Schrei des Unschuldigen

»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Mt 27, 47). Dein Schrei, Herr, verstummt nicht und hallt wider von diesen Wänden, die an die Leiden so vieler Söhne und Töchter dieses Volkes erinnern. Litauer und Menschen verschiedener Nationen haben am eigenen Leib den Größenwahn derer erlitten, die sich anmaßten, alles zu kontrollieren. In deinem Schrei, Herr, hallt der Schrei des Unschuldigen wider, der sich mit deiner Stimme vereint und zum Himmel schreit. Es ist der Karfreitag der Trauer und Bitterkeit, der Verzweiflung und Hilflosigkeit, der Grausamkeit und Sinnlosigkeit, den dieses litauische Volk angesichts eines ungezügelten Machtanspruchs erlebte, der das Herz verhärtet und blendet.

Papst Franziskus (aus dem Gebet im Museum für Genozid-Opfer in Vilnius, Litauen)

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Sommerabend

Lieblich senkt die Sonne sich,
Alles freut sich wonniglich
In des Abends Kühle!
Du gibst jedem Freud und Rast,
Labst ihn nach des Tages Last
Und des Tages Schwüle.
Horch, es lockt die Nachtigall,
Und des Echos Widerhall
Doppelt ihre Lieder!
Und das Lämmchen hüpft im Tal,
Freude ist jetzt überall,
Wonne senkt sich nieder!
Wonne in des Menschen Brust,
Der der Freud ist sich bewusst,
Die ihm Gott gegeben,
Die du jedem Menschen schufst,
Den aus nichts hervor du rufst
Auf zum ew’gen Leben.

Theodor Storm

Replik von Andreas Püttmann zu „Das verordnete Kreuz“

Zu meinem Beitrag „Das verordnete Kreuz“ hat mich Andreas Püttmann auf ein Missverständnis meinerseits aufmerksam gemacht, durch das ein falscher Eindruck von seiner Position entstehen könnte. Er hat mir die folgende Replik zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

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Lieber Josef Bordat,

leider erwecken Sie hier einen falschen Eindruck von meiner Position:

„Püttmann ergreift Partei für einen Glauben, der sich nicht verzwecken oder gar verstaatlichen lässt (soweit richtig), sich stattdessen (falsch!) eher in Zeichen denn in Symbolen zu erkennen gibt: Christliches Handeln in Behörden brauche kein christliches Symbol an der Wand (falsch!). Ich denke, dass ein strenges Entweder-Oder nicht die Lösung ist (Scheinwiderspruch: Denke ich auch!).“

Nicht mal der (gläubige) Landrat, den ich zu Beginn zitiere, ist mit einem Entweder-Oder notwendigerweise richtig wiedergegeben. Er sagt nur, dass seine Behörde das Wesentlichere – den gelebten Glauben – erfüllt. Er hat ja selbst ein Kreuz im Büro. Also muss er ja wohl auch die Bedeutung des Symbols schätzen.

Schon gar nicht wird mein Kommentar richtig wiedergegeben mit „stattdessen“ oder „strenges Entweder-Oder“. Ich bekenne mich im Text durchaus, sogar nachdrücklich zur Bedeutung des Symbols, durch seine Erklärung und mit der Verteidigung des Kreuzes in staatlichen Einrichtungen wie Schulen und Gerichten.

Meine Kritik bezieht sich auf konkrete Umstände:
– staatliche Verordnung von oben herab,
– das zeitliche Setting: Wahlkampf,
– im Blick auf geschürte und gewachsene Islam-Ängste: den identitären Trotz – das Kreuz „gegen“ andere,
– künstliches Nachhelfen (Verdacht: staatliches Missionieren?) statt organische, gesellschaftliche Entwicklung christlicher Kultur,
– übergriffige Maßregelung kritischer Bischöfe als Glaubensverleugner,
und damit insgesamt ein Missbrauch des Kreuzes für parteiliche, populistische, spalterische Politik.

Wer im säkularen, weltanschaulich neutralen Staat unter Ausnutzung seiner Machtposition als bzw. guten Beziehungen zu einer gerade regierenden Partei, eine Art religiöse „Landnahme“ betreibt, stört den religiösen Frieden und schadet der Akzeptanz des Christentums bei nichtchristlichen Teilen der Bevölkerung. Er folgt einem ausgesprochen kurzsichtigen, kontraproduktiven, dummen Kalkül. Prototypisch für die Plumpheit, das Unterkomplexe des gerade grassierenden Populismus. Er schadet der Kirche und dem Glauben.

Ich stelle mir dagegen den Gekreuzigten vor, wie er – in meinen Lieblingsfilmen – zum übereifrigen, kämpferischen Don Camillo spricht, der ihn im Rathaus installiert wissen will.

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Soweit die Replik von Andreas Püttmann zu meinem Beitrag „Das verordnete Kreuz“.

(Josef Bordat)