Engel

Der September gilt im Katholizismus traditionell als „Engelmonat“, was daran liegt, dass die Kirche das Fest der drei Erzengel Michael, Gabriel und Raphael am 29. September feiert. In einigen Gemeinden wird daher an den Dienstagen im September („Engeltage“) die Votivmesse für die Engel gelesen. Am ersten Dienstag des September eine Abhandlung über Engel, die auf dem gleichnamigen Kapitel aus dem Buch Von Ablaßhandel bis Zölibat: Das „Sündenregister“ der Katholischen Kirche basiert.

Nicht nur in vielen Religionen, auch in der Populärkultur spielen Engel eine wichtige Rolle. Drei Engel für Charlie, die „gelben Engel“ eines deutschen Automobilclubs, Send me an Angel oder auch – wer es noch kennt – Hubert Kahs Engel 07: „Jemand nahm den Kontakt auf / Engel 07 / in mir kam ein Verdacht auf / ist sie ein himmlischer Spion?“ Engel sind allgegenwärtig. Und: Engel haben Konjunktur. Der Engelglaube ist hierzulande (im aufgeklärten, modernen Deutschland) weiter verbreitet als der Gottesglaube. Eine Forsa-Umfrage für das Magazin Geo aus dem Jahr 2005 ergab, daß 66 Prozent der Deutschen an die Existenz ihres Schutzengels, aber nur 64 Prozent an die Existenz Gottes glauben. Das ist aus katholischer Sicht Unsinn, da Engel im biblisch-christlichen Kontext nur in bezug auf Gott vorkommen. Schon in den Namen der drei Erzengel Michael, Gabriel und Raphael steckt „Gott“ drin, hebräisch „el“. Micha-el bedeutet „Wer ist wie Gott?“, Gabri-el „Meine Kraft ist Gott“ und Rapha-el „Gott heilt“.

Engel sind Gottes Boten; das deutsche Wort „Engel“ kommt vom griechischen angelos (latinisiert angelus), was eine Übersetzung des hebräischen malach ist, das schlicht „Bote“ bedeutet. Sie sind zudem Seine Mahner und Seine Streiter. Sie sind von Ihm gesandte Beschützer und Begleiter. Schließlich sind sie Taktgeber für den Lobpreis Gottes. Als himmlische Heerscharen stimmen die Cherubim und Serafim im Alten Bund das Sanctus an, in das die Gläubigen bei jeder Feier des Neuen Bundes einstimmen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt“ (Jes 6, 3). Damit feiert die Kirche in jeder Heiligen Messe die Einheit des Himmels und der Erde in der Verehrung Gottes. Engel sind, und das ist entscheidend, in ihrer vielfältigen Funktion abhängig von Gott. Anders gesagt: Ohne Gott keine Engel, ohne Schöpfer keine Geschöpfe. Mindestens zwei Prozent der Deutschen sehen das anders.

Der populär-esoterische Engelglaube blüht. Wenn wir also im Zusammenhang mit Engeln überhaupt von „überwundenem Glauben“ sprechen wollen, dann im Rahmen der theologischen Auseinandersetzung und im interkonfessionellen Vergleich. Dazu ist die Bedeutung der Engel für das Christentum zu klären, wie ihn Schrift und Tradition sehen. In diesem Zusammenhang sind vor allem folgende Fragen zu klären: Warum hält die Katholische Kirche an Engeln fest, betont ihre Rolle in jeder Heiligen Messe? Warum feiert sie die Erzengel und die Schutzengel? Warum und wo setzt sie aber auch Grenzen beim Engelglauben? Das sind die Fragen, die uns hier beschäftigen sollen.

Engel sind im Christentum kein entscheidender Bestandteil des Glaubensguts. Man kann an den dreifaltigen Gott glauben, ohne zugleich an Engel glauben zu müssen; umgekehrt ist das – wie gesagt – theologisch stringent nicht möglich. Martin Luther sah sie – wie die Heiligen – kritisch: „Es ist unser Grundsatz, daß Gottes Wort allein Glaubensartikel aufstellt und sonst niemand, auch kein Engel vom Himmel“ (Schmalkaldische Artikel II, 2, 15). Engel kommen zudem nicht im Glaubensbekenntnis vor, weder im Nicäno-Konstantinopolitanum noch im Apostolicum.

Dennoch: Es gibt mannigfache biblische Grundlagen, den Engeln einen wichtigen Platz im christlichen Glauben zuzuweisen, ohne den Engelglauben zu verselbständigen, das ist immer schlecht, auch bei Maria oder im Personenkult um einzelne Heilige. Das Große Glaubensbekenntnis spricht zwar nicht explizit von Engeln, aber immerhin von der Schöpfung einer „unsichtbaren Welt“. Als deren Bewohner gelten die Engel, Geistwesen, von Gott erschaffen wie Menschen, Tiere und Pflanzen, aber eben nicht als Teil der sichtbaren, sondern einer unsichtbaren Sphäre des Seienden.

