Über Maria

Kaum ein Mensch hat die Kunst und Literatur so sehr inspiriert wie Maria.

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Wie ein Stern den anderen an Helligkeit übertrifft, so übertrifft die Geburt der allerseligsten Jungfrau die Geburt aller Heiligen, denn bereits im Schoß ihrer Mutter wurde sie mit der heiligmachenden Gnade ausgestattet.

Antonius von Padua

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Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.

Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum verweht,
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mir ewig im Gemüte steht.

Novalis (Georg Philipp Friedrich Leopold Freiherr von Hardenberg), aus: Geistliche Lieder.

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Ich glaube, daß er mir geboren ist, von der reinen Jungfrauen Marien, ohn allen Schaden ihrer leiblichen und geistlichen Jungfrauschaft, auf daß er nach Ordnung väterlicher Barmherzigkeit meine sündliche und verdammte Geburt, und aller seiner Gläubigen, gebenedeyet, unschädlich und rein machete.

Martin Luther, aus: Kurze Form die zehen Gebote, Glauben und Vater Unser zu betrachten.

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Um die Gottesmutter und ihre Bedeutung im Christentum katholischer Prägung geht es auch hier.

Einen Schönen Feiertag!

(Josef Bordat)

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Logik, nicht Leibfeindlichkeit

Heute – genau neun Monate vor dem Fest Mariä Geburt – feiert die Kirche das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria, kurz: Mariä Empfängnis, im Volksmund fatalerweise auch „unbefleckte Empfängnis“ genannt.

Fatal ist das deshalb, weil es der allgemeinen Desinformation zu Glaubensfragen in die Karten spielt. So meinen denn auch prompt einige, die Kirche nenne Marias Empfängnis vom Heiligen Geist „unbefleckt“ und halte dann wohl umgekehrt einen normalen Geschlechtsakt für „befleckt“, also „sündhaft“ .

Gemeint ist mit der „unbefleckten Empfängnis“ aber nicht, dass Maria ohne Sex schwanger wurde, sondern dass sie ohne Sünde geboren wurde. Deswegen heißt es auch „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“, nicht „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenden Jungfrau und Gottesmutter Maria“.

Warum aber wiederum dies: „ohne Erbsünde empfangen“? Warum sagt die Kirche, Maria sei frei von Schuld? Der Gedanke ist folgender: Wenn Jesus auch als Mensch frei von Sünde war, dann brauchte Er in Seinem Wachsen und Werden als Mensch eine Umgebung, die ebenfalls frei war von Sünde.

Also: Es geht heute um Logik, nicht um Leibfeindlichkeit.

(Josef Bordat)

Nikolaus. Einige Fakten

Nikolaus lebte zwischen 270 (frühest mögliches Geburtsjahr) und 365 (spätestes mögliches Sterbejahr). Über sein Leben wissen wir fast nichts.

Fest steht: 1. Während der Christenverfolgung im Jahr 310 wurde Nikolaus gefangen genommen und gefoltert. 2. Nikolaus war in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts Bischof von Myra. 3. Als solcher nahm Nikolaus (höchstwahrscheinlich) am Ersten Konzil von Nicäa (325) teil.

Fest steht ferner: Nikolaus hat sein ererbtes Vermögen den Armen gegeben. Das ist durch verschiedene Quellen belegbar. Wie genau er das Vermögen verteilte, ist nicht bekannt. Seine tätige Nächstenliebe ist Gegenstand zahlreicher Legenden.

Der Heilige Nikolaus
Der Heilige Nikolaus, dargestellt mit drei Goldkugeln als Attribut nach der Mitgiftspenden-Legende. Seitenaltar in der Chiesa del Gesù Nuovo, Neapel. Foto: JoBo, 11-2018.

Nikolaus‘ Reliquien befinden sich in der eigens dafür errichteten Basilika San Nicola in Bari. Sie wurden im 11. Jahrhundert von süditalienischen Kaufleuten vor den Seldschuken in Sicherheit gebracht, die Myra eroberten.

Nikolaus ist Patron zahlreicher Kirchen, unter anderem der ältesten Kirche Berlins, der Nikolaikirche aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Eine besonders sehenswerte Kirche ist San Nicolás in Valencia.

