St. Joseph-Krankenhaus gedenkt der „Euthanasie“-Opfer

In der Tagespost hatte ich davon berichtet: Das St. Joseph-Krankenhaus in Berlin-Weißensee gedachte heute seiner Opfer aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Pfarrer Lutz Nehk bei der Einweihung des Gedenksteins. Foto: (c) Bonow.

Den Gottesdienst zur Gedenksteineinweihung gestalteten Pfarrer Lutz Nehk, Beauftragter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit im Erzbistum Berlin, der Rabbiner Professor Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Bernd Streich, Vorsitzender des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Berlin, Dr. Iris Hauth, Geschäftsführerin und Ärztliche Direktorin des Alexianer St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weißensee zusammen mit dem Ökumenischen Seelsorgeteam des Krankenhauses, Barbara Tieves, Rita-Maria Jermis und Pfarrer Veit Böhnke.

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Rabbiner Professor Andreas Nachama spricht zu den Anwesenden. Foto: (c) Bonow.

(Josef Bordat)

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Habermas zum Geburtstag

Heute wird der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas 89 Jahre alt.

Einem so vielfältig publizierten und breit rezipierten Intellektuellen wie Jürgen Habermas ein in Art und Umfang angemessenes Geburtstags-Ständchen zu singen, ist gar nicht so einfach. Falsch: Es ist nicht möglich. Es sei denn, man beschränkt sich auf ein Thema dieses vielfältigen Werkes. Beispielsweise auf die Auseinandersetzung des Jubilars mit der Religion. Schließlich hat Habermas, der am 18. Juni 1929 in Düsseldorf zur Welt kam, in den vergangenen Jahren zu diesem Thema die eine oder andere interessante Stellungnahme hervorgebracht. Der Tenor gegenüber dem Phänomen Religion blieb dabei zwar kritisch-distanziert (Habermas selbst beschreibt sich bekanntlich als „religiös unmusikalisch“), wurde aber – zumindest im Hinblick auf die normative und soziale Funktion des Religiösen – zunehmend wohlwollend.

Ansetzen kann man im Jahr 2004, als Habermas mit dem damaligen Kurienkardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., in der Katholischen Akademie München ein viel beachtetes Gespräch über die Rolle der Religion in der Gesellschaft führte. Ein Gespräch zwischen Vertretern dergleichen Generation (Ratzinger erblickte, wie den meisten Lesern bekannt sein dürfte, am 16. April 1927 in Marktl das Licht der Welt) und zwischen zwei deutschen Denkern, die beide zu den herausragenden Intellektuellen Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählen. Von Anfang an stand fest: Das Gespräch sollte insbesondere die Notwendigkeit möglicher „vorpolitischer moralischer Grundlagen“ der Demokratie aus dem Geist der Religion thematisieren. Also die Frage: Lebt der moderne Rechtsstaat von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann (das berühmte Böckenförde-Diktum) und liefert die Religion dazu die nötige vorpolitische Kontrollinstanz (Ratzinger) oder gelingt es dem demokratischen Staat, allein mit säkularer Vernunft seine Normativität aus sich selbst heraus diskursiv zu begründen (Habermas)? Dann geschah das Überraschende: Die Argumentation im Verlauf der Diskussion ging weit über die Frage hinaus und betraf allgemein das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Religion und Wissenschaft (die Stellungnahmen sind nachzulesen in: Jürgen Habermas, Joseph Ratzinger: Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion. Freiburg i. Br. 2005).

Es zeigte sich, dass beide die Ablehnung einer dezidiert areligiösen, tendenziell anti-religiösen Gesellschaft eint. Das Entscheidende ist, dass auch Habermas der Religion Sinngehalte zuspricht, für die eine „ethisch enthaltsame“ Wissenschaft keine Sprache hat: das Gespür für Verfehlung und Erlösung, Scheitern und Gelingen. Dort, wo sonst alles nur noch in Geldwerten bemessen wird, kann Religion Werte setzen, die dem Auftrag des Menschen zur Bewahrung der Schöpfung über den Tag hinaus gerecht werden.

