Familie, Ehe, Sexualität – Warum hält sich die Kirche da nicht raus?

In der nächsten Woche steht in Dublin das „World Meeting of Families“ an. Dort wird auch über die kirchliche Lehre zu Familie, Ehe und Sexualität diskutiert werden. Einige meinen ja, die „alten, zölibatär lebenden Männer“ sollten sich da gefälligst raus halten. Warum das nicht geht, hat vor allem drei Gründe.

1. Wenn die Kirche die Offenbarung, auf der sie gründet, ernst nimmt, muss sie sich auch zu diesem Lebensbereich äußern. Gerade morgen wird die einschlägige Stelle aus dem Matthäus-Evangelium in den Heiligen Messen gelesen – nicht, weil gerade das „World Meeting of Families“ ansteht, sondern weil es die Leseordnung so vorsieht.

Dort heißt es: „In jener Zeit kamen Pharisäer zu ihm, die ihm eine Falle stellen wollten, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Da sagten sie zu ihm: Wozu hat dann Mose vorgeschrieben, dass man der Frau eine Scheidungsurkunde geben muss, wenn man sich trennen will? Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so. Ich sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch. Da sagten die Jünger zu ihm: Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu heiraten. Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es“ (Mt 19, 3-12). Hieran muss die Kirche maßnehmen.

2. Wenn die Kirche überhaupt (noch) einen moralischen Anspruch aufrecht erhalten will, dann muss sie auch eine Sexualmoral entwickeln. Sexualität ist schließlich Teil der Person und die Person ist ein Gegenstand der Ethik des Christentums – sowohl in ihrer Beziehung zu Gott als auch zu anderen Personen, also: in der Art und Weise, wie sie ihr Leben führt. Wenn die Kirche sich da raushalten soll, dann kann sie sich auch gleich auflösen.

Die Kirche muss sich also auch in Fragen einmischen, die das Innerste der Person betreffen, das gehört zu ihrem Wesen. Dass wir als Gläubige dabei mit Anforderungen konfrontiert werden, die wir nicht verstehen und denen gerecht zu werden uns schwer fällt, und dass sogar – aus der heutigen theologischen Sicht – Fehler gemacht wurden in den letzten 2000 Jahren, das ist unbestritten, darf aber nicht dazu führen, nun gar nichts mehr zu sagen, wenn eine Gesellschaft darüber diskutiert, was gut und richtig und was böse und falsch ist. Hier erwartet auch die Gesellschaft von der Kirche, dass sie Orientierung gibt. Auch für die Gewissensbildung, die zu dem führen soll, das immer wieder vehement eingefordert wird, die Eigenverantwortung nämlich, ist eine Orientierung hilfreich bis nötig.

3. Der Blick auf Familie, Ehe und Sexualität ist Teil der Anthropologie (christliches Menschenbild) und Teil der Ethik (christliche Morallehre). Von der anthropologischen Positionierung hängt ab, wie ethische Fragen beantwortet werden, nicht nur im Bereich der Sexualmoral. Es ist wichtig, die Sexualmoral als Spezialgebiet der christlichen Ethik bzw. der katholischen Morallehre aufzufassen. Diese erschöpft sich nicht darin, kommt aber ohne Sexualmoral nur zu fragmentarischen Ergebnissen. Erst die Sexualmoral schafft eine Verbindung zwischen Anthropologie und Ethik, die auch in andere Bereiche der Moraltheorie führt, etwa in die Bioethik, die Medizinethik, die Umweltethik. Eine Ethik, die der Frage nachgeht, wie der Mensch handeln soll, und dabei Fragen von Ehe, Partnerschaft, Freundschaft, Familie und Sexualität, ja, auch von Erotik und Sex, ausblendet, wird immer unvollständig sein.

