Es ist schier zum Verzweifeln!

Jesus wiederum bietet den Jüngern ein anschauliches Kontrastprogramm zur menschlichen Hybris, der Größte zu sein: ein Kind. Es steht für das Kleine, das Unschuldige, aber auch für das sich Entwickelnde, das Unfertige, für das, was wachsen und lernen muss. Ein solches Bewusstsein sollen die Jünger und damit auch wir in uns aufnehmen, denn: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf“.

(Josef Bordat)

Ausersehen und geheiligt

Eine Betrachtung zu Jeremia 1, 4-5

Das Wort des Herrn erging an mich: Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt. (Jer 1, 4-5)

Wir wissen aus der modernen Biologie, dass die „Formung“ des Menschen im Moment der Zeugung passiert, wenn sich die Gene von Vater und Mutter zu einem neuem, einzigartigen Leben vereinen, das sich dann „nur“ noch entwickelt, das wächst, reift, altert und stirbt. Nun spricht der Prophet Jeremia davon, dass Gott ihn bereits vor der biologischen Zeugung „ausersehen“ und vor der Geburt „geheiligt“ hat.

Das kann man nun ganz eng auslegen und auf den Propheten Jeremia beziehen, der von seiner Berufung berichtet, das kann man aber auch auf jeden Menschen, d.h. auf den Menschen an sich beziehen, der innerhalb der Schöpfung Gottes ausersehen und geheiligt ist. Die „Berufung“ des Menschen wäre es dann, von Gott mit Heiligkeit beschenkt worden zu sein – von Anfang an. In den säkularen Rechtsrahmen wurde dieser Gedanke übernommen und erscheint bis heute im Begriff der unveräußerlichen Menschenwürde.

Die Idee der Würde entspringt also dem metaphysischem Gedanke einer besonderen Auszeichnung des Menschen durch die göttliche Information, die in der biologischen Formung enthalten ist. Beim Menschen tritt zum genetischen Code in Gestalt der DNS eine geistige Mitgift hinzu, die in von allem nichtmenschlichen Leben unterscheidet: Vernunft und Gewissen. Nur so kann der Mensch als Mensch leben, indem er sein Tun bedenkt und moralischen Regeln unterwirft.

Hier berührt sich zugleich die Vorstellung einer in Gott gegründeten Schöpfung der Welt durch Information, durch das „Wort“ (vgl. den Johannesprolog) mit der Vorstellung davon, dass Gott jedem einzelnen Menschen das Leben in einem schöpferischen Akt schenkt und dabei von sich selbst gibt, dass der Mensch teilhabe an epistemischem und ethischem Geist. So ist in jedem Menschen gleichsam die ganze Welt enthalten – und zugleich ein göttlicher Funke, eine Stimme, die ihn belehrt und berät.

Wird die Heiligkeit des Menschen bestritten, ist zugleich die Menschenwürde in Gefahr. Es zeigt sich etwa bei Peter Singer, wohin jemand gelangt, der das christliche Menschenbild mit dem Hinweis auf den darin enthaltenen „unangebrachten Respekt vor der Lehre von der Heiligkeit des menschlichen Lebens“ (Praktische Ethik. 2. Aufl., Stuttgart 1994, S. 271) verwirft: zur ethischen Rechtfertigung von Abtreibungen bis zur Geburt und – bei Krankheit und Behinderung – auch darüber hinaus.

Der Mensch ist kein reines Naturprodukt wie das Tier. Er unterscheidet sich als vernünftiges, mitfühlendes Wesen von allem anderen, das die Schöpfung so wunderbar reich macht. Eingedenk seiner besonderen Begabung mit Vernunft und Gewissen wird er von Gott in die Leitung der irdischen Welt erhoben, um die nichtmenschliche Natur verantwortungsvoll zu nutzen. Und für diese Aufgabe braucht Gott nicht nur das Rednertalent berühmter Propheten und Apostel, sondern die Tatkraft jedes einzelnen, von Gott geliebten Menschen, den Er ausersehen und geheiligt hat.

(Josef Bordat)

Effata!

Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis. Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden. Jesus verbot ihnen, jemand davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt. Außer sich vor Staunen sagten sie: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen. (Markus 7, 31-37)

„Effata!, das heißt: Öffne dich!“ Jesus lässt „die Tauben hören und die Stummen sprechen“. Was hier ganz konkret geschieht, passiert bis heute in noch viel stärkerem Maße im übertragenen Sinn: Er gibt denen etwas zu verstehen, die bisher allzu leicht das Wesentliche überhörten und er gibt denen eine Stimme, die bisher nichts zu sagen wagten. Jesus verändert die Lebenssituation von Menschen.

„Je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt.“ – Auch dieses Phänomen kennen wir in unseren Tagen, bis hin zur absurden Übersteigerung: Erst durch das Verbot, den Tabubruch werden Dinge überhaupt interessant. Die uninspirierteste Kunst, die untalentierteste Darbietung, die hoffnungslos schwache Pointe – all dies lässt sich zu „Kultur“ aufwerten und bekannt machen, wenn man es nur schafft, dass es verboten wird.

„Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg“ – Jesus wendet sich dem Menschen zu, dem konkreten, dem einzelnen, mit dessen ganz besonderer Befindlichkeit. Er definiert damit den Maßstab für christliche Diakonie, für den Dienst am Nächsten. Nicht die Gießkanne, nicht das Einteilen in Gruppen oder Cluster, sondern das Individuum, wie es hier und jetzt vor mit steht, wird zum Prinzip des Handelns. Der einzelne Mensch ist Adressat der Nächstenliebe.

(Josef Bordat)