Urlaub

Ich mache jetzt erst mal zehn Tage Urlaub.

Hat eigentlich auch Jesus mal Urlaub gemacht? Es gibt eine Stelle, die so etwas nahelegt. Nach einer langen Phasen des Heilens und Helfens, des Predigens und Pilgerns befand sich Jesus gewissermaßen im Urlaub: Er hatte sich „in das Gebiet von Tyrus und Sidon“ zurückgezogen (Mt 15, 21), ins heidnische Ausland, wo Er – so sollte man annehmen – endlich mal zur Ruhe kommen konnte, nach Massenspeisung (Mt 14, 13-21) und Massenheilung (Mt 14, 34-36), nach Stress mit den Jüngern (Mt 14, 22-33) und den Pharisäern (Mt 15, 1-20), nach dem Tod seines Cousins Johannes (Mt 14, 1-12). Danach kann und wird es weitergehen: Massenheilung (Mt 15, 29-31) und Massenspeisung (Mt 15, 32-39). Jetzt aber ist zwischenzeitlich einmal „Sendungspause“.

Ausgerechnet mitten im Urlaub kommt nun eine Frau mit einer Bitte zu Jesus. Er, der sonst durch Seine entgrenzende Liebesethik bekannt ist, der gerade keine Unterschiede machen will zwischen Menschengruppen, der auch schon mal die verhassten Samariter zum moralischen Musterbeispiel macht, verweigert sich ihr zunächst (vgl. Mt 15, 21-28). Dabei ist die Angelegenheit durchaus ernst: „Meine Tochter wird von einem Dämon gequält“. Und die Frau weiß, dass es in diesen Fällen keine bessere Hilfe gibt als ein Machtwort dessen, dem selbst die Dämonen gehorchen müssen. Deshalb wendet sie sich an Jesus: „Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!“ Doch Jesus reagiert nicht. Seine Jünger bitten Ihn, Er möge sich der Frau annehmen, schon deshalb, damit sie ihre Ruhe haben, „denn sie schreit hinter uns her“.

Aber Jesus will ihr nicht helfen. Er entgegnet theologisch: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ Zu diesen gehört die Frau nicht, sie kommt aus einem anderen Stall. Warum nur ist Jesus hier so hartherzig, wie es scheint? Nun, Jesus ist ganz Gott und ganz Mensch. Als Mensch muss Er mit Seinen Kräften haushalten und sich auf Seine Kernkompetenz konzentrieren. Es hat keinen Sinn, über blinden Aktionismus die eigentliche Sendung zu vergessen: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen“. Das sieht selbst die Frau ein, trotz ihrer Not: „Ja, du hast recht, Herr!“. So beansprucht sie nur das, was Jesus für sie übrig hat, denn „selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen“. Eine hartnäckige Frau, die nicht auf den Mund gefallen ist! Es ist schließlich die Penetranz der kanaanäischen Frau, die nicht aufgeben will, die festhält an Gott und an Jesus, obwohl sie allen Grund hätte, sich enttäuscht abzuwenden. Das beeindruckt schließlich auch den Herrn: „Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen.“ Und es geschieht.

Wie groß ist unser Glaube? Wie sehr bitten wir Christus, uns zu helfen? Diese Stelle des Matthäusevangeliums ruft uns auf, dran zu bleiben in Bitte und Gebet. Und: Sind wir in der Lage, Ruhe und Erholung zu finden, uns zurückzuziehen? Gerade Menschen, die von Berufs wegen helfen und heilen, Menschen in kurativen und karitativen Berufen, sind oft davon betroffen, auszubrennen, weil sie bis zur totalen Erschöpfung arbeiten. Letztlich ist das Zögern Jesu gegenüber der Frau also auch ein Plädoyer für Ruhe und Erholung zur rechten Zeit. Um nach dem Urlaub wieder durchstarten zu können. Wie Jesus.

(Josef Bordat)

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Wer sind die „vielen“, die Jesus nicht kennt?