Dabei ist insbesondere das Christentum wertsetzend, wie Habermas schon lange vor dem Treffen mit Ratzinger in einem Gespräch mit Eduardo Mendieta (veröffentlicht in: Jürgen Manemann: Jahrbuch politische Theologie. Münster 1999) feststellte: „Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.“

Wie weit die normative Funktion der Religion reicht, ist dabei freilich wieder umstritten. Während der Theologe Ratzinger den Vorrang der Religion betonte, ist die „Kontrollinstanz Kirche“ für einen liberalen Denker wie Habermas nicht annehmbar. Das Schreckgespenst eines totalitären Absolutismus, das hier auftaucht, ist für ihn undenkbar in einer liberalen Demokratie, in der alles nur relativ sein kann. Dabei übersieht Habermas freilich, dass Religion, soweit damit das Christentum gemeint ist, auch etwas Relatives meint, nämlich die Einordnung des Menschen in einen Ordo, welcher nur in der Beziehung zu Gott (der religio) erfahrbar wird, freilich mit dem Unterschied, dass hier aus der Relation feste Werte entstehen (und zwar weniger durch göttliche Vorgaben als vielmehr durch Einsicht in deren Notwendigkeit), während Werte im säkularen Modell selbst Gegenstand von Relationen, Abwägungen und Aushandlungsprozessen sein sollen, wobei die Diskursgerechtigkeit (bei Habermas gilt das Ideal der „herrschaftsfreien Kommunikation“) die einzige absolute Metanorm darstellt. Es steht also ein System innerweltlicher, menschlicher Beziehungen (Habermas) gegen ein System, in dem vorrangig die Gottesbeziehung des Menschen normativ wirkt (Ratzinger).

Unser Grundgesetz nimmt beide Traditionen auf, indem es uns an die Verantwortung „vor Gott und den Menschen“ erinnert. Doch dieses Bewusstsein geht immer mehr verloren und muss menschlichen Allmachtsphantasien einer „bornierten Aufklärung“ (Habermas) Platz machen, die Glaube und Religion als „unvernünftig“ ablehnt. Dennoch, so Habermas, müssten die Kriterien der Einordnung der Menschen in eine Wert- und Rechtsordnung vernünftig vermittelbar sein, ein theologischer Dogmatismus könne hingegen nur scheitern.

Aus katholischer Sicht ist das gewährleistet, da göttliche Gebote vom Menschen nicht befolgt werden sollen, weil sie Gebote Gottes sind, sondern weil sie sich in ihrem Regelungsgehalt einer von Gott und Mensch geteilten Vernunft als gut zu erkennen geben. Umgekehrt, so Habermas weiter, sei auch ein wissenschaftlicher Dogmatismus fehl am Platz. Habermas betont, dass das säkulare Bewusstsein der Wissenschaft lernen müsse, der Religion nicht von vornherein den Wahrheitsgehalt abzusprechen, denn – so der Philosoph mit Blick auf die boomenden Neurowissenschaften – „naturalistische Weltbilder genießen keineswegs prima facie Vorrang vor religiösen Auffassungen“.