(Josef Bordat)

Adveniat

Wie in jedem Jahr ruft Adveniat zu Beginn der Adventszeit zu Spenden auf. Die Weihnachtskollekte ist für die Finanzierung des Lateinamerika-Hilfswerks der Deutschen Bischöfe von größter Bedeutung. Etwa die Hälfte des Etats wird zu Weihnachten realisiert. In den Sozialen Medien ist man skeptisch.

Spenden? Da sollte die Kirche aber erst mal ihr Milliardenvermögen veräußern, um den Armen zu helfen!

Klar, das ist natürlich viel naheliegender als diejenigen, die das Milliardenvermögen übernehmen könnten, das Geld also flüssig haben (in der Vorstellungswelt der „Kirche soll Milliardenvermögen veräußern“-Menschen), zum Spenden dieses Geldes aufzurufen. Tipp: Auch dann wäre man aus der Sache raus und müsste selbst nichts mehr tun. Im übrigen ist Adveniat ein unabhängiges Hilfswerk, das nur zu einem ganz geringen Teil Finanzmittel der Kirche verwendet.

Wieso soll ich für Adveniat spenden, wenn die doch sowieso vom Staat finanziert werden? Mit meinen Steuergeldern!

Adveniat wird nicht vom Staat finanziert, sondern von Menschen, die Adveniat direkt Geld zukommen lassen. Adveniat hatte 2017 rund 51,8 Millionen Euro Einnahmen, davon waren 45,4 Millionen Euro Spendengelder (87 Prozent). Besonders großes Gewicht hatte – wie in jedem Jahr – die Weihnachtsaktion (24,8 Millionen Euro). Dazu kommen Erbschaften und andere Zuwendungen, die sachlich ebenfalls Spendencharakter haben. Ergo: Zu über 90 Prozent wird die Arbeit des Lateinamerika-Hilfswerks der Deutschen Bischöfe über das Engagement von Einzelpersonen finanziert. Zusätzlich zur Steuer, zur Kirchensteuer und was sonst noch anfällt.

„Arbeit“, „Arbeit“! – Missionieren, oder was?!

Adveniat leistet in Lateinamerika und der Karibik wertvolle Arbeit im Bereich von Gesundheit und Pflege, Bildung und Erziehung, Infrastrukturverbesserung und Aufbau der Zivilgesellschaft. Dass dabei das christliche Menschenbild eine Rolle spielt, das z.B. Frauen und Männern gleiche Würde zubilligt und jedes menschliche Leben wertschätzt, ist selbstverständlich. Schadet dabei aber nicht.

Am Ende kommt doch ohnehin nichts bei den Armen an!

Adveniat arbeitet seriös und steckt ein Maximum des Geldes, das der Einrichtung zur Verfügung steht, in die Projekte. Adveniat trägt seit Jahren das Spenden-Siegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI). Als förderungswürdig gilt in Deutschland eine Einrichtung, deren Ausgaben für Werbung und Verwaltung bei nicht mehr als 30 Prozent der Gesamtausgaben liegen. Kirchliche Organisationen wie Adveniat schneiden da mit weniger als 10 Prozent sehr gut ab. Heißt: von jedem gespendeten Euro kommen mindestens 90 Cent bei den Armen an. Und mit dem Rest wird dafür gesorgt, dass das auch so bleibt, denn jedes Jahr wollen Menschen neu überzeugt werden.

Aber das bringt doch sowieso nichts!

Wer weiß, dass Adveniat in Lateinamerika und der Karibik derzeit mehr als 2000 Projekte unterstützt, und wer sich zudem die Projektbeispiele im Adveniat-Jahresbericht 2017 anschaut, der kann auch zu einem anderen Urteil gelangen. Kann, muss nicht. Aber: kann.

Und Du? Was spendest Du?!

Ich gebe Adveniat seit Jahren zu Weihnachten einen Betrag, der meiner finanziellen Situation entspricht. Das ist nicht viel. Richtig. Es ist halt ein kleines Geschenk an Menschen, denen ich mich verbunden fühle, ohne sie im Einzelnen zu kennen. So sehe ich das. Außerdem ist eine Spende an Adveniat steuerlich absetzbar. Lohnt sich also auch von daher.

(Josef Bordat)

Erster Advent

Am ersten Adventssonntag beginnt ein neues Kirchenjahr. Es beginnt zugleich die Vorbereitung auf Weihnachten, auf das Fest, das uns Christen an die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth erinnert. Mit dem göttlichen Christus kam etwas in die Welt, das zuvor durch die Sünde verdunkelt war: die Liebe. Die Liebe Gottes zum Menschen ermöglicht die Liebe des Menschen zu Gott und zum Mitmenschen. Die Adventszeit dient der betrachtenden Vorbereitung auf diesen Neuanfang Gottes mit dem Menschen, der dem Neuanfang des Menschen mit Gott vorausgeht.