Aus dieser wirken sie – immer im Auftrag und unter der Weisung Gottes – in die sichtbare Welt hinein. Die Bibel gibt davon beredt Zeugnis. Wer das Wort „Engel“ in einer Online-Ausgabe der Einheitsübersetzung sucht, erhält 305 Treffer. An den entsprechenden Stellen erscheinen Engel als Wächter des Paradieses (vgl. Gen 3, 24), als Verkünder des göttlichen Gesetzes (vgl. Apg 7, 52-53), als Vollstrecker der Urteilssprüche Gottes (vgl. 2 Mose 12, 23; 1 Makk 7, 41; Apg 12, 23; Offb 15, 6), als Kämpfer gegen böse Mächte (vgl. Offb 12, 1-17), als Bewahrer vor Fehldeutungen göttlicher Weisungen (vgl. Gen 22, 10-11), als Beschützer und Retter von Gott auserwählter Menschen, die bedroht (vgl. Gen 19, 1-11) oder zu Unrecht bestraft werden (vgl. Dan 3, 49-50), als Mutmacher (vgl. Ri 6, 11-12), als Überbringer überraschender positiver Neuigkeiten (vgl. Ri 13, 2-3) und nicht zuletzt als Helfer Jesu Christi (vgl. Mt 13, 41; Mt 16, 27; Mk 8, 38).

Ohnehin begleiten Engel das Leben und Wirken des Gottessohns auf Erden vom Anfang bis zum Ende. Zentral ist die Rolle Gabriels, eines der drei Haupt- oder Erzengel, bei der Verkündigung an Maria, daß sie den Sohn Gottes zur Welt bringen werde (vgl. Mt 1; Lk 1); die Kirche erinnert mit dem Angelus-Gebet daran, täglich um 12 Uhr mittags. Zur Geburt Christi erscheint „ein großes himmlisches Heer“ (Lk 2, 13), das zum Lobpreis Gottes die berühmten Worte spricht: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2, 14). Engel dienen Jesus nach dessen Zeit in der Wüste, gleich nach den (vergeblichen) Anläufen des Teufels, den Herrn in Versuchung zu führen (vgl. Mk 1, 13; Mt 4, 11). Ein Engel stärkt Jesus in der Stunde tiefster Anfechtung im Garten Gethsemane (vgl. Lk 22, 43). Dann sind es Engel, die den Stein des Grabes wegrollen und den am leeren Grab trauernden und verängstigten Frauen die Auferstehung Jesu verkünden (vgl. Mt 28, 2-5). Engel sind es auch, die Christi Himmelfahrt deuten und die Wiederkunft des Herrn ankündigen (vgl. Apg 1, 10-11). Und schließlich werden sie Christus dabei begleiten (vgl. Mt 25, 31).

Die katholische Theologie hat auf der Basis der biblischen Überlieferung neun Kategorien von Engeln definiert, sogenannte „Engel-Chöre“: die Seraphim, die Cherubim und die Throne, die Herrschaften, die Gewalten und die Fürsten sowie die Mächte, die Erzengel und die einfachen Engel. Bereits die Patristik, namentlich Augustinus und Gregor der Große, hat diese Einteilung vorgenommen. Die Seraphim sind die in Liebe zu Gott Entflammten (vgl. Jes 6, 1-7), die Cherubim wachen über das Heilige (vgl. Gen 3, 24), die Throne dienen am Thron Gottes (vgl. Kol 1, 16). Die zweite Gruppe, die Herrschaften, die Gewalten und die Fürsten, übernehmen als Verwalter Gottes all das, was mit der Natur in Verbindung steht (vgl. Kol 1, 16). Der dritte Chor, die Mächte, Erzengel und Engel dienen dem Menschen nach Gottes Willen (vgl. Ex 23, 20-22).

Engel – nach biblischer Überlieferung von großer, unüberschaubarer Zahl, „Myriaden“ (Hebr 12, 22 – Elberfelder Bibel) oder „zehntausendmal zehntausend und tausendmal tausend“ (Off 5, 11), und dennoch individuell und einzigartig – sind dabei den Menschen an Gnade (vgl. 18, 10) und Stärke (vgl. 2 Petr 2, 10b) überlegen, sie sind als Geistwesen zudem bereits unsterblich geschaffen (vgl. Lk 20, 36), sie sind, so könnte man vielleicht sagen, „näher dran“ am Schöpfer, an Gott. Sie sind aber Geschöpfe wie wir. Und sie sind für uns da. Sie tragen uns durchs Leben, wie es der Psalmist ausdrückt: „Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“ (Ps 91, 11-12). Sie unterstützen lebensmüde Propheten (vgl. 1 Kön 19) oder solche, die in argen Schwierigkeiten stecken (vgl. Dan 6), ebenso die Apostel Petrus und Paulus – jenen in der Gefangenschaft (vgl. Apg 12, 7), diesen in Seenot (vgl. Apg 27, 23). Von daher kann man verstehen oder zumindest nachvollziehen, daß auch menschliche Helfer in der Not gerne als „Engel“ bezeichnet werden, auch in einer säkularen Gesellschaft, die von Gott nichts wissen will.

