Zutiefst verstörend

Ein zutiefst realistischer (und daher so verstörender) Artikel über die Entscheidung gegen das Kind erschien vor gut drei Jahren in der „Welt“: „Das Kind ist weg, die Gedanken bleiben. Verdammt“ von Paulina Czienskowski. Ich stieß nun bei Recherchen darauf und bin doch sehr überrascht, wie das Thema Abtreibung dort verhandelt wird. Mir scheint, der Text hat nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil. Fürchte ich.

Alles kommt darin vor: Die Situation der Mutter, ihr Ringen um eine Entscheidung, der Ablauf der Abtreibung, ihre Zweifel, auch die bleibenden Fragen nach dem Eingriff, zynische Vergleiche („verschütteter Milch trauert man nicht nach“ – ihr [damaliger] Lebensgefährte). Wie das eben so ist. Was nicht vorkommt: das Kind. Zumindest nicht als Rechtssubjekt. Als solches sieht es immerhin unser Grundgesetz.

Im Titel des Textes ist zwar vom Kind die Rede, aber nur in Bezug auf die Mutter: Es, das Kind, ist „weg“ (das scheint nicht weiter schlimm und muss daher nicht thematisiert werden), die Gedanken, die der Mutter, bleiben (hier wird das Thema erst relevant). Auch die Beratung scheint sich – folgt man dem Text – auf die Risiken des Einriffs für die Mutter zu beschränken. Die Risiken für das Kind scheinen keine Bedeutung zu haben.

Der Gedanke, dass dieses Kind, das nun „weg“ ist, ein eigenes, von der angestrebten Karriere der Mutter unabhängiges Lebensrecht hatte, kommt schlicht und einfach nicht vor. Nicht mal die Möglichkeit eines solchen wird erwogen. Nicht von der Frau, nicht von der Autorin, die sich (so scheint es) jeder Wertung enthält.

Vielleicht ja, weil sie sich den ausschlaggebenden Entscheidungsgrund (Karriere geht vor) zu eigen macht? Das wäre eine Spekulation. Doch, dass die seit nunmehr fast sieben Jahrzehnten geltende Auffassung, das ungeborene Kind habe ein Recht auf Leben, so gar keine Rolle mehr spielt in der Argumentation zum Thema Abtreibung, ist dann doch verstörend. Oder realistisch.

(Josef Bordat)

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„Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind?“

Clemens August Graf von Galen und sein Kampf gegen das „Euthanasie“-Programm der Nationalsozialisten („Aktion T 4“). – Grußwort anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Töten aus Überzeugung“ zur „Aktion T 4“ am 4. Oktober 2018, 15 Uhr im Caritas-Seniorenwohnhaus „Kardinal von Galen“ in der Goltzstraße 26, 10781 Berlin-Schöneberg.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin gebeten worden, einige Worte zu Clemens August Graf von Galen zu sagen, vor allem zu seiner Rolle im Widerstand gegen die „Aktion T 4“, der diese Ausstellung gewidmet ist. Die „Aktion T 4“ bezeichnet das zynisch „Euthanasie“ genannte Programm zur Vernichtung von etwa 300.000 chronisch kranken und behinderten Menschen, das in der Berliner Tiergartenstraße 4 geplant wurde, daher „T 4“. Gegen dieses menschenverachtende Programm erhob Clemens August Graf von Galen als Bischof von Münster 1941 seine Stimme. In drei wirkmächtigen Predigten mobilisierte er die westfälischen Katholiken.

Der 1878 in Oldenburg geborene und 1904 in Münster zum Priester geweihte Clemens August Graf von Galen war von 1919 bis 1929 als Pfarrer in der Gemeinde Sankt Matthias (Berlin-Schöneberg) tätig. 1933 wurde er zum Bischof von Münster geweiht und 1946 in den Kardinalsstand erhoben, einen Monat vor seinem Tod. Die Aufnahme ins Kardinalskollegium geschah aus Dankbarkeit und als Anerkennung für seine unerschrockene Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus. Am 9. Oktober 2005 wurde er von Papst Benedikt XVI. Seliggesprochen. Dass wir also hier und heute an Kardinal von Galen erinnern hat drei Gründe: Er wirkte hier in Sankt Matthias, er wurde vor 13 Jahren seliggesprochen und – das Entscheidende – er hat sich gegen all das gewandt, wovon diese Ausstellung handelt.