Das klingt sehr anspruchsvoll und ist es auch. Alfred Delp hat es mit drastischen Worten ausgedrückt: „Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“ Geht das denn überhaupt: Erschütterung, wach werden, zu sich selbst kommen – zwischen Glühwein, Lebkuchen und verkaufsoffenem Sonntag? Worauf bereiten wir uns vor – im Advent? Denken wir Weihnachten von uns her, auf dass es ein schönes Fest werde, in der Familie oder im Freundeskreis? Oder stellen wir uns selbst zurück und denken Weihnachten von Gott her? Feiern wir es wirklich als Fest der Menschwerdung Gottes im Christuskind? Dann können wir auch schon den Advent von Gott her begehen und mit Dietrich Bonhoeffer zu der Erkenntnis gelangen, dass es auf unser Tun dabei gar nicht so sehr ankommt. In einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge schreibt Bonhoeffer am 21. November 1943 aus dem Gefängnis Berlin-Tegel: „Weißt Du, so eine Gefängniszelle, in der man wacht, hofft, dies und jenes – letztlich Nebensächliches – tut, und in der man ganz darauf angewiesen ist, dass die Tür der Befreiung von außen aufgetan wird, ist gar kein so schlechtes Bild für den Advent.“

In der Tat – kein schlechtes Bild: die Tür, die nur von außen aufgetan werden kann. Das Volk, das im Dunkeln lebt, findet in der Dunkelheit keine Möglichkeit, sich selbst zu erleuchten. Das Licht muss von außen in die Nacht hinein kommen. Dadurch, dass Gott in die Welt kommt. Wenn wir also in den nächsten Wochen die Türen von Kaufhäusern und die Türchen des Adventskalenders öffnen – denken wir daran: Dass uns die Tür zur Krippe, in der Gott als Mensch liegt, ganz weit offen steht, ist nicht Resultat unserer Geschäftigkeit, sondern das Geschenk der Liebe Gottes.

Der Text erschien zuerst in: Miteinander. Pfarrnachrichten der Katholischen Gemeinde St. Norbert – Berlin. Dez. 2013 / Jan. 2014, S. 2-3.

(Josef Bordat)

Advent

Eine Zeit des Wartens. Und der Wartung.

Niemand wartet gerne. Wartezeiten sind Phasen, in denen wir uns fremdbestimmt fühlen, von denen, auf die wir warten, oder vom dem, auf das wir warten. Der Philosoph Stefan Gosepath von der Freien Universität Berlin warnt jedoch: „Wenn wir das Warten verlernen würden, wäre das ein kultureller Verlust.“ Was verloren ginge, sind die kontemplativen Momente, in denen man ganz bei sich ist und die Chance hat, zur Ruhe zu kommen. „Man braucht die Phasen des Nichtstuns, auch der Langeweile, zum Beispiel während einer Fahrt in der U-Bahn, um seinen Gedanken freien Lauf zu lassen“, so Gosepath in der „Welt“ (8. Mai 2015).

Doch das reine Warten gibt es heute nicht mehr. Sobald wir nicht sofort bedient werden, zücken wir das Smartphone oder Ähnliches und lenken uns ab. Psychologen wollen herausgefunden haben, dass die Schwelle hin zur inneren Unruhe beim Menschen derzeit fünf Minuten beträgt. Haben wir fünf Minuten lang nichts weiter zu tun als zu warten, ohne jede Ablenkung durch selbstbestimmte Beschäftigung, werden wir ungehalten. Wir haben Angst, etwas zu verlieren, was gar nicht verloren gehen kann: Zeit. Woran liegt das?

Es hat kulturelle Ursachen. Zeit geriet durch die Entwicklung der Zeitmessung vom Naturzustand unterschiedlichen Zeiterlebens in den Zustand der gleichförmigen wirtschaftlichen Verwertbarkeit. Seit Beginn der Neuzeit wird Zeit mit Geldwert in Verbindung gebracht und einheitlich bemessen: Time is money. Die Rhythmik der Zeit ist einer Monotonie gewichen, in der kaum noch zwischen Tag und Nacht, Werk- und Sonntag unterschieden wird. Die Struktur des Tages, die Jahrhunderte hindurch von Gebetszeiten bestimmt wurde (im Klosterleben noch nachzuvollziehen, im Stundengebet), ist weitgehend aufgehoben: The city never sleeps.

