Phänomenologie des Klimawandels

Die furchtbaren Bilder aus Regionen, die mir sehr vertraut sind, zeigen für mich, dass der Klimawandel näher kommt. Beziehungsweise dessen Folgen. In Diskussionen dazu begegnet mir immer wieder eine sehr verkürzte Einschätzung dieser Klimawandelfolgen.

Klimawandel bedeutet eben nicht, dass es nicht mehr regnet (und dass insoweit hohe Niederschlagsmengen zeigen, es gäbe ihn, den Klimawandel, nicht). Klimawandel bedeutet auch nicht, dass es nicht mehr kalt sein kann (und dass insoweit jeder Tag „unter Null“ den empirischen Gegenbeweis bietet). Klimawandel bedeutet erst recht nicht, dass es überall 2 Grad wärmer wird – so what?

Klimawandel bedeutet stattdessen, dass aufgrund der Erderwärmung, die derzeit im Mittel 1 Grad beträgt (oder sogar etwas mehr), lokale Extremwetterereignisse wahrscheinlicher werden und daher öfter auftreten: „Eine wärmere Atmosphäre enthält über einen höheren Wasserdampfgehalt mehr Energie als eine kühlere Luftmasse und somit auch ein größeres Unwetterpotenzial“ (Sven Plöger / Frank Böttcher: Klimafakten. Frankfurt a. M. 2013, S. 18).

Das Wetter bekommt also durch den Klimawandel zwei veränderte Leitattribute: lokal (in einem Dorf Überschwemmung, ein paar Kilometer weiter Dürre – heute bereits in Afrika tragische Realität) und extrem (es regnet eben nicht mehr an zehn Tagen, sondern an einem Tag das Zehnfache). Stürme, Starkregenfälle, Dürren, Hitzewellen – all das häuft sich. Und all das ist Folge des anthropogenen Klimawandels.

Zumindest können wir nicht mit Sicherheit ausschließen, dass es Folge des anthropogenen Klimawandels sein könnte. Der vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe herausgegebene „Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen“ (7. Auflage, Juli 2019) konstatiert in der Einleitung zum Kapitel „Unwetter“ nach Aufzählung jüngster Schadensereignisse kurz und bündig: „Durch den Klimawandel könnten sich die Unwetterereignisse noch häufen“ (S. 40). 2018 meldete das UN-Büro für Katastrophenvorsorge (UNISDR) in Genf, die Zahl der klimabedingten Katastrophen sei „von durchschnittlich 165 auf 329 pro Jahr gestiegen“ – eine Verdopplung.

Eine Änderung des Klimas hat also das Potenzial, Wetteränderungen herbeizuführen, eine extreme Änderung des Klimas führt vermehrt zu Extremwetter – ohne, dass damit ein Determinismus Einzug hielte. Auch in einer Plus-fünf-Grad-Welt kann es zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort für eine bestimmte Dauer unangenehm kalt sein, bloß wird dieses Wetter unter jenem Klima immer unwahrscheinlicher. Wahrscheinlicher wird eine Häufung von Extremwetterereignissen. Und solange wir diesen probabilistischen Zusammenhang nicht eindeutig widerlegen können, müssen wir etwas gegen den Klimawandel tun.

(Josef Bordat)