Ebenso kann man verstehen, daß die Katholische Kirche an den Engeln festhält. Die Kirche hat sich immer zur Existenz von Engeln bekannt. Auf dem Vierten Laterankonzil (1215) stellt die Kirche in einer Definition gegen die Albigenser und Katharer klar, daß der dreifaltige Gott „der Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren, des Geistigen und des Körperlichen (ist): er schuf in seiner allmächtigen Kraft vom Anfang der Zeit an aus nichts zugleich beide Schöpfungen, die geistige und die körperliche, nämlich die der Engel und die der Welt: und danach die menschliche, die gewissermaßen zugleich aus Geist und Körper besteht“ (Heinrich Denzinger: Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen. Enchiridion symbolorum definitionum et declarationum de rebus fidei et morum. Freiburg i. Br. 2014, S. 800). Auf dem Ersten Vatikanischen Konzil (1870-1871) wurde diese Aussage noch einmal bekräftigt. Auch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) bekennt sich zur Existenz von Engeln. In Gaudium et spes, der „Pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute“, wird unter Nr. 19 der Psalmist zitiert, der die Stellung des Menschen wie folgt beschreibt: „Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst? Oder des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst? Wenig geringer als Engel hast du ihn gemacht, mit Ehre und Herrlichkeit ihn gekrönt und ihn über die Werke deiner Hände gesetzt. Alles hast du ihm unter die Füße gelegt“ (Ps 8, 5-7). In Lumen Gentium, der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche“, heißt es zunächst eher beiläufig unter Hinweis auf Mt 25, 31: „Bis also der Herr kommt in seiner Majestät und alle Engel mit ihm“ (Nr. 49), um dann nachzulegen: „Daß aber die Apostel und Märtyrer Christi, die mit ihrem Blut das höchste Zeugnis des Glaubens und der Liebe gegeben hatten, in Christus in besonderer Weise mit uns verbunden seien, hat die Kirche immer geglaubt, sie hat sie zugleich mit der seligen Jungfrau Maria und den heiligen Engeln mit besonderer Andacht verehrt“ (Nr. 50). Die Botschaft des Engels an Maria wird zweimal aufgegriffen (Nr. 53 und Nr. 56). Der Katechismus der Katholischen Kirche bekräftigt die Glaubenswahrheit der Existenz von Engeln: „Daß es geistige, körperlose Wesen gibt, die von der Heiligen Schrift für gewöhnlich Engel genannt werden, ist eine Glaubenswahrheit. Das bezeugt die Schrift ebenso klar wie die Einmütigkeit der Überlieferung“ (Nr. 328).

Schließlich kann man von daher verstehen, warum Engel in der Katholischen Kirche eine besondere Verehrung erfahren. Das Erzengelfest, das die ehemals (vor der Liturgiereform im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils) auf das Jahr verteilten Feste der drei Erzengel Gabriel, Michael und Raphael am Michaelistag (29. September) bündelt, soll uns an die Bedeutung der Engel erinnern. Und – wie bereits erwähnt – in jeder Heiligen Messe gedenken wir der Engel, wenn wir das Schuldbekenntnis sprechen („Darum bitte ich die selige Jungfrau Maria, alle Engel und Heiligen und euch, Brüder und Schwestern, für mich zu beten bei Gott, unserem Herrn“) oder wenn der Zelebrant die Gemeinde einlädt, in den Lobgesang der Engel einzustimmen: „Heilig, heilig, heilig“.

Es steht außer Frage, wer hiermit gemeint ist – nicht die Engel selbst, sondern der, den sie lobpreisen: Gott. Die Verehrung der und der Glaube an Engel kann den Glauben an den dreieinigen und dreifaltigen Gott nicht ersetzen. Auch hier steht die katholische Theologie in biblischer Tradition: Schon Paulus warnt in seinem Brief an die Hebräer vor einer übertriebenen und im Ergebnis falschen Wertschätzung der Engel, vor einer Verehrung, die stattdessen Jesus Christus allein gebührt (vgl. Hebr 1, 4-6). Und nicht zuletzt die Engel selbst lehnen einen Kult um ihr Wirken ab, soweit er vom Urheber der Botschaft oder des Urteils, der Gnade oder der Strafe ablenkt: von Gott. Denn sie verehren Gott, nicht sich selbst. „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen“ (Mt 4, 10). Das ist Leitlinie unseres christlichen Glaubens – bei aller Verehrung derer, die ihrerseits das Gebet und den Dienst in besonderer Weise leben, seien es Engel oder Menschen.

