Zutiefst verstörend

Ein zutiefst realistischer (und daher so verstörender) Artikel über die Entscheidung gegen das Kind erschien vor gut drei Jahren in der „Welt“: „Das Kind ist weg, die Gedanken bleiben. Verdammt“ von Paulina Czienskowski. Ich stieß nun bei Recherchen darauf und bin doch sehr überrascht, wie das Thema Abtreibung dort verhandelt wird. Mir scheint, der Text hat nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil. Fürchte ich.

Alles kommt darin vor: Die Situation der Mutter, ihr Ringen um eine Entscheidung, der Ablauf der Abtreibung, ihre Zweifel, auch die bleibenden Fragen nach dem Eingriff, zynische Vergleiche („verschütteter Milch trauert man nicht nach“ – ihr [damaliger] Lebensgefährte). Wie das eben so ist. Was nicht vorkommt: das Kind. Zumindest nicht als Rechtssubjekt. Als solches sieht es immerhin unser Grundgesetz.

Im Titel des Textes ist zwar vom Kind die Rede, aber nur in Bezug auf die Mutter: Es, das Kind, ist „weg“ (das scheint nicht weiter schlimm und muss daher nicht thematisiert werden), die Gedanken, die der Mutter, bleiben (hier wird das Thema erst relevant). Auch die Beratung scheint sich – folgt man dem Text – auf die Risiken des Einriffs für die Mutter zu beschränken. Die Risiken für das Kind scheinen keine Bedeutung zu haben.

Der Gedanke, dass dieses Kind, das nun „weg“ ist, ein eigenes, von der angestrebten Karriere der Mutter unabhängiges Lebensrecht hatte, kommt schlicht und einfach nicht vor. Nicht mal die Möglichkeit eines solchen wird erwogen. Nicht von der Frau, nicht von der Autorin, die sich (so scheint es) jeder Wertung enthält.

Vielleicht ja, weil sie sich den ausschlaggebenden Entscheidungsgrund (Karriere geht vor) zu eigen macht? Das wäre eine Spekulation. Doch, dass die seit nunmehr fast sieben Jahrzehnten geltende Auffassung, das ungeborene Kind habe ein Recht auf Leben, so gar keine Rolle mehr spielt in der Argumentation zum Thema Abtreibung, ist dann doch verstörend. Oder realistisch.

(Josef Bordat)

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„Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind?“

Clemens August Graf von Galen und sein Kampf gegen das „Euthanasie“-Programm der Nationalsozialisten („Aktion T 4“). – Grußwort anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Töten aus Überzeugung“ zur „Aktion T 4“ am 4. Oktober 2018, 15 Uhr im Caritas-Seniorenwohnhaus „Kardinal von Galen“ in der Goltzstraße 26, 10781 Berlin-Schöneberg.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin gebeten worden, einige Worte zu Clemens August Graf von Galen zu sagen, vor allem zu seiner Rolle im Widerstand gegen die „Aktion T 4“, der diese Ausstellung gewidmet ist. Die „Aktion T 4“ bezeichnet das zynisch „Euthanasie“ genannte Programm zur Vernichtung von etwa 300.000 chronisch kranken und behinderten Menschen, das in der Berliner Tiergartenstraße 4 geplant wurde, daher „T 4“. Gegen dieses menschenverachtende Programm erhob Clemens August Graf von Galen als Bischof von Münster 1941 seine Stimme. In drei wirkmächtigen Predigten mobilisierte er die westfälischen Katholiken.

Der 1878 in Oldenburg geborene und 1904 in Münster zum Priester geweihte Clemens August Graf von Galen war von 1919 bis 1929 als Pfarrer in der Gemeinde Sankt Matthias (Berlin-Schöneberg) tätig. 1933 wurde er zum Bischof von Münster geweiht und 1946 in den Kardinalsstand erhoben, einen Monat vor seinem Tod. Die Aufnahme ins Kardinalskollegium geschah aus Dankbarkeit und als Anerkennung für seine unerschrockene Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus. Am 9. Oktober 2005 wurde er von Papst Benedikt XVI. Seliggesprochen. Dass wir also hier und heute an Kardinal von Galen erinnern hat drei Gründe: Er wirkte hier in Sankt Matthias, er wurde vor 13 Jahren seliggesprochen und – das Entscheidende – er hat sich gegen all das gewandt, wovon diese Ausstellung handelt.

