Das Gewissen der Sophie Scholl

Vor 100 Jahren wurde die Mitbegründerin der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ geboren.

Sommer 1942 in München. An der dortigen Universität studiert Sophie Scholl Biologie und Philosophie. Am 9. Mai 1921 in Forchtenberg geboren, wird ihr im Elternhaus – die Mutter war vor ihrer Ehe Diakonisse, ihr Vater ein liberaler Bürgermeister – eine christlich-humanistische Erziehung zuteil. Als junges Mädchen begann Sophie Scholl, sich intensiv mit den Schriften des Kirchenvaters Augustinus zu beschäftigen, die ihr inmitten der NS-Diktatur Halt und Orientierung gaben: Briefe und Tagebuch-Aufzeichnungen offenbaren einen tiefen christlichen Glauben.

Zusammen mit ihrem älteren Bruder Hans, der in München Medizin studierte, und einigen Freunden gründet sie die Widerstandsbewegung „Weiße Rose“, die Flugblätter gegen das Unrechtsregime Hitlers druckte und verbreitete. Im Freundeskreis rückte in den Diskussionen und bei der Planung dieser Aktionen eine Frage in den Mittelpunkt: Wie hat sich das Individuum in einer Diktatur zu verhalten? Die Antwort ist klar: Es hat sich zu erheben und zu widerstehen. Dieses Verhalten hat man oft „Aufstand des Gewissens“ genannt. In der Tat sind die Widerstandskämpfer gegen die NS-Diktatur am besten unter dem Begriff des „integeren Gewissens“ zusammenzufassen, das sich gerade dadurch auszeichnet, dass es nicht korrumpiert war wie das der meisten Deutschen, die sich nicht rührten, weil ihr Gewissen schwieg. Sie hatten es zum Schweigen gebracht. Bei ihnen war Hitler zumindest zeitweilig erfolgreich mit seinem Programm, das Gewissen zu überwinden, den Menschen vom Gewissen – selbstredend eine „jüdische Erfindung“ – zu „befreien“ und eine neue „Moral“ zu lehren, in der es nicht um den Einzelnen geht, sondern nur noch um die „Nation“.

Die Ethik des Nationalsozialismus umreißt Hitler wie folgt: „Die Tafeln vom Sinai [die Zehn Gebote, J. B.] haben ihre Gültigkeit verloren. Das Gewissen ist eine jüdische Erfindung. Es ist wie die Beschneidung eine Verstümmelung des menschlichen Wesens. Die Vorsehung hat mich zum größten Befreier der Menschheit vorbestimmt. Ich befreie den Menschen von dem Zwange eines Selbstzweck gewordenen Geistes, von der schmutzigen und erniedrigenden Selbstpeinigung einer Gewissen und Moral genannten Chimäre und von den Ansprüchen einer Freiheit und persönlichen Selbständigkeit, denen immer nur ganz wenige gewachsen sein können. Der christlichen Lehre von der unendlichen Bedeutung der menschlichen Einzelseele und der persönlichen Verantwortung setze ich mit eiskalter Klarheit die erlösende Lehre von der Nichtigkeit und Unbedeutendheit des einzelnen Menschen und seines Fortlebens in der sichtbaren Unsterblichkeit der Nation gegenüber. An die Stelle des Dogmas von dem stellvertretenden Leiden und Sterben eines göttlichen Erlösers tritt das stellvertretende Leben und Handeln des neuen Führergesetzgebers, das die Masse der Gläubigen von der Last der freien Entscheidung entbindet“ (Hitler, zit. nach Rauschning).

Anm.: Bitte beachten Sie zu diesem Zitat den Beitrag Nachtrag zu „Das Gewissen der Sophie Scholl“!

Die Geschwister Scholl gehörten zu denen, die sich nicht von dieser „Last“ entbinden ließen, denen Gewissen und Moral keine „Chimäre“, kein Ungeheuer war. Sie werden zu Märtyrern ihres Gewissens, ihrer Moral. Am 18. Februar 1943 werden Sophie, Hans und ihr Freund Christoph Probst von einem Hausmeister der Münchner Universität bei der Verbreitung eines Flugblatts ertappt und angezeigt. Noch am selben Tag werden die drei von der Gestapo verhaftet und intensiv verhört. Das Verhör von Sophie Scholl, das bis zum 20. Februar dauert, übernimmt Kriminalobersekretär Robert Mohr.

Die letzte Frage, die Mohr an Sophie Scholl richtet, klingt wie das Betteln um einen viel größeren Verrat, eben dem am eigenen Gewissen. Ob sie nicht letztlich doch der Meinung sei, so fragt Mohr, dass ihr Verhalten ein Verbrechen gegenüber der Gemeinschaft darstelle. Sophie Scholl verneint: „Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen“ (Auszüge aus den Verhörprotokollen, Februar 1943; Bundesarchiv Berlin, ZC 13267, Bd. 3).

Dem Gewissen zu folgen wird zum „Verrat“ in einem Regime, das das Gewissen zum „Monstrum“ erklärt, die Freiheit der Entscheidung als „Last“ deutet und den Einzelnen von seiner Verantwortung entbindet. Am 22. Februar wird Sophie Scholl zum Tode verurteilt, wegen „landesverräterischer Feindbegünstigung“, „Vorbereitung zum Hochverrat“ und „Wehrkraftzersetzung“. Noch am gleichen Tag wird sie durch das Fallbeil hingerichtet. Gefängnisbeamte berichten später über ihren furchtlosen Gang zur Hinrichtung.

(Josef Bordat)