Die „Causa Galilei“

Statt eines Facebook-Kommentars.

Die „Causa Galilei“ (wenn man denn so will), war eine wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung. Es ging also mehr um Methoden als um Inhalte.

1615 führte die Inquisition den ersten Prozess gegen Galileo Galilei, der als Gelehrter in Rom hohes Ansehen besaß. Galilei wurde 1616 ermahnt, die Behauptung aufzugeben, der Kopernikanismus (heliozentrisches Weltbild) sei eine Tatsache, solange dieser nicht bewiesen sei. Dies geschah in respektvoller Atmosphäre, ohne dass er hätte abschwören oder besondere Bedingungen erfüllen müssen. Auch wurden keinerlei Bußauflagen erteilt. Einzig sollte der Kopernikanismus nicht als Tatsache behauptet, sondern lediglich als Theorie gelehrt und diskutiert werden. Als mathematische Hypothese hielt die Inquisition den Kopernikanismus für zulässig, allein die unbewiesene Behauptung seiner Wahrheit störte die Kirche, zumal es geozentrische Modelle gab (Ptolemaios oder Tycho Brahe), die bis dato nicht widerlegt waren. Galilei unterwarf sich diesem Urteil, stand unter päpstlicher Protektion und konnte ungestört arbeiten.

Bei seiner Arbeit hielt er sich aber nicht an die Abmachung, sondern schrieb einen Dialog, der nur eine halbherzige Diskussion zwischen helio- und geozentrischen Theorien darstellt (Ptolomaios wird verworfen, Brahe ignoriert) und eigentlich nur die Alternativlosigkeit des Kopernikanismus behauptet, ohne durchschlagende Beweise dafür zu bringen. Somit kam es 1633 zum zweiten Inquisitionsprozess. Im zweiten Inquisitionsprozess wurde mit härteren Bandagen diskutiert. In diesem Verfahren versuchte Galileo Galilei zunächst, der Inquisition zu vermittelt, dass es keinen Widerspruch zwischen dem Kopernikanismus und dem Katholizismus gebe. Die Inquisition wiederum verlangte einen Beweis für die Richtigkeit des kopernikanischen Systems, den Galilei auch jetzt nicht darlegen konnte. Gleichwohl wollte er an der Wahrheitsbehauptung festhalten. Da die Inquisition ebenfalls hart blieb, sah sich Galileo Galilei gezwungen, das kopernikanische System nicht nur dem erkenntnistheoretischen Status nach anders zu bestimmen (eben als Theorie, nicht als Tatsache), sondern es insgesamt zu leugnen. Er schwor dem „Irrtum“ ab und stand bis an sein Lebensende unter Hausarrest, durfte aber weiter forschen und Kontakte zu Kollegen unterhalten.

Galilei selbst „hat ausdrücklich erklärt, dass die beiden Wahrheiten, die Wahrheit des Glaubens und die Wahrheit der Wissenschaft, niemals einander widersprechen können, da die Heilige Schrift und die Natur gleichermaßen dem göttlichen Wort entspringen, jene als diktiert von Heiligen Geist, diese als getreue Vollstreckerin der Anordnungen Gottes“ (so Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Fides et Ratio“ vom 14. September 1998).

Wie ist die „Causa Galilei“ heute zu bewerten? Die Inquisitionsprozesse gegen Galileo Galilei erregen bis heute die Gemüter. Sie markieren aber nicht die vermeintliche Sollbruchstelle zwischen Kirche und Wissenschaft (oder gar Religion und Vernunft bzw. Glauben und Wissen), als die sie so oft und gern herbeizitiert werden, ganz im Gegenteil: Sie verdeutlichen die methodischen Bedingungen der wissenschaftlichen Forschung. Wahrheit wird bei Galilei zur Behauptung ohne Beweislast, Wissen zum Glauben. Dass er damit ausgerechnet im Vatikan auf Widerstand stößt, mag verwundern, doch es ist tatsächlich die Kirche (insbesondere deren Verfahrensbevollmächtigter Robert Kardinal Bellarmin SJ), die im Gegensatz zum Angeklagten größten Wert auf eine Haltung der Vorsicht legte, die auch von der gegenwärtigen Wissenschaftsphilosophie eingefordert wird. Ob Karl Popper, Paul Feyerabend oder Carl Friedrich von Weizsäcker – sie alle billigen der Kirche des 17. Jahrhunderts zu, was dem Forscher des 20. Jahrhunderts selbstverständlich werden sollte: Anzuerkennen, dass eine Theorie keine Tatsache ist. „Die Kirche zur Zeit Galileis hielt sich viel enger an die Vernunft als Galilei selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der Galileischen Lehren in Betracht. Ihr Urteil gegen Galilei war rational und gerecht, und seine Revision lässt sich nur politisch-opportunistisch rechtfertigen“ (Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang, Frankfurt 1976, S. 206).

Die Inquisition wollte von Galileo Galilei nicht mehr und nicht weniger, als dass er sich wissenschaftlich korrekt verhält, dass er mithin nur das behauptet, was er auch beweisen kann. Galileis Irrtum ist also kein inhaltlicher, sondern ein methodischer: die fehlende Anerkennung einer epistemologischen Differenz von Theorie und Tatsache im akademischen Diskurs. Vor diesem Hintergrund ist die 1992 erfolgte vollständige Rehabilitierung Galileo Galilei fragwürdig – aus Gründen wissenschaftlicher Redlichkeit.