Am Tag seiner Bischofsweihe waren die Nazis schon ein halbes Jahr an der Macht, die ersten Konzentrationslager bereits in Betrieb. Das KZ Dachau zum Beispiel. Von Galen wählte als Wahlspruch das Wort Nec laudibus nec timore – „Weder durch Lob noch durch Furcht“. Das ist durchaus programmatisch für den westfälischen Hirten, der sich im Sommer 1941 (am 13. und 20. Juli sowie am 3. August) in drei Predigten gegen die „Aktion T 4“ wandte, was ihm den Beinamen „Löwe von Münster“ eintrug.

In seiner Predigt vom 3. August 1941 kritisiert er die Auffassung der Nazis, man dürfe „lebensunwertes Leben“ töten, weil es unproduktiv sei, wie eine alte Maschine oder ein lahmes Pferd. Der Schrecken über diese Gleichsetzung lässt ihn furchtlos die folgenden unmissverständlichen und darum wirkmächtigen Worte sagen: „Nein, ich will den Vergleich nicht bis zu Ende führen –, so furchtbar seine Berechtigung ist und seine Leuchtkraft! Es handelt sich hier ja nicht um Maschinen, es handelt sich nicht um ein Pferd oder eine Kuh. Nein, hier handelt es sich um Menschen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern! Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen meinetwegen! Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von den anderen als produktiv anerkannt werden?“

Diese Worte sorgten für Unruhe unter denen, die sie hörten. Sie rüttelten an ihrem Gewissen, sie appellierten an ihre Nächstenliebe. Große Betroffenheit löste Clemens August Graf von Galen mit folgendem Satz aus: „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven‘ Menschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden“. Die Gläubigen verbreiteten die Predigttexte ihres Hirten und schafften damit eine Gegenöffentlichkeit.

Und die Predigten bzw. ihre Verbreitung zeigten Wirkung: Das NS-Regime, das schon ahnte, ein „Euthanasie“-Programm werde in der Bevölkerung nicht besonders populär sein und das deswegen versuchte, die „Aktion T 4“ geheim zu halten, knickte wenig später ein. Bereits am 24. August 1941 – nur drei Wochen nach der dritten Predigt von Galens in St. Lamberti – gab Hitler Anweisung, die „Aktion T 4“ auszusetzen.

Der Historiker Winfried Süß schreibt dazu: „Die kirchlichen Proteste machten Hitler dreierlei deutlich: Erstens demonstrierten sie, dass der sorgsam über die Krankenmorde gelegte Geheimhaltungsschleier irreparabel zerrissen war. Zweitens ließen sie weiteren Widerstand der Kirchen befürchten. Und drittens machten sie deutlich, dass die ,Euthanasieʻ in erheblichen Teilen der Bevölkerung nicht konsensfähig war. So gesehen ist Hitlers Abbruchentscheidung weniger überraschend, als sie auf den ersten Blick scheint.“

Für diese Abbruchentscheidung spielte neben der breiten Rezeption der Predigten von Galens unter den Katholiken auch der Protest von Vertretern der Bekennenden Kirche eine Rolle. Das war also durchaus ein ökumenischer Widerstand. Die „Aktion T4“ wurde insgesamt ein Jahr lang ausgesetzt und dann weniger vehement weiterverfolgt.

Clemens August Graf von Galen sollte für diese Störung des Vernichtungsbetriebs getötet werden – „auf Heller und Pfennig“ wolle man mit ihm abrechnen. Aus Furcht vor noch größerer Unruhe unter den Katholiken im Rheinland und in Westfalen beschloss Reichspropagandaminister Joseph Goebbels jedoch, diese Abrechnung auf die Zeit „nach dem Endsieg“ zu verschieben. Doch dazu kam es nicht – nicht zum „Endsieg“ und nicht zur Abrechnung mit von Galen. Stattdessen gab es 1945 die militärische Niederlage und Kapitulation Deutschlands (und damit das Ende des Nationalsozialismus) und – wie eingangs bereits erwähnt – 1946 für Clemens August Graf von Galen die Kardinalswürde.

Sein beherztes Eingreifen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Menschen in Deutschland schwiegen, auch die meisten Christen, auch die meisten Katholiken, dass sie sich von ihrem Gewissen nicht aus dem Gleichgewicht bringen ließen. Nicht zuletzt dies muss uns eine Mahnung sein, die Stimme zu erheben, wenn die Würde des Menschen bedroht ist, etwa dadurch, dass man wieder Rechnungen aufmacht, wie viel uns doch „so ein Behinderter“ kostet, welche Belastung er darstellt für die Gesellschaft.

