Ostern. Fest der Auferstehung

Die Entdeckung des leeren Grabes

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat. Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen dorthin, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als erster ans Grab. Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste. (Johannes 20, 1-9)

Die Botschaft der Engel im leeren Grab

Am ersten Tag der Woche gingen die Frauen mit den wohlriechenden Salben, die sie zubereitet hatten, in aller Frühe zum Grab. Da sahen sie, dass der Stein vom Grab weggewälzt war; sie gingen hinein, aber den Leichnam Jesu, des Herrn, fanden sie nicht. Während sie ratlos dastanden, traten zwei Männer in leuchtenden Gewändern zu ihnen. Die Frauen erschraken und blickten zu Boden. Die Männer aber sagten zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden. Erinnert euch an das, was er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: Der Menschensohn muss den Sündern ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen. Da erinnerten sie sich an seine Worte. Und sie kehrten vom Grab in die Stadt zurück und berichteten alles den Elf und den anderen Jüngern. Es waren Maria Magdalene, Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus; auch die übrigen Frauen, die bei ihnen waren, erzählten es den Aposteln. Doch die Apostel hielten das alles für Geschwätz und glaubten ihnen nicht. Petrus aber stand auf und lief zum Grab. Er beugte sich vor, sah aber nur die Leinenbinden (dort liegen). Dann ging er nach Hause, voll Verwunderung über das, was geschehen war. (Lukas 24, 1-12)

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Ohne Auferstehung ist der christliche Glaube sinnlos, ja, ohne Auferstehung (oder: ohne die Nachricht davon), gäbe es heute gar kein Christentum. Dieses hat sich nämlich durch die Nachricht von der Auferstehung entwickelt und verbreitet, gegen heftigen Widerstand über Jahrhunderte voller Gewalt, die diese Nachricht zum Verstummen bringen wollte.

Das Grab ist leer, der Held erwacht! – Oder?

Die Nachricht lautet: „Jesus ist auferstanden und mit seinem verklärten Leib in die Herrlichkeit Gottes eingegangen.“ So hat es der ehemalige Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, formuliert. Damit verbinde der Christ, so Erzbischof Müller, die Hoffnung, dass der Herr „in sichtbarer Leiblichkeit“ wieder kommen wird, um zu vollenden, was damals begann, denn: „Mit der Auferstehung Christi vollzog sich eine echte Neuschöpfung. Sie ist der Anfang der neuen Welt, des neuen Himmels und der neuen Erde.“ Dieses Neue irritiert die Menschen. Damals wie heute wird über den Wahrheitsgehalt der Auferstehungsnachricht vehement gestritten. Die Reaktionen sind ähnlich. Als Paulus im aufgeklärten Athen von der Auferstehung erzählt, bilden sich drei Gruppen: die Spötter, die Indifferenten, die Gläubigen (Apg 17, 32-34). Das kommt einem sehr bekannt vor. Nicht von der Predigt auf der Agora, sondern von Diskussionen im Forum.

Wer auferstehen will, muss zuerst sterben, und wer sterben will, muss zuerst leben.

1. Nach allem, was wir wissen, hat Jesus gelebt.

Wir sind über keine Persönlichkeit der Antike so gut unterrichtet wie über den historischen Jesus von Nazareth.

Es gibt insgesamt mindestens neun Texte, die nicht zur Bibel gehören und in denen Jesus erwähnt wird. Es sind dies das Testimonium Flavianum (Flavius Josephus), eine Jakobusnotiz, der Talmud, die römische Geschichtsschreibung bei Sueton, Tacitus und Plinius dem Jüngeren sowie Notizen bei Thallus, Mara Bar Serapion und Lukian von Samosata. Sie alle erwähnen Jesus, in je unterschiedlicher Absicht. Wichtige Lebensereignisse – wie der Prozess und die Hinrichtung Jesu – gelten Historikern als bestens belegte Tatsachen, weit umfassender und stichhaltiger belegt sind als vergleichbare Ereignisse der antiken Welt. Zudem gibt es archäologische Befunde, die die Existenz Jesu nahelegen, etwa die Wandzeichnung eines gekreuzigten Esels, eine antike Karikatur, mit der sich der Künstler über die Verehrung eines Gekreuzigten lustig macht; unterschrieben ist sie mit „Alexamenos betet seinen Gott an“.

