Grenzen, oder: Beschränktheit aufgeben

Gott hat keine Grenzen. Gottes Liebe kennt keine definierten raumzeitlichen Gegebenheit, kein Bis hierhin und nicht weiter. Einschlägig ist dazu die Stelle, an der die Pharisäer Jesus fragen, wer denn das sei: dieser Nächste, den sie lieben sollen. Sie möchten von Jesus eine abgrenzende Definition hören, sie möchten hören: Nächste/r ist, wer diese Qualitäten und jene Eingeschaften hat, und wer das alles nicht hat, ist nicht der Liebe wert.

Jesus zerschlägt den (menschlich verständlichen) Wunsch nach Übersichtlichkeit und Ordnung. Er erzählt eine Geschichte voller Grenzüberschreitungen. Die Hauptperson darin ist ein Mensch von der anderen Seite der Grenze: ein Samariter. Er macht vor, was das heißt: Nächstenliebe. Auch in Sachen Dankbarkeit sticht ein Samariter hervor, eine Samariterin wird zur Gesprächspartnerin Jesu.

Im heutigen Evangelium klingt das alles ganz anders, ich hatte es schon angedeutet. Ich möchte da aber noch mal kurz einhaken und einen Aspekt ergänzen.

Jesus ist ganz Gott und ganz Mensch. Als Mensch muss er mit seinen Kräften haushalten und sich auf seine Kernkompetenz konzentrieren. Es hat keinen Sinn, über blinden Aktionismus die eigentliche Sendung zu vergessen. Das hatte ich geschrieben. Das ist aber nur die eine Seite.

Die andere scheint mir folgende zu sein: Als Mensch ist Jesus in eine bestimmte historische Situation hineingefallen. Er lebt in einer begrenzten und begrenzenden Welt voller Denkbarrieren: Wir Juden, die Andersgläubigen. Wir Israeliten, die anderen Völker. Wir Männer, die Frauen. Kinder, Hunde.

Jesus überwindet diese Grenzen, nicht nur im heutigen Evangelium, sondern in vielen Situationen. Doch der Weg dorthin ist auch für ihn kein leichter. Es braucht einiges an Anlauf. Auch Jesus braucht seine Zeit, so sieht es zumindest aus.

Er erfüllt zunächst die Erwartung der Gesellschaft. Doch dann überschreitet er die Grenzen, weil er im großen Glauben der Frau einen Grund dafür sieht. Jesus scheint den Impuls von außen zu brauchen, um die innere Begrenztheit abzulegen, und zugleich die Rollenerwartung an ihn als Rabbi selbstbewusst zu enttäuschen.

Jesus muss eigene Grenzen überwinden, um dann die Barrieren zu einer nicht-jüdischen Frau einreißen zu können. Daraus entwickelt sich nach und nach eine entgrenzte und entgrenzende neue Spiritualität, die sich im Christentum zur Religion verstetigt hat.

Für uns Christen in der Nachfolge Jesu bedeutet das: Auch wir müssen zunächst an uns arbeiten, um Beschränktheit aufzugeben und den Weg der Entgrenzung zu realisieren. Wir brauchen uns nicht zu schämen, wenn wir zuerst an uns denken, an unsere Mission in unserer Familie und unserer Gesellschaft. Wir sollten aber offenbleiben für die Not derer, die dabei zunächst ausgeschlossen sind.

(Josef Bordat)