Am Tag seiner Bischofsweihe waren die Nazis schon ein halbes Jahr an der Macht, die ersten Konzentrationslager bereits in Betrieb. Das KZ Dachau zum Beispiel. Von Galen wählte als Wahlspruch das Wort Nec laudibus nec timore – „Weder durch Lob noch durch Furcht“. Das ist durchaus programmatisch für den westfälischen Hirten, der sich im Sommer 1941 (am 13. und 20. Juli sowie am 3. August) in drei Predigten gegen die „Aktion T 4“ wandte, was ihm den Beinamen „Löwe von Münster“ eintrug.

In seiner Predigt vom 3. August 1941 kritisiert er die Auffassung der Nazis, man dürfe „lebensunwertes Leben“ töten, weil es unproduktiv sei, wie eine alte Maschine oder ein lahmes Pferd. Der Schrecken über diese Gleichsetzung lässt ihn furchtlos die folgenden unmissverständlichen und darum wirkmächtigen Worte sagen: „Nein, ich will den Vergleich nicht bis zu Ende führen –, so furchtbar seine Berechtigung ist und seine Leuchtkraft! Es handelt sich hier ja nicht um Maschinen, es handelt sich nicht um ein Pferd oder eine Kuh. Nein, hier handelt es sich um Menschen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern! Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen meinetwegen! Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von den anderen als produktiv anerkannt werden?“

Diese Worte sorgten für Unruhe unter denen, die sie hörten. Sie rüttelten an ihrem Gewissen, sie appellierten an ihre Nächstenliebe. Große Betroffenheit löste Clemens August Graf von Galen mit folgendem Satz aus: „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven‘ Menschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden“. Die Gläubigen verbreiteten die Predigttexte ihres Hirten und schafften damit eine Gegenöffentlichkeit.

Und die Predigten bzw. ihre Verbreitung zeigten Wirkung: Das NS-Regime, das schon ahnte, ein „Euthanasie“-Programm werde in der Bevölkerung nicht besonders populär sein und das deswegen versuchte, die „Aktion T 4“ geheim zu halten, knickte wenig später ein. Bereits am 24. August 1941 – nur drei Wochen nach der dritten Predigt von Galens in St. Lamberti – gab Hitler Anweisung, die „Aktion T 4“ auszusetzen.

Der Historiker Winfried Süß schreibt dazu: „Die kirchlichen Proteste machten Hitler dreierlei deutlich: Erstens demonstrierten sie, dass der sorgsam über die Krankenmorde gelegte Geheimhaltungsschleier irreparabel zerrissen war. Zweitens ließen sie weiteren Widerstand der Kirchen befürchten. Und drittens machten sie deutlich, dass die ,Euthanasieʻ in erheblichen Teilen der Bevölkerung nicht konsensfähig war. So gesehen ist Hitlers Abbruchentscheidung weniger überraschend, als sie auf den ersten Blick scheint.“

Für diese Abbruchentscheidung spielte neben der breiten Rezeption der Predigten von Galens unter den Katholiken auch der Protest von Vertretern der Bekennenden Kirche eine Rolle. Das war also durchaus ein ökumenischer Widerstand. Die „Aktion T4“ wurde insgesamt ein Jahr lang ausgesetzt und dann weniger vehement weiterverfolgt.

Clemens August Graf von Galen sollte für diese Störung des Vernichtungsbetriebs getötet werden – „auf Heller und Pfennig“ wolle man mit ihm abrechnen. Aus Furcht vor noch größerer Unruhe unter den Katholiken im Rheinland und in Westfalen beschloss Reichspropagandaminister Joseph Goebbels jedoch, diese Abrechnung auf die Zeit „nach dem Endsieg“ zu verschieben. Doch dazu kam es nicht – nicht zum „Endsieg“ und nicht zur Abrechnung mit von Galen. Stattdessen gab es 1945 die militärische Niederlage und Kapitulation Deutschlands (und damit das Ende des Nationalsozialismus) und – wie eingangs bereits erwähnt – 1946 für Clemens August Graf von Galen die Kardinalswürde.

Sein beherztes Eingreifen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Menschen in Deutschland schwiegen, auch die meisten Christen, auch die meisten Katholiken, dass sie sich von ihrem Gewissen nicht aus dem Gleichgewicht bringen ließen. Nicht zuletzt dies muss uns eine Mahnung sein, die Stimme zu erheben, wenn die Würde des Menschen bedroht ist, etwa dadurch, dass man wieder Rechnungen aufmacht, wie viel uns doch „so ein Behinderter“ kostet, welche Belastung er darstellt für die Gesellschaft.