Die wirtschaftliche Nutzung der Zeit, ihre Stückelung in vermeintlich gleichwertige Abschnitte und die Kontrolle über ihre Verwertung im Sinne des Effizienzgedankens haben die Industrialisierung vorangetrieben (Schichtproduktion) und – durch eine immer weiter vorangeschrittene Verdichtung der Zeit – die Informationsgesellschaft hervorgebracht, die in Lichtgeschwindigkeit Daten als ökonomische Güter handelt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ergibt sich damit ein Problem für den weiteren wirtschaftlichen Umgang mit der Zeit: Sie lässt sich nicht weiter verdichten, denn es geht nicht schneller als in der Lichtgeschwindigkeit des Internet. Der Herausforderung optimaler Nutzung von Zeit kann die Wirtschaft bei gegebener Dauer heute also nicht mehr im Rahmen gesteigerter Sukzessivität (Verdichtung durch Beschleunigung), sondern nur durch progressive Simultanität (Parallelisierung) gerecht werden.

Zudem kann durch Anpassung (also: Umstellung) der Wert eines Zeitabschnitts gesteigert werden, etwa dadurch, dass mehr und länger andauernde Helligkeit in Phasen der „Freizeit“ zu Handlungen veranlasst, die sonst unterblieben. Denn: Auch – und gerade – Freizeit gehört zum Verwertungskalkül eines ökonomischen Umgangs mit Zeit. Freilich nur solche Freizeitgestaltung, die selbst wiederum Geld kostet, also ein Produkt der Unterhaltungsindustrie ist. Für Menschen, die einfach nur im Sessel oder auf der Terrasse sitzen, lohnt sich die Sommerzeit nicht. Der Versuch der neuen Ökonomie, Wachstum nicht mehr über Beschleunigung, sondern über Parallelisierung zu generieren (multi tasking, cross selling), wirft Probleme der Überforderung, Abhängigkeit und ökonomischen Ungerechtigkeit auf. Die Kritik an der Zeitparallelisierung bezieht sich zum einen auf die Qualität des wirtschaftlichen Produkts, dem keine Reifung mehr vergönnt ist (zu kurze Entwicklungszeiten technischer Produkte). Gut Ding will Weile haben. Das war gestern. Heute muss ständig etwas „Neues“ auf den Markt. Vor dreißig Jahren wusste kaum jemand, was „Windows“ ist, heute sind wir schon bei Nummer 10.

Zum anderen bezieht sie sich auf die im vorherrschenden Trend noch mehr aufgehobene Strukturiertheit des menschlichen Lebens (24-Stunden-Gesellschaft), auf die vom zusammenbrechenden Sozialsystem weiter forcierte Vereinzelung des zeitlich zur absoluten Flexibilität genötigten „Simultanten“ (Ego-/ Single-Gesellschaft), insbesondere aber auf die gesundheitlichen Risiken durch die hohe Belastung des Parallelitätsdrucks, die sich aus der Zerrissenheit zwischen dem Hier der physischen und dem Dort der psychischen Präsenz ergeben.

Viele Menschen fühlen sich gehetzt und meinen zu spüren, dass sie „zu nichts mehr“ kommen, obwohl sie ständig aktiv sind. Weil sie ihre Aktivität nicht mehr bewusst erfahren, können sie sich hinterher kaum noch daran erinnern. Im Bewusstsein ist dann so mancher Arbeitstag völlig leer, obwohl man dreißig E-Mails beantwortet und nebenbei den nächsten Urlaub gebucht und eine neue Küche geplant hat. Da alles gleichzeitig passiert, passiert es gar nicht. Zumindest nicht im Bewusstsein.

Man ist heute immer erreichbar. Damit ist man immer auch teilweise nicht da. Nicht erreichbar für die Situation, in der man de facto gerade ist. Man lebt nicht „im Augenblick“. Aufmerksamkeit und Konzentration (nicht nur in Bezug auf Beziehungen zu Personen, sondern auch zu Sachzusammenhängen) sind nur sehr begrenzt vorhanden. Das Dilemma von partieller An- und Abwesenheit, von der Trennung des körperlichen Hier und des seelischen Dort offenbart sich. Beziehungen werden oberflächlicher und fragmentarischer, weil eine Begegnung nicht mehr beendet wird, wenn sie „gesättigt“ ist, sondern wenn sie durch neue Kommunikationsmöglichkeiten unterbrochen wird (so etwa in Chats oder bei Anrufen auf dem Mobiltelefon, die „selbstverständlich“ Priorität haben).