Die Historizität dieser außerchristlichen Erwähnungen Jesu wird von einzelnen Autoren bestritten (etwa von Hermann Detering in „Falsche Zeugen. Außerchristliche Jesuszeugnisse auf dem Prüfstand“, 2011), von den meisten Neutestamentlern im Rahmen der historischen Jesusforschung aber als authentische Quellen gewürdigt (vgl. stellvertretend Gerd Theißen, Annette Merz: „Die Quellen und ihre Auswertung“, in „Der historische Jesus. Ein Lehrbuch“, 4. Auflage, 2011).

Die vier Evangelien beschreiben das Leben Jesu zwar nur bruchstückhaft, doch ist das im Ergebnis immer noch weit informativer als das, was wir etwa über den Philosophen Sokrates wissen.

Die Evangelisten wollten auch keine Biographien schreiben, sondern den theologischen Gehalt des Lebens Jesu herausstellen. Dabei haben sie ein je eigenes Erzählinteresse, weil sie sich an jeweils unterschiedliche Zielgruppen richten. Abweichungen zwischen den Evangelien sind daher unkritisch und sprechen eher für die Wahrheit der Aussagen. Dennoch stimmen die Berichte in verschiedenen wichtigen Einzelheiten überein. So konzentrieren sie sich auf die Geburt und ihre besonderen Umstände, die Heilungs- und Wundererzählungen, die Lehre in ihrer Neuheit und Außergewöhnlichkeit und vor allem das Leiden, den Tod und die Auferstehung Jesu, Ereignisse, mit denen Christen seitdem Opfer und Heil für die Welt verbinden.

Unterm Strich: Die meisten heutigen Historiker und Neutestamentler halten Jesu Existenz für gesichert, vor allem auch deshalb, weil die den Kern der urchristlichen Evangelien (unabhängig von der Bewertung der Historizität außerchristlicher Erwähnungen Jesu) als historisch zuverlässig beurteilen (vgl. Jens Schroeter: „Von der Historizität der Evangelien“. in: „Der historische Jesus. Tendenzen und Perspektiven der gegenwärtigen Forschung“, 2002).

2. Nach allem, was wir wissen, ist Jesus gestorben.

Klar, irgendwann! Die überwiegende Mehrheit der Historiker und Neutestamentler geht jedoch davon aus, dass Jesus nicht irgendwann gestorben ist, sondern um das Jahr 30 hingerichtet wurde, Opfer der damals in dieser Region der Welt üblichen Exekutionsmethode: Kreuzigung. In der Geschichte der vergangenen 2000 Jahre wurde immer wieder – vom Koran bis Goethe – darüber spekuliert, dass Jesus Folter und Kreuzigung überlebt habe und dann nach Indien oder Zentralasien gegangen sei.

Aufgegriffen wird diese These jetzt von Johannes Fried („Kein Tod auf Golgatha. Auf der Suche nach dem überlebenden Jesus“, 2019). Demnach erlitt Jesus bei der Folterung eine Lungenverletzung und fiel am Kreuz in eine todesähnliche Kohlendioxidnarkose, begünstigt durch den Essig, der Jesus gereicht wird. Ein römischer Soldat sorgt mit einem Lanzenstich für die medizinisch indizierte Punktion und kann so Jesu Leben retten. Der narkotisierte Jesus wird jedoch für tot gehalten, vom Kreuz abgenommen und ins Grab gelegt, wo er unter den pflegenden Händen der Jüngerinnen und Jünger wieder zu sich kommt und dann von „Männern in weißen Gewändern, wahrscheinlich Essener“ abgeholt wird, die fälschlich für Engel gehalten wurden. Bei den Essenern erholt sich Jesus wieder und kann fliehen. Johannes Fried beschreibt, wie sich in der Folge im Römischen Reich die Theologie vom auferstandenen Gottessohn verbreitete, während Jesus in Ostsyrien als Mensch und Gesandter Gottes verehrt wurde. Jesus habe all die Jahre unerkannt bleiben müssen, aus Sicherheitsgründen. Es fragt sich, wie das zu den zahlreichen Berichten über Jesu Erscheinen im Kreis der Jüngerinnen und Jünger passt, Begegnungen, die ja ganz wesentlich dazu beitrugen, dass sich der Glaube an den auferstandenen Gottessohn gegen alle Widerstände im Römischen Reich verbreiten konnte.