Bleibt die Frage: Woran erkennt man Engel, wenn sie als Vertreter der „unsichtbaren Welt“ für uns sinnlich nicht erfahrbar sind? Eben nicht an ihrem Dasein, sondern an dessen Folgen, nicht an den Flügeln, sondern an den Taten. An ihrem Wirken für uns, denn, so Basilius der Große: „Jedem Gläubigen steht ein Engel als Beschützer und Hirte zur Seite, um ihn zum Leben zu führen.“ Entscheidend ist, daß wir das Wirken der Engel zulassen. Der große Heilige Johannes Don Bosco sagte einmal: „Der Wunsch unseres Schutzengels, uns zu helfen, ist weit größer als der, den wir haben, uns von ihm helfen zu lassen.“ Es braucht Demut, sich die Schwäche einzugestehen, die ein Engel auszugleichen vermag. Also: Geben wir Engeln eine Chance! Um die „geflügelte Jahresendfigur“, wie die DDR den Weihnachtsengel im Jargon sozialistischer Korrektheit nannte – um die geht es dabei nicht, sondern um ganzjährig wirksame Boten und Diener Gottes und des Menschen. Mit und ohne Flügel.

(Josef Bordat)

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Kopflos

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd. Die unbequeme Wahrheit hört niemand gern. Wer dazu noch in die Intimsphäre des Anderen eingreift, muss mit Widerstand rechnen, auch, wenn dieser Andere weder Gottes Gebot noch das Naturrecht achtet. Das ist kein neues Phänomen: Bereits im Matthäusevangelium lesen wir folgendes: „Herodes hatte nämlich Johannes festnehmen und in Ketten ins Gefängnis werfen lassen. Schuld daran war Herodias, die Frau seines Bruders Philippus. Denn Johannes hatte zu Herodes gesagt: Du hattest nicht das Recht, sie zur Frau zu nehmen. Der König wollte ihn deswegen töten lassen“ (Kapitel 14, Verse 3 bis 5).

Johannes macht Herodes auf einen Naturrechtsgrundsatz aufmerksam, der durch das mosaische Gesetz explizite Normativität erlangt. Im Neunten Gebot Gottes heißt es: „Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen.“ Genau das hatte Herodes getan: Nach der Frau seines Nächsten verlangt, ohne sich über Regeln den Kopf zu zerbrechen. Nach der Frau seines Bruders, gewissermaßen seines „Allernächsten“. Johannes der Täufer, der letzte der Propheten Christi, hatte ihn daraufhin zur Rede gestellt und seinen Akt der Selbstbestimmung mit dem ewigen Gottes- und Naturrecht konfrontiert.

Johannes macht Herodes auf eine Selbstverständlichkeit aufmerksam, die jedoch den Plänen des Königs quer liegt. Herodes argumentiert aber nicht etwa dagegen – er ist sich bewusst, dass es hier nichts zu argumentieren gibt –, sondern will Johannes – und damit sein Gewissen, das ihn in gleicher Weise informiert wie der Prophet – zum Schweigen bringen. Herodias überführt den Wunsch ihres Mannes in einen festen Willen: Johannes soll sterben. Dann – so meint Herodias – sei das Problem aus der Welt. Schließlich ergibt sich – recht bizarr – die Gelegenheit (nachzulesen im Evangelium nach Markus, Kapitel 6, Verse 17 bis 29). Schließlich lässt der völlig kopflos gewordene, in eigenes Unrecht und die Erwartungen seines Umfelds verstrickte Herodes Johannes enthaupten. Dieses Vorgangs gedenkt die Katholische Kirche heute.

(Josef Bordat)

Katholische Identität

Wochenkommentar vom 24. August 2019 für „Radio Horeb“

Wer bin ich? Wer sind wir? Was macht mich aus? Was macht uns aus? Was ist meine, was ist unsere Identität? Fragen, die in einer zunehmend unübersichtlichen Welt heute wieder den Stellenwert von Sinnfragen einnehmen. Vorgelagert wäre die Frage: Wer ist – in Bezug auf mich selbst – eigentlich „Wir“? Wir Männer, wir Deutsche, wir Publizisten? Wir Brüder, wir Söhne, wir Ehegatten? Es gibt ja nicht die eine Identität, auf die eine Person reduzierbar ist. Wer das meint, gaukelt Eindimensionalität vor, wo Vielfalt herrscht. Man kann sehr wohl auf unterschiedlichen Daseinsebenen gleichzeitig ganz unterschiedliche Identitäten haben, ohne dass eine Identität die anderen überragt oder sogar verdrängt.

Wenn Sie mich fragen, dann ist die beherrschende Identität am ehesten diejenige, die sich auf das religiöse Bewusstsein bezieht, weil daraus Antworten für viele Lebensbereiche gegeben und damit Handlungsweisen präjudiziert werden. Ob ich Christ bin oder nicht, ob ich mich mit Jesus Christus identifiziere oder nicht, das macht einen Unterschied, auch für mein Verhalten gegenüber dem Nachbarn, dem Flüchtling, dem Finanzamt, dem Arbeitskollegen, dem Geld, gegenüber dem, was die Gesellschaft anbietet. Sollte es zumindest.