Als Folge des Paradigmas der permanenten Erreichbarkeit steht die Schizophrenie fragmentarischer Raum- und Zeiterfahrung. Die Diskrepanz zwischen physischer und psychischer Anwesenheit ist häufig Ursache für fehlende Zufriedenheit mit realen Beziehungen, weil der Andere nur durch den Schleier des Telefon-Klingelns und der potenziell gegebenen anderen Kommunikationsmöglichkeit in Chats bruchstückhaft wahrgenommen wird. Man ist nicht bei sich, auch nicht bei dem, der vor einem steht, sondern man wartet stets auf die nächste Option, die verspricht, uns noch glücklicher zu machen. Oder, im Jargon der Zeit: noch mehr Spaß bereitet.

Und der Advent? Der will uns auf die eine Option vorbereiten, die alles ändert. Der uns ganz will. Der uns warten lässt. Der uns zu einer Vorbereitung auf Weihnachten einlädt, auf das Fest, das uns Christen an die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth erinnert. Mit dem göttlichen Christus kam etwas in die Welt, das zuvor durch die Sünde verdunkelt war: die Liebe. Die Liebe Gottes zum Menschen ermöglicht die Liebe des Menschen zu Gott und zum Mitmenschen. Die Adventszeit dient der betrachtenden Vorbereitung auf diesen Neuanfang Gottes mit dem Menschen, der dem Neuanfang des Menschen mit Gott vorausgeht.

Das klingt sehr anspruchsvoll und ist es auch. Alfred Delp, Jesuit und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, hat es mit drastischen Worten ausgedrückt: „Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“ Geht das denn überhaupt: Erschütterung, wach werden, zu sich selbst kommen – zwischen Glühwein, Lebkuchen und verkaufsoffenem Sonntag? Worauf bereiten wir uns vor – im Advent? Denken wir Weihnachten von uns her, auf dass es ein schönes Fest werde, in der Familie oder im Freundeskreis? Oder stellen wir uns selbst zurück und denken Weihnachten von Gott her? Feiern wir es wirklich als Fest der Menschwerdung Gottes im Christuskind?

Dann können wir auch schon den Advent von Gott her begehen und mit dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer zu der Erkenntnis gelangen, dass es auf unser Tun dabei gar nicht so sehr ankommt. In einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge schreibt Bonhoeffer am 21. November 1943 aus dem Gefängnis Berlin-Tegel: „Weißt Du, so eine Gefängniszelle, in der man wacht, hofft, dies und jenes – letztlich Nebensächliches – tut, und in der man ganz darauf angewiesen ist, dass die Tür der Befreiung von außen aufgetan wird, ist gar kein so schlechtes Bild für den Advent.“

In der Tat – kein schlechtes Bild: die Tür, die nur von außen aufgetan werden kann. Das Volk, das im Dunkeln lebt, findet in der Dunkelheit keine Möglichkeit, sich selbst zu erleuchten. Das Licht muss von außen in die Nacht hineinkommen. Dadurch, dass Gott in die Welt kommt. Wenn wir also in den nächsten Wochen die Türen von Kaufhäusern und die Türchen des Adventskalenders öffnen – denken wir daran: Dass uns die Tür zur Krippe, in der Gott als Mensch liegt, ganz weit offen steht, ist nicht Resultat unserer Geschäftigkeit, sondern das Geschenk der Liebe Gottes. Es lohnt sich, auf dieses Geschenk zu warten.

Interessanterweise kann „warten“ im Deutschen auch bedeuten, dass man die Funktionstüchtigkeit eines technischen Systems überprüft, kleinere Störungen an Maschinenteilen behebt, die (noch) nicht der grundlegenden Sanierung oder des Austauschs bedürfen. Auch das ist eine Geduldsprobe, weil die Maschine in der Wartungszeit still steht. Ein Aufzug, der gewartet wird, lässt die Menschen warten. So wird die Wartezeit Advent auch zur Wartungszeit, zu einer Zeit der Selbstüberprüfung. Läuft alles rund? Oder gibt es schon Verschleißerscheinungen?

