Wer ist mein Nächster?

Auf diese Frage eines Gesetzeslehrers antwortet Jesus mit einem konkreten Beispiel. Sein Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 30-37), das unmittelbar im Anschluss an das Liebesgebot überliefert ist, erzählt von einem Überfall und der Hilfeleistung durch einen Nicht-Juden aus Sicht des Opfers und sprengt damit die „legalistische Enge der Gesetzeskasuistik“ (so Eberhard Schockenhoff), auf die der Gesetzeslehrer mit seiner Frage „Wer ist mein Nächster?“ (Lk 10, 29) abzielte. Er möchte eine allgemeine Antwort, die als abstrakte Definition dient, um die Verantwortung des Einzelnen prinzipiell bestimmen zu können.

Jesus macht durch den Perspektivenwechsel aber deutlich, dass diese Grenze der Nächstenliebe sich nur von Fall zu Fall und dann auch nur am Nächsten, an dem zu Liebenden bemessen lässt. Erst wenn man dessen Sicht eingenommen hat und aus dessen Sicht keinen Handlungsbedarf mehr erkennen kann, ist die Liebe an ein Ende gelangt. Sie bemisst sich also immer am Bedürfnis dessen, der Liebe braucht, nicht an dem, der sie gibt. Der barmherzige Samariter sagt zum Wirt der Herberge, in die er das Opfer gebracht hat: „Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme“ (Lk 10, 35).

Mit dem „wenn du mehr für ihn brauchst“ (quodcumque supererogaveris) übereignet sich der barmherzige Samariter allen Bedürfnissen des Opfers, auch denen, die er noch gar nicht einschätzen kann. Das bedeutet: Die Nächstenliebe verzichtet auf diese Einschätzung. Das ist der Clou der Ethik Jesu, der als supererogatorischer Ansatz bekannt wurde: Es gibt kein Genug aus meiner Sicht, sondern nur aus der des Anderen. So betrachtet gibt es schließlich keine Situation mehr, die und keinen Menschen mehr, der von unserer Liebe prinzipiell ausgenommen ist. „Die Verpflichtung zur Nächstenliebe gilt in den Augen Jesu“, aus denen Gott auf uns Menschen schaut, „ohne Grenze und Einschränkung für jeden (als Subjekt der Liebe) und gegenüber jedem (als Objekt der Liebe)“, wie Schockenhoff es formulierte.

Die Liebe ist damit ein universales ethisches Prinzip des Christentums, das auf die absolute Würde des Menschen eine Antwort gibt. Sie als ein solches zu leben, ist nur im Glauben an Gott möglich, weil nur in Gott das Konzept der absoluten Würde verankert werden, weil nur mit Gott die nötige Entgrenzung zur universalen Liebe stattfinden kann. Der erheblichen Anforderung einer grenzenlosen Liebe, dem ungeheuerlich erscheinenden Anspruch der punktuellen Selbstaufgabe im Interesse des Anderen (nichts anderes findet bei einer Perspektivenübernahme ja statt) kann nur gerecht werden, wer alle Wirklichkeit – die der anderen und die des eigenen Selbst – von Gott her sieht.

Von Gott „als dem Zentrum aller Wirklichkeit aus betrachtet, können wir alle“, so Schockenhoff, „in unserem Eigenwert wahrgenommen werden und so als Personen existieren, durch die das Licht göttlicher Wertschätzung hindurchscheint“. Nur diese Wahrnehmung führt zu einer unbedingten Annahme des Anderen in – noch einmal Schockenhoff – „seinem So-Sein und Hier-Sein“. Sie ermöglicht es, den Anderen so zu lieben wie sich selbst. Eine solche Liebe kann ohne absoluten Bezugspunkt, der eine bewirkende, zielgebende und einheitsstiftende Funktion erfüllt, nicht gelingen. Gott ist dieser absolute Bezugspunkt. Nur mit Gott gelingt grenzenlose Nächstenliebe. Gott ist Garant dieser Liebe.

(Josef Bordat)