Das meinte auch Ratzinger. Er hatte schon früher betont, dass die Wahrheit jenseits der Natur liegt und dass es dem Christentum um Abgrenzung sowohl zur einengenden Rationalität bloßer Wissenschaftlichkeit als auch zur Unvernünftigkeit des Heidentums geht, also um ein geweitetes Verständnis von Vernunft, wie sie sich in der sittlich-geschichtlichen Entfaltung des Christentums manifestiert: „Die beiden immer auseinanderfallenden Seiten der Religion, die ewig waltende Natur und die Heilsbedürftigkeit des leidenden und ringenden Menschen sind ineinander verbunden. Die Aufklärung kann Religion werden, weil der Gott der Aufklärung selbst in die Religion eingetreten ist. Das eigentlich Glauben heischende Element, das geschichtliche Reden Gottes, ist doch die Voraussetzung dafür, dass die Religion sich nun dem philosophischen Gott zuwenden kann, der kein bloß philosophischer Gott mehr ist und doch die Erkenntnis der Philosophie nicht abstößt, sondern aufnimmt. Hier zeigt sich etwas Erstaunliches: Die beiden scheinbar konträren Grundprinzipien des Christentums: Bindung an die Metaphysik und Bindung an die Geschichte bedingen sich gegenseitig und gehören zusammen; sie bilden zusammen die Apologie des Christentums als religio vera. Wenn man demgemäß sagen darf, dass der Sieg des Christentums über die heidnischen Religionen nicht zuletzt durch den Anspruch seiner Vernünftigkeit ermöglicht wurde, so ist dem hinzuzufügen, dass ein zweites Motiv gleichbedeutend damit verbunden ist. Es besteht zunächst, ganz allgemein gesagt, im moralischen Ernst des Christentums“ (so in der Rede „Die Christenheit, die Entmythologisierung und der Sieg der Wahrheit über die Religionen“ am 27. November 1999 an der Pariser Sorbonne).

Die eschatologische Dimension des theologischen Denkens könne, so wieder Habermas, die normative Sicht von Recht und Politik erweitern, weil und soweit sie an die Notwendigkeit einer kontextsensitiven Beachtung von vergangenem Leid und künftigem Potenzial erinnert, was verhindere, dass sich statische „Idealordnungen“ durchsetzen können. In diesem Sinne bilde der „öffentliche Vernunftgebrauch“ unter Einschluss „religiöser Überlieferungen“ ein „Widerlager zur Hegemonie einer auf Nutzenmaximierung eingeschworenen Zweckrationalität“, was deutlich an Benedikts Diktum von der „geweiteten Vernunft“ erinnert. Das Christentum ist eine wesentliche kulturelle Wurzel von Moral und Recht (Habermas) und daher für unsere Gesellschaft unverzichtbar (Ratzinger). Fazit: Religion und Wissenschaft spielen als Ausdruck der Vernunft sowohl bei Ratzinger als auch bei Habermas eine berechtigte Rolle beim Versuch des Menschen, zu einer Selbstvergewisserung (Anthropologie) und einer Orientierung in der Welt (Ethik) zu gelangen.

Was bedeutet das aber nun konkret? In einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ zur Leitfrage „Wie viel Religion verträgt der liberale Staat?“ äußerte sich Habermas unlängst wie folgt: „Die Religionsgemeinschaften dürfen, solange sie in der Bürgergesellschaft eine vitale Rolle spielen, nicht aus der politischen Öffentlichkeit in die Privatsphäre verbannt werden, weil eine deliberative Politik vom öffentlichen Vernunftgebrauch ebenso der religiösen wie der nichtreligiösen Bürger abhängt. Wenn die schrille Polyfonie aufrichtiger Meinungen nicht unterdrückt werden soll, dürfen die religiösen Beiträge zu moralisch komplexen Fragen wie Abtreibung, Sterbehilfe, vorgeburtliche Eingriffe in das Erbgut usw. nicht schon an der Wurzel der demokratischen Willensbildung abgeschnitten werden. Religiösen Bürgern und Religionsgemeinschaften muss es freistehen, sich auch in der Öffentlichkeit religiös darzustellen, sich einer religiösen Sprache und entsprechender Argumente zu bedienen.“ Damit bekräftigt Habermas im Grunde nicht mehr als die Geltung des Grundrechts auf Religionsfreiheit, doch ist diese ja gerade in ihrer Auslegung als Religionsausübungsfreiheit zunehmend gefährdet – auch hierzulande.