(Josef Bordat)

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Final-Check: Kroatien

Gibt es eigentlich – mal abgesehen von den 23 Spielern im Aufgebot von Zlatko Dalić – irgendwelche Kroaten, die man kennt? Gut: Davor Šuker. Niko Kovač. Obwohl: Der kommt ja aus dem Wedding. Nein, irgendwie fallen mir berühmte Kroaten nicht auf Anhieb ein. Dabei gibt es einen, den eigentlich jeder kennt, seitdem es Elektroautos gibt: Nikola Tesla.

Der Physiker und Pionier der Elektrotechnik wurde 162 Jahre und einen Tag vor dem Finaleinzug Kroatiens in Smiljan geboren. Das war damals politisch Österreich, aber historisch und kulturell Kroatien. Er hat unglaublich viel geforscht und entdeckt und erfunden. Vor allem, nachdem er 1889 in die USA ausgewandert war. Er starb vor 75 Jahren, am 7. Januar 1943, in New York.

Interessant an Tesla ist die breite Rezeption in der Populärkultur, die man – was Physiker angeht – sonst nur von Einstein kennt. Es gibt Filmbiographien über Tesla, man findet ihn auf Banknoten, er kommt in Fernsehserien und Computerspielen vor. Und natürlich sind wissenschaftliche Einrichtungen und Betriebe der Energiewirtschaft nach ihm benannt. Und: Ausgerechnet in der serbischen Hauptstadt Belgrad trägt der Flughafen seinen Namen: Nikola Tesla.

(Josef Bordat)

Mariä Heimsuchung

Heute feiern wir das Fest Mariä Heimsuchung. Dieser Name mag irritieren. Maria wird nicht etwa „heimgesucht“ von üblen Ereignissen, „heimgesucht“ von Zweifeln und Anfechtungen, wie man vielleicht meinen könnte, sondern „Heimsuchung“ meint „Besuch“. Maria besucht ihre Tante Elisabeth. Es kommt zu der Begegnung zweier Frauen, die beide ein Kind erwarten, obwohl sie dies vor kurzer Zeit noch nicht erwarten konnten – wie eine, Elisabeth, nicht mehr, die andere, Maria, noch nicht. Das heutige Evangelium hat es liturgisch in sich. Zuerst grüßt Elisabeth ihre Nichte mit den Worten, die das Ave Maria einleiten, ein Grundgebet des Christentums katholischer Prägung, das z.B. im Rosenkranzgebet eine zentrale Rolle spielt. Maria spricht als Antwort auf den Gruß Elisabeths das Magnifikat, das in jeder Vesper gesungen wird.

Es kommt nicht darauf an, ob diese Texte von Elisabeth und Maria tatsächlich so gesprochen wurden. Lukas ist an dieser Stelle nicht historisch. Lukas verdichtet in der Antwort Marias die Heilsgeschichte des Volkes Gottes – mit zahlreichen Anspielungen auf das Alte Testament, vor allem mit Zitaten aus den Psalmen. Dass Gott mit seinem Arm machtvolle Taten vollbringt, das war schon dem Psalmisten klar. In Psalm 89, 14 heißt es: „Dein Arm ist voll Kraft, deine Hand ist stark, deine Rechte hoch erhoben.“ Dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt, lesen wir so beim Propheten Haggai 2, 22: „Ich stürze die Throne der Könige und zerschlage die Macht der Königreiche der Völker.“ Und die Sache mit den Reichen, die Gott leer ausgehen lässt, finden wir ähnlich in Psalm 34, 11: „Reiche müssen darben und hungern“ heißt es dort; „wer aber den Herrn sucht, braucht kein Gut zu entbehren“. Lukas verdichtet die Heilsgeschichte im doppelten Sinne, er fasst die Ereignisse zusammen in einem Gedicht, in einem Lied, das wir nun auch in der Liturgie singen können.

Ansonsten erstaunt es, dass Lukas nur die Begrüßung beschreibt, und uns dann allein lässt mit der Schlussbemerkung, Maria sei drei Monate bei Elisabeth geblieben, ehe sie nach Hause zurückkehrte, ohne dass er über diese Zeit etwas berichtete. Aber, wie bereits gesagt, man sollte Lukas hier nicht als Geschichtsschreiber lesen. Er hat kein historisches, sondern ein theologisches Interesse. Es kommt ihm nicht darauf an, einen detaillierten Bericht über diesen Besuch abzuliefern, sondern die Begegnung zweier Frauen zu schildern, die in ihrem tiefen Glauben an Gott persönlich die Erfahrung machen durften, dass sich Gottes Macht in ihrem Leben gezeigt hat, weil sie sich der Ansprache Gottes nicht verschlossen haben. Insoweit zeigt Lukas uns die beiden Frauen vor allem als eines: als Vorbilder im Glauben.

(Josef Bordat)

Gottfried Wilhelm Leibniz

Herzlichen Glückwunsch zum 372. Geburtstag!