Dass Jesus am Kreuz durch den Speerstich eines Römers eine lebensrettende Pleurapunktion erhalten haben könnte, wie es Fried vermutet, hält Rudolf Neumaier („Süddeutsche Zeitung“) in seiner Rezension des Buchs für fragwürdig, aber nicht für unmöglich. Auffällig findet er nur, dass der Historiker Fried bei seinen Recherchen zwar Mediziner, aber keine Theologen befragt hat. Tatsächlich ist bereits das ausschließliche Hinzuziehen des Johannes-Evangeliums „ein wackliges Fundament“: „Für die Theologen gelten gerade die anderen drei Evangelien als die besseren historischen Quellen“, so Neumaier. Für Thomas Söding etwa ist es „völlig unvorstellbar“, dass Jesus Folter und Kreuzigung überlebt hat. Söding, Professor für Neues Testament in Bochum, meldet erhebliche Zweifel an Frieds Kompetenz an und bezeichnet seine Ausführungen in einem Gespräch mit der Katholischen Nachrichtenagentur KNA als „Nonsens“, als „luftige Konstruktion, die keiner wissenschaftlichen Prüfung standhält“. Belassen wir es dabei.

In den Evangelien nimmt das Leiden und Sterben Jesu den größten Raum ein. Das Johannesevangelium beschränkt sich vor allem auf die letzten Tage im Leben Jesu. Doch auch die Synoptiker schreiben ausführlich über die Gefangennahme, das Verhör, die Verurteilung, die Kreuzigung. Also: Jesus ist am Kreuz gestorben. Mehr noch: Jesus wurde in ein Grab gelegt.

Alles ganz normal bis hierhin. Doch jetzt kommt etwas ungewöhnliches: Das Grab war am Morgen des dritten Tages leer. Dafür werden in den Evangelien verschiedene Zeugen benannt, die mit Schrecken und Entsetzen auf das leere Grab reagieren: Soldaten, die das Grab bewachen sollten, Frauen, die kamen, um den Leichnam Jesu einzubalsamieren und die Jünger, die von den Frauen gerufen wurden. Wenn Frieds These von der Rekonvaleszenz ausfällt – was bleibt dann übrig? Zum Beispiel: Auferstehung!

Drei typische Einwände – drei Entgegnungen

Sicher: Auferstehung ist eine Frage des Glaubens. Dennoch kann man sich ihr auch als historisches Ereignis nähern und die Plausibilität der Nachricht prüfen. Drei Gedanken kommen mir dabei in den Sinn.

1. Es könnte sich bei der Nachricht von der Auferstehung um eine Lüge handeln, um einen kleinen Betrug, der gigantische Ausmaße annahm.

Ein typische Erklärung für das leere Grab lautet, dass der Leichnam Jesu gestohlen worden sei (Mt 28, 13), um eine Auferstehung vorzutäuschen. Gegen die Leichenraubhypothese sprechen aber drei Dinge: 1. die Wachen vor dem Grab (Mt 27, 65), 2. der Stein vor dem Grab (Mt 27, 60) und 3. der Umstand, dass im Grab Leinentücher gefunden wurden (Joh 20, 5), höchstwahrscheinlich jene, mit denen man Jesu einbalsamierten Leichnam nach jüdischem Brauch umwickelt hatte (Joh 19, 40). Das heißt: Die Diebe hätten zunächst den Stein vom Eingang zum Grab entfernen müssen, ohne die Wachen zu alarmieren. Statt nun den Leichnam möglichst schnell aus dem Grab zu stehlen, sollen sie diesen erst einmal in aller Ruhe aus den Leinentüchern gewickelt haben, um diese dann im Grab zurückzulassen, nicht ohne zuvor das Schweißtuch von den Leinentüchern separiert und säuberlich zusammengebunden zu haben (Joh 20, 7)? Und das, obwohl sich ein starrer Körper nur sehr schwer handhaben lässt? Und das, obgleich der umwickelte und daher kompakte Leichnam wesentlich leichter zu transportieren gewesen wäre? Und das angesichts der großen Entdeckungsgefahr? Das ist höchst unwahrscheinlich.