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten, und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes! Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut. Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört. Als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten. (Mt 7, 21-29)

Das heutige Tagesevangelium finde ich wieder mal richtig schwierig. Es geht kryptisch los, um dann in einem einleuchtenden Bild zu enden. Also, eigentlich endet es mit dem stillen Lob der Zuhörer, das sich aber wohl auf die gesamte Bergpredigt bezieht, mit der die heutige Perikope abschließt.

Ich frage mich: Wer ist damit gemeint? Wer sind die „vielen“, zu denen Jesus sagt: „Ich kenne euch nicht.“? Es sind ja durchaus gute Taten, die Jesus hier nennt: „als Propheten aufgetreten“, „Dämonen ausgetrieben“, „viele Wunder vollbracht“. Das ist ja kein schlechtes Zeugnis. Ja, es ist sogar so gut, dass es wohl das meiste von dem, was ich so zustande bringe, weit übersteigt. Wunder habe ich noch keine vollbracht, Dämonen ausgetrieben auch nicht (jedenfalls nicht, dass ich wüsste). Als Prophet aufgetreten? Gut. Das bringt der Job manchmal mit sich. Doch unter‘m Strich falle ich weit hinter diejenigen zurück, zu denen der Herr sagt: „Ich kenne euch nicht.“ Was wird er erst zu mir sagen?

Das ist ziemlich frustrierend, wenn man es mal zuende bedenkt. Doch andererseits glimmt darin ein Fünkchen Hoffnung. Weiter heißt es nämlich, gewissermaßen als Begründung für die Ignoranz Jesu: „Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes!“ Jetzt kommen wir der Sache näher: die Propheten und Wunderheiler haben ganze Arbeit geleistet, dabei aber das Gesetz missachtet. Das Gesetz, das Jesus uns gibt: das Liebesgebot.

Sie, die soviel Gutes tun, tun es ohne Liebe. Das ist es, was sie für Jesus fremd macht, weil sie Ihm innerlich fremd bleiben. Das ist es, was den Herrn sagen lässt: „Ich kenne euch nicht.“

Daran schließt sich das Bild vom Hausbau an. Sand oder Fels – das ist die Frage. Haus ist zunächst einmal Haus, so wie das Austreiben von Dämonen zunächst einmal das Austreiben von Dämonen ist. Äußerlich gleich, bei Sonnenschein ununterscheidbar. Doch es kommt auf den Grund an: auf Fels gebaut (also: mit Liebe getan) oder auf Sand gebaut (also: aus Eitelkeit, Geltungssucht oder Gewinnstreben gehandelt)?

Das Fundament entscheidet in Krisenzeiten, wenn Wassermassen heranfluten und Stürme toben. Dann ist die Liebe der Fels, die uns an Christus bindet – und an den Nächsten, der auf unser Handeln angewiesen ist.

(Josef Bordat)

Warum kniet ein Mensch vor einem „Stückchen Brot“?

Ein Mensch kniet vor einem „Stückchen Brot“, soweit er darin in einem Akt des Glaubens etwas anderes erkennt als Brot, weil das Brot nicht mehr Brot ist. Wie geht das?

Die Idee ist eine metaphysische: Jedes Ding hat ein Sein und ein So-Sein – etwas, das es wesentlich ausmacht (die Substanz), und hinzutretende Eigenschaften (die Akzidenzien). Bei einer Transsubstantiation kommt es zum Tausch der Substanzen, ohne Beeinträchtigung der wahrnehmbaren Eigenschaften. Das Wesen, das eine Sache ontologisch ausmacht (wenn es darum geht, was sie eigentlich ist) ändert sich, ohne dass es zu einer äußerlich erkennbaren Veränderung der Sache käme. Das eucharistische Brot etwa schmeckt weiterhin brotartig, also: „wie Brot“, obwohl es kein Brot mehr ist. Das Wesen der Hostie hat sich gewandelt: Im Glauben ist sie uns nach der Konsekration „Leib Christi“.