Ich erlebe solche Bemerkungen auch im aktuellen Diskurs um bioethische Fragen, wo oft genug die rechtzeitige (also: vorgeburtliche) Tötung des (möglicherweise) kranken oder behinderten Menschenlebens als „Erlösung“ angepriesen wird, als „Erlösung“ für das Kind, seine Eltern und die Gesellschaft. Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich jedoch auch und gerade an ihrem Umgang mit kranken und behinderten Menschen – der Nationalsozialismus ist hier dramatisch gescheitert. Ich wünsche mir, dass wir heute – auch eingedenk der Erinnerung an dieses Kapitel unserer Geschichte – niemals aus den Augen verlieren, dass dem Menschen Würde zukommt, weil er Mensch ist – nicht, weil er jung, gesund und produktiv ist.

In diesem Sinne wünsche ich der Ausstellung viele interessierte und aufmerksame Besucherinnen und Besucher.

Vielen Dank!

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Oktober 2018 zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Mo. – Fr. 9 bis 15 Uhr. Der Eintritt ist frei.

(Josef Bordat)

Ökumenisches Wort zur Interkulturellen Woche

In einem Gemeinsamen Wort der Kirchen laden der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, Metropolit Augoustinos, zur Teilnahme an der 43. Interkulturellen Woche ein. Sie findet vom 23. bis 29. September 2018 statt und steht unter dem Leitthema „Vielfalt verbindet“. Geplant sind mehr als 5.000 Veranstaltungen an über 500 Orten im gesamten Bundesgebiet.

In dem Ökumenischen Wort heißt es:

„Die Interkulturelle Woche dient der Begegnung zwischen ‚alten‘ und ’neuen‘ Nachbarn: Im Austausch über den Alltag, im Gespräch über Gemeinsames und Unterscheidendes kann Vertrauen wachsen. Gleichzeitig bietet die Interkulturelle Woche eine gute Gelegenheit, mit politischen Verantwortungsträgern über drängende Fragen ins Gespräch zu kommen.

Dazu gehört etwa die Situation an den europäischen Außengrenzen. Die Staaten Europas stehen vor der Aufgabe, Fragen der Migration menschengerecht zu gestalten. Wenn wir uns daran gewöhnen, dass tagtäglich schutzsuchende Menschen an den Außengrenzen ihr Leben verlieren, drohen unsere Grundwerte bedeutungslos zu werden. Seenotrettung darf daher nicht kriminalisiert werden. Sie stellt eine völkerrechtliche und humanitäre Verpflichtung dar.

Mit Nachdruck setzen sich die Kirchen dafür ein, dass Menschen, die bei uns Schutz suchen, nicht dauerhaft von ihren engsten Angehörigen getrennt werden. Der Schutz der Familie liegt den Kirchen am Herzen. Zugleich ist er im Grundgesetz verbrieft und durch mehrere Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts bestätigt. Die Aussetzung des Familiennachzugs für Bürgerkriegsflüchtlinge hat viele Betroffene in Verzweiflung gestürzt. Künftig soll er nur noch in stark eingeschränkter Form möglich sein. Damit verbindet sich eine Frage, die für die Betroffenen existentiell ist: Was passiert mit jenen Familien, die nicht berücksichtigt werden und deshalb über mehrere Jahre voneinander getrennt bleiben? Welche Folgen hat das Trauma der Trennung für sie persönlich? Können sie sich unter solchen Umständen auf ein neues Leben in Deutschland einlassen? Als Kirchen werben wir hier für eine humane und verantwortungsvolle Lösung.“

Der Text des Gemeinsamen Wortes der Kirchen zur Interkulturellen Woche kann auf der DBK-website heruntergeladen werden.

(Josef Bordat)

Kontrastprogramm

Sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa. Er wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr; denn er wollte seine Jünger über etwas belehren. Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen. Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen. Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer (von ihnen) der Größte sei. Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat. (Markus 9, 30-37)

Noch einmal kündigt Jesus seinen Jüngern an, wie es mit ihm weitergehen wird: Auslieferung, Hinrichtung, Auferstehung. Er zieht sie ins Vertrauen, nur sie. Abseits der Menschenmengen, heimlich. Er offenbart ihnen Gottes Plan, er zeigt ihnen den Weg der Erlösung. Er weiht sie ein in das Geheimnis des Glaubens.