Das Grab könnte aber auch in Kooperation der Jünger Jesu mit den Soldaten geleert worden sein. Übergehen wir mal die Frage, warum sich die Wachen auf solch einen Deal hätten einlassen sollen (viel zu bieten hatten die Jünger ihnen sicher nicht, ihre finanziellen Möglichkeiten waren gering und ihr politischer Einfluss war gleich Null), aber bleiben wir trotzdem mal dabei: die Auferstehung als Betrug.

Über Betrugsabsichten wurde damals schon spekuliert – unter der jüdischen Obrigkeit (Mt 27, 62-66). Deswegen der Stein, deswegen die Wachen. Warum aber erwähnt der Evangelist Matthäus dies? Wenn es den Betrug gab, könnten diese Worte dazu dienen, ein erklärendes Argument für die Skepsis nachzuschieben, die eine Generation nach Christus auftrat. Was jedoch eindeutig gegen die Betrugsthese spricht, das ist die Geschichte der Urgemeinde, der jungen Kirche. Eine Lüge gibt man irgendwann auf, wenn der Preis zu hoch wird, einen Betrug gesteht man ein, wenn der Widerstand zu groß wird. Zumindest zieht man sich schweigend zurück. Das Gegenteil ist aber der Fall: Gegen alle Widerstände wird die Nachricht verbreitet. Warum hielten sie daran fest, obwohl es sie sehr oft das Leben kostete? Warum haben sie die Lüge, wenn es denn eine war, so gut durchgehalten? Welches Gut ist mehr wert als das eigene Leben? Doch nur eine Wahrheit, für die es sich zu sterben lohnt. Und keine Lüge! Paulus selbst meinte, dass es sich nicht lohnte, für den Glauben zu sterben, wenn es nicht um die Auferstehung als wahren Kern dieses Glaubens ginge (1 Kor 15, 17-19).

2. Wenn Fremdtäuschung ausscheidet, könnte es sich aber immer noch um Selbsttäuschung handeln.

Dann hätten sie sich die Auferstehung womöglich nur eingebildet und eingeredet. So etwas ist durchaus denkbar. Halluzinationen kommen – zumal in Stresssituationen – nicht gerade selten vor. Nur ist es schwer vorstellbar, dass verschiedene Menschen an verschiedenen Orten urplötzlich unter der gleichen Psychose leiden, die dann Jahrzehnte lang andauert und offenbar hoch ansteckend ist. Nicht nur die Jünger hatten das überwältigende Gefühl der spürbaren Anwesenheit ihres Herrn, sondern auch eine ganze Menge anderer Menschen, darunter solche, die Jesus nie gefolgt waren oder ihn und seine Anhänger sogar verfolgt hatten, darunter Paulus (1 Kor 15, 3-8). Und mit dessen Berufung endet die Massenpsychose (also die Erscheinungen des auferstandenen Jesus) wieder – so urplötzlich, wie sie begann? Möglich, aber nicht überzeugend.

3. Wir haben nur das biblische Zeugnis der Auferstehung. Das ist sehr wenig. Das war auch den ersten Christen sicherlich klar.

Dabei ist zunächst einmal festzuhalten, dass es außerhalb der Evangelienberichte weitere biblische Hinweise auf die Auferstehung Jesu gibt. In einem Brief an die Gemeinde in Korinth, der etwa zwanzig Jahre nach der Auferstehung verfasst wurde, beschreibt der Apostel Paulus die Stimmung in der Jerusalemer Urgemeinde und nennt neben „Kephas“ (Petrus) und „den Zwölf“ (vgl. 1 Kor 15, 5) weitere Zeugen: „Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen“ (1 Kor 15, 6). Wenn Paulus ganz unbefangen schreibt, dass die meisten der Zeugen noch leben, hält er sie offenbar für so glaubwürdig, dass er keine Nachfragen an die Urgemeinde fürchtet. Zuvor fasst Paulus den christlichen Glauben zusammen: Christus ist „für unsere Sünden gestorben“, wurde „begraben“ und „am dritten Tag auferweckt“ (1 Kor 15, 3-4). Petrus wiederum stellt sich und die anderen Apostel als Zeugen zur Verfügung. An Pfingsten spricht er in Jerusalem zur mehrheitlich nicht-christlichen Bevölkerung und stellt die Auferstehung in den Mittelpunkt. Er sagt: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt, dafür sind wir alle Zeugen“ (Apg 2, 32). Auch er scheut offenbar keine Nachfrage.