Das funktioniert natürlich nur im Denkgebäude einer essenzialistischen Metaphysik, in dem eine Sache mehr ist als das, was wir über sie erfahren können, in der es also ein unserer Wahrnehmung entzogenes „Wesen“ der Sache gibt, das sich nicht in der Summe ihrer Eigenschaften erschöpft. Eine reistisch-positivistische Weltsicht hingegen, bei der die Dinge gerade sind, was sie uns sinnlich offenbaren, wie sie uns erscheinen in Beobachtung und Messung, verwirft die Ontologie der Substanzmetaphysik, auf der die Idee der Transsubstantiation basiert. Muss sie auch: Wer eine konsekrierte Hostie im Labor untersuchte und das Ergebnis mit den Daten einer nicht-konsekrierten Hostie vergliche, würde – nehme ich an – keinen signifikanten Unterschied feststellen. Denn er würde – substanzmetaphysisch – gesprochen nur die Akzidenzien vergleichen – und die haben sich ja nicht verändert.

Schwierig – zugegeben! Vielleicht gibt es dennoch einen Weg, die Wandlung der Moderne begreiflich zu machen. Wir kennen ja auch in anderen Kontexten das Phänomen, dass Dinge plötzlich eine andere Bedeutung haben, ohne dass sich etwas an ihren Eigenschaften geändert hätte. Wenn ich einen roten, einen gelben und einen schwarzen Schal nehme, dann ergibt sich, in der richtigen Reihenfolge arrangiert, ein Bild, dass ganz andere Assoziationen weckt als „drei Schals“. Plötzlich denke ich „Deutschland“ oder „Belgien“ – und ich denke an das, was damit in Verbindung steht. Ohne dass sich die Eigenschaften der Schals verändert hätten, bekommen sie eine ganz neue symbolische Bedeutung – sie stehen für etwas, für das sie vorher nicht standen.

Das trifft nun noch nicht ganz den Punkt, denn der katholische Glaube geht weiter: Er sieht in der Hostie – bei aller Zeichenhaftigkeit des Sakraments der Eucharistie – nicht nur ein Symbol, eine neue Bedeutung, die zugeschrieben wird, sondern ein neues Sein. Die Hostie symbolisiert nicht nur den Leib Christi, bedeutet nicht nur so viel wie der Leib Christi, sie ist der Leib Christi. Das ist etwas, dass sich nur im Glauben erschließt. Doch vielleicht kann das Beispiel der Schals erst mal dazu anregen, überhaupt zu akzeptieren, dass ein und dieselbe beobachtbare Stofflichkeit ganz unterschiedliche Bedeutungen annehmen können – bis hin zur Wesensänderung, aus der völlig andere soziale Konsequenzen erwachsen.

Denn: Würde man die drei Schals für sich genommen verbrennen, wäre das (eingedenk der Brandschutzverordnung) ein erlaubter Akt (tun Sie‘s trotzdem nicht – der nächste Winter kommt bestimmt). Würde man die drei Schals miteinander verbinden (schwarz-rot-gelb) und dann – in dieser gewandelten Gestalt – verbrennen, wäre dies als „Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole“ nach § 90a StGB strafbar. Und so, wie jemand – denken Sie an einen Soldaten – vor drei Schals in der richtigen Reihenfolge salutiert, so kniet der gläubige Mensch vor einem – akzidentiell gesprochen – „Stückchen Brot“, weil er darin – substanziell betrachtet – etwas erkennt, das weit über das So-Sein des Brotes hinausgeht: das Sein des sich uns selbst als „Brot des Lebens“ präsentierenden Christus.

(Josef Bordat)

Der Gott Gregor Gysis

Gregor Gysi meint in der Tagespost: „Vielleicht wäre eine andere Beschreibung Gottes dergestalt sinnvoll, dass es irgendetwas außerhalb und unabhängig von Menschen gibt, das unsere Existenz, unser Schicksal und jenes, was wir nicht verstehen, erklärt. Dem wird man sich wohl weniger entziehen können.“

Richtig. Doch Gottesvorstellungen sollten sich – wenn ihnen überhaupt Bedeutung zukommen soll – nicht daran orientieren, was die Menschen gerade noch glauben können. Denn so kämen wir tatsächlich wieder zu anthropogenen Göttern und fielen damit in archaische Zeiten zurück. Denn selbst die reine Abstraktion des numinosen „Höheren“ ist ja eine Wunschvorstellung des Menschen, eine bequeme Projektion ins Beliebige. Und so, wie man vor zwei oder drei Jahrtausenden einen passgenauen Gott für Krieg, Wein, Liebe und andere Dinge brauchte (und sich schuf), wäre dieses moderne Abstraktum eben auch nur vom Nutzwert her bestimmt: quadratisch, praktisch, gut.