Die katholische Identität steht heute in Zweifel. Die Kirche, so heißt es im Zuge dieses Trends, gebe es schon lange nicht mehr. „Religionskomponisten“ (Paul M. Zulehner) entstehen, die sich aus dem Angebot das für sie in der jeweiligen Lebenssituation Passende aussuchen. Katholische Identität ist das nicht. Sie lebt von der Identifikation mit der Kirche als Ganzer, mit dem Lehramt, auch mit denen, die es vertreten, also dem Papst und den Bischöfen. Hier ist vor allem die innerkatholische Polemik erstaunlich. Mit brachialer Vehemenz kritisieren einige Basiskatholiken ihre Hirten und zeigen eine tiefe Identitätskrise. Der Religionssoziologe Andreas Püttmann konstatiert in seiner Analyse „Wie katholisch ist Deutschland … und was hat es davon?“ [Rezension], dass die innerkirchlichen Debatten in letzter Zeit „aggressiver und unversöhnlicher“ (Püttmann 2017, 195) geführt werden, einhergehend mit dem „Verlust der Kritikfähigkeit“ (ebd. 196). Und das ist alles, aber nicht katholisch.

Besonders Papst Franziskus steht in der polemischen Kritik – ausgerechnet der Heilige Vater. Ein Katholik sollte in Treue zum Papst halten, ohne dessen Position zu verabsolutieren – das wäre wiederum gegen seine christliche Identität gerichtet. Ohne zum Papisten zu werden, soll er aber versuchen, das, was der Vatikan beschließt und berät, vor seinem Gewissen ernsthaft und wohlwollend zu prüfen. Selbstverständlich darf auch der Papst kritisiert werden (auch das ist Teil der katholischen Identität), aber in Würde und Achtung vor Amt und Person.

Was heißt es aber heute – positiv gesprochen –, katholischer Christ zu sein? Mal abgesehen von der ultramontanen Grundorientierung sollte er in den gesellschaftlichen Debatten, die über die Fragen der katholischen Dogmatik hinausgehen, auf der Basis schöpfungstheologischer und christologischer Erkenntnisse eine biophile Grundhaltung entwickeln, die sich einsetzt für Frieden, die Bewahrung der Schöpfung, angemessene Arbeitsbedingungen, gerechte Verfahren in Justiz und Verwaltung sowie eine lebensförderliche Forschung und die sich erhebt gegen Abtreibung, Sterbehilfe, Folter, Todesstrafe, Krieg und Umweltzerstörung.

Er muss sich also einsetzen für moralische Werte, die nur die Kirche in der ihr eigenen, in zwei Jahrtausenden erprobten und bewährten Radikalität vertreten kann: eine Haltung gegen Abtreibung und für Flüchtlinge, gegen die Ehe für alle und für Respekt gegenüber allen. Die Kirche muss aber begründen, wie sie darauf kommt. Das Argument ersetzt heute den Gehorsam. Auch so entsteht gestärkte Identität.

Theologisch geht es ferner darum, das katholische Profil zu schärfen und wieder zu einer besonderen Wertschätzung des identitätsstiftenden Kultus und Ritus zu gelangen, in den Sakramenten, insbesondere der Eucharistie, im Ehe-, Weihe- und Amtsverständnis, in der angemessenen Marienfrömmigkeit und auch in der Heiligenverehrung – Alleinstellungsmerkmale der katholischen Kirche. Diese Akzentuierung ist kein Selbstzweck, etwa um sich allein aufgrund des Differenzbedürfnisses von der evangelischen Konfession abzugrenzen oder die Kirche in einer nach Form und Ordnung suchenden Postmoderne interessant zu machen, sondern weil es den Kern des Glaubens betrifft.

Grundsätzlich steht die Kirche wohl vor der Frage, wie sie die katholische Identität wahren und stärken kann, gleichzeitig aber attraktiv bleibt für Menschen, die diese Identifikation erst noch oder erst wieder entwickeln müssen. Der mittlerweile zumindest deutschlandweit bekannte Priester Thomas Frings hat sich dazu Gedanken gemacht und diese in seinem Bestseller „Aus, Amen, Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein“ [Rezension] wirkmächtig veröffentlicht. Er will keine Kirche für eine glaubensstarke, liturgisch geschulte Elite, sondern Angebote, die mehr oder minder kirchenferne Menschen individuell zurückführen an den Glauben. Nicht „ganz oder gar nicht“, nicht „alles oder nichts“, sondern eine „gestufte Nähe“ zur Kirche schwebt Frings vor.

Das ist natürlich nicht ganz unproblematisch und wäre zunächst von der ohnehin um sich greifenden Patchwork-Religiosität dogmatisch und pastoral abzugrenzen. Wer das „Paket“ des Katholizismus aufschnürt, muss sich vorsehen, wie dann die Identität des christlichen Glaubens katholischer Prägung noch gewahrt werden kann. Andererseits hat Frings freilich Recht: „Wir sollten den Menschen Hilfestellung geben und sie nicht als sakramentale Nichtschwimmer vom Zehnmeterturm springen lassen und uns dann wundern, dass die meisten am Ende ertrunken sind“ (Frings 2017, 99 f.). Das ist die eine Seite der Medaille, auf welcher andererseits die Gefahr der „Religionskomposition“ deutlich erkennbar eingeprägt ist.

