Denkmal bekommt Kratzer

Hans Asperger, Namensgeber für eine Form von Autismus, war offensichtlich viel stärker in die NS-„Euthanasie“ verstrickt als bislang angenommen. Eine neue Studie des Wiener Medizinhistorikers Herwig Czech wertet bisher unbekannte Dokumente aus und belegt, dass Asperger in zwei Fällen „unheilbare“ Kinder in den Tod schickte.

Der ORF hat den aktuellen Sachstand zusammengefasst.

(Josef Bordat)

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Der Schublade entkommen

Folgende Passage einer Rezension von Benedikt Poetsch zum „Sündenregister“ hat mir besonders gefallen: „Ist der Autor denn jetzt konservativ oder liberal? Zunächst: Das Buch ist kein wissenschaftliches; es ist zwar gut informiert und recherchiert geschrieben, aber es verzettelt sich nicht in der Diskussion fachspezifischer Detailfragen, es beansprucht keine wissenschaftliche Präzision; es beinhaltet Zuspitzungen und bemüht sich nicht, den Stil persönlich gehaltener Essays zu verlassen. Es trägt eine persönliche Färbung an sich, die aber seinen Wert nicht mindert. Bordat tritt in keine philosophischen oder theologischen Schulstreitigkeiten ein. Auch innerkirchliche Zwistigkeiten spielen für ihn keine Rolle. Er kann ebenso die Institution des ZDK loben (vgl. 47f) wie unbefangen für die katholische Sexualmoral (vgl. 215-221) eintreten. Er zitiert Johannes Paul II. ebenso wie Benedikt XVI. oder Franziskus, H. U. von Balthasar ebenso wie K. Rahner oder H. Küng. Eine einfache Etikettierung ist für ihn also nicht möglich. Insgesamt lässt sich sagen: Das Buch ist lehramtstreu, aber darüber hinaus nicht klar irgendeinem kirchlichen „Lager“ zuzuordnen. Das ist angesichts der Vielzahl polarisierender Kräfte in der Kirche erfrischend, weil darin, mit Benedikt XVI. gesagt, der Glaube als ‚positive Option‘ aufscheint, als ein Licht eben, wie es das Titelbild des Buches anschaulich darstellt.“

Gerade noch mal dem zermürbenden Richtungsstreit ausgewichen und es sich zwischen den Stühlen bequem gemacht! Von dort scheint man nicht die schlechteste Perspektive auf Geschichte und Gegenwart der Kirche zu haben. Eduard Werner meint in seiner heute erschienenen Besprechung für das Forum Deutscher Katholiken sogar: „Vor allem der Religionsunterricht könnte von diesem Buch profitieren“. Das freut mich natürlich sehr. Ich stehe übrigens in Berlin und Potsdam auch gern für einen Besuch im Religionsunterricht zur Verfügung. Sprechen Sie mich einfach an (per E-Mail, Adresse unter „Impressum“).

(Josef Bordat)

Zitat des Tages

Das Leitbild der Universitäten ist heute nicht mehr die Autorenexistenz in Gestalt des wortmächtigen Individualforschers und des reizbaren Intellektuellen, der auf die Synthese des Denkens zielt, seine Ideen in Bücher packt, ein eigenes Werk entfalten möchte. Als Ideal dient lange schon die Indikatorenexistenz des Wissenschaftsmanagers, der durch gewaltige Drittmittelsummen und die schiere Zahl seiner Fachaufsätze punktet.

Bernhard Pörksen (in: „Die Vertreibung der Zauberer aus der Universität“, Deutschlandfunk Kultur vom 09.04.2018)

Peter Grünberg ist tot

Deutschlands letzter Nobelpreisträger für Physik, Peter Grünberg, starb in der vergangenen Woche im Alter von 78 Jahren. Dies teilte das Forschungszentum Jülich mit, an dem Grünberg lange Zeit tätig war. Der Physiker erhielt gemeinsam mit dem Franzosen Albert Fert 2007 den Nobelpreis für die Entdeckung des Riesenmagnetowiderstands (GMR-Effekt).

Peter Grünberg wurde kurz nach der Vergabe des Nobelpreises in einem Interview mit dem Magazin Cicero gefragt, ob er, „als Naturwissenschaftler“, an Gott glaube. Seine Antwort: „Ja, natürlich.“ Er sei katholisch aufgewachsen und denke, einiges dabei gewonnen zu haben.

(Josef Bordat)

Wissenschaft und Barmherzigkeit. Ein Bild von Picasso

Heute vor 45 starb Pablo Picasso.

Im Picasso-Museum von Barcelona – in dem vor allem Werke aus der Jugendzeit des berühmten Künstlers ausgestellt sind – hängt ein frühes Bild Picassos, das der damals gerade 15jährige Maler Ciencia y caridad („Wissenschaft und Barmherzigkeit“) nannte. Es zeigt eine kranke Frau, der ein im Vordergrund sitzender Arzt den Puls fühlt, während ihr eine im Hintergrund stehende Ordensschwester mit einem Kind auf dem Arm einen Becher reicht.