Einer der herausragenden Geistesgrößen der Kulturgeschichte hat heute Geburtstag: Gottfried Wilhelm Leibniz. Ein Fest für alle, die sich für Philosophie interessieren. Und für Theologie, Rechtskunde, Forschungsökonomie, Wissenschaftsorganisation, Technik, Militärstrategie, Versicherungswesen, Kirchengeschichte, Mathematik, Naturwissenschaften, Ingenieurskunst und Informatik. Denn Leibniz arbeitete auf all diesen Gebieten menschlicher Kultur und hinterließ dort tiefe, bis heute deutlich sichtbare Spuren. Leibnizens Leben und Werk kurz umreißen zu wollen, ist von daher ein fast unmögliches Unterfangen. Die ganze Persönlichkeit Leibnizens in den Blick nehmen zu wollen, scheitert schon im Ansatz an ihrer facettenreichen Gestalt. Versuchen wir es trotzdem. Es wäre wohl in seinem Sinne.

Gottfried Wilhelm Leibniz. Gemälde (um 1695). Quelle: Wikimedia (gemeinfrei).

Noch bevor man Leibniz für ein bestimmtes Fachgebiet vereinnahmt (echte Leibnizianer tun das ohnehin nicht), sollte man ihn sehen, wie er sich selber sah. Vor allem als tiefgläubigen, ja, frommen Christen, als waschechten Protestanten – der offen für den ökumenischen Dialog und die Auseinandersetzung mit der Welt war. Glaube und Wissenschaft sind bei Leibniz keine Gegensätze, sondern beziehen sich aufeinander. Der Glaube hemmt die wissenschaftliche Entwicklung bei Leibniz nicht, er befördert sie, bisweilen ermöglicht er sie geradewegs, weil ihm als gläubigem Wissenschaftler Assoziationen erlaubt sind, die ohne den Glauben kein Fundament und ohne die wissenschaftliche Einbettung kein Ziel hätten: Der Gedanke einer Schöpfung der Welt durch Gott (=1) aus nichts (=0) hat den Binärcode inspiriert, der Gedanke einer Unendlichkeit, die doch ein Ziel hat (nämlich Gott) sowie die Idee einer bestmöglichen Welt, die sich in ihrem Vervollkommnungsstreben Gott immer weiter annähert, ohne Gott, die absolute Güte, je erreichen zu können, liegen der Infinitesimalrechnung zugrunde. In Leibnizens Geist trifft Religion Informatik und Mathematik – ein Hirngespinst im allerbesten Sinne. Und eines mit ganz praktischen Auswirkungen auf die moderne Technik: Strom fließt, Computer laufen, Satelliten erreichen ihre Umlaufbahn. Gott sei Dank. So würde es auch Leibniz sehen.

Ausgehend vom Gedanken einer modalen Schichtung des Seins (Notwendigkeit ist etwas anderes als Möglichkeit und beides wiederum unterscheidet sich von Wirklichkeit), von seinen grundlegenden „großen Prinzipien“ – dem Prinzip der Identität und des Widerspruchs, dem Prinzip des zureichenden Grundes und dem Prinzip der Identität des Ununterscheidbaren, der Kontinuität und des Besten –, von dem für ihn maßgeblichen Harmoniegedanken, der sich in der Universalharmonie und der prästabilierten Harmonie zeigt, sowie von seiner sprachphilosophischen Begriffs- und Wahrheitstheorie entfaltet Leibniz sein Denken, dessen Stärke darin liegt, dass er entlegendste Bereiche zusammenführt und daraus neue Erkenntnis gewinnt – echtes inter- und transdisziplinäres Arbeiten, lange bevor diese Begriffe die Wissenschaftsorganisation prägen sollten. Ob Leibniz die Einheit der Christen zu befördern suchte, Maschinen konstruierte, nach mathematischen Zusammenhängen suchte, Rechtsgutachten verfasste, historische Forschungen betrieb, Politikberatung ausübte oder Neuerung der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung rezipierte, ständig dachte er vernetzt und im besten Sinne ganzheitlich. Das ist nicht untypisch für das vormoderne Denken in der Philosophie und in einer noch nicht ausdifferenzierten und hochspezialisierten Wissenschaft, bei Leibniz jedoch war die holistische Methode besonders ertragreich.

Leibniz war eine Ich-Universität, ein Ein-Personen-Think Tank, ein Generalist auf höchstem akademischen Niveau, ein umtriebiger, kaum zu bändigender Diplomat auf (fast) allen Bühnen seiner Zeit: Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kirche. Sein Ringen um Lösungen erfasste alle Bereiche des Lebens. Nicht nur philosophische und wissenschaftliche Probleme inspirierten Leibniz, sondern insbesondere sein christlicher Glaube. Wissenschaft war für ihn Gottesdienst. Einen besonderen Eifer entwickelte Leibniz im Zusammenhang mit der Ökumene. Am Ende des Dreißigjährigen Krieges geboren, versuchte er zeitlebens, die christlichen Konfessionen zu einen: aus theologischen wie aus innen- und außenpolitischen Gründen. Der Protestant aus Sachsen sprach mit katholischen Würdenträgern ebenso wie mit Vertretern des deutschen Protestantismus.