Identität als Selbstbestimmung, als Definition durch Abgrenzung, schließt damit freilich die Pflege von Beziehungen mit dem Blick auf die Einheit nicht aus. Sie schließt nur aus, dass um der Harmonie willen Wege eingeschlagen werden, die das Eigene bis zur Unkenntlichkeit verzerren. Das gilt für das Verhältnis der Katholiken zu ihrer Kirche ebenso wie für das Verhältnis der Kirche zum Staat, zu anderen zivilgesellschaftlichen Institutionen und nicht zuletzt auch zu anderen Konfessionen und Religionen.

Gewissensfreiheit und Traditionsbewusstsein kennzeichnen das Ringen um Identifikation und Identität. Das erfordert von allen besondere Anstrengungen. Ein unreflektiertes „Weiter so!“ fällt hinter das Streben nach Identität, also die Antwort auf die Frage, was es heißt, Katholik zu sein, ebenso zurück, wie eine Aufgabe von Kerninhalten des christlichen Glaubens katholischer Prägung zugunsten von Umfragewerten und Mitgliederzahlen. Differenz zu dem, was „man“ halt denkt und tut, ist nicht das Schlechteste.

(Josef Bordat)

Papst und Kaiser, Kirche und Staat. Bernhard von Clairvaux‘ Politische Theologie

Der heutige Tagesheilige, Bernhard von Clairvaux (1090-1153), ist vor allem als Gründer des Zisterzienserordens bekannt geworden, vielleicht auch noch durch seine Kreuzzugspredigten im Zusammenhang mit der Organisation des Zweiten Kreuzzugs, Predigten, die einerseits zum Kreuzzug motivierten, die andererseits dafür sorgten, dass Plünderungen und Ausschreitungen die Ausnahme blieben (im Gegensatz zum Ersten Kreuzzug). Was auch nicht ganz unwichtig ist: Bernhard von Clairvaux hat mit seiner Politischen Theologie das Verhältnis von Kirche und Staat (soweit man damals davon sprechen konnte) stabilisiert, das im Machtkampf zwischen Papst und Kaiser im Hochmittelalter sehr gelitten hatte.

Zwar hatte im Investiturstreit, in dem es eigentlich darum ging, wer Bischöfe und Äbte in ihr Amt einsetzen durfte, Papst Gregor VII. triumphiert und Kaiser Heinrich IV. musste im Büßerhemd den Gang nach Canossa antreten (1077), doch eine saubere Begründung entwickelte sich erst danach. Die Zwei-Gewalten-Lehre Papst Gelasius‘ I. aus dem 5. Jahrhundert basierte auf Gleichrangigkeit und Harmonie. Sie stellte die weltliche Herrschaft des Kaisers, das regnum, und die geistliche Herrschaft des Papstes, das sacerdotium, auf eine Ebene, symbolisiert durch zwei Schwerter: dem gladius materialis für die weltliche Gewalt und dem gladius spiritualis für die geistliche Gewalt. Dabei sind beide Herrschaftsformen Teil des einen Corpus Christi, wobei das regnum dem Körper und das sacerdotium der Seele entspricht. Im Ergebnis steht eine harmonische Koexistenz von Kirche und Staat.

Nun hatte es aber gekracht und eine neue, die Vormachtstellung des Papstes begründende Politische Theologie war gefragt. Bernhard von Clairvaux und Andere begründeten den Vorrang der geistlichen Gewalt theologisch, indem sie davon ausgingen, dass der Corpus Christi, also die Gesamtheit der Gläubigen, aus zwei Ständen besteht, dem des Klerus und dem der Laien. Wie die Kirche unter dem Haupt Christi stehe, so stehe nun jeder dieser Stände unter seinem Haupt, der Stand des Klerus unter dem Papst und der der Laien unter dem Kaiser. Beide Stände erfüllen die ihnen spezifisch obliegenden Aufgaben, wobei sie in ihrer Einheit in Christus von der Gewalt gelenkt werden sollen, die einen stärkeren Bezug zum Oberhaupt aller hat, also zu Christus. Daraus folgt der Primat der geistlichen Gewalt. Zumal diese früher da gewesen sei als die weltliche, da Gott zunächst das Priestertum und dann die Königsherrschaft eingeführt hatte und die Notwendigkeit weltlicher Herrschaft allein die Folge der Erbsünde sei, so dass es der Vermittlung, Segnung und Einsetzung durch die Kirche bedarf, damit weltliche Herrscher legitimiert sind. Bernhard von Clairvaux bemüht sich zudem, eine soteriologische Umdeutung des Zwei-Schwerter-Prinzips zugunsten des Papstes zu erwirken, indem er Lukas 22, 38 („Herr, hier sind zwei Schwerter.“ – „Genug davon!“) als Hinweis darauf deutet, der Kirche stünden beide Gewalten zu, die weltliche und die geistliche – nur dies sei „genug“.