Wir müssen uns schon dem dreifaltigen, dreieinigen Gott der Bibel nähern, wenn wir Christen sein wollen, auch dann, wenn das schwieriger ist als von einer schöpferischen Energie oder einer kosmischen Macht zu sprechen, die mit uns nichts zu tun hat (und wir mit ihr dann auch nicht – von allgemeiner Bewunderung und gelegentlichem rituellen Staunen mal abgesehen). Wir müssen Gott als den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist bezeugen, mit allen Aufträgen, die damit verbunden sind: Bewahrung der Schöpfung, Nächstenliebe, Nachdenken über den Glauben.

Der unpersönliche Gott Gregor Gysis, der „Irgendetwas-außerhalb-und-unabhängig-vom-Menschen“, wäre nicht der „Ich bin da“ judeo-christlicher Offenbarung und Tradition. Es mag sein, dass wir mit jenem Gott eher Frieden schlössen, soweit er eben schön außerhalb von uns bleibt und wir von ihm unabhängig sind, doch das, was Christen „Gott“ nennen, ist damit nicht getroffen.

(Josef Bordat)

Dreifaltigkeit in Dreieinigkeit

Gedanken zum Dreifaltigkeitssonntag

Gott ist dreifaltig einer,
der Vater schuf die Welt.
Der Sohn hat uns erlöset,
der Geist uns auserwählt.

(Gotteslob, Nr. 354)

 

Das relationale Bild der Trinität versucht die Beziehung der göttlichen Personen untereinander (Vater und Sohn, verbunden durch den Heiligen Geist) sowie die unterschiedlichen Modi der Beziehung Gottes zum Menschen zu erfassen: Schöpfer, Erlöser, Beistand. Dabei durchdringen sich die Personen, so dass Gott Vater, Gott Sohn und der Heilige Geist eins sind und in der Einheit gleichermaßen Teil haben an Schöpung, Erlösung und Begleitung des Menschen – bis zur Vollendung. Es sind drei Personen in einem Gott, nicht drei Götter mit getrennten Aufgabenbereichen. Dennoch sind es drei verschiedene personale Formen, die uns Gott je unterschiedlich erfahren lassen.

„Die Dreifaltigkeit“, so Papst Franziskus, „ist Gemeinschaft der göttlichen Personen, die eine mit der anderen, eine für die andere, eine in der anderen sind: diese Gemeinschaft ist das Leben Gottes, das Geheimnis der Liebe des lebendigen Gottes. Und Jesus hat uns dieses Geheimnis offenbart. Er hat zu uns von Gott als dem Vater gesprochen; er hat zu uns vom Heiligen Geist gesprochen; und er hat zu uns von sich selbst als Sohn Gottes gesprochen. Und als er nach seiner Auferstehung die Jünger ausgesandt hat, um die Völker zu evangelisieren, hat er ihnen aufgetragen, sie „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ zu taufen (Mt 28, 19). Dieses Gebot vertraut Christus zu allen Zeiten der Kirche an, die von den Aposteln den Auftrag zur Mission geerbt hat. Er richtet es auch an einen jeden von uns, die wir kraft der Taufe Teil seiner Gemeinde sind.“

Vater – Sohn – Heiliger Geist. Für dieses Gottesbild gibt es zwei deutsche Bezeichnungen, die die ganze Spannung zwischen Einheit und Verschiedenheit erkennbar machen: Dreifaltigkeit und Dreieinigkeit. Gott entäußert sich in Seiner Schöpfung, in Seinem Wort und in Seiner schöpferischen Kraft der Liebe: Dreifaltigkeit. Doch die Relation der drei göttlichen Personen zueinander führt nicht zur Eingrenzung der jeweils anderen personalen Form von Göttlichkeit. Die Personenn weisen einander nicht feste Plätze zu, schon gar nicht weisen sie sich in die Schranken partikularer Kompetenz. Gott ist in sich relational, wird damit aber nicht relativ. So sehr sind die göttlichen Personen miteinander verbunden, dass wir von Durchdringung, von Einheit sprechen können: Dreieinigkeit.