Noch einmal: Der Auferstandene zeigt sich den Jüngern, die Evangelien berichten davon. Wer nun meint, die Menschen in der Antike seien halt leichtgläubig gewesen und daher solchen Erscheinungen gegenüber aufgeschlossener als der moderne Mensch, der sollte sich vor Augen halten, dass mit dem Apostel Thomas die moderne Skepsis einen Vertreter in den Reihen der Jesus-Freunde hat. Thomas forderte nämlich auch einen Beweis, wobei er sehr genau definierte, welche Erfahrung ihn denn zum Glauben daran brächte, dass Jesus auferstanden ist: eine sinnliche nämlich. Er bekommt seinen empirischen Beweis – und glaubt (vgl. Joh 20, 24-29).

Dennoch: Spätestens bei der Abfassung der Evangelien muss klar gewesen sein, dass die Dokumente zur Auferstehung rar sind. Nun ist es ja so, dass man, wenn einem schon bewusst ist, auf welch dünnem Eis man sich bewegt, nicht unbedingt auch noch darauf herumspringt. Genau das tun aber die Evangelisten. In geradezu fahrlässig naiver Weise werden Menschen als Hauptzeugen der Auferstehung eingeführt, die in der antiken Gesellschaft nichts gelten: Frauen – mal zwei (Mt 28, 1), mal drei (Mk 16, 1), mal eine ganze Gruppe (Lk 24, 10). Dieses Detail ist deswegen besonders pikant, da es nach der antiken Rechtsauffassung ausschließlich auf das Zeugnis ankam, um die Wahrheit eines Sachverhalts nachzuweisen; eine unabhängige Untersuchung der Indizien, wie wir sie heute kennen, fand nicht statt – zum Urteil führte entweder das Geständnis oder ein glaubwürdiges Zeugnis. Nun werden ausgerechnet Frauen genannt! Und ein Mann, der drei Tage zuvor dreimal gelogen hatte: Petrus (Lk 24, 12). Auch darüber berichten die Evangelisten schamlos. Warum aber erzählen sie die Geschichte so unglaubwürdig? Die einzig plausible Antwortet lautet: Weil sie genau so geschehen ist. Das heißt: Sie ist wahr.

Auferstehung: Unglaublich, aber wahr!

Wer die Auferstehung bloß als historisches Faktum begreift und als solches zu rekonstruieren versucht, verfehlt jedoch die Dimension des unendlichen Heils im Ewigen Leben, die Christi Auferstehung unserer Existenz verleiht und nimmt dem Glauben zudem sein tiefstes Geheimnis. Denn der christliche Glaube erschöpft sich nicht im reinen Nachvollzug von Fakten, sondern besteht gerade auch in der Einlassung auf das, was sich unserer unmittelbaren Anschauung entzieht.

Die Nachricht von der Auferstehung Jesu Christi ist unglaublich. Aber wahr. Wir dürfen sie feiern und wir sollen sie bezeugen, damit sie weiter die Runde macht und alle Menschen erfahren, was es mit Ostern auf sich hat.

Frohe Ostern!

(Josef Bordat)

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Karwoche. Hoffnung auf Freiheit

Die Karwoche ist geprägt von der Hoffnung auf Freiheit. Die meisten hoffen dabei auf den politischen Befreier Israels, nur ganz wenige denken an die spirituelle Freiheit des Geistes, Befreiung von religiösem Formalismus, an ein Frei werden vor und für Gott. Jene Hoffnung auf äußere Freiheit wird enttäuscht, diese Chance zur inneren Freiheit bleibt ungenutzt, weil unverstanden. So wird aus dem „Hosianna!“ ganz schnell ein „Kreuziget ihn!“, weil man sich einfach „mehr“ versprochen hat, verkennend, dass in der Passion „alles“ an Befreiung angelegt ist, was der Mensch braucht.

Mit der Auferstehung werden beide Hoffnungen erfüllt. Die Freiheiten des Inneren und des Äußeren fließen zusammen, werden eine untrennbare Einheit, die es ermöglicht, die Freiheit gleichermaßen zum Thema von Religion und Politik zu machen. Nur im Christentum ist das in dieser Eindeutigkeit gelungen, weil nur hier die Wertschätzung des Individuums und der Gemeinschaft gleichermaßen eine Rolle spielt.

