Gehorsam und Gewissen

„Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5, 29).

Die heutige Lesung stellt uns das Grundprinzip christlichen Gewissensgebrauchs vor Augen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Die Jünger stehen vor der herrschenden religiösen Obrigkeit, weil sie deren Anordnungen missachteten – zugunsten der Anweisungen von „höherer Stelle“, von Gott. Sie rechtfertigen sich mit dem unbedingten Mandat Gottes, der sie zu Zeugen seiner Herrlichkeit gemacht hat.

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen – das ist nicht die trotzige Reaktion von Querulanten, die sich wichtig tun, sondern eine zentrale Einsicht der jungen christlichen Gemeinde, eine Einsicht, die Mut machen soll, treu im Glauben zu stehen und die Verfolgungssituation zu ertragen, die sich in den ersten drei Jahrhunderten einstellte, überall dort, wo Christen lebten.

Für uns heutige Christen sollte dies ein Motiv sein, unseren Glauben mutig zu bekennen, trotz neuerlicher Verfolgung:Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Das ist sicher leichter gesagt als getan, doch führt letztlich kein Weg am Gehorsam gegen Gott vorbei. Denn es ist für den Christen der Gehorsam gegen das Gewissen, gegen das Innerste, Tiefste, Heiligste.

Umgekehrt gilt: Wer als Christ dem Menschen mehr gehorcht als Gott, mag sein Ansehen in einer gottlosen Gesellschaft aufpolieren oder gar seine Existenz retten – glücklich kann er im Leben nicht mehr werden.

(Josef Bordat)

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Wissenschaft und Barmherzigkeit. Ein Bild von Picasso

Heute vor 45 starb Pablo Picasso.

Im Picasso-Museum von Barcelona – in dem vor allem Werke aus der Jugendzeit des berühmten Künstlers ausgestellt sind – hängt ein frühes Bild Picassos, das der damals gerade 15jährige Maler Ciencia y caridad („Wissenschaft und Barmherzigkeit“) nannte. Es zeigt eine kranke Frau, der ein im Vordergrund sitzender Arzt den Puls fühlt, während ihr eine im Hintergrund stehende Ordensschwester mit einem Kind auf dem Arm einen Becher reicht.

Pablo Ruiz Picasso: Ciencia y caridad (1897), Öl auf Leinwand, 197 x 246,5 cm – Museu Picasso de Barcelona.

Der Wissenschaftler misst, erhebt exakte Daten, die Rückschlüsse auf Zustände und Befindlichkeiten einschließlich nötiger Prognosen – auf der Basis theoretischer Modelle –ermöglichen. Der Arzt im Vordergrund misst den Puls. Er wirkt konzentriert und sachlich. Die Ordensschwester sorgt unterdessen für Erfrischung. Gleichzeitig kümmert sie sich um ein Kind. Die liebende Sorge für jung und alt, für gesund und krank, gegenüber Menschen in gleich welcher Verfassung ist Kern der Barmherzigkeit. Auch sie wirkt konzentriert, fast streng: caritas ist nicht amor, Liebe kein Gefühl. Die Ordensschwester steht für die christliche Religion und ihre Werte, von denen die tätige Nächstenliebe der wichtigste ist.

Für die kranke Frau ist beides gut: Ohne das Wissen um die Krankheit lässt sich die Patientin nicht heilen, doch ohne Nahrung und liebevolle Zuwendung wird sie auch nicht gesund.

Ich glaube nicht, das Bild wäre so zu verstehen, dass Picasso etwa meinte, man sei entweder Wissenschaftler (hier: Arzt) oder barmherzig (hier: Ordensschwester), dass es mithin keine liebevollen Ärzte und keine kompetenten Ordensschwestern gäbe, sondern er spricht wohl allegorisch die beiden Seiten gelungener Daseins- und eben auch Leidensbewältigung an. Das heißt: Um die Krankheit zu besiegen, braucht es beides – Expertise und liebevolle Betreuung. Allgemein gesprochen: Um das Leben und das Leiden zu bewältigen, braucht es beides – Wissenschaft und Religion.

(Josef Bordat)

Kreuz und Gewissen. Der Bußgang der Berliner Katholiken

Beim Bußgang steht traditionell das Kreuz im Mittelpunkt. Ihm folgen die Teilnehmer – im übertragenen und im wörtlichen Sinne. Der Bußgang der Berliner Katholiken stand in diesem Jahr unter dem Leitmotiv „Dem Gewissen folgen“. Dass dies für Christen kein Widerspruch ist, hängt damit zusammen, dass der Gekreuzigte mit seiner Botschaft das Gewissen formt.

Dem Gewissen folgen. Foto: JoBo, 3-2018.

Das hat der Selige Bernhard Lichtenberg mit seinem mutigen Einstehen für alle „Nichtarier“ eindrucksvoll gezeigt. Daher ist das Leitmotiv des Bußgangs mit Blick auf den Berliner Dompropst gut gewählt. Das Gewissen steht im Zentrum des vor 75 Jahren in der Haft verstorbenen Kirchenmanns.

