Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen

Kleines Geburtstagsständchen für Ludwig Wittgenstein.

Am 26. April 1889 wurde in Wien der Philosoph Ludwig Wittgenstein geboren – heute vor 131 Jahren. Er hat sich viel mit Sprache befasst, doch seine vielleicht bekannteste These aus dem Schlussabschnitt des „Tractatus Logico-Philosophicus“ (bis 1918 fertiggestellt, 1921 erstmals erschienen, 1922 verbessert und 1929 als Dissertation in Cambridge vorgelegt) handelt vom Schweigen: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ (These 7).

Es geht dabei nicht – wie man vielleicht vermuten könnte – um Ethik, also um die Verheimlichung des Unsagbaren, um eine Moral der Opportunismus in Zeiten von Unfreiheit und Verfolgung, sondern um ein Postulat der Erkenntnistheorie: Die Bedingung der Möglichkeit sprachlicher Formen ist nach Wittgenstein der Formalisierung in Sprache entzogen. Man kann nicht genau sagen, was es ausmacht, zu denken und zu sprechen.

Wir sind heute (zumindest nach Auffassung vieler Philosophen) einen Schritt weiter, auch durch die Hilfe der Neurowissenschaften. Dennoch ist die Frage, was die vorreflexiven Möglichkeitsbedingungen des Denkens und der Formalisierung in Sprache ausmacht, erstaunlich offen. Wir sprechen von „Vernunft“ und – wenn es dann doch moralisch wird – von „Gewissen“, sagen, Menschen seien damit „begabt“, qua Geburt, durch die menschliche „Natur“, durch das „Wesen“ des Menschen, dasdurch, dass der Mensch Mensch ist, also: ohne weiteres, ohne Ausbildung, ohne Kosten. Doch was wir damit meinen, können wir nicht klar benennen und – wenn überhaupt – nur im negativen Modus bestimmen.

Das Schweigen hat einen besonderen Platz in dieser vorreflexiven Sphäre. Die Devotion geht der Reflexion voraus (Peter Wust), die Ruhe der Rede. Das Schweigen angesichts des Unsagbaren ist Weisheit, ist Freundschaft zur Wahrheit, einer Wahrheit, die im Verborgenen liegt. Thomas von Aquin, ein Großdenker und Vielschreiber, hat dies am Ende seines kurzen Lebens erkannt: „Alles, was ich geschrieben habe, scheint mir wie Stroh zu sein im Vergleich mit dem, was ich gesehen habe und was mir offenbart worden ist“.

Das Schweigen ist lautlos, nicht bedeutungslos. Es kann Auskunft geben, sogar verletzen, reden – beredtes Schweigen. Der Laut ist vergänglich, er verweht im Wind. Allein das Schweigen bleibt. „Schweigen ist die Sprache der Ewigkeit; Lärm geht vorüber“, meint die Mystikerin Gertrud von Le Fort. Das Schweigen gibt uns Einsicht in Dinge, die wir in ihrer Zartheit nur zerredeten, die zerfielen, versuchten wir, sie in den Be-Griff zu bekommen.

Auch für die Disziplin, die Denken und Sprache zum Gegenstand hat, und den Begriff als Handwerkszeug benutzt, ist das Schweigen bedeutend: Si tacuisses, philosophus mansisses. – „Hättest Du geschwiegen, wärst du ein Philosoph geblieben.“ Das auf Boëthius zurückgehende Diktum bedeutet uns den Wert des Unausgesprochenen, des Nichtgesagten, des ganz bewussten Stillehaltens.

Das Schweigen ist eine Form des philosophischen Handelns. Denn: Schweigen ist nicht Untätigkeit, sondern lautlose Betrachtung, Annäherung an das Wahre, Gute und Schöne. Es ist dem Staunen verwandt, das auch kein Geräusch macht, der Andacht, der Demut. In einer Kultur des Getöses, in der die permanente Statusmeldung den Ton angibt, ist Lautlosigkeit schwer vermittelbar. Doch je nichtssagender die Äußerungen werden, desto bedeutsamer wird die Erinnerung an die Erhabenheit des Nichtsagens, des Schweigens, der Stille.

Von Gott kann man unmöglich schweigen – vor Gott wird man es. Macht beim Gebet nicht viele Worte, rät Jesus seinen Jüngern. Christus selbst zieht sich regelmäßig zurück, zum Beten, zum Meditieren, zum Schweigen. Sein Schweigen zeugt nicht von Sprachnot, hat nichts mit dem Verstummen des Kraftlosen zu tun, der Ver-Sagt, dem es die Sprache verschlägt, dem die Argumente ausgehen, sondern vom stillen Verweis auf die Botschaft, die man hört, weil sie lautlos ist: Liebe.

„Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ So hat Ludwig Wittgenstein seinen „Tractatus Logico-Philosophicus“ begonnen (These 1). Und weiter: „Die Welt zerfällt in Tatsachen“ (These 1.2), mit der Konsequenz: „Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten“ (These 2). Was so positivistisch anhebt, entwickelt im Laufe des Werks auch eine Berechtigung für das Vor- und Überpositive, schwingt sich zu metaphysischen Höhen auf, wenn es etwas über die Grenzen der Logik heißt („Die Logik erfüllt die Welt; die Grenzen der Welt sind auch ihre Grenzen. Wir können also in der Logik nicht sagen: Das und das gibt es in der Welt, jenes nicht. Das würde nämlich scheinbar voraussetzen, dass wir gewisse Möglichkeiten ausschließen, und dies kann nicht der Fall sein, da sonst die Logik über die Grenzen der Welt hinaus müsste; wenn sie nämlich diese Grenzen auch von der anderen Seite betrachten könnte. Was wir nicht denken können, das können wir nicht denken; wir können also auch nicht sagen, was wir nicht denken können“, These 5.61) oder über den Sinn der Welt („Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen“, These 6.41). Und für das „Unaussprechliche“ hat Wittgenstein auch eine Bezeichnung: das „Mystische“: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische“ (These 6.522). Womit wir wieder beim Schweigen wären, auch, beim Schweigen des Philosophen. Denn der soll sich nach Wittgenstein aus der Metaphysik raushalten und sich stattdessen mit naturwissenschaftlicher Methode auf das insoweit Sagbare beschränken („Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft – also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat -, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend – er hätte nicht das Gefühl, dass wir ihn Philosophie lehrten – aber sie wäre die einzig streng richtige“, These 6.53), eine Selbstreduktion des philosophischen Denkens, die heute nicht nur eingefleischte Wittgensteinianer klaglos vornehmen. Aber das ist ein anderes Thema.

(Josef Bordat)