Pablo Ruiz Picasso: Ciencia y caridad (1897), Öl auf Leinwand, 197 x 246,5 cm – Museu Picasso de Barcelona.

Der Wissenschaftler misst, erhebt exakte Daten, die Rückschlüsse auf Zustände und Befindlichkeiten einschließlich nötiger Prognosen – auf der Basis theoretischer Modelle –ermöglichen. Der Arzt im Vordergrund misst den Puls. Er wirkt konzentriert und sachlich. Die Ordensschwester sorgt unterdessen für Erfrischung. Gleichzeitig kümmert sie sich um ein Kind. Die liebende Sorge für jung und alt, für gesund und krank, gegenüber Menschen in gleich welcher Verfassung ist Kern der Barmherzigkeit. Auch sie wirkt konzentriert, fast streng: caritas ist nicht amor, Liebe kein Gefühl. Die Ordensschwester steht für die christliche Religion und ihre Werte, von denen die tätige Nächstenliebe der wichtigste ist.

Für die kranke Frau ist beides gut: Ohne das Wissen um die Krankheit lässt sich die Patientin nicht heilen, doch ohne Nahrung und liebevolle Zuwendung wird sie auch nicht gesund.

Ich glaube nicht, das Bild wäre so zu verstehen, dass Picasso etwa meinte, man sei entweder Wissenschaftler (hier: Arzt) oder barmherzig (hier: Ordensschwester), dass es mithin keine liebevollen Ärzte und keine kompetenten Ordensschwestern gäbe, sondern er spricht wohl allegorisch die beiden Seiten gelungener Daseins- und eben auch Leidensbewältigung an. Das heißt: Um die Krankheit zu besiegen, braucht es beides – Expertise und liebevolle Betreuung. Allgemein gesprochen: Um das Leben und das Leiden zu bewältigen, braucht es beides – Wissenschaft und Religion.

(Josef Bordat)

Verschonungspluralismus

Ich habe ein neues Wort gelernt: „Verschonungspluralismus“. Pater Tobias Zimmermann SJ, Leiter des Canisius-Kollegs, hat es in einem Pressebericht verwendet, in dem es darum ging, dass er eine Lehrerin muslimischen Glaubens eingestellt hatte, die mit Kopftuch unterrichtet, gegen das Berliner Neutralitätsgesetz, das an der katholischen Privatschule nicht gilt. Verschonungspluralismus meint den Umstand, dass wir einerseits alles (oberflächlich) tolerieren, andererseits aber die ernsthafte Auseinandersetzung damit scheuen. Etwa mit der Religion des Anderen. „Verschon‘ mich bitte, ich tolerier‘s ja schon!“ Eine ignorante Neutralität mache sich damit breit, so der Jesuit.

Dabei ist die Sache eigentlich klar: Der Begriff von Religionsfreiheit, wie sie im Grundgesetz steht, umfasst nicht das Recht, einen Anspruch auf eine religionslose Öffentlichkeit zu erheben, in der einem nichts mehr begegnen kann, das einem weltanschaulich fremd ist. Unsere Religionsfreiheit ist keine verfassungsrechtliche Basis des Verschonungspluralismus, sondern erfordert in Gestalt der Ausübungsfreiheit ganz im Gegenteil einen „Konfrontationspluralismus“: Es gibt offensichtlich vieles, das anders ist, als ich es gerne hätte, und ich kann nicht verlangen, dass es aus meinem Blickfeld verschwindet, denn der Andere hat das Recht, es zu zeigen. Auch öffentlich, auch mir.

Den Umgang mit dieser Religionsausübungsfreiheit einzuüben, ist eigentlich ein Auftrag, der insbesondere an die Schule geht. Dort die Neutralität zu verordnen, ist ungeeignet, Schülerinnen und Schüler auf unsere plurale Gesellschaft vorzubereiten – zumal in Berlin. Mit der Pluralität, vor der sie im wichtigsten Jahrzehnt ihrer sozialen Entwicklung geschützt werden, können sie dann, wenn sie in Studium und Beruf auf sie zu kommt, nichts anfangen. Es droht die Gefahr, dass sie darauf hysterisch reagieren oder sich in ihre Milieus zurückziehen, in denen sie ausschließlich Bestätigung erfahren. Ironischerweise begünstigt die staatlich verordnete Neutralität also den Fanatismus und das Sektierertum. Ergo: Wir können uns keinen Verschonungspluralismus leisten.

(Josef Bordat)

31 neue Religionslehrkräfte

Das Erzbistum Berlin hat 31 neue Religionslehrerinnen und Religionslehrer. Erzbischof Dr. Heiner Koch verlieh ihnen heute die kirchliche Lehrerlaubnis – Missio Canonica – für den katholischen Religionsunterricht.

Den frisch gebackenen Religionslehrkräften wurde erstmals ein „Starter-Koffer“ mit Materialien für die religionspädagogische Arbeit überreicht.

Derzeit erteilen rund 400 Lehrkräfte etwa 30.000 Schülerinnen und Schülern katholischen Religionsunterricht im Erzbistum Berlin.

(Josef Bordat)