Der Mensch Leibniz war nicht frei von Minderwertigkeitskomplexen. Er schämte sich wegen seiner unförmigen Gestalt und wegen seines sächsischen Akzents. Er blieb zeitlebens unverheiratet. Dabei war es nicht so, dass ihm die Angebote seitens der weiblichen Gesellschaft am Hofe in Hannover fehlten. Er hielt sich bewusst zurück. Frauen, so Leibniz, stehlen ihm nur die wertvolle Zeit. Die brauchte er für seine Arbeit, seine Reisen durch ganz Europa, seine Korrespondenz mit der ganzen Welt, in der er sein Denken entwickelte. Leibnizens Briefwechsel enthält rund 20.000 Briefe mit über 1000 Korrespondenten; seit 2007 gehört die Post des Genies zum UNESCO-Weltdokumentenerbe, wie die Gutenberg-Bibel oder Beethovens Neunte Sinfonie.
Das leibnizsche Denken lässt sich vielleicht am besten über den Substanzbegriff und das Leib-Seele-Problem erschließen, das Leibniz in Abgrenzung zu Descartes, Malebranche und Spinoza neuartig löst und damit die Grundlage seiner Monadologie entwickelt. Descartes‘ Lösung ist eine organisch-mechanistische, nämlich die Vorstellung einer Verbindung von Leib und Seele in der Zirbeldrüse, in der er die Interaktion von Materie und Geist, die Kopplung von leiblichen Vorgängen und Bewusstseinszuständen verortet. Bei Malbranche kommt eine Verbindung von Leib und Seele fallweise zustande. Gott sorgt dafür, dass man in dem Moment, in dem man sich mit einem Hammer auf den Daumen schlägt, Schmerz empfindet, das heißt einen entsprechenden Bewusstseinszustand hat. Deswegen ist seine Lösung unter dem Stichwort Okkasionalismus bekannt.

Und Leibniz? Bei Leibniz ist der Baustein der Welt die unteilbare, unerzeugbare und unzerstörbare Monade, die als „beseeltes Atom“ allen Dingen zugrunde liegt. So wird die Materie in der Substanzmetaphysik Leibnizens vergeistigt – Körper und Seele erscheinen gleichermaßen als monadische Entitäten. Dies erinnert in der Tat eher an Spinozas Monismus, an den Gedanken der Unterordnung von Geist und Materie unter eine allumfassende Entität, nämlich Gott, muss aber insoweit von Spinozas Substanzmonopol Gottes unterschieden werden, als alle Monaden bei Leibniz Substanzen sind.

Damit ist nun freilich das Leib-Seele-Problem noch nicht gelöst, denn das Zusammenwirken von Körpermonaden und Seelenmonaden muss erklärt werden. Denn die Frage ist ja, wie die Einstellung der Monaden aufeinander geschieht, wenn sie untereinander keinen Kontakt haben und den können sie in Leibnizens Vorstellung nicht haben, da sie „fensterlos“ sind. Leibniz sagt – und das ist ein ganz zentraler Gedanke seiner Philosophie –, dass ein geordnetes Zusammenspiel von Leib und Seele dadurch zustande kommt, dass Gott die grundsätzlich getrennten Sphären in einer prästabilierten Harmonie aufeinander eingestellt hat – wie ein Uhrmacher, der zwei Uhren synchronisiert –, damit in allen Fällen a priori eine Verbindung von Materie und Geist ermöglicht ist.

In seiner Schöpfungstheologie geht Leibniz noch einen Schritt weiter: Diese von Gott so harmonisch eingerichtete Welt ist die beste aller möglichen Welten, denn „gäbe es nicht die beste aller möglichen Welten, dann hätte Gott überhaupt keine erschaffen“. Der Gedanke der Optimalwelt ist dann für Leibnizens zweites Werk maßgebend, das noch zu seinen Lebzeiten erschienen ist, nämlich 1710, für seine Theodizee, in der er versucht, die Freiheit des Menschen und die Güte und Gerechtigkeit Gottes angesichts des in der Welt erkennbaren Übels in Einklang zu bringen.

Leibniz war stets getrieben von einem schier unendlichen Schaffensdrang und spulte ein gigantisches Programm ab, das eigentlich kaum zu bewältigen ist. Er selbst beschrieb seine Kreativität mit den Worten, er habe bereits beim Aufwachen am Morgen so viele Ideen, dass der Tag nicht reiche, sie aufzuschreiben. Die Edition seiner Werke durch die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaft wird vor Mitte des 21. Jahrhunderts nicht abgeschlossen sein. Hunderte namhafte Forscher aus der ganzen Welt arbeiten in Potsdam an den überreichen Hinterlassenschaften des Universalgenies, nach dem heute die Universität in Hannover, eine große deutsche Wissenschaftsorganisation und ein Butterkeks benannt sind.

Dabei war Leibniz eigentlich die meiste Zeit schlicht und ergreifend Bibliothekar im eher provinziellen Hannover. Seine Stelle war mit dem Auftrag verbunden, die Geschichte des Welfenhauses niederzuschreiben. Eine eher anspruchslose Chronik höfischen Lebens sollte es werden, ein Werk, das er nie fertigstellte. Er war zu sehr abgelenkt durch andere anspruchsvollere Aufträge, die er entweder von Dritten erhielt (wie die Abfassung einer Schrift für Preußens Königin Sophie Charlotte zur „Verteidigung“ Gottes – bekannt als eben jene Theodizee), oder die er sich selbst gab (wie die Entwicklung des Binärcodes, der Infinitesimalrechnung oder einer substanzmetaphysischen Weltinterpretation – bekannt als eben jene Monadologie).