Deshalb kann sich die Kirche da nicht raushalten. Das gilt übrigens nicht nur für die Kirche. Viele Ethiken machen anthropoligische Voraussetzungen, die gerade auch sexual- und reproduktionsethisch konnotiert sind. Sie sind zum Teil viel stärker an der Regulierung der Sexualität interessiert als es die Kirche je war. Der hedonistische Utilitarismus etwa basiert ganz wesentlich darauf, Sex und Reproduktion zu trennen, um das Moment des Spaß-Habens in den Vordergrund stellen und als wesentliches Merkmal von bzw. wichtiges Kriterium für Freiheit anbieten zu können.

Gerade auch an Familienmodellen und Sexualutopien machen sich Ethiken fest. Vorstellungen zur Reproduktion sind von Platon über Thomas Morus bis hin zu den Entwürfen des 20. Jahrhunderts ganz zentrale Überlegungen eines jeden Sozialingenieurs. Und ausgerechnet die Kirche soll hierzu schweigen? Gerade im Politischen Utopismus ging es dabei übrigens um Macht, Sozialkontrolle und Unterdrückung (also das, was der Kirche oft als Motiv unterstellt wird, wenn sie sich zu Fragen der Sexualität äußert)

Also: Wer will, dass die Kirche nichts mehr zum Thema Ehe, Familie und Sexualität sagt, muss zugleich wollen, dass sie Teile der Offenbarung verleugnet, auf der sie gründet. Wer will, dass die Kirche nichts mehr zum Thema Ehe, Familie und Sexualität sagt, der muss in Kauf nehmen, dass sie dann auch nichts mehr zur Ethik insgesamt sagen kann, weil ihrer Morallehre die anthropologischen Grundlagen entzogen sind. Wer will, dass die Kirche nichts mehr zum Thema Ehe, Familie und Sexualität sagt, verleiht ihr unter den moralischen Instanzen gerade jenen Sonderstatus, den er ihr nehmen will.

(Josef Bordat)

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St. Joseph-Krankenhaus gedenkt der „Euthanasie“-Opfer

In der Tagespost hatte ich davon berichtet: Das St. Joseph-Krankenhaus in Berlin-Weißensee gedachte heute seiner Opfer aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Pfarrer Lutz Nehk bei der Einweihung des Gedenksteins. Foto: (c) Bonow.

Den Gottesdienst zur Gedenksteineinweihung gestalteten Pfarrer Lutz Nehk, Beauftragter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit im Erzbistum Berlin, der Rabbiner Professor Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Bernd Streich, Vorsitzender des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Berlin, Dr. Iris Hauth, Geschäftsführerin und Ärztliche Direktorin des Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weißensee zusammen mit dem Ökumenischen Seelsorgeteam des Krankenhauses, Barbara Tieves, Rita-Maria Jermis und Pfarrer Veit Böhnke.

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Rabbiner Professor Andreas Nachama spricht zu den Anwesenden. Foto: (c) Bonow.

(Josef Bordat)

Euthanasie mit weißen Handschuhen

„Wir sind stolz darauf, wie inklusiv und liberal wir sind. Wenn es jedoch darum geht, behinderten Kindern den Weg ins Leben zu ermöglichen, tun wir als Gesellschaft einiges dafür, dass dies möglichst unterbleibt.“ Das schrieb vor einigen Wochen Jan Fleischhauer im Spiegel.

Nun hat Papst Franziskus die Abtreibungspraxis bei diagnostizierter Behinderung mit der Euthanasie der Nazis verglichen. Im vergangenen Jahrhundert habe sich die ganze Welt über die Euthanasie der Nazis empört. „Heute machen wir dasselbe mit weißen Handschuhen“, so der Heilige Vater.

Man kann das, was heute passiert, nicht mit „damals“ vergleichen? Richtig. Die Nazis haben Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen aufgrund von Behinderung vor der Bevölkerung geheimzuhalten versucht, weil sie Widerstand fürchteten. Heute wird ganz offen darüber gesprochen und Länder wie Island werden überschwänglich gelobt, weil sie es geschafft haben, bestimmte Formen von Gen-Anomalie auszurotten. Das ist wirklich ein Unterschied.