Ich erlebe solche Bemerkungen auch im aktuellen Diskurs um bioethische Fragen, wo oft genug die rechtzeitige (also: vorgeburtliche) Tötung des (möglicherweise) kranken oder behinderten Menschenlebens als „Erlösung“ angepriesen wird, als „Erlösung“ für das Kind, seine Eltern und die Gesellschaft. Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich jedoch auch und gerade an ihrem Umgang mit kranken und behinderten Menschen – der Nationalsozialismus ist hier dramatisch gescheitert. Ich wünsche mir, dass wir heute – auch eingedenk der Erinnerung an dieses Kapitel unserer Geschichte – niemals aus den Augen verlieren, dass dem Menschen Würde zukommt, weil er Mensch ist – nicht, weil er jung, gesund und produktiv ist.

In diesem Sinne wünsche ich der Ausstellung viele interessierte und aufmerksame Besucherinnen und Besucher.

Vielen Dank!

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Oktober 2018 zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Mo. – Fr. 9 bis 15 Uhr. Der Eintritt ist frei.

(Josef Bordat)

Hilf, Herr meines Lebens

Das Lied „Hilf, Herr meines Lebens“ gehört sicher zu den bekannteren Kirchenliedern. Melodie und Text sind sehr einfach, daher lässt es sich in Familiengottesdiensten ebenso singen wie bei Seniorenandachten. Auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen und Lernbehinderte verstehen die Botschaft der Bitte: Mit Gottes Hilfe soll das Leben gelingen. Die wiederholten Passagen lassen das Entscheidende hervortreten: nicht Anderen zur Plage werden, nicht an sich selbst gebunden sein, nicht fehlen, wo man nötig ist – ergo: nicht vergebens auf Erden sein.

Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.

Hilf, Herr meiner Tage, dass ich nie zur Plage, dass ich nie zur Plage meinem Nächsten bin.

Hilf, Herr meiner Stunden, dass ich nicht gebunden, dass ich nicht gebunden an mich selber bin.

Hilf, Herr meiner Seele, dass ich niemals fehle, dass ich niemals fehle, wo ich nötig bin.

Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.

Es ist ein schönes, schlichtes Lied, in dessen drei zentralen Strophen typisch menschliche Schwächen bekannt werden: Schuld gegenüber dem Anderen, Selbstbezogenheit, die den Anderen übersieht, Mangel an Aufmerksamkeit für die Nöte des Anderen. Geklammert werden die drei mittleren Strophen von zwei textgleichen Strophen zu Beginn und am Ende, die der Hoffnung Ausdruck geben, das eigene Leben möge gelingen. Sie fassen damit zusammen, was Kern der christlichen Ethik ist: nicht „vergebens hier auf Erden“ zu sein.

Gerade der Wunsch, nicht „vergebens hier auf Erden“ zu sein, drückt eine tiefe Sehnsucht aus. Nicht nur, wenn wir an „runden“ Geburtstagen oder zu Silvester Zwischenbilanz ziehen, sondern auch im Alltag, inmitten von Enttäuschungen und Rückschlägen, die uns manchmal am Sinn des Daseins zweifeln lassen, ist der Wunsch danach, zu erfahren, zu spüren und vielleicht auch konkret vor Augen geführt zu bekommen, dass das Leben (bis hierhin) ein gelungenes war, ein sehr großer, vor allem dann, wenn nicht alles nach Plan gelaufen ist, wenn nichts so richtig geklappt hat, wie es sollte, oder, wenn man nicht (mehr) so funktioniert, wie man es gerne hätte.

Das Lied macht uns in diesem Zusammenhang auf eine Tatsache aufmerksam: Scheitern ist keine Frage der nicht erbrachten Leistung, sondern der Unfähigkeit zur Liebe. Das Maß an Bereitschaft, dem Anderen nicht zur Plage zu werden, die Bindung an sich selbst aufzuknüpfen und dort zu sein, wo man gebraucht wird, bestimmen den Grad des Gelingens. Gelungenes Leben ist moralisches Leben. Das schließt Erfolg nicht aus, aber es betrachtet die Mutmaßung, „vergebens hier auf Erden“ zu sein, aus einer anderen Perspektive – aus der Perspektive des Anderen. Am Niveau der Beziehungen bemisst sich damit das Gelingen des Lebens. Mit anderen Worten: an der Liebe.

(Josef Bordat)

Missbrauchskrise – Krise der Moraltheorie?