So wohlbehütet seine Kindheit (Leibniz wuchs in einer Akademikerfamilie auf, konnte sich schon in jungen Jahren in der väterlichen Bibliothek autodidaktisch bilden und ging bereits im Alter von 15 Jahren an die Universität Leipzig), so tragisch ist sein Lebensabend. Nach einem jahrzehntelangen Streit mit Isaac Newton, wer von beiden das Infinitesimalkalkül zuerst entdeckt und wer von wem abgekupfert habe, befasst sich die Royal Society mit dem Prioritätenstreit und beendet das traurige Kapitel 1712 mit dem (von Newton beeinflussten) Beschluss, Leibnizens Arbeit sei ein Plagiat. Der inzwischen europaweit berühmte Leibniz ist tief in seiner Ehre gekränkt. Als sein Chef, Kurfürst Georg Ludwig, 1714 König von England wird (George I.), lässt er seinen wissenschaftlichen Mitarbeiter in Hannover – ein Zugeständnis an den Gelehrtenzirkel seiner neuen Wirkungsstätte. Seine einstige Spitzenkraft Leibniz ist in London nicht vorzeigbar. Zudem verhängt King Georg ein „Reiseverbot“ für seinen umtriebigen Bibliothekar. Ein weiterer schwerer Schlag für Leibniz, von dem er sich nicht mehr erholen sollte: Zwei Jahre später stirbt er, am 14. November 1716, mittlerweile völlig vereinsamt.

Heute wissen wir: Der Prioritätenstreit zwischen Newton und Leibniz kann als unbegründet betrachtet werden, denn vermutlich haben beide unabhängig voneinander das gefunden, was wir heute als Differential- und Integralrechnung an allen Ecken und Enden der naturwissenschaftlichen Lehre und Forschung nutzen. Fest steht, dass beide zwar den gleichen philosophischen Gedanken tragen, also die Idee des „Fließens“ (Newton) oder der „Kontinuität“ (Leibniz), dass sie aber zwei unterschiedliche Ansätze verfolgen. Newton kommt von der Physik und will Aussagen zur Momentangeschwindigkeit machen, Leibniz von der Geometrie, vom Tangentenproblem. Entsprechend hat die Geschichte der Wissenschaft dann auch beiden ein Denkmal gesetzt: Newtons Notation („X-Punkt“, „X-Zwei Punkt“) ging in die Physik, Leibnizens Summenzeichen (ein gestrecktes „S“ für „Summe“) und die Notation „dx nach dy“ in die Mathematik ein. Wissenschaftspolitisch ist der Prioritätenstreit bei aller Unbegründetheit jedoch höchst bedeutsam geworden, weil er das Verhältnis britischer und kontinentaler Wissenschaftler das gesamte 18. Jahrhundert hindurch schwer belastet hat.

Schwamm drüber. Machen wir heute zwischen den beiden Achtelfinalen mal einen Spaziergang und spielen wir das Spiel, das Leibniz höchstselbst gern mit den Hannoveraner Hoffräuleins spielte: Man suche zwei Blätter einer Art, die sich in allem gleichen – Größe, Form, Maserung. Sie werden überrascht sein, wie unterschiedlich das Ähnliche ist.

(Josef Bordat)

Habermas zum Geburtstag

Heute wird der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas 89 Jahre alt.

Einem so vielfältig publizierten und breit rezipierten Intellektuellen wie Jürgen Habermas ein in Art und Umfang angemessenes Geburtstags-Ständchen zu singen, ist gar nicht so einfach. Falsch: Es ist nicht möglich. Es sei denn, man beschränkt sich auf ein Thema dieses vielfältigen Werkes. Beispielsweise auf die Auseinandersetzung des Jubilars mit der Religion. Schließlich hat Habermas, der am 18. Juni 1929 in Düsseldorf zur Welt kam, in den vergangenen Jahren zu diesem Thema die eine oder andere interessante Stellungnahme hervorgebracht. Der Tenor gegenüber dem Phänomen Religion blieb dabei zwar kritisch-distanziert (Habermas selbst beschreibt sich bekanntlich als „religiös unmusikalisch“), wurde aber – zumindest im Hinblick auf die normative und soziale Funktion des Religiösen – zunehmend wohlwollend.

Ansetzen kann man im Jahr 2004, als Habermas mit dem damaligen Kurienkardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., in der Katholischen Akademie München ein viel beachtetes Gespräch über die Rolle der Religion in der Gesellschaft führte. Ein Gespräch zwischen Vertretern dergleichen Generation (Ratzinger erblickte, wie den meisten Lesern bekannt sein dürfte, am 16. April 1927 in Marktl das Licht der Welt) und zwischen zwei deutschen Denkern, die beide zu den herausragenden Intellektuellen Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählen. Von Anfang an stand fest: Das Gespräch sollte insbesondere die Notwendigkeit möglicher „vorpolitischer moralischer Grundlagen“ der Demokratie aus dem Geist der Religion thematisieren. Also die Frage: Lebt der moderne Rechtsstaat von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann (das berühmte Böckenförde-Diktum) und liefert die Religion dazu die nötige vorpolitische Kontrollinstanz (Ratzinger) oder gelingt es dem demokratischen Staat, allein mit säkularer Vernunft seine Normativität aus sich selbst heraus diskursiv zu begründen (Habermas)? Dann geschah das Überraschende: Die Argumentation im Verlauf der Diskussion ging weit über die Frage hinaus und betraf allgemein das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Religion und Wissenschaft (die Stellungnahmen sind nachzulesen in: Jürgen Habermas, Joseph Ratzinger: Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion. Freiburg i. Br. 2005).