„Gott ist dreifaltig einer“, so heißt es in einem Kirchenlied zum Glaubensbekenntnis (Nr. 354 im Gotteslob). Tatsächlich gehört die Trinität als Dreifaltigkeit in Dreieinigkeit zu den zentralen, unumstößlichen Glaubenswahrheiten des Christentums. Sie ist für die ganze Menschheit von größter Relevanz. Denn: Aus dem Verständnis von Gott als Relation dreier Personen, die in Verschiedenheit geeint sind und in Einheit verschieden bleiben, erwächst eine dialogische Grundhaltung, die den Menschen (das Abbild Gottes) ebenso als „Beziehungswesen“ begreift, als ein ens sociale, das auch unter den faktischen Bedingungen der Verschiedenheit den Gedanken der Einheit nie ganz verwirft. Durch eine schlichte Analogie können wir Christen von Gott selbst lernen, wie Beziehungen gelingen. Damit ist der Grund gelegt für eine kooperativere und friedlichere Welt.

(Josef Bordat)

Ein Schatz, der siebenfältig ziert

Ein Lied darf in keinem Pfingstgottesdienst fehlen: „Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein“ (Nr. 351 im katholischen „Gotteslob“). Die dritte Strophe darin beginnt mit „O Schatz, der siebenfältig ziert“. Damit sind bekanntlich die sieben Gnadengaben des Heiligen Geistes gemeint: Verstand oder Einsicht, Weisheit, Rat, Stärke, Wissenschaft oder Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Und was bedeuten diese Gaben nun? Fangen wir mal hinten an.

Frömmigkeit ist für einen gläubigen Menschen eigentlich selbstverständlich. Es ist klar, dass man dem, den man liebt, auch nach besten Kräften dient, also Gottesdienst verrichtet, wozu uns der Geist Stärke geben möge. Auch, dass man regelmäßig betet und die Sakramente empfängt. Doch kommt es eben auf die Haltung an, in der unser Dienst geschieht. Wahre Frömmigkeit hat nichts mit dem äußeren Ritus zu tun, sondern mit dem Herzen, dem inneren Gespür für das, was passiert, wenn wir Gottesdienst feiern.

Zur Frömmigkeit gehört Gottesfurcht. Das hört sich nach Angst an. Doch Bangemachen gilt nicht! Es geht ja auch nicht darum, sich vor Gott zu fürchten wie man sich vor einer Spinne oder einer Krankheit fürchtet und deswegen alles tut, ihrer Existenz im eigenen Leben zu entgehen, sondern um Ehrfurcht vor Gott, um Respekt, um Achtung, also darum, eine Haltung höchster Wertschätzung zu entwickeln, die einen stets in die Nähe des Verehrten, Gelobten und Gepriesenen drängt, hin zur Frömmigkeit. Ehrfurcht ist also das glatte Gegenteil von Furcht, mit der genau entgegengesetzten Konsequenz: nicht Flucht vor, sondern gläubige Annäherung an Gott.

„Dann erschien etwas, das aussah wie Flammen…“ (Apg 2, 3). Foto: JoBo, 06-2016.

Wissenschaft schafft Wissen. Und damit zugleich neue Möglichkeiten, die Welt und den Menschen zu erkennen und zu deuten. Man braucht dafür Fleiß und Ausdauer. Wissen zu erlangen ist kein Privileg von Genies, die kommen, sehen und verstehen, sondern die schwere Aufgabe aller Menschen, die in der Welt zurechtkommen wollen. Wissen ist etwas anderes als Information, es ist interpretierte Information. Für die richtige Deutung von Daten braucht es neben den Fertigkeiten der Forschungsdisziplin auch Frömmigkeit und Gottesfurcht.