Dieser zweiten Ankündigung des Leidens und der Auferstehung folgt ein bizarres Kontrastprogramm, der so genannte „Rangstreit der Jünger“. Nachdem Jesus die Jünger ins Vertrauen gezogen hat, haben sie nichts Besseres zu tun, als darüber zu diskutieren, „wer (von ihnen) der Größte sei“. Es ist schier zum Verzweifeln!

Jesus wiederum bietet den Jüngern ein anschauliches Kontrastprogramm zur menschlichen Hybris, der Größte zu sein: ein Kind. Es steht für das Kleine, das Unschuldige, aber auch für das sich Entwickelnde, das Unfertige, für das, was wachsen und lernen muss. Ein solches Bewusstsein sollen die Jünger und damit auch wir in uns aufnehmen, denn: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf“.

(Josef Bordat)

Marsch für das Leben

Ich kann in diesem Jahr aus persönlichen Gründen nicht mitgehen, unterstütze aber das Anliegen des Marsches für das Leben am 22. September in Berlin.

Ich finde es wichtig, für das Leben zu demonstrieren, also zu zeigen, dass jeder Mensch – geboren oder nicht, behindert oder nicht, Deutscher oder nicht – ein Recht auf Leben hat und dass dieses Lebensrecht den zentralen Aspekt seiner absoluten Würde ausmacht, deren Achtung an keiner Stelle, in keiner Lage und aus keinem noch so verführerischen Grund relativiert werden darf.

Ich bin froh, dass der Marsch für das Leben gerade in einer räumlichen Umgebung stattfindet, also zwischen Kanzleramt und Reichstag, in der auch das Lebensrecht immer wieder neu zur Debatte steht, weil die Argumente für eine Relativierung des Lebensrechts verfangen: Selbstbestimmung, Eigenverantwortlichkeit, Freiheit. Das alles kann natürlich nur der Mensch reklamieren, der lebt. Und der hinreichend oberflächlich mit den Begriffen umgeht. Etwa mit dem der Selbstbestimmung.

Deswegen finde ich es gut und wichtig, dass wieder tausende Menschen ein Zeichen setzen für die Unbedingtheit des menschlichen Lebens und die Unantastbarkeit der Würde des Menschen.

(Josef Bordat)

Ausersehen und geheiligt

Eine Betrachtung zu Jeremia 1, 4-5

Das Wort des Herrn erging an mich: Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt. (Jer 1, 4-5)

Wir wissen aus der modernen Biologie, dass die „Formung“ des Menschen im Moment der Zeugung passiert, wenn sich die Gene von Vater und Mutter zu einem neuem, einzigartigen Leben vereinen, das sich dann „nur“ noch entwickelt, das wächst, reift, altert und stirbt. Nun spricht der Prophet Jeremia davon, dass Gott ihn bereits vor der biologischen Zeugung „ausersehen“ und vor der Geburt „geheiligt“ hat.

Das kann man nun ganz eng auslegen und auf den Propheten Jeremia beziehen, der von seiner Berufung berichtet, das kann man aber auch auf jeden Menschen, d.h. auf den Menschen an sich beziehen, der innerhalb der Schöpfung Gottes ausersehen und geheiligt ist. Die „Berufung“ des Menschen wäre es dann, von Gott mit Heiligkeit beschenkt worden zu sein – von Anfang an. In den säkularen Rechtsrahmen wurde dieser Gedanke übernommen und erscheint bis heute im Begriff der unveräußerlichen Menschenwürde.

Die Idee der Würde entspringt also dem metaphysischem Gedanke einer besonderen Auszeichnung des Menschen durch die göttliche Information, die in der biologischen Formung enthalten ist. Beim Menschen tritt zum genetischen Code in Gestalt der DNS eine geistige Mitgift hinzu, die in von allem nichtmenschlichen Leben unterscheidet: Vernunft und Gewissen. Nur so kann der Mensch als Mensch leben, indem er sein Tun bedenkt und moralischen Regeln unterwirft.

Hier berührt sich zugleich die Vorstellung einer in Gott gegründeten Schöpfung der Welt durch Information, durch das „Wort“ (vgl. den Johannesprolog) mit der Vorstellung davon, dass Gott jedem einzelnen Menschen das Leben in einem schöpferischen Akt schenkt und dabei von sich selbst gibt, dass der Mensch teilhabe an epistemischem und ethischem Geist. So ist in jedem Menschen gleichsam die ganze Welt enthalten – und zugleich ein göttlicher Funke, eine Stimme, die ihn belehrt und berät.