Es zeigte sich, dass beide die Ablehnung einer dezidiert areligiösen, tendenziell anti-religiösen Gesellschaft eint. Das Entscheidende ist, dass auch Habermas der Religion Sinngehalte zuspricht, für die eine „ethisch enthaltsame“ Wissenschaft keine Sprache hat: das Gespür für Verfehlung und Erlösung, Scheitern und Gelingen. Dort, wo sonst alles nur noch in Geldwerten bemessen wird, kann Religion Werte setzen, die dem Auftrag des Menschen zur Bewahrung der Schöpfung über den Tag hinaus gerecht werden.

Dabei ist insbesondere das Christentum wertsetzend, wie Habermas schon lange vor dem Treffen mit Ratzinger in einem Gespräch mit Eduardo Mendieta (veröffentlicht in: Jürgen Manemann: Jahrbuch politische Theologie. Münster 1999) feststellte: „Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.“

Wie weit die normative Funktion der Religion reicht, ist dabei freilich wieder umstritten. Während der Theologe Ratzinger den Vorrang der Religion betonte, ist die „Kontrollinstanz Kirche“ für einen liberalen Denker wie Habermas nicht annehmbar. Das Schreckgespenst eines totalitären Absolutismus, das hier auftaucht, ist für ihn undenkbar in einer liberalen Demokratie, in der alles nur relativ sein kann. Dabei übersieht Habermas freilich, dass Religion, soweit damit das Christentum gemeint ist, auch etwas Relatives meint, nämlich die Einordnung des Menschen in einen Ordo, welcher nur in der Beziehung zu Gott (der religio) erfahrbar wird, freilich mit dem Unterschied, dass hier aus der Relation feste Werte entstehen (und zwar weniger durch göttliche Vorgaben als vielmehr durch Einsicht in deren Notwendigkeit), während Werte im säkularen Modell selbst Gegenstand von Relationen, Abwägungen und Aushandlungsprozessen sein sollen, wobei die Diskursgerechtigkeit (bei Habermas gilt das Ideal der „herrschaftsfreien Kommunikation“) die einzige absolute Metanorm darstellt. Es steht also ein System innerweltlicher, menschlicher Beziehungen (Habermas) gegen ein System, in dem vorrangig die Gottesbeziehung des Menschen normativ wirkt (Ratzinger).

Unser Grundgesetz nimmt beide Traditionen auf, indem es uns an die Verantwortung „vor Gott und den Menschen“ erinnert. Doch dieses Bewusstsein geht immer mehr verloren und muss menschlichen Allmachtsphantasien einer „bornierten Aufklärung“ (Habermas) Platz machen, die Glaube und Religion als „unvernünftig“ ablehnt. Dennoch, so Habermas, müssten die Kriterien der Einordnung der Menschen in eine Wert- und Rechtsordnung vernünftig vermittelbar sein, ein theologischer Dogmatismus könne hingegen nur scheitern.

Aus katholischer Sicht ist das gewährleistet, da göttliche Gebote vom Menschen nicht befolgt werden sollen, weil sie Gebote Gottes sind, sondern weil sie sich in ihrem Regelungsgehalt einer von Gott und Mensch geteilten Vernunft als gut zu erkennen geben. Umgekehrt, so Habermas weiter, sei auch ein wissenschaftlicher Dogmatismus fehl am Platz. Habermas betont, dass das säkulare Bewusstsein der Wissenschaft lernen müsse, der Religion nicht von vornherein den Wahrheitsgehalt abzusprechen, denn – so der Philosoph mit Blick auf die boomenden Neurowissenschaften – „naturalistische Weltbilder genießen keineswegs prima facie Vorrang vor religiösen Auffassungen“.

Das meinte auch Ratzinger. Er hatte schon früher betont, dass die Wahrheit jenseits der Natur liegt und dass es dem Christentum um Abgrenzung sowohl zur einengenden Rationalität bloßer Wissenschaftlichkeit als auch zur Unvernünftigkeit des Heidentums geht, also um ein geweitetes Verständnis von Vernunft, wie sie sich in der sittlich-geschichtlichen Entfaltung des Christentums manifestiert: „Die beiden immer auseinanderfallenden Seiten der Religion, die ewig waltende Natur und die Heilsbedürftigkeit des leidenden und ringenden Menschen sind ineinander verbunden. Die Aufklärung kann Religion werden, weil der Gott der Aufklärung selbst in die Religion eingetreten ist. Das eigentlich Glauben heischende Element, das geschichtliche Reden Gottes, ist doch die Voraussetzung dafür, dass die Religion sich nun dem philosophischen Gott zuwenden kann, der kein bloß philosophischer Gott mehr ist und doch die Erkenntnis der Philosophie nicht abstößt, sondern aufnimmt. Hier zeigt sich etwas Erstaunliches: Die beiden scheinbar konträren Grundprinzipien des Christentums: Bindung an die Metaphysik und Bindung an die Geschichte bedingen sich gegenseitig und gehören zusammen; sie bilden zusammen die Apologie des Christentums als religio vera. Wenn man demgemäß sagen darf, dass der Sieg des Christentums über die heidnischen Religionen nicht zuletzt durch den Anspruch seiner Vernünftigkeit ermöglicht wurde, so ist dem hinzuzufügen, dass ein zweites Motiv gleichbedeutend damit verbunden ist. Es besteht zunächst, ganz allgemein gesagt, im moralischen Ernst des Christentums“ (so in der Rede „Die Christenheit, die Entmythologisierung und der Sieg der Wahrheit über die Religionen“ am 27. November 1999 an der Pariser Sorbonne).