Bernhards Position ist historisch. Und das ist auch gut so. Denn einige gelungene Beispiele hierokratischer Ordnung (etwa der „Jesuitenstaat“ in Paraguay), dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kirche immer dann, wenn sie in die Rolle des weltlichen Regenten schlüpfte (im frühen Mittelalter tat sie dies gezwungenermaßen, weil es in Europa zu dieser Zeit keine andere Institution von Dauer gab), gezwungen war, nach den Regeln der Welt zu spielen, was bedeutet, in Krieg und Ausbeutung verwickelt zu werden und damit den Weg der Nachfolge Christi zu verlassen. Das bedeutet freilich nicht, dass die Kirche keine Beiträge zu einer guten Gesellschaft leisten kann. Sie muss es vielmehr, nämlich dort, wo sie – in der Nachfolge Christi stehend – den Staat in eine falsche Richtung gehen sieht.

(Josef Bordat)

Wir feiern heut‘ ein Fest!

Die Katholische Kirche (und die orthodoxe Christenheit) feiert heute ein Fest: die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel. Warum aber feiern die Katholiken dieses Fest? Eingebiblische, theologische und historische Gründe, die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel zu feiern.

Biblische Gründe

Es gibt zwei alttestamentliche und zwei neutestamentliche Stellen, die auf die Aufnahme Mariens in den Himmel deuten. In Psalm 132 heißt es: „Erheb dich, Herr, komm an den Ort deiner Ruhe, du und deine machtvolle Lade!“ (Ps 132, 8) „Du“, das ist Jesus, die „Lade“, das ist Maria. Und im Hohelied heißt es: „Wer ist die, die aus der Steppe heraufsteigt, auf ihren Geliebten gestützt?“ (Hld 8, 5) Auch diese Stelle drückt die Verbindung Mariens mit Jesus aus.

Zudem spricht die Offenbarung eine deutliche Sprache. Erstens heißt es mit Bezug zu Psalm 138: „Der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet, und in seinem Tempel wurde die Lade seines Bundes sichtbar“ (Offb 11, 19a). Zweitens ist die sonnenbekleidete, sternenbekränzte Frau ein Hinweis auf die Vollendung Mariens bei Gott: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt“ (Offb 12, 1). Das Licht der Sonne steht für die himmlische Herrlichkeit, die Maria umstrahlt, dessen Quelle Gott selbst ist („Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit des Herrn erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm“, Offb 21, 23). Die Zwölf ist die Zahl der Vollendung – zwölf Stämme Israels, zwölf Apostel, zwölf Sterne. Ergo: Maria ist vollendet bei Gott.

Theologische Gründe

Maria ist die „Begnadete“ (Lk 1, 28), von Gott gesegnet – „mehr als alle anderen Frauen“ (Lk 1, 42). Im Glauben der Kirche ist sie frei von Schuld. So drückt es das Dogma von der ohne Erbsünde empfangenen Gottesmutter (1854, Papst Pius IX.) aus: „Diese Unsere Worte sollen vernehmen die Uns so teuern Söhne der katholischen Kirche; sie sollen fortfahren mit stets glühenderem Eifer der Frömmigkeit, der Liebe und Hingabe die seligste Gottesgebärerin und Jungfrau Maria, die ohne Makel der Erbsünde empfangen wurde, zu verehren, anzurufen und anzuflehen“.

Wenn Maria frei von Sünde war („unbefleckt“), dann gibt es theologisch keinen Grund, an ihrer Aufnahme dort (also: bei Gott) zu zweifeln, wo wir alle – trotz unserer Sündhaftigkeit – hinzugelangen hoffen: zu Gott.

Historische Gründe

Es gibt aber auch einige historische Indizien dafür, dass mit Maria etwas anders lief als – beispielsweise – mit den Aposteln. Schon sehr bald in der jungen Christenheit haben viele Orte für sich beansprucht, im Besitz von Reliquien, also von leiblichen Überresten der Apostel zu sein. Das Geschäft damit blühte, so dass Martin Luther spottete, dass von den zwölf Aposteln 14 allein in Deutschland liegen sollen.

Niemals jedoch hat irgendjemand dies im Zusammenhang mit Maria reklamiert: im Besitz von Reliquien zu sein. Eine Ahnung von der leiblichen Aufnahme? Das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (1950, Papst Pius XII.) kam viel später, aber die Ahnung, der Sinn, das Gespür der Gläubigen, der „sensus fidei“, scheint bereits sehr lange zuvor die Kirche in diese Richtung geführt zu haben.

