Über Liebe

Theologen philosophieren über den Kernbegriff des Christentums: Liebe.

Was ist Liebe – eine große, eine für das christliche Selbstverständnis unumgängliche Frage. Gott ist die Liebe. Aber ist die Liebe dann umgekehrt „Gott“? Was meint Jesus, wenn er Liebe gebietet? Wie verhalten sich Agape und Eros zueinander? Systematische Klärungen solcher Fragen tun immer gut, gerade in einem Kontext, in dem es zur Renaissance des Liebesbegriffs in der Ethik kommt (vgl. dazu diese Rezension zum Sammelband „Liebe – eine Tugend?“)

Das Podium diskutiert über Liebe, Ehe, Sex. Foto: JoBo, 5-2018.

Auf dem Podium diskutierten unter der Moderation von Ulrich Hoffmann zwei kompetente Gesprächspartner: Martina Kreidler-Kos (Osnabrück), zuständig für Ehe- und Familienpastoral und der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff, einer der profiliertesten Ethiker aus den Reihen der Kirche; leider musste Marc Röbel, der Geistliche Direktor der Katholischen Akademie Stapelfeld, kurzfristig seine Teilnahme absagen.

Schockenhoff hat in seiner „Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf“ (2007, Rezension) die Liebe als christliche Tugend im Sinne der Agape einen „sittlicher Grundakt“ genannt, „in dem der Mensch mit Zustimmung, Gutheißung und Urvertrauen dem Geschenk des Seins antwortet“. So werde sie zum „Strukturprinzip, das den Grund, die Form und das Ziel des christlichen Lebens und Handelns bestimmen soll“. Das kleine, aber feine Podium konkretisierte diese Formel.

Den ausführlichen Bericht zur Veranstaltung lesen Sie hier.

(Josef Bordat)

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Was Sie schon immer über Sex wissen wollten

Dass Kirche und Sexualität wie Feuer und Wasser sind, scheint zu den gesicherten Erkenntnissen unserer Zeit zu gehören. Die katholische Kirche sei leibfeindlich. Sie reagiere geradezu allergisch auf alles Sexuelle und Körperliche. Und weil sie nur aus alten Männern besteht, hat sie natürlich auch keine Ahnung davon. So der allgemein herrschende Grundtenor. Was dran ist an den Vorwürfen, verrät der Philosoph und Publizist Josef Bordat im Gespräch mit Volker Niggewöhner.

Glaubens-Kompass: Die katholische Kirche und die Sexualmoral (14:10 min)

Die Sendung läuft am Montag, 12.3. um 10:30 Uhr im Bibel-TV.

(Josef Bordat)

Abgastests. Die Moral und die Ethik

Am Wochenende war bekannt geworden, dass deutsche Automobilkonzerne Abgasexperimente an Menschen und Affen mitfinanziert haben sollen. Die Studien sollten demnach zeigen, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung erheblich abgenommen habe. Wissenschaftler, Politiker, Moraltheologen beider Konfessionen und Ärzte haben die umstrittenen Abgastests an Menschen und Affen mittlerweile scharf verurteilt.

Die Sache mit den umstrittenen Abgasexperimenten lässt sich von zwei Seiten lesen – der Moral und der Ethik: Der moralischen Empörung darüber, dass an Menschen und Affen solche Tests durchgeführt wurden, korrespondiert auf der theoretischen Ebene die ethischen Fragestellung, ob diese Amoralität in beiden Fällen gleichermaßen verweflich sei, ob man hier also „Mensch“ und „Affe“ in einem Atemzug sagen kann. Oder, ob gar der Affe viel mehr Empathie erfährt als der Mensch. Auffällig ist, wer sich zu Wort meldet, etwa der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“. Nun gibt es meines Wissens nach keinen Verein „Ärzte gegen Menschenversuche“, doch dass einige Diskussionsteilnehmer explizit auf den Tierschutz verweisen und ein Ende von Tierversuchen fordern, dabei jedoch die Tests an Menschen zu übersehen scheinen, irritiert fast noch mehr als die Experimente selbst.

Tierethiker und -rechtler sehen seit geraumer Zeit keinen Wesensunterschied mehr zwischen Primaten und Menschen. Jegliche Schöpfungstheologie abstreifend betrachten sie jene als lediglich etwas weiter entwickelt als diese. Der rein evolutionäre Unterschied sei jedoch in Recht und Moral zu vernachlässigen. Entscheidend sei das Leid, das amoralisches Handeln bei nicht-menschlichen und menschlichen Wesen auslöse. Das hat weitreichende Folgen, nicht nur für den Tier-, sondern auch für den Lebensschutz.

Zwar kann (und sollte) die Perspektive des Leids dazu führen, den Umgang mit der Natur entsprechend (vom Menschen!) unterstellter Interessen der nicht-humanen Umwelt so zu gestalten, dass Leid minimiert wird, doch eine ausschließlich utilitaristische Betrachtung, in der das zu vermeidende Leid die einzige Maßgabe der Ethik darstellt, verfehlt nichts weniger als den Begriff der Moral selbst: praktische Rationalität erschöpft sich nicht in der Beachtung von körperlich spürbaren Folgen einer Handlung, auch wenn diese immer eine gewisse Rolle spielen. Verantwortung haben wir nicht nur gegenüber dem Leidenden, sondern auch gegenüber Prinzipien der Moralität, die aus sich selbst heraus begründet sind (etwa die Achtung und der Schutz der Menschenwürde). Die Unfähigkeit einer allein an den Konsequenzen orientierten Ethik, absolute Werte zu bestimmen, die immer schützenswert sind, auch wenn die Folgen ausbleiben, erweist sich immer dann als fatal, wenn es um den Menschen geht, soweit er selbst die für eine moralische Umgangsform relevanten Kriterien nicht erfüllt.

Worin liegen nämlich die Gefahren einer Einebnung der Diskrepanz zwischen humaner und nicht-humaner Lebensform? Nicht etwa darin, dass Tiere besser behandelt würden (also: wie Menschen), sondern dass man es dann umgekehrt rechtfertigen kann, wenn man Menschen behandelt wie Tiere. Töten wir weiterhin Tiere zu unserem Nutzen, dann können wir, so etwa Peter Singer, das Töten von Menschen, die auf derselben oder einer niedrigeren Bewusstseinsebene stehen, nicht verurteilen, zumindest nicht, wenn wir ethisch konsistent argumentieren wollen.

Das führt zu erschreckenden Schlussfolgerungen aus der Überlegung zur Empfindungsfähigkeit und zum Interesse sowie der Aufhebung aller prinzipiellen Unterschiede zwischen Mensch und Tier: „Wir bezweifeln nicht, dass es richtig ist, ein schwerverletztes oder krankes Tier zu erschießen, wenn es Schmerzen hat und seine Chance auf Genesung gering ist. ,Der Natur ihren Lauf lassen’, ihm eine Behandlung vorzuenthalten, aber sich zu weigern, es zu töten, wäre offensichtlich unrecht. Was bei einem Pferd offensichtlich unrecht ist, ist ebenso unrecht, wenn wir es mit einem behinderten Säugling zu tun haben“. Peter Singer.

Insoweit stellt sich die Frage, was verwerflicher ist: die Amoral der Abgastests oder die krude Ethik derer, die dabei zwischen den Opfergruppen „Mensch“ und „Tier“ keinen Unterschied sehen.

(Josef Bordat)