Die eschatologische Dimension des theologischen Denkens könne, so wieder Habermas, die normative Sicht von Recht und Politik erweitern, weil und soweit sie an die Notwendigkeit einer kontextsensitiven Beachtung von vergangenem Leid und künftigem Potenzial erinnert, was verhindere, dass sich statische „Idealordnungen“ durchsetzen können. In diesem Sinne bilde der „öffentliche Vernunftgebrauch“ unter Einschluss „religiöser Überlieferungen“ ein „Widerlager zur Hegemonie einer auf Nutzenmaximierung eingeschworenen Zweckrationalität“, was deutlich an Benedikts Diktum von der „geweiteten Vernunft“ erinnert. Das Christentum ist eine wesentliche kulturelle Wurzel von Moral und Recht (Habermas) und daher für unsere Gesellschaft unverzichtbar (Ratzinger). Fazit: Religion und Wissenschaft spielen als Ausdruck der Vernunft sowohl bei Ratzinger als auch bei Habermas eine berechtigte Rolle beim Versuch des Menschen, zu einer Selbstvergewisserung (Anthropologie) und einer Orientierung in der Welt (Ethik) zu gelangen.

Was bedeutet das aber nun konkret? In einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ zur Leitfrage „Wie viel Religion verträgt der liberale Staat?“ äußerte sich Habermas unlängst wie folgt: „Die Religionsgemeinschaften dürfen, solange sie in der Bürgergesellschaft eine vitale Rolle spielen, nicht aus der politischen Öffentlichkeit in die Privatsphäre verbannt werden, weil eine deliberative Politik vom öffentlichen Vernunftgebrauch ebenso der religiösen wie der nichtreligiösen Bürger abhängt. Wenn die schrille Polyfonie aufrichtiger Meinungen nicht unterdrückt werden soll, dürfen die religiösen Beiträge zu moralisch komplexen Fragen wie Abtreibung, Sterbehilfe, vorgeburtliche Eingriffe in das Erbgut usw. nicht schon an der Wurzel der demokratischen Willensbildung abgeschnitten werden. Religiösen Bürgern und Religionsgemeinschaften muss es freistehen, sich auch in der Öffentlichkeit religiös darzustellen, sich einer religiösen Sprache und entsprechender Argumente zu bedienen.“ Damit bekräftigt Habermas im Grunde nicht mehr als die Geltung des Grundrechts auf Religionsfreiheit, doch ist diese ja gerade in ihrer Auslegung als Religionsausübungsfreiheit zunehmend gefährdet – auch hierzulande.

Habermas wäre aber nicht der Denker einer um Interessenausgleich bemühten Kommunikations- und Handlungstheorie, der er bekanntlich ist, würde er nicht zugleich eine Einschränkung formulieren: „In einem säkularen Staat müssen sie freilich auch akzeptieren, dass der politisch relevante Gehalt ihrer Beiträge in einen allgemein zugänglichen, von Glaubensautoritäten unabhängigen Diskurs übersetzt werden muss, bevor er in die Agenden staatlicher Entscheidungsorgane Eingang finden kann. Es muss gewissermaßen ein Filter zwischen die wilden Kommunikationsströme der Öffentlichkeit einerseits und die formalen Beratungen, die zu kollektiv bindenden Entscheidungen führen, andererseits eingezogen werden. Denn staatlich sanktionierte Entscheidungen müssen in einer allen Bürgern gleichermaßen zugänglichen Sprache formuliert und gerechtfertigt werden können.“

Das bedeutet zum Beispiel, dass sich die Kirche um eine Verkündigung ihrer Morallehre bemühen muss, die anschlussfähig ist an säkulare Konzeptionen von Mensch, Person, Würde, Leben und Recht. Die säkulare Ethik kann jedoch umgekehrt vom Erfahrungsschatz der Religionen profitieren, auch ohne ihren Offenbarungsgehalt zu übernehmen – das gelingt ohnehin nur im Glauben. Und den kann man nicht erzwingen. Doch auch, wenn Religion als Utopie verstanden wird, hat sie einen Wert für die Verständigung in einer gottvergessenen und daher ausschließlich der Welt zugewandten Kultur, denn: Wo die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus. Es ehrt den säkularen Gesellschaftsphilosophen Jürgen Habermas, dass er sich nicht scheut, den positiven Wert der Religion, des christlichen Glaubens für die moderne Gesellschaft zu betonen. In Zeiten brachialer Missverständnisse im Hinblick auf das Verhältnis von Vernunft und Glaube ist es gut, unter den philosophischen Geistern eine solch glaubwürdige Stimme zu hören.

Dieser Text erschien zuerst im Juni 2014 (anlässlich Jürgen Habermas‘ 85. Geburtstag) in der Tagespost.

(Josef Bordat)

Der Nationale Bildungsrat

Dass wir einen Deutschen Ethikrat haben, wird sich mittlerweile herumgesprochen haben, auch den Rundfunkrat kennt man. Nun soll es aber auch noch einen Nationalen Bildungsrat geben. Die Umsetzung dieser im Koalitionsvertrag vorgesehenen Einrichtung wird derzeit mit den Ländern beraten (das Bildungswesen als Teil der Kulturpolitik ist ja grundsätzlich immer noch Ländersache).