Wird die Heiligkeit des Menschen bestritten, ist zugleich die Menschenwürde in Gefahr. Es zeigt sich etwa bei Peter Singer, wohin jemand gelangt, der das christliche Menschenbild mit dem Hinweis auf den darin enthaltenen „unangebrachten Respekt vor der Lehre von der Heiligkeit des menschlichen Lebens“ (Praktische Ethik. 2. Aufl., Stuttgart 1994, S. 271) verwirft: zur ethischen Rechtfertigung von Abtreibungen bis zur Geburt und – bei Krankheit und Behinderung – auch darüber hinaus.

Der Mensch ist kein reines Naturprodukt wie das Tier. Er unterscheidet sich als vernünftiges, mitfühlendes Wesen von allem anderen, das die Schöpfung so wunderbar reich macht. Eingedenk seiner besonderen Begabung mit Vernunft und Gewissen wird er von Gott in die Leitung der irdischen Welt erhoben, um die nichtmenschliche Natur verantwortungsvoll zu nutzen. Und für diese Aufgabe braucht Gott nicht nur das Rednertalent berühmter Propheten und Apostel, sondern die Tatkraft jedes einzelnen, von Gott geliebten Menschen, den Er ausersehen und geheiligt hat.

(Josef Bordat)

Lebensrecht

Am 22. September gehen in Berlin wieder tausende Menschen für das Lebensrecht auf die Straße. Worum geht es beim „Marsch für das Leben“? Es geht um das unbedingte Recht auf Leben, dass einem Menschen – jedem Menschen – zukommt; organisiert wird die Veranstaltung nicht zufällig vom Bundesverband Lebensrecht. Und woher weiß man, dass das Recht auf Leben jedem Menschen zukommt? Ganz einfach: Es steht im Grundgesetz. Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 GG lautet: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“. Was „Leben“ ist, klärt die Biologie. Doch: Wer oder was ist hier „jeder“? Wer oder was kann das Lebensrecht für sich in Anspruch nehmen? Etwa auch Wachkomapatienten? Oder Föten? Migranten? Nazis? Journalisten? Demenzpatienten? Embryos? Finanzbeamte? Lebensschützer? Islamisten? Blogger?

Das Bundesverfassungsgericht beantwortet diese Fragen 1975 eindeutig: „Das Recht auf Leben wird jedem gewährleistet, der ‚lebt‘; zwischen einzelnen Abschnitten des sich entwickelnden Lebens vor der Geburt oder zwischen ungeborenem und geborenem Leben kann hier kein Unterschied gemacht werden. ‚Jeder‘ im Sinne des Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ist ‚jeder Lebende‘, anders ausgedrückt: jedes Leben besitzende menschliche Individuum; ‚jeder‘ ist daher auch das noch ungeborene menschliche Wesen“ (BVerfGE 39, 1, 133). Ganz klar: „Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG schützt auch das sich im Mutterleib entwickelnde Leben als selbständiges Rechtsgut“ (BVerfGE 39, 1, 131).

Das entspricht dem Umstand, dass sich auch die Achtung und der Schutz der Menschenwürde, die dem Staat in Artikel 1 des Grundgesetzes aufgegeben sind, auf „jeden“ Menschen beziehen soll, als „Würde des Menschseins“, so das BVerfG im Jahr 1993: „Diese Würde des Menschseins liegt auch für das ungeborene Leben im Dasein um seiner selbst willen. Es zu achten und zu schützen bedingt, daß die Rechtsordnung die rechtlichen Voraussetzungen seiner Entfaltung im Sinne eines eigenen Lebensrechts des Ungeborenen gewährleistet“ (BVerfGE 88, 203, 252). Daraus folgt: „Liegt die Würde des Menschseins auch für das ungeborene Leben im Dasein um seiner selbst willen, so verbieten sich jegliche Differenzierungen der Schutzverpflichtung mit Blick auf Alter und Entwicklungsstand dieses Lebens“ (BVerfGE 88, 203, 267).

Das Bundesverfassungsgericht bezog sich bereits bei seiner Entscheidung im Jahre 1975 ausdrücklich auf „die Entstehungsgeschichte des Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG“. Diese lege nahe, daß die Formulierung „jeder hat das Recht auf Leben“ auch das „keimende“ Leben einschließen solle. Tatsächlich war schon in den Verhandlungen des Parlamentarischen Rates klar, dass es um eine derart weit gefasste Konzeption von Würde und Leben gehen soll, wenn diese Begriffe im Grundgesetz Verwendung finden.