Die Freiheit Gottes ist Grund der menschlichen Freiheit (Thomas von Aquin). Und Gott will uns in Christus befreien: Der österliche Mensch ist das irdische Wesen mit der größten Freiheit (Jörg Zink). Oder, in den Worten des Galaterbriefs: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5, 1). Sich dem christlichen Glauben der Kirche anzuschließen, bedeutet also nicht die Aufgabe von Freiheit, sondern ganz im Gegenteil: die Ermöglichungsbedingung ungeahnter Freiheitserfahrung.

„Die Freiheit kennzeichnet die im eigentlichen Sinn menschlichen Handlungen“, heißt es im Katechismus (Kompendium, Nr. 363). Die Freiheit ist so eng mit der Handlung verbunden, dass ein unfreies Handeln schlicht unmöglich wird. Unter Zwang mögen sich Dinge ergeben oder ereignen – gehandelt werden kann nur in Freiheit.

Ein gutes Beispiel für die Kraft des Christentums aus der Befreiung im Inneren ist denn auch die historische Überwindung der Sklaverei als äußerliches Phänomen des Rechts- und Wirtschaftssystems. Zwischen 1500 und 1800 wurden fast 11 Millionen Menschen aus Afrika nach Amerika und Europa verschleppt. Auch von Christen. Zugleich unter dem Protest von Christen, von prominenten Christen wie Papst Urban VIII. und einfachen Missionaren wie Petrus Claver.

Arnold Angenendt erinnert an die Rolle der „englischen und amerikanischen Dissenters, die ihre Länder zunächst für ein Verbot des Sklavenhandels und dann auch des Sklavenbesitzes zu mobilisieren vermochten“. Sie beriefen sich nicht auf politische Revolutionen, sondern auf die Revolution schlechthin: „den durch Christi Sühneblut bewirkten Loskauf“, die Erlösung des Menschen, die zur Befreiung aller Menschen motiviert.

Humanismus und Aufklärung hingegen entwickelten zur Sklavenfrage „keine eigenen Positionen, sondern übernahm allmählich die Positionen der Quäker und Evangelikalen“ (Egon Flaig). Ansonsten kann man in der Sklavenfrage mit Delacampagne von der „Gleichgültigkeit der Humanisten“ und dem „Schweigen der Philosophen“ sprechen, die sich höchstens, so Robin Blackburn, zu Wort meldeten, um die religiösen Begründungen der Sklaverei durch pseudowissenschaftliche Versuche „rassischer Anthropologie“ zu ersetzen. Selbst im aufgeklärten 18. Jahrhundert dachten „nur wenige“ der führenden Denker und Lenker „an eine restlose Abschaffung der Sklaverei“ (Stolberg-Rillinger).

Freiheit ist nicht selbstverständlich – die äußere nicht und die innere erst recht nicht. In diesem Jahr, in dem wir 70 Jahre Grundgesetz und 30 Jahre Mauerfall feiern, wird uns das bewusst. Unser ganzes Leben ist geprägt von der Hoffnung auf Freiheit. In der Karwoche wird das ganz besonders deutlich. Wenn die Falschen verhaftet und die Falschen freigelassen werden, wenn das Zwangssystem zu triumphieren scheint, wenn jedes Fünkchen Hoffnung auf das kleinste Stückchen Freiheit nur noch absurd wirkt, dann gibt uns das leere Grab den entscheidenden Hinweis: Gott befreit uns zum Leben.

(Josef Bordat)

Kamerun und Süd-Sudan

Zwei Ordensmänner haben mir gestern auf unterschiedlichen Wegen sehr nachdenklich stimmende Informationen zukommen lassen, die ich hier teilen möchte.

Zum einen hatte ich die Gelegenheit, den Erfahrungsbericht eines Fokolars aus Deutschland zu hören, der einige Jahre in einem Krankenhaus in Kamerun gearbeitet hat. Dieses Krankenhaus sowie andere soziale Einrichtungen (u.a. auch die einzige Schule in der Region) mussten die Missionare im Herbst 2018 aufgrund der zunehmenden Spannungen zwischen Rebellen und Regierungstruppen aufgeben. Die Rebellen streben die Unabhängigkeit des englischsprachigen Teils Kameruns von der französischsprachigen Mehrheit an. Der Kampf ist aussichtslos, der Preis ist hoch. Wie immer leiden besonders die Alten, die Kranken und die Kinder.