Die Aktion T4 wird heute vorgeburtlich (darin wird dann auch der moralische Fortschritt gesehen) fortgesetzt, mit der gleichen Begründung (Leid der Betroffenen – man schaue mal den NS-Propagandafilm „Ich klage an“ von 1941 – und soziale Kosten minimieren) und dem (das ist neu) Irrtum, das Leben vor der Geburt sei ohnehin nicht schützenswert. Da waren selbst die Nazis näher an der Wahrheit.

(Josef Bordat)

Über Liebe

Theologen philosophieren über den Kernbegriff des Christentums: Liebe.

Was ist Liebe – eine große, eine für das christliche Selbstverständnis unumgängliche Frage. Gott ist die Liebe. Aber ist die Liebe dann umgekehrt „Gott“? Was meint Jesus, wenn er Liebe gebietet? Wie verhalten sich Agape und Eros zueinander? Systematische Klärungen solcher Fragen tun immer gut, gerade in einem Kontext, in dem es zur Renaissance des Liebesbegriffs in der Ethik kommt (vgl. dazu diese Rezension zum Sammelband „Liebe – eine Tugend?“)

Das Podium diskutiert über Liebe, Ehe, Sex. Foto: JoBo, 5-2018.

Auf dem Podium diskutierten unter der Moderation von Ulrich Hoffmann zwei kompetente Gesprächspartner: Martina Kreidler-Kos (Osnabrück), zuständig für Ehe- und Familienpastoral und der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff, einer der profiliertesten Ethiker aus den Reihen der Kirche; leider musste Marc Röbel, der Geistliche Direktor der Katholischen Akademie Stapelfeld, kurzfristig seine Teilnahme absagen.

Schockenhoff hat in seiner „Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf“ (2007, Rezension) die Liebe als christliche Tugend im Sinne der Agape einen „sittlicher Grundakt“ genannt, „in dem der Mensch mit Zustimmung, Gutheißung und Urvertrauen dem Geschenk des Seins antwortet“. So werde sie zum „Strukturprinzip, das den Grund, die Form und das Ziel des christlichen Lebens und Handelns bestimmen soll“. Das kleine, aber feine Podium konkretisierte diese Formel.

Den ausführlichen Bericht zur Veranstaltung lesen Sie hier.

(Josef Bordat)

Was Sie schon immer über Sex wissen wollten

Dass Kirche und Sexualität wie Feuer und Wasser sind, scheint zu den gesicherten Erkenntnissen unserer Zeit zu gehören. Die katholische Kirche sei leibfeindlich. Sie reagiere geradezu allergisch auf alles Sexuelle und Körperliche. Und weil sie nur aus alten Männern besteht, hat sie natürlich auch keine Ahnung davon. So der allgemein herrschende Grundtenor. Was dran ist an den Vorwürfen, verrät der Philosoph und Publizist Josef Bordat im Gespräch mit Volker Niggewöhner.

Glaubens-Kompass: Die katholische Kirche und die Sexualmoral (14:10 min)

Die Sendung läuft am Montag, 12.3. um 10:30 Uhr im Bibel-TV.

(Josef Bordat)

Abgastests. Die Moral und die Ethik

Am Wochenende war bekannt geworden, dass deutsche Automobilkonzerne Abgasexperimente an Menschen und Affen mitfinanziert haben sollen. Die Studien sollten demnach zeigen, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung erheblich abgenommen habe. Wissenschaftler, Politiker, Moraltheologen beider Konfessionen und Ärzte haben die umstrittenen Abgastests an Menschen und Affen mittlerweile scharf verurteilt.