Habermas wäre aber nicht der Denker einer um Interessenausgleich bemühten Kommunikations- und Handlungstheorie, der er bekanntlich ist, würde er nicht zugleich eine Einschränkung formulieren: „In einem säkularen Staat müssen sie freilich auch akzeptieren, dass der politisch relevante Gehalt ihrer Beiträge in einen allgemein zugänglichen, von Glaubensautoritäten unabhängigen Diskurs übersetzt werden muss, bevor er in die Agenden staatlicher Entscheidungsorgane Eingang finden kann. Es muss gewissermaßen ein Filter zwischen die wilden Kommunikationsströme der Öffentlichkeit einerseits und die formalen Beratungen, die zu kollektiv bindenden Entscheidungen führen, andererseits eingezogen werden. Denn staatlich sanktionierte Entscheidungen müssen in einer allen Bürgern gleichermaßen zugänglichen Sprache formuliert und gerechtfertigt werden können.“

Das bedeutet zum Beispiel, dass sich die Kirche um eine Verkündigung ihrer Morallehre bemühen muss, die anschlussfähig ist an säkulare Konzeptionen von Mensch, Person, Würde, Leben und Recht. Die säkulare Ethik kann jedoch umgekehrt vom Erfahrungsschatz der Religionen profitieren, auch ohne ihren Offenbarungsgehalt zu übernehmen – das gelingt ohnehin nur im Glauben. Und den kann man nicht erzwingen. Doch auch, wenn Religion als Utopie verstanden wird, hat sie einen Wert für die Verständigung in einer gottvergessenen und daher ausschließlich der Welt zugewandten Kultur, denn: Wo die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus. Es ehrt den säkularen Gesellschaftsphilosophen Jürgen Habermas, dass er sich nicht scheut, den positiven Wert der Religion, des christlichen Glaubens für die moderne Gesellschaft zu betonen. In Zeiten brachialer Missverständnisse im Hinblick auf das Verhältnis von Vernunft und Glaube ist es gut, unter den philosophischen Geistern eine solch glaubwürdige Stimme zu hören.

Dieser Text erschien zuerst im Juni 2014 (anlässlich Jürgen Habermas‘ 85. Geburtstag) in der Tagespost.

(Josef Bordat)

Euthanasie mit weißen Handschuhen

„Wir sind stolz darauf, wie inklusiv und liberal wir sind. Wenn es jedoch darum geht, behinderten Kindern den Weg ins Leben zu ermöglichen, tun wir als Gesellschaft einiges dafür, dass dies möglichst unterbleibt.“ Das schrieb vor einigen Wochen Jan Fleischhauer im Spiegel.

Nun hat Papst Franziskus die Abtreibungspraxis bei diagnostizierter Behinderung mit der Euthanasie der Nazis verglichen. Im vergangenen Jahrhundert habe sich die ganze Welt über die Euthanasie der Nazis empört. „Heute machen wir dasselbe mit weißen Handschuhen“, so der Heilige Vater.

Man kann das, was heute passiert, nicht mit „damals“ vergleichen? Richtig. Die Nazis haben Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen aufgrund von Behinderung vor der Bevölkerung geheimzuhalten versucht, weil sie Widerstand fürchteten. Heute wird ganz offen darüber gesprochen und Länder wie Island werden überschwänglich gelobt, weil sie es geschafft haben, bestimmte Formen von Gen-Anomalie auszurotten. Das ist wirklich ein Unterschied.

Die Aktion T4 wird heute vorgeburtlich (darin wird dann auch der moralische Fortschritt gesehen) fortgesetzt, mit der gleichen Begründung (Leid der Betroffenen – man schaue mal den NS-Propagandafilm „Ich klage an“ von 1941 – und soziale Kosten minimieren) und dem (das ist neu) Irrtum, das Leben vor der Geburt sei ohnehin nicht schützenswert. Da waren selbst die Nazis näher an der Wahrheit.