Gewalt von oben prägt das Leben der Menschen im Süd-Sudan, wo ein befreundeter Comboni-Missionar aus Berlin tätig ist. Dieser hat mir einen interessanten Artikel geschickt, der aufzeigt, wie die südsudanesische Regierung ethnische Säuberungen gegen viele einheimische Völker gezielt durchführt und einen tragfähigen Frieden unmöglich macht. Der englischsprachige Text der Anthropologin Carol Berger kann hier abgerufen werden.

Kamerun und Süd-Sudan – zwei Länder, an die ich in der Karwoche besonders denken werde. Dass dem Leiden und Sterben bald ein Ende gesetzt werden möge, damit neue Hoffnung auf Frieden wachsen kann, was die Voraussetzung dafür ist, um helfen, heilen, pflegen und bilden zu können. Mehr wollen die Missionare nicht.

(Josef Bordat)

Passion

Passion – das ist die bestens bekannte Geschichte des Leidens und Sterbens unseres Herrn Jesus Christus, die Geschichte Seines Todes am Kreuz.

Es herrscht „Sprachnot in der Soteriologie“[1] angesichts des Kreuzes. Das Heil hat Pause. Stille Betroffenheit im Anblick des gottverlassenen Herrn. Es endet die Liebe vermeintlich im Hass, die Hinrichtung lässt scheinbar keine Hoffnung auf Heil. Die Existenz des einen Menschen schlechthin stellt die Existenz aller in Frage: Was wird aus uns, wenn selbst unser Gott dem Bösen und dem Leid unterliegt?

Das Spannungsverhältnis von Leid und Heil ist eine Zerreißprobe: Sollen wir, besser: können wir, angesichts des gegenwärtigen Leids auf das kommende Heil vertrauen? Die christliche Existenz steht im Zeichen des Kreuzes. Es drängt sich die Frage auf: Hat sich Gott von den Menschen zurückgezogen? Diese Annahme begegnet uns etwa bei Dietrich Bonhoeffer. So schreibt er in einem Brief vom 16. Juli 1944: „Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott läßt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt.“[2] Weil wir Ihn ablehnen, reagiert Er mit Rückzug.

Dagegen steht das Postulat des bedingungslosen Vertrauens auf die Fügungen Gottes angesichts seiner Unergründlichkeit. Dieses zerfällt in zwei Teile. Erstens in die Erkenntnis und Akzeptanz der tiefen Unergründlichkeit Gottes, die schon der Apostel Paulus eindrücklich beschrieb: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“ (Röm 11, 33). In diesem Sinne gibt es keine Auflösung des Spannungsverhältnisses von Leid und Heil. Wir sind schlechterdings nicht berechtigt, den Sinn des Leids zu ergründen oder Gott sogar anzuklagen. Daraus folgt dann, wenn man weiter an Gott glauben will, zum zweiten das bedingungslose Vertrauen auf Gott.

Je mehr die Theodizeefrage als Frage nach der „Gerechtigkeit Gottes“ angesichts des Bösen und des Leids[3] – nichts Geringeres verbirgt sich ja im Kreuz – zur Ketzerfrage erklärt wird, weil sie, wie schon Kant betonte, die menschliche Ratio überfordert und, so Hermann Lübbe, „religiös überflüssig“ und „religionsgeschichtlich belanglos“ sei, ja, sogar gefährlich, da sie sich, wie Lübbe im Anschluss an Odo Marquard betont, potentiell in Totalitarismus verkehre,[4] umso stärker drängt sich die Frage nach der Überwindung auf und umso stärker rückt die Dimension des Heils als möglichen letzten Sinns von Leid in den Blick.

Im Anschluss daran treibt die Kritik am Postulat göttlicher Allmacht den Perspektivenwechsel von der universalen Ursachenforschung hin zur individuellen Überwindung des Leids und nimmt den Menschen selbst in die Verantwortung. Was einerseits als „Umgehungsversuch“ kritisiert wird, um weiterhin „ohne Gewissensbisse die Existenz eines gütigen Gottes“ behaupten zu können,[5] erscheint andererseits als die eigentliche Essenz theologischen Nachdenkens über das Leid: nicht Erklärung, sondern Überwindung.[6] Und dies möglichst konkret. Am konkretesten geschieht die Überwindung – wie wir wissen – in der Auferstehung und dem Ewigen Leben als Antwort Gottes auf die Kreuzigung Christi.