Die Sache mit den umstrittenen Abgasexperimenten lässt sich von zwei Seiten lesen – der Moral und der Ethik: Der moralischen Empörung darüber, dass an Menschen und Affen solche Tests durchgeführt wurden, korrespondiert auf der theoretischen Ebene die ethischen Fragestellung, ob diese Amoralität in beiden Fällen gleichermaßen verweflich sei, ob man hier also „Mensch“ und „Affe“ in einem Atemzug sagen kann. Oder, ob gar der Affe viel mehr Empathie erfährt als der Mensch. Auffällig ist, wer sich zu Wort meldet, etwa der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“. Nun gibt es meines Wissens nach keinen Verein „Ärzte gegen Menschenversuche“, doch dass einige Diskussionsteilnehmer explizit auf den Tierschutz verweisen und ein Ende von Tierversuchen fordern, dabei jedoch die Tests an Menschen zu übersehen scheinen, irritiert fast noch mehr als die Experimente selbst.

Tierethiker und -rechtler sehen seit geraumer Zeit keinen Wesensunterschied mehr zwischen Primaten und Menschen. Jegliche Schöpfungstheologie abstreifend betrachten sie jene als lediglich etwas weiter entwickelt als diese. Der rein evolutionäre Unterschied sei jedoch in Recht und Moral zu vernachlässigen. Entscheidend sei das Leid, das amoralisches Handeln bei nicht-menschlichen und menschlichen Wesen auslöse. Das hat weitreichende Folgen, nicht nur für den Tier-, sondern auch für den Lebensschutz.

Zwar kann (und sollte) die Perspektive des Leids dazu führen, den Umgang mit der Natur entsprechend (vom Menschen!) unterstellter Interessen der nicht-humanen Umwelt so zu gestalten, dass Leid minimiert wird, doch eine ausschließlich utilitaristische Betrachtung, in der das zu vermeidende Leid die einzige Maßgabe der Ethik darstellt, verfehlt nichts weniger als den Begriff der Moral selbst: praktische Rationalität erschöpft sich nicht in der Beachtung von körperlich spürbaren Folgen einer Handlung, auch wenn diese immer eine gewisse Rolle spielen. Verantwortung haben wir nicht nur gegenüber dem Leidenden, sondern auch gegenüber Prinzipien der Moralität, die aus sich selbst heraus begründet sind (etwa die Achtung und der Schutz der Menschenwürde). Die Unfähigkeit einer allein an den Konsequenzen orientierten Ethik, absolute Werte zu bestimmen, die immer schützenswert sind, auch wenn die Folgen ausbleiben, erweist sich immer dann als fatal, wenn es um den Menschen geht, soweit er selbst die für eine moralische Umgangsform relevanten Kriterien nicht erfüllt.

Worin liegen nämlich die Gefahren einer Einebnung der Diskrepanz zwischen humaner und nicht-humaner Lebensform? Nicht etwa darin, dass Tiere besser behandelt würden (also: wie Menschen), sondern dass man es dann umgekehrt rechtfertigen kann, wenn man Menschen behandelt wie Tiere. Töten wir weiterhin Tiere zu unserem Nutzen, dann können wir, so etwa Peter Singer, das Töten von Menschen, die auf derselben oder einer niedrigeren Bewusstseinsebene stehen, nicht verurteilen, zumindest nicht, wenn wir ethisch konsistent argumentieren wollen.

Das führt zu erschreckenden Schlussfolgerungen aus der Überlegung zur Empfindungsfähigkeit und zum Interesse sowie der Aufhebung aller prinzipiellen Unterschiede zwischen Mensch und Tier: „Wir bezweifeln nicht, dass es richtig ist, ein schwerverletztes oder krankes Tier zu erschießen, wenn es Schmerzen hat und seine Chance auf Genesung gering ist. ,Der Natur ihren Lauf lassen’, ihm eine Behandlung vorzuenthalten, aber sich zu weigern, es zu töten, wäre offensichtlich unrecht. Was bei einem Pferd offensichtlich unrecht ist, ist ebenso unrecht, wenn wir es mit einem behinderten Säugling zu tun haben“. Peter Singer.

Insoweit stellt sich die Frage, was verwerflicher ist: die Amoral der Abgastests oder die krude Ethik derer, die dabei zwischen den Opfergruppen „Mensch“ und „Tier“ keinen Unterschied sehen.

(Josef Bordat)