Wartung durch Warten. Vielleicht nur ein Wortspiel. Vielleicht aber auch die Chance, einen anderen Umgang mit Zeit und mit den eigenen Ressourcen zu erlernen. Dann wäre die Wartezeit Advent ein großer Gewinn für den modernen Menschen, der unter den Bedingungen der gegenwärtigen Zeitökonomie lebt – und leidet. Müsste man mal ausprobieren. Wenn dafür nur Zeit wäre!

(Josef Bordat)

Unter Verfolgung

Katholiken aus Vietnam gedenken in Berlin der Märtyrer ihrer Heimat. Auch heute werden Christen in Vietnam verfolgt.

Hoher Besuch in der vietnamesischen katholischen Mission in Berlin: Der Apostolische Nuntius, Erzbischof Nikola Eterović, war gekommen. Für die Feier zum Christkönigsfest mit Prozession, Heiliger Messe und anschließender Begegnung im Pfarrsaal gab es zwei Anlässe: Zum einen ist die vietnamesische Mission seit 10 Jahren in der Gemeinde St. Aloysius ansässig, zum anderen wurden vor 30 Jahren 117 Frauen und Männer heiliggesprochen, die in der Christenverfolgung in Vietnam das Martyrium erlitten.

30 Jahre
1988-2018 – Ein Banner an der St. Aloysius-Kirche verkündet den Anlass der Festveranstaltung: 30 Jahre ist es her, dass 117 vietnamesische Märtyrer heiliggesprochen wurden. Foto: JoBo, 11-2018.

Am 24. November gedenkt die Kirche seither der zahlreichen vietnamesischen Märtyrer, von denen nur einige namentlich bekannt sind. Peter Truong Van Thi zum Beispiel. Oder Andreas Dung-Lac. Insgesamt gehen Schätzung von 130.000 bis 300.000 katholischen Opfern der Christenverfolgung in Vietnam aus, die vor allem in der zweiten Hälfte des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders grausam war. 1988 hat Papst Johannes Paul II. 117 katholische Christen, die in diesen Jahrzehnten in Vietnam für ihren Glauben starben, heiliggesprochen – 96 Vietnamesen, 10 Missionare aus Spanien und 11 aus Frankreich.

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Prozession zu Ehren der 117 vietnamesischen Märtyrer, die 1988 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen wurden. Foto: JoBo, 11-2018.

Es gibt in Berlin etwa 2000 Vietnamesen katholischen Glaubens, rund jeder Zehnte war heute dabei, als Nikola Eterović in seiner Predigt einen Bogen vom Festgeheimnis zur Realität der Verfolgung schlug: Christi Reich ist nicht von dieser Welt, seine Waffen sind nicht aus Stahl, so der Nuntius. Der Märtyrer erkennt das an und führt einen geistlichen Kampf mit den Waffen Jesu: Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe. Erzbischof Eterović überbrachte der Festgemeinde die Grüße des Heiligen Vaters, Papst Franziskus. Der Nuntius war wegen der Feierlichkeiten in Berlin einen Tag früher aus Rom zurückgekehrt.

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Begegnung unter einem Wandbild der „Cap Anamur“, ein Rettungsschiff, das zwischen 1979 und 1987 viele Bootsflüchtlinge aus Vietnam aufnahm. Viele der Katholiken aus Vietnam kamen als so genannte „Boat People“ nach Deutschland. Foto: JoBo, 11-2018.

Gedacht wurde heute auch an die gegenwärtig unter Verfolgung leidenden Christen in Vietnam. Das Land liegt auf Rang 18 des aktuellen „Open Doors-Weltverfolgungsindex 2018“, in dem die Hilfsorganisation auf „ein Wachsen des Drucks auf Christen“ hinweist. Grund ist die neue Religionsgesetzgebung, die Anfang des Jahres in Kraft trat. Entscheidend ist dabei der in der neuen Norm erwähnte Tatbestand des „Freiheitsmissbrauchs“, der bereits vorliegt, wenn in Religionsgemeinschaften eine vom Verständnis der vietnamesischen Behörden abweichende Spiritualität gelehrt wird. Und das ist im Christentum der Fall. Die Gemeinde lasse sich nicht entmutigen, so Erzbischof Eterović. Das Beispiel der Märtyrer stärke den Glauben.

(Josef Bordat)