Es gibt tatsächlich – und das ist erstaunlich – keine Erkenntnisse über Ort, Zeitpunkt und Art des Todes der Maria. Bereits in der Antike wird das als erstaunlich bemerkt, etwa beim Kirchenvater Epiphanios. Dieser schreibt im 4. Jahrhundert in seinem Panarion: „Aber wenn einige meinen, dass wir uns irren, dann lasst sie die Heilige Schrift durchsuchen. Sie werden nichts darüber finden, ob sie starb oder nicht starb; sie werden nichts finden, ob sie beerdigt wurde oder nicht beerdigt wurde. Mehr als dies: Johannes reiste nach Asien, jedoch nirgendwo können wir lesen, dass er die heilige Jungfrau mit sich nahm“. Erklärt wird das mit der Rücksichtnahme der Bibel auf die begrenzte Vernunft des Menschen: „Vielmehr bewahrt die Schrift absolutes Stillschweigen, um das Gemüt der Menschen nicht zu schockieren wegen der außergewöhnlichen Natur der Wunder. Was mich angeht, ich wage mich nicht, zu sprechen; statt dessen bewahre ich meine eigenen Gedanken, und übe mich in Stillschweigen“.

Andere sind da redseliger. Bereits aus dem 2. Jahrhundert stammt der Melito von Sardes zugeschriebene Transitus Mariae, in dem es heißt: „In Gegenwart der Apostel, die um ihr Bett versammelt waren und auch in Gegenwart ihres göttlichen Sohnes und vieler Engel, starb Maria und ihre Seele stieg in den Himmel auf begleitet von Christus und den Engeln. Ihr Leib wurde von den Jüngern beerdigt. Schwierigkeiten entstanden unter einigen Juden, die ihren Leib aus dem Weg schaffen wollten. Daraufhin geschahen verschiedene Arten von Wundern, um sie zu überzeugen, dass sie den Leib Marias ehren sollten. Am dritten Tag kehrte Christus zurück. Auf Bitten der Apostel wird die Seele Marias mit ihrem Leib vereint.Von singenden Engeln begleitet,trug Christus Maria ins Paradies“. Im frühen 6. Jahrhundert stufte ein päpstliches Dekret (Decretum Gelasianum) den Transitus Mariae als apokryphisch ein, was dessen weite Verbreitung jedoch nicht verhinderte. Die Folge: Im Mittelalter war die Aufnahme Mariens in den Himmel ein fester Bestandteil des christlichen Glaubens.

Auch für Martin Luther war die Aufnahme Mariens in den Himmel eine Selbstverständlichkeit, und der protestantische Reformer Martin Butzer schreibt noch Mitte des 16. Jahrhunderts: „Doch zweifelt kein Christ daran, die würdigste Mutter des Herrn lebe bei ihrem lieben Sohn in himmlischen Freuden“. Der Glaube an Mariä Himmelsaufnahme erreichte erstaunlich ungehindert die Moderne – lange bevor er zum Dogma wurde.

Das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens hat Papst Pius XII. am 1. November 1950 in der Apostolischen Konstitution Munificentissimus Deus wie folgt formuliert: „In der Autorität unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und auch kraft Unserer eigenen verkündigen, erklären und definieren Wir: Es ist ein von Gott geoffenbartes Dogma, daß die immerwährende Jungfrau Maria, die makellose Gottesgebärerin, als sie den Lauf des irdischen Lebens vollendete, mit Leib und Seele zur himmlischen Glorie aufgenommen wurde.“

In dieser Frage schritt der sensus fidei wie gesagt bereits lange voraus, das Lehramt bestätigte den Glaubenssinn nur noch. Und selbst dieses Nachvollziehen einer 1800jährigen Glaubensgeschichte geschah nicht eigenmächtig: Papst Pius XII. befragte im Sinne der kirchlichen Einheit die Bischöfe. Das Ergebnis war ein deutliches Votum für das Dogma: Lediglich 22 von 1181 Oberhirten sprachen sich dagegen aus, also nur 1,8 Prozent.

(Josef Bordat)

Laurentius‘ glühende Liebe

Barmherziger Gott, die glühende Liebe zu dir hat dem heiligen Diakon Laurentius die Kraft gegeben, dir und den Armen treu zu dienen und furchtlos für dich zu sterben. Hilf uns, dich zu lieben, wie er dich geliebt hat, und den Armen zu dienen, wie er ihnen gedient hat. Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Tagesgebet zum Fest des Heiligen Laurentius (Diakon und Märtyrer)

Zum Fest des Heiligen Dominikus

Heute feiert die Katholische Kirche das Fest des Heiligen Dominikus.

Dominikus war ein spanischer Ordensgründer und lebte im Hochmittelalter. Obwohl er selbst nicht als begnadeter Prediger galt, schenkte er der Kirche den Predigerorden (Ordo Praedicatorum – OP), in dem seit über 800 Jahren so unterschiedliche Menschen wie Thomas von Aquin und Meister Eckhart, Francisco de Vitoria und Bartolomé de Las Casas, Santa Rosa de Lima und San Martín de Porres, Tomás de Torquemada und Giordano Bruno wirkten.

Mein Gruß gilt heuten allen Dominikanerinnen und Dominikanern, besonders denen, die mit mir über die sozialen Medien verbunden sind. Und natürlich den Dominikanern in Berlin, die in diesem Jahr die Gründung ihres ersten Klosters vor 150 Jahren feiern.

(Josef Bordat)