Dass Missbrauch ein moralisches Problem ist, sollte nicht weiter erläuterungsbedürftig sein. Doch anders sieht es mit der These aus, Missbrauch sei das Ergebnis falscher Moraltheorie. Wie ist das zu verstehen? Vor zehn Jahren – also noch vor der epochalen Pressekonferenz am Berliner Canisius-Kolleg, noch vor der (morgen nun offiziell vorgestellten) Studie der DBK – sagte der damals amtierende und jetzt emeritierte Papst Benedikt XVI., Missbrauch sei Ergebnis eines „ethischen Proportionalismus“.

Benedikt äußerte sich am 12. Juli 2008 während seines Flugs zum Weltjugendtag in Sydney. Auf die Missbrauchsfälle in Australien angesprochen, skizzierte er die moraltheoretischen Ursachen des Missbrauchs in der Katholischen Kirche: „Es muß klar sein, und es war immer klar, angefangen bei den ersten Jahrhunderten, daß das Priestertum, das Priestersein mit diesem Verhalten unvereinbar ist, da ein Priester im Dienst des Herrn steht, und unser Herr ist die Heiligkeit in Person, und er ist immer unser Lehrer – die Kirche hat hierauf stets den Akzent gesetzt. Wir müssen darüber nachdenken, was in unserer Erziehung, in unserer Lehre der letzten Jahrzehnte unzureichend war: in den 50er, 60er und 70er Jahren gab es das Konzept des ethischen Proportionalismus: es bestand in der Absicht, daß nichts in sich schlecht ist, sondern nur in seiner Proportion zu anderem; mit dem Proportionalismus war die Möglichkeit gegeben, in bezug auf einige Dinge – eines davon kann auch die Pädophilie sein – zu denken, daß sie in bestimmten Proportionen gut sein können. Nun, da muß ich ganz klar sein: das war niemals eine katholische Lehre. Es gibt Dinge, die immer schlecht sind, und Pädophilie ist immer schlecht. In unserer Ausbildung, in den Seminarien, in der ständigen Weiterbildung der Priester müssen wir den Priestern helfen, Christus wirklich nahe zu sein, von Christus zu lernen, und so Helfer und nicht Feinde unserer Mitmenschen, unserer Mitchristen zu sein. Daher werden wir alles in unserer Macht Stehende tun, um zu erklären, was die Lehre der Kirche ist, und in der Ausbildung und Vorbereitung von Priestern helfen, in der ständigen Weiterbildung, und wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um die Opfer zu heilen und zu versöhnen. Ich denke, dies ist der wesentliche Inhalt des Wortes »um Entschuldigung bitten«. Ich denke, daß es besser und wichtiger ist, den Inhalt der Formel zu geben, und ich bin der Ansicht, daß der Inhalt besagen muß, was in unserem Verhalten unzureichend war, was wir in diesem Moment tun sollen, wie wir es verhindern und wie wir alle heilen und versöhnen können“.

Der ethische Proportionalismus – eine Variante des Relativismus – bestreitet, dass es Dinge gibt, die in sich schlecht sind. Er trägt uns stattdessen auf, die Moral einer Handlung situativ zu eruieren und damit immer neu zu beurteilen, was das Beste in einer bestimmten Konstellation ist – ohne dabei eine absolute Untergrenze des moralisch Vertretbaren anzuerkennen. Damit wird nicht nur das Bessere immer wieder neu definiert, sondern auch das Böse an sich geleugnet. Benedikt stellt klar, dass ein solches Denken in einigen Fällen verheerende Folgen hat. Zum Beispiel beim sexuellen Missbrauch.

(Josef Bordat)

Ökumenisches Wort zur Interkulturellen Woche

In einem Gemeinsamen Wort der Kirchen laden der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, Metropolit Augoustinos, zur Teilnahme an der 43. Interkulturellen Woche ein. Sie findet vom 23. bis 29. September 2018 statt und steht unter dem Leitthema „Vielfalt verbindet“. Geplant sind mehr als 5.000 Veranstaltungen an über 500 Orten im gesamten Bundesgebiet.

In dem Ökumenischen Wort heißt es:

„Die Interkulturelle Woche dient der Begegnung zwischen ‚alten‘ und ’neuen‘ Nachbarn: Im Austausch über den Alltag, im Gespräch über Gemeinsames und Unterscheidendes kann Vertrauen wachsen. Gleichzeitig bietet die Interkulturelle Woche eine gute Gelegenheit, mit politischen Verantwortungsträgern über drängende Fragen ins Gespräch zu kommen.

