Die Mühe des Zuhörens

Ein erster Schritt in Richtung des Zuhörens ist, unseren Geist und unsere Herzen von Vorurteilen und Klischees zu befreien: Wenn wir denken, schon zu wissen, wer der andere ist und was er will, dann haben wir wirklich Mühe, ihm ernsthaft zuzuhören.

Papst Franziskus (in seiner Ansprache zu Beginn der Jugendsynode am 3. Oktober 2018)

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Dass ich Liebe übe

Oh Herr,
mache mich zu einem Werkzeug
Deines Friedens.
Dass ich Liebe übe,
da wo man mich hasst;
dass ich verzeihe,
da wo man mich beleidigt;
dass ich verbinde,
da wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage,
da wo Irrtum herrscht;
dass ich den Glauben bringe,
wo Zweifel ist;
dass ich Hoffnung wecke,
wo Verzweiflung quält;
dass ich Dein Licht anzünde,
wo die Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe,
wo der Kummer wohnt.

Ach Herr,
lass mich trachten:
nicht, dass ich getröstet werde,
sondern, dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde,
sondern, dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde,
sondern, dass ich liebe.

Denn wer sich hingibt,
der empfängt;
wer sich selbst vergisst,
der findet;
wer verzeiht,
dem wird verziehen;
und wer stirbt,
der erwacht zum ewigen Leben.

Amen.

Franz von Assisi

Nur mit Euch. Gesellschaft als Lerngemeinschaft

Lernfortschritte werden [..] oftmals angestoßen und begleitet durch Menschen und Gemeinschaften, die nicht zu unseren uns vertrauten Kreisen gehören. In ihnen herrschen die gleiche Wahrnehmung, der gleiche Sprachstil und die gleichen Handlungsprioritäten. Ihre Mitglieder bekräftigen sich in ihrer übereinstimmenden Überzeugung. Wie bereichernd und belebend ist es dann, wenn Menschen aus unterschiedlichen Denktürmen, Gemeinschaften und Gruppierungen in ein lernbereites Für- und Miteinander eintreten und sich im Gespräch für neue Überlegungen öffnen. So können alle von- und miteinander lernen.

Das gilt sowohl innerhalb unserer deutschen Gesellschaft als auch im Hinblick auf das gemeinsame Lernen mit denen, die als Flüchtlinge und Migranten zu uns kommen. Um wiederum das Motto des diesjährigen Tages der Deutschen Einheit aufzugreifen: „Nur mit Euch“ ist ein Lernen möglich, das einem erfüllten Leben dient; „Nur mit Euch“, die Ihr mir und uns vielleicht fremd und in eurer Lebensart, eurer Lebenskultur und eurem Lebenswissen zunächst im guten Sinne fragwürdig erscheint. Wir brauchen euch, weil Ihr unser Lernen und unser Leben reich macht. „Nur mit Euch“!

[…]

Wir haben die Wahrheit und wir haben Gott nie im Griff, sondern lernen sie und ihn immer anders und immer tiefer zu verstehen. Nur so lässt sich der destruktiv und lebensfeindlich wirkende Gegensatz in unserer Gesellschaft überwinden: Die einen sind überzeugt von einer zeitlosen Wahrheit und die anderen von einer wahrheitslosen Zeit.

Es bleibt eine ständige Aufgabe gerade auch in der Gottesfrage, die eigene Relativität sowie die gegenseitige Verwiesenheit zu erkennen und anzuerkennen, ohne in einen Relativismus der Wahrheit abzusinken. Für uns Christen ist die Wahrheit kein System von Aussagen und Erkenntnissen, für uns ist die Wahrheit eine Person, Jesus Christus. Er ist die Wahrheit auf dem Wege, der zum Leben führt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6). Nur über die Beziehung zu ihm, nur ihm nachfolgend werden wir die Wahrheit finden. Deshalb hat Jesus die Menschen zu sich gerufen und sie aufgefordert: „Lernt von mir!“ (Mt 11, 29).

Heiner Koch, Erzbischof von Berlin (in seiner Predigt im Ökumenischen Gottesdienst zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2018 im Berliner Dom)

Schrei des Unschuldigen

»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Mt 27, 47). Dein Schrei, Herr, verstummt nicht und hallt wider von diesen Wänden, die an die Leiden so vieler Söhne und Töchter dieses Volkes erinnern. Litauer und Menschen verschiedener Nationen haben am eigenen Leib den Größenwahn derer erlitten, die sich anmaßten, alles zu kontrollieren. In deinem Schrei, Herr, hallt der Schrei des Unschuldigen wider, der sich mit deiner Stimme vereint und zum Himmel schreit. Es ist der Karfreitag der Trauer und Bitterkeit, der Verzweiflung und Hilflosigkeit, der Grausamkeit und Sinnlosigkeit, den dieses litauische Volk angesichts eines ungezügelten Machtanspruchs erlebte, der das Herz verhärtet und blendet.

Papst Franziskus (aus dem Gebet im Museum für Genozid-Opfer in Vilnius, Litauen)

Sommerabend

Lieblich senkt die Sonne sich,
Alles freut sich wonniglich
In des Abends Kühle!
Du gibst jedem Freud und Rast,
Labst ihn nach des Tages Last
Und des Tages Schwüle.
Horch, es lockt die Nachtigall,
Und des Echos Widerhall
Doppelt ihre Lieder!
Und das Lämmchen hüpft im Tal,
Freude ist jetzt überall,
Wonne senkt sich nieder!
Wonne in des Menschen Brust,
Der der Freud ist sich bewusst,
Die ihm Gott gegeben,
Die du jedem Menschen schufst,
Den aus nichts hervor du rufst
Auf zum ew’gen Leben.

Theodor Storm