Das schreibt die Bundesregierung in ihrer Antwort (19/2357) auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (19/2081) wie der Informationsdienst „Heute im Bundestag“ (der auf Anfrage an jeden interessierten Bürger mit E-Mail-Postfach versandt wird) in seiner aktuellen Ausgabe berichtet.

Die Abgeordneten hatten gefragt, wie weit die Planungen zur Einsetzung eines Nationalen Bildungsrates sind und mit welchen Instanzen und Institutionen die Bundesregierung auf welcher Ebene bereits Gespräche geführt hat. Die Fraktion hatte daran erinnert, dass im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD die Schaffung eines Nationalen Bildungsrates verabredet worden sei.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hatte im März 2018 beschlossen, ein ländergemeinsames Konzept für den Nationalen Bildungsrat als Verhandlungsgrundlage mit der Bundesregierung zu erarbeiten. Die Einrichtung des Nationalen Bildungsrates soll dem Koalitionsvertrag gemäß nach dem Vorbild des Wissenschaftsrates erfolgen. Fragen der Mandatierung und Zusammensetzung des Nationalen Bildungsrates seien Gegenstand der Gespräche mit den Ländern. Über die Zusammensetzung des Nationalen Bildungsrates würden Bund und Länder gemeinsam entscheiden.

Laut Bundesregierung soll der Nationale Bildungsrat auf Grundlage der empirischen Bildungs- und Wissenschaftsforschung Vorschläge für mehr Transparenz, Qualität und Vergleichbarkeit im Bildungswesen vorlegen. Er soll dazu beitragen, sich über die zukünftigen Ziele und Entwicklungen im Bildungswesen zu verständigen. Die Bildungsangebote sollen so gestaltet sein, dass sie eine Förderung über die ganze Bildungsbiographie hinweg möglich machen. Eine Konkretisierung dieser Zielsetzungen sowie die Beziehung zur Kultusministerkonferenz der Länder KMK sei Gegenstand laufender beziehungsweise anstehender regierungsinterner Beratungen und Gespräche mit den Ländern.

Derzeit berate die KMK über einen Themenkatalog und einen Entwurf für weitergehende Vereinbarungen der Länder zu grundsätzlichen Fragen der Bildungspolitik. Im Rahmen dieser länderinternen Überlegungen werde auch die Option für einen Staatsvertrag geprüft, um die länderübergreifende Zusammenarbeit weiterzuentwickeln, die Vergleichbarkeit und Qualität des Bildungswesens zu verbessern und Mobilitätshindernisse abzubauen.

(Josef Bordat)

Der Glaube und das Wissen

Kürzlich las ich folgende Aussage: „Ohne Wissen bleibt nur der Glaube und ohne Glauben kann erst Wissen entstehen.“ Ich weiß nicht, ob die Person sich diese so ausgedacht hat, oder ob sie hier zitiert, das ist auch gar nicht wichtig. Entscheidend ist, dass darin eine Grundhaltung unserer Zeit erkennbar wird: Glaube und Wissen sind inkommensurable Bereiche der menschlichen Kultur, die sich bestenfalls aus dem Weg gehen. Der Mensch wiederum hat die Aufgabe, sich im Rahmen seiner Sinnfindung für eines der beiden Leitmotive des Lebens zu entscheiden. So etwas steckt dahinter.

Ich halte die Aussage und ihre Implikationen für grundfalsch. Warum? Fangen wir hinten an.

1. „Ohne Glauben kann erst Wissen entstehen“

Wissenschaftshistorisch war es gerade umgekehrt: Weil Menschen wie Kopernikus, Kepler, Newton und Leibniz an Gott glaubten, weil sie glaubten, dass Gott die Welt nach Gesetzmäßigkeiten geschaffen hat, weil sie glaubten, dass Gott uns die Fähigkeit geschenkt hat, diese Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, glaubten sie auch, dass es sich überhaupt lohnt, nach diesen Gesetzmäßigkeiten zu forschen und darüber einen Wissensbestand anzulegen. Die Entstehung der modernen Naturwissenschaft, die mit den genannten Personen sehr eng verbunden ist, hat also unmittelbar mit dem Glauben zu tun – dem Glauben an Gott. Also: Nur mit dem (christlichen) Glauben konnte das (naturwissenschaftliche) Wissen entstehen.

2. „Ohne Wissen bleibt nur der Glaube“

Auch die Vorstellung vom Glauben als intellektuelle Verlegenheitslösung kann nur dann verfangen, wenn man das Wesen des religiösen Glaubens in der Unsicherheit des Nichtwissens erschöpft sieht (und zugleich wohl irrtümlich annimmt, unser Wissen sei „sicher“). Wenn man also meint, die Religion sei dazu da, Antworten auf Fragen zu geben, deren wissenschaftliche Beantwortung bisher (noch) nicht gelungen ist. Eine solche Vorstellung verwechselt Mythos und Religion. Sie verfehlt aber vor allem das Wesen des religiösen Glaubens als Vertrauen auf Gott. Dieses Vertrauen entzieht sich gänzlich dem epistemischen Zugang zur Welt. Und dennoch kann darin Wahres liegen. „Wahrheit“ ist nämlich kein Synonym für „Wissen“.

Das dazu.

(Josef Bordat)