Es gilt also nicht mehr Leibnizens Erklärung für gelingende Kontingenzbewältigung in unendlicher Perspektive, gleichsam eine Draufsicht auf den Weltenlauf, die nur Gott hat und wir Menschen, die wir im Hier und Jetzt leiden, eben nicht.[7] Aus dem metaphysisch begründeten Heil der Welt wird das persönlich erfahrene Leid und das daraus unmittelbar erwachsene Heil des menschgewordenen Gottes in der Welt, eines Gottes, der sich für diese Wandlung selber wandelt und den Kriterien Raum und Zeit unterwirft und dabei phasenweise seine Allmacht aufgibt, wie Hans Jonas andeutet.[8] Dies geschieht in schwacher Form in der Schöpfung, in der Erschaffung des Menschen als sein Abbild (Gen 1, 26-27) und in starker Form in seiner Menschwerdung in Jesus Christus.

Auch die Passion Christi bleibt freilich eine Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Leids schuldig. Sie zeigt aber die Möglichkeit seiner Überwindung auf, was mit Jonas als Herausforderung für eine in Verantwortung tätige Menschheit verstanden werden muss. Gleichzeitig erfährt auch der Gekreuzigte die Gottferne des modernen Menschen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mt 27, 46). Genau das fragen wir auch angesichts des malum morale von Krieg und Terror und des malum physicum verheerender Naturkatastrophen. Doch wir vermögen angesichts des Kreuzes zu erahnen, dass Gott uns nicht verlassen hat, denn wir glauben, dass alles Leid, das uns widerfährt, bereits im Leiden des Gekreuzigten enthalten ist und nichts mehr hinzutreten kann zu diesem Leid, das notwendig war für das Heil der Welt und die ganz persönliche Vollendung Christi, die in den letzten Worten deutlich wird: „Es ist vollbracht!“ (Joh 19, 30) und – als Ausdruck der Geborgenheit – „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23, 46). Unser Leid erhält genau darin einen Sinn, dass es Teil der Nachfolge Christi und damit Teil des Heilsplans Gottes ist.

Anmerkungen:

[1] Tobler, Stefan (2003): Jesu Gottverlassenheit als Heilsereignis in der Spiritualität Chiara Lubichs. Ein Beitrag zur Überwindung der Sprachnot in der Soteriologie. Berlin.
[2] Bonhoeffer, Dietrich (1985 [1944]): Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hg. v. Eberhard Bethge, München, S. 394.
[3] Bordat, Josef (2007): Das Böse und die Gerechtigkeit Gottes, in: G. Engel / M.-C. Gruber (Hg.): Bilder und Begriffe des Bösen. Berlin 2007, S. 13-27.
[4] Lübbe, Hermann (1986): Religion nach der Aufklärung. Graz, S. 195 ff.
[5] Streminger, Gerhard (1992): Gottes Güte und die Übel der Welt. Das Theodizeeproblem. Tübingen, S. 179.
[6] Geyer, Carl-Friedrich (1992): Die Theodizee. Diskurs, Dokumentation, Transformation. Stuttgart, S. 32.
[7] Leibniz, Gottfried Wilhelm (1996 [1710]): Die Theodizee. Von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels, in: Philosophische Schriften (Bd. 2), Frankfurt/M.
[8] Jonas, Hans (1984): Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme. Frankfurt/M., S. 77 f.

(Josef Bordat)

Kreuzverhüllung

Vielleicht haben Sie sich auch schon mal gefragt, warum in der Passionszeit, also der Zeit zwischen dem Passionssonntag und der Kreuzverehrung am Karfreitag, in den Kirchen die Kreuze verhüllt sind.

Die Antwort steht im heutigen Tagesevangelium: „Jesus aber verbarg sich und verließ den Tempel“ (Joh 8, 59). Der Zeitpunkt der Hinrichtung ist noch nicht gekommen, auch wenn „die Juden“ (Johannes) bereit stehen: „Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen“ (Joh 8, 59).

(Josef Bordat)