Lichtenberg selbst beschreibt seine Haltung beim Verhör in der Gestapo-Zentrale mit Worten, die einer Definition von „katholischem Gewissensgebrauch“ recht nahe kommen: „Ich kann als katholischer Priester nicht von vornherein zu jeder Verfügung und Maßnahme, die von der Regierung getroffen wird, Ja und Amen sagen. Wenn sich die Tendenz derartiger Regierungsverfügungen und Maßnahmen gegen die geoffenbarte Lehre des Christentums und damit gegen mein priesterliches Gewissen richtet, werde ich meinem Gewissen folgen und alle Konsequenzen mit in Kauf nehmen, die sich daraus für mich persönlich ergeben“.

Prälat Stefan Dybowski. Foto: JoBo, 3-2018.

In seiner kurzen Predigt an der ersten Statio in St. Clemens geht Prälat Stefan Dybowski auf den Schlüsselbegriff Gewissen ein. Die Quellen der Gewissensbildung, der Mut zum Gewissensgebrauch, die Einsamkeit dessen, der dem Gewissen folgt.

Zweimal macht der Bußgang noch Halt, an der Topographie des Terrors, wo einst die Gestapo-Zentrale stand, und am Holocaust-Mahnmal, das an die Ermordung von sechs Millionen Juden durch das NS-Regime erinnert, ehe die rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der St. Hedwigs-Kathedrale eintrafen, um Eucharistie zu feiern und am Grab Bernhard Lichtenbergs zu beten.

Statio am Holocaust-Mahnmal. Foto: JoBo, 3-2018.

Zelebrant Tobias Przytarski hob in seiner Predigt noch einmal hervor, dass die Kraft, dem Gewissen zu folgen, beim Seligen Bernhard Lichtenberg aus dem Glauben, aus der Liebe kam. Mit der Hilfe Gottes habe Lichtenberg die Menschen unterschieds- und bedingungslos lieben können, mit einer Liebe, die größer war als die Angst und die Sorge um die Freiheit, die Gesundheit, das eigene Leben.

Das Kreuz in der St. Hedwigs-Kathedrale. Foto: JoBo, 3-2018.

Für Bernhard Lichtenberg war die Sache klar: Das NS-Regime gehört bekämpft, auch wenn dieser Kampf ein einsamer ist, der Freiheit, Gesundheit und schließlich das Leben kostet. Lichtenberg gab bei der Gestapo zu Protokoll: „Ich bekämpfe falsche Grundsätze, aus welchen falsche Taten entstehen müssen, man denke an Beseitigung des Religionsunterrichts aus den Schulen, Kampf gegen das Kreuz, Beseitigung der Sakramente, Verweltlichung der Ehe, absichtliche Tötung angeblich lebensunwerten Lebens (Euthanasie), Judenverfolgung usw.“.

Einiges davon ist historisch, die Judenverfolgung etwa, anderes aus der Liste ist bis heute (oder heute wieder) eine Herausforderung für das katholisch geformte Gewissen. Bernhard Lichtenberg hat uns den Weg gewiesen, indem er ihn ging, in der Nachfolge Christi. Immer dem Gewissen nach. Und dem Kreuz.

(Josef Bordat)

Was Sie schon immer über Sex wissen wollten

Dass Kirche und Sexualität wie Feuer und Wasser sind, scheint zu den gesicherten Erkenntnissen unserer Zeit zu gehören. Die katholische Kirche sei leibfeindlich. Sie reagiere geradezu allergisch auf alles Sexuelle und Körperliche. Und weil sie nur aus alten Männern besteht, hat sie natürlich auch keine Ahnung davon. So der allgemein herrschende Grundtenor. Was dran ist an den Vorwürfen, verrät der Philosoph und Publizist Josef Bordat im Gespräch mit Volker Niggewöhner.

Glaubens-Kompass: Die katholische Kirche und die Sexualmoral (14:10 min)

Die Sendung läuft am Montag, 12.3. um 10:30 Uhr im Bibel-TV.

(Josef Bordat)

Heute schon die Welt verändert?

Heute wird die Misereor-Fastenaktion unter dem Leitwort „Heute schon die Welt verändert?“ in München und in Neu-Delhi eröffnet. Indien steht nämlich in diesem Jahr im Fokus der Aktion.

In beiden Ländern soll es darum gehen, wie Christen – auch durch Änderungen ihres eigenen Lebensstils – für mehr Gerechtigkeit, Frieden und Umweltschutz sorgen können. Angeregt wurde die gemeinsame Aktion auch durch die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus, in der es heißt: „Die Ursachen von Armut und Umweltzerstörung kann ein Land nicht allein überwinden.“

„Heute schon die Welt verändert?“, ist und bleibt aber eine Frage, die sich in erster Linie an jeden Einzelnen richtet. Sie kann von Staaten (und teilweise auch von der Kirche) normativ beantwortet werden, aber für die Veränderung selbst (das Wirksamwerden der Veränderungsabsicht in anderen Normen), ist und bleibt jeder Einzelne verantwortlich.