(Josef Bordat)

Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat

An einem Sabbat ging Jesus durch die Kornfelder, und unterwegs rissen seine Jünger Ähren ab. Da sagten die Pharisäer zu ihm: Sieh dir an, was sie tun! Das ist doch am Sabbat verboten. Er antwortete: Habt ihr nie gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren und nichts zu essen hatten – wie er zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar in das Haus Gottes ging und die heiligen Brote aß, die außer den Priestern niemand essen darf, und auch seinen Begleitern davon gab? Und Jesus fügte hinzu: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat. Als er ein andermal in eine Synagoge ging, saß dort ein Mann, dessen Hand verdorrt war. Und sie gaben acht, ob Jesus ihn am Sabbat heilen werde; sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn. Da sagte er zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte! Und zu den anderen sagte er: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? Sie aber schwiegen. Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz, und sagte zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus, und seine Hand war wieder gesund. Da gingen die Pharisäer hinaus uns fassten zusammen mit den Anhängern des Herodes den Beschluss, Jesus umzubringen. (Mk 2, 23 – 3, 6)

Die entscheidende Wende, die durch die Ethik Jesu in Welt kommt, liegt nicht in der Geltung des Gesetzes selbst (die bleibt), sondern in der Auslegung des geltenden Gesetzes in Liebe (das ist neu). Es steht bei der Auslegung eines Gesetzes – und das erkannte Jesus – immer Barmherzigkeit gegen Buchstabentreue. Die Barmherzigkeit überwiegt bei ihm, weil sie bei Gott überwiegt.

Das begründet die Spannung zwischen Ihm und den Pharisäern, die Jesus oft für ihren inhaltsleeren Formalismus gerügt hat. Jesus kommt mit Seiner Ethik etwa zu dem Schluss, dass Heilen und Versorgen wichtiger ist als die Sabbatruhe, die im Dekalog immerhin an prominenter Stelle (3. Gebot) genannt wird und der in Exodus 20 genauso viele erläuternde Verse gewidmet sind (Ex 20, 8-11) wie Mord, Ehebruch, Diebstahl und Lüge zusammen (Ex 20, 13-16).

Es ist also nicht so, dass Jesus keinen Respekt vor dem Sabbat gehabt hätte, sondern dass er abwägt. Es muss einen guten Grund geben, die Ruhe des siebenten Schöpfungstages zu brechen – eine Frau, die „seit achtzehn Jahren krank war“ (Lk 13, 11), ein Mann, „dessen Hand verdorrt war“ (Mk 3, 1) oder hungrige Menschen (Mk 2, 23-28). Fest steht in diesen Fällen: Barmherzigkeit ist wichtiger als Gehorsam dem Wortlaut einer Norm gegenüber, oder wie Jesus den Pharisäern mitteilt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“ (Mk 2, 27).

(Josef Bordat)

Die gute Nachricht des Tages

Portugal-Irland 1:0

Wie gestern bekannt wurde, haben die Abgeordneten in Portugals Parlament gegen eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe gestimmt. Am Dienstagabend wiesen sie mit 115 zu 110 Stimmen einen entsprechenden Gesetzentwurf ab.

Damit bleibt auch das bisherige Verbot medizinischer Beihilfe zum Suizid bestehen.

Zuvor hatten sich Befürworter und Gegner einer Legalisierung einen emotionalen Schlagabtausch über Parteigrenzen hinweg geliefert. Die Abstimmung fand ohne Fraktionszwang statt.

(Josef Bordat)

Recht auf Abtreibung? Grund zu feiern?

So problematisch ich es finde, dass man Schwangeren in Not auch nach einer Vergewaltigung nur mit Strafe droht, statt ihnen beizustehen, so unerträglich finde ich es, wie nun ein angebliches „Recht auf Abtreibung“ ausgelassen gefeiert wird.

Zumindest in Deutschland gibt es ein solches Recht nicht. Dass Straffreiheit trotz Rechtswidrigkeit in der Summe als „Recht“ wahrgenommen wird, kann man ja psychologisch gerade noch nachvollziehen, dass Abtreibung aber in der öffentlich-rechtlichen „Tagesschau“ wie selbstverständlich als „Recht“ behandelt wird, ist nicht nachzuvollziehen.