Nachdem die Fraktion der Deutschen Partei (DP) wiederholt den Antrag gestellt hatte, im Zusammenhang mit dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit auch das „keimende Leben“ ausdrücklich zu erwähnen, beriet der Parlamentarische Rat erstmalig in der 32. Sitzung seines Ausschusses für Grundsatzfragen am 11. Januar 1949 dieses Thema. Der Hauptausschuss des Parlamentarischen Rates befasste sich in seiner 42. Sitzung am 18. Januar 1949 bei der Zweiten Lesung der Grundrechte eingehender mit der Frage der Einbeziehung des werdenden Lebens in den Schutz der Verfassung. Der Abgeordnete Hans-Christoph Seebohm (DP) beantragte, dem damaligen Art. 2 Abs. 1 GG die beiden Sätze anzufügen: „Das keimende Leben wird geschützt“ und „Die Todesstrafe wird abgeschafft“. Dazu führte Seebohm aus, das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit umfasse möglicherweise nicht unbedingt auch das keimende Leben. Deshalb müsse es besonders erwähnt werden. Die Abgeordnete Helene Weber, einzige Frau in den Reihen der Union, erklärte für ihre Fraktion, diese meine das Leben schlechthin, wenn sie für ein Recht auf Leben eintrete, also auch das keimende Leben. Zuspruch bekam sie vom späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss (FDP).

Im Parlamentarischen Rat gab es also eine Lebensschutzkoalition aus CDU/CSU, DP und FDP: Leben ist jedes Leben, geboren oder ungeboren. Einzig die SPD konnte sich dieser Sicht nicht anschließen. Für die Sozialdemokraten meinte der Abgeordnete Otto Heinrich Greve, dass er unter dem Recht auf Leben nicht auch automatisch das Recht auf das keimende Leben verstehe. Seebohm stellte daraufhin seinen Antrag auf ausdrückliche Erwähnung des „keimenden Lebens“ erneut zur Abstimmung im Ausschuss. Dieser Antrag wurde mit 11 zu 7 Stimmen abgelehnt, aber nicht etwa deshalb, weil man ihn für inhaltlich unbegründet, sondern allein deshalb, weil man ihn für formal unnötig hielt. Es war für die Mehrheit aus Union und FDP schlicht überflüssig, extra zu erwähnen, dass mit „Leben“ im Grundgesetz auch „keimendes Leben“ gemeint sei. So steht es im Schriftlichen Bericht des Hauptausschusses zu Art. 2 GG. Die zusammenfassende Einschätzung des Abgeordneten Hermann Hans von Mangoldt (CDU) lautet darin: „Dabei hat mit der Gewährleistung des Rechts auf Leben auch das keimende Leben geschützt werden sollen. Von der Deutschen Partei im Hauptausschuss eingebrachte Anträge, einen besonderen Satz über den Schutz des keimenden Lebens einzufügen, haben nur deshalb keine Mehrheit gefunden, weil nach der im Ausschuss vorherrschenden Auffassung das zu schützende Gut bereits durch die gegenwärtige Fassung gesichert war“ (zit. nach BVerfGE 39, 1, 139).

Das Plenum des Parlamentarischen Rates stimmte dem Art. 2 Abs. 2 GG am 6. Mai 1949 in Zweiter Lesung bei 2 Gegenstimmen zu. Bei der Dritten Lesung am 8. Mai 1949 brachten sowohl der Abgeordnete Seebohm als auch die Abgeordnete Weber zum Ausdruck, daß nach ihrer Auffassung Art. 2 Abs. 2 GG auch das keimende Leben in den Schutz des Grundrechts auf Leben einbeziehe. Beide Redner blieben mit ihren Ausführungen unwidersprochen.

Halten wir fest: Alle phänomenologischen Kriterien, die man sich ausdenken kann, die Eigenschaften und Fertigkeiten des Menschen, müssen hinter dem einen überragenden ontologischen Fakt zurückstehen: Beim Menschen – geboren oder nicht – handelt sich um ein einzigartiges (menschliches) Wesen mit einer DNA, die so nur einmal auf der Welt und nur einmal in der Geschichte vorkommt. Sagt nicht nur die Biologie, das sagt auch das Grundgesetz. Zumindest soll es uns dies sagen, folgt man der Debatte über Artikel 2 GG im Parlamentarischen Rat und der fortlaufenden und bis zum Tage unaufgehobenen, also geltenden Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts.

(Josef Bordat)