(Josef Bordat)

Abgastests. Die Moral und die Ethik

Am Wochenende war bekannt geworden, dass deutsche Automobilkonzerne Abgasexperimente an Menschen und Affen mitfinanziert haben sollen. Die Studien sollten demnach zeigen, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung erheblich abgenommen habe. Wissenschaftler, Politiker, Moraltheologen beider Konfessionen und Ärzte haben die umstrittenen Abgastests an Menschen und Affen mittlerweile scharf verurteilt.

Die Sache mit den umstrittenen Abgasexperimenten lässt sich von zwei Seiten lesen – der Moral und der Ethik: Der moralischen Empörung darüber, dass an Menschen und Affen solche Tests durchgeführt wurden, korrespondiert auf der theoretischen Ebene die ethischen Fragestellung, ob diese Amoralität in beiden Fällen gleichermaßen verweflich sei, ob man hier also „Mensch“ und „Affe“ in einem Atemzug sagen kann. Oder, ob gar der Affe viel mehr Empathie erfährt als der Mensch. Auffällig ist, wer sich zu Wort meldet, etwa der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“. Nun gibt es meines Wissens nach keinen Verein „Ärzte gegen Menschenversuche“, doch dass einige Diskussionsteilnehmer explizit auf den Tierschutz verweisen und ein Ende von Tierversuchen fordern, dabei jedoch die Tests an Menschen zu übersehen scheinen, irritiert fast noch mehr als die Experimente selbst.

Tierethiker und -rechtler sehen seit geraumer Zeit keinen Wesensunterschied mehr zwischen Primaten und Menschen. Jegliche Schöpfungstheologie abstreifend betrachten sie jene als lediglich etwas weiter entwickelt als diese. Der rein evolutionäre Unterschied sei jedoch in Recht und Moral zu vernachlässigen. Entscheidend sei das Leid, das amoralisches Handeln bei nicht-menschlichen und menschlichen Wesen auslöse. Das hat weitreichende Folgen, nicht nur für den Tier-, sondern auch für den Lebensschutz.

Zwar kann (und sollte) die Perspektive des Leids dazu führen, den Umgang mit der Natur entsprechend (vom Menschen!) unterstellter Interessen der nicht-humanen Umwelt so zu gestalten, dass Leid minimiert wird, doch eine ausschließlich utilitaristische Betrachtung, in der das zu vermeidende Leid die einzige Maßgabe der Ethik darstellt, verfehlt nichts weniger als den Begriff der Moral selbst: praktische Rationalität erschöpft sich nicht in der Beachtung von körperlich spürbaren Folgen einer Handlung, auch wenn diese immer eine gewisse Rolle spielen. Verantwortung haben wir nicht nur gegenüber dem Leidenden, sondern auch gegenüber Prinzipien der Moralität, die aus sich selbst heraus begründet sind (etwa die Achtung und der Schutz der Menschenwürde). Die Unfähigkeit einer allein an den Konsequenzen orientierten Ethik, absolute Werte zu bestimmen, die immer schützenswert sind, auch wenn die Folgen ausbleiben, erweist sich immer dann als fatal, wenn es um den Menschen geht, soweit er selbst die für eine moralische Umgangsform relevanten Kriterien nicht erfüllt.

Worin liegen nämlich die Gefahren einer Einebnung der Diskrepanz zwischen humaner und nicht-humaner Lebensform? Nicht etwa darin, dass Tiere besser behandelt würden (also: wie Menschen), sondern dass man es dann umgekehrt rechtfertigen kann, wenn man Menschen behandelt wie Tiere. Töten wir weiterhin Tiere zu unserem Nutzen, dann können wir, so etwa Peter Singer, das Töten von Menschen, die auf derselben oder einer niedrigeren Bewusstseinsebene stehen, nicht verurteilen, zumindest nicht, wenn wir ethisch konsistent argumentieren wollen.

Das führt zu erschreckenden Schlussfolgerungen aus der Überlegung zur Empfindungsfähigkeit und zum Interesse sowie der Aufhebung aller prinzipiellen Unterschiede zwischen Mensch und Tier: „Wir bezweifeln nicht, dass es richtig ist, ein schwerverletztes oder krankes Tier zu erschießen, wenn es Schmerzen hat und seine Chance auf Genesung gering ist. ,Der Natur ihren Lauf lassen’, ihm eine Behandlung vorzuenthalten, aber sich zu weigern, es zu töten, wäre offensichtlich unrecht. Was bei einem Pferd offensichtlich unrecht ist, ist ebenso unrecht, wenn wir es mit einem behinderten Säugling zu tun haben“. Peter Singer.

Insoweit stellt sich die Frage, was verwerflicher ist: die Amoral der Abgastests oder die krude Ethik derer, die dabei zwischen den Opfergruppen „Mensch“ und „Tier“ keinen Unterschied sehen.

(Josef Bordat)