Dass ich für so etwas qua Existenz Gebühren zu zahlen habe, tut schon einigermaßen weh: „Das Land hat seine eigenen Bürgerinnen schändlich behandelt – und daran ist wesentlich die Katholische Kirche schuld, mit der der irische Staat seit seiner Gründung in der Rebellion gegen das britische Empire eine unheilige Allianz eingegangen ist. Gut ein Jahrhundert nach der Staatsgründung schaffen es Politiker und Bürger, sich aus den moralischen Fesseln zu lösen, die Bischöfe und Priester und Nonnen ihnen zu lange anlegen konnten. Besser spät als nie.“

Was nun allgemein bejubelt wird, ist die Aussicht auf eine Fristenlösung wie sie von 1972 bis 1990 in der DDR galt. Bis zur 12. Schwangerschaftswoche darf das ungeborene menschliche Leben getötet werden. Der Embryo genießt bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Rechtsschutz. Es findet keine Beratung statt, um die Frau zu ermutigen, sich für das einzigartige Leben zu entscheiden, das in ihr heranwächst. Immer noch in Partylaune?

Warum eigentlich diese 12-Wochen-Frist? Es geht dabei offenbar nicht um „Empfindungsfähigkeit“ oder irgendein objektivierbares „Bewusstsein“, denn je nach dem, welche Ansprüche man an „Hirnströme“ stellt (Reicht ihre nachweisliche Existenz, also: „Strom fließt“ oder braucht es die Ausbildung eines gleichförmigen Wellenprofils auf dem Bildschirm?), liegt der erste Zeitpunkt ihres Auftretens zwischen der 6. und der 24. Schwangerschaftswoche. Irgendwo mittendrin liegt dann die 12-Wochen-Frist. Bei dieser geht es allein um pragmatische Fragen der Durchführbarkeit von Abtreibungen.

Fassen wir zusammen: Irland droht mit einer neuen Gesetzgebung zur Abtreibung weit hinter den bundesdeutschen Kompromiss zurückzufallen, weil eine klare Abstufung des Lebensrechts vorgenommen wird (was unser Grundgesetz nach geltender Ausdeutung durch das Bundesverfassungsrecht nicht erlaubt), und mitten in der DDR zu landen. Ein Grund, ausgelassen zu feiern, sieht anders aus.

(Josef Bordat)

Über Liebe

Theologen philosophieren über den Kernbegriff des Christentums: Liebe.

Was ist Liebe – eine große, eine für das christliche Selbstverständnis unumgängliche Frage. Gott ist die Liebe. Aber ist die Liebe dann umgekehrt „Gott“? Was meint Jesus, wenn er Liebe gebietet? Wie verhalten sich Agape und Eros zueinander? Systematische Klärungen solcher Fragen tun immer gut, gerade in einem Kontext, in dem es zur Renaissance des Liebesbegriffs in der Ethik kommt (vgl. dazu diese Rezension zum Sammelband „Liebe – eine Tugend?“)

Das Podium diskutiert über Liebe, Ehe, Sex. Foto: JoBo, 5-2018.

Auf dem Podium diskutierten unter der Moderation von Ulrich Hoffmann zwei kompetente Gesprächspartner: Martina Kreidler-Kos (Osnabrück), zuständig für Ehe- und Familienpastoral und der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff, einer der profiliertesten Ethiker aus den Reihen der Kirche; leider musste Marc Röbel, der Geistliche Direktor der Katholischen Akademie Stapelfeld, kurzfristig seine Teilnahme absagen.

Schockenhoff hat in seiner „Grundlegung der Ethik. Ein theologischer Entwurf“ (2007, Rezension) die Liebe als christliche Tugend im Sinne der Agape einen „sittlicher Grundakt“ genannt, „in dem der Mensch mit Zustimmung, Gutheißung und Urvertrauen dem Geschenk des Seins antwortet“. So werde sie zum „Strukturprinzip, das den Grund, die Form und das Ziel des christlichen Lebens und Handelns bestimmen soll“. Das kleine, aber feine Podium konkretisierte diese Formel.

Den ausführlichen Bericht zur Veranstaltung lesen Sie hier.

(Josef Bordat)