Dazu gehört etwa die Situation an den europäischen Außengrenzen. Die Staaten Europas stehen vor der Aufgabe, Fragen der Migration menschengerecht zu gestalten. Wenn wir uns daran gewöhnen, dass tagtäglich schutzsuchende Menschen an den Außengrenzen ihr Leben verlieren, drohen unsere Grundwerte bedeutungslos zu werden. Seenotrettung darf daher nicht kriminalisiert werden. Sie stellt eine völkerrechtliche und humanitäre Verpflichtung dar.

Mit Nachdruck setzen sich die Kirchen dafür ein, dass Menschen, die bei uns Schutz suchen, nicht dauerhaft von ihren engsten Angehörigen getrennt werden. Der Schutz der Familie liegt den Kirchen am Herzen. Zugleich ist er im Grundgesetz verbrieft und durch mehrere Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts bestätigt. Die Aussetzung des Familiennachzugs für Bürgerkriegsflüchtlinge hat viele Betroffene in Verzweiflung gestürzt. Künftig soll er nur noch in stark eingeschränkter Form möglich sein. Damit verbindet sich eine Frage, die für die Betroffenen existentiell ist: Was passiert mit jenen Familien, die nicht berücksichtigt werden und deshalb über mehrere Jahre voneinander getrennt bleiben? Welche Folgen hat das Trauma der Trennung für sie persönlich? Können sie sich unter solchen Umständen auf ein neues Leben in Deutschland einlassen? Als Kirchen werben wir hier für eine humane und verantwortungsvolle Lösung.“

Der Text des Gemeinsamen Wortes der Kirchen zur Interkulturellen Woche kann auf der DBK-website heruntergeladen werden.

(Josef Bordat)

Kontrastprogramm

Sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa. Er wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr; denn er wollte seine Jünger über etwas belehren. Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen. Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen. Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer (von ihnen) der Größte sei. Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat. (Markus 9, 30-37)

Noch einmal kündigt Jesus seinen Jüngern an, wie es mit ihm weitergehen wird: Auslieferung, Hinrichtung, Auferstehung. Er zieht sie ins Vertrauen, nur sie. Abseits der Menschenmengen, heimlich. Er offenbart ihnen Gottes Plan, er zeigt ihnen den Weg der Erlösung. Er weiht sie ein in das Geheimnis des Glaubens.

Dieser zweiten Ankündigung des Leidens und der Auferstehung folgt ein bizarres Kontrastprogramm, der so genannte „Rangstreit der Jünger“. Nachdem Jesus die Jünger ins Vertrauen gezogen hat, haben sie nichts Besseres zu tun, als darüber zu diskutieren, „wer (von ihnen) der Größte sei“. Es ist schier zum Verzweifeln!

Jesus wiederum bietet den Jüngern ein anschauliches Kontrastprogramm zur menschlichen Hybris, der Größte zu sein: ein Kind. Es steht für das Kleine, das Unschuldige, aber auch für das sich Entwickelnde, das Unfertige, für das, was wachsen und lernen muss. Ein solches Bewusstsein sollen die Jünger und damit auch wir in uns aufnehmen, denn: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf“.

(Josef Bordat)

Weltfrieden

Zum heutigen Weltfriedenstag appelliert die Gemeinschaft Sant’Egidio an die Staaten und die Internationalen Organisationen und Einrichtungen, die Anstrengungen für Friedens- und Vermittlungsmissionen zu vermehren, um die weltweit über 30 aktuell bestehenden Konflikte zu beenden.

Denn es gebe, so Sant’Egidio, in vielen Fällen aufgrund von Untätigkeit keinen Frieden. Der Fall Syrien sei beispielhaft: Dieser Konflikt dauert schon länger als der Zweite Weltkrieg und hat über eine halbe Millionen Todesopfer gefordert sowie fast sechs Millionen Flüchtlinge und fast sieben Millionen Inlandsvertriebene.

Die Gemeinschaft erinnert daran, dass niemand von Konflikten profitiert, außer den Waffenhändlers. Jeder Krieg hinterlasse Wunden und Zerstörungen, die Jahrzehnte benötigen, um geheilt und beseitigt zu werden, heißt es in dem Appell.

Die Gemeinschaft Sant’Egidio bekräftigt im fünfzigsten Jahr seit ihrer Gründung erneut ihren Willen, sich für die Schaffung von Friedensabkommen einzusetzen, wo sie dazu eingeladen wird oder wo sie auch nur einen minimalen Spielraum erkennt, um ihren Beitrag als Christliche Gemeinschaft einzubringen.

Derzeit vermittelt Sant’Egidio vor allem in der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan und in Libyen zwischen Konfliktparteien.

(Josef Bordat)