Wissen führt zu Einsicht, Einsicht zu Verständnis, Verständnis zu Verstand. Ebenso die aus der Gottesfurcht erwachsene Frömmigkeit, auch sie führt zur Einsicht und Verstand. Die Weisheit ist sicherlich die Königin der Verständigkeit, doch auch unterhalb der Schwelle zur höchsten Erkenntnis liegen Aspekte des Lebens, die einzusehen sich lohnt. Die Einsicht, dass man Rat braucht. Die Einsicht, dass es mit der eigenen Stärke nicht so gut bestellt ist, wie angenommen. Wir müssen bei der Einsicht in Dinge oft eine liebgewonnene Ansicht hinterfragen. Das ist nicht einfach, dazu braucht es die Vermittlung durch den Heiligen Geist.

Im Gegensatz zu Wissenschaft lässt sich Weisheit nicht erwerben, nicht erarbeiten. Weisheit ist einem Menschen gegeben oder eben nicht. Zu Wissen und Bildung kann man systematisch gelangen, nach bestimmten Regeln, auf festgelegten Wegen. Man muss sammeln, ordnen, deuten – kurz: aktiv werden. Weisheit aber verlangt einen gedanklichen Rückzug, eine Passivität, die sich beschenken lässt und zu einem gelassenen, humorvollen, spielerischen Umgang mit dem Wissen führt. Der Weise scheut sich nicht, sich selbst zu hinterfragen, und schließt dabei seine Fähigkeit, zu Einsicht zu gelangen, bewusst mit ein.

Die Fähigkeit, Anderen einen guten Rat zu geben, wird von einer Fähigkeit übertroffen: selber einen guten Rat von anderen Menschen anzunehmen. Braucht es für jenes Einsicht und Wissenschaft, benötigt dieses Weisheit. Hilfsbedürftigkeit zuzugeben, ist eine Schwäche, die wir nicht gerne offenbaren. Doch nur so lässt sich Hilflosigkeit, also: Schwäche, die uns offenbart, vermeiden. Der Heilige Geist hilft uns, dass wir uns helfen lassen, so, wie Er uns zu helfen hilft. Da Sein guter Rat teuer ist, üben wir uns zugleich in Gottesfurcht und Frömmigkeit.

Schließlich braucht man Kraft, um sich im Glauben zu bewähren und stets in der rechten Frömmigkeit zu leben. Die Stärke hat eine hässliche Schwester: die Gewalt. Gewalt tun wir einander an, wenn wir aus der Haltung des vermeintlich oder tatsächlich Stärkeren die Schwachen für ihre vermeintliche oder tatsächliche Glaubensschwäche verurteilen. Das kommt vor. Dabei fehlen dann die anderen sechs Gaben des Heiligen Geistes, vor allem die Weisheit.

(Josef Bordat)

Der Heilige Geist

Erst wie ein Brausen, dann wie ein Säuseln, einmal Sturm, ein andermal Hauch – die Bilder, die die Bibel für den Heiligen Geist kennt, sind sehr unterschiedlich. Fest steht: Der Heilige Geist ist der Dritte im Bunde. Oder die Dritte, denn im Hebräischen ist das Wort für Geist feminin, also etwa mit „Geisteskraft“ übertragbar. Wie dem auch sei: Wenn ein Christ Gott sagt, dann meint er Vater, Sohn und Heiliger Geist, er meint die Beziehung der drei Personen, die miteinander zu einem einzigen göttlichen Wesen verbunden sind, er bekennt sich zum Glauben an die Dreifaltigkeit und an die Dreieinigkeit. Was bedeutet das?

Das relationale Bild der Trinität versucht die Beziehung der göttlichen Personen untereinander (Vater und Sohn, verbunden durch den Heiligen Geist) sowie die unterschiedlichen Modi der Beziehung Gottes zum Menschen zu erfassen: Schöpfer, Erlöser, Beistand. Dabei durchdringen sich die Personen, so daß Gott Vater, Gott Sohn und der Heilige Geist eins sind und in der Einheit gleichermaßen Teil haben an Schöpfung, Erlösung und Begleitung des Menschen – bis zur Vollendung. Es sind drei Personen in einem Gott, nicht drei Götter mit getrennten Aufgabenbereichen. Dennoch sind es drei verschiedene personale Formen, die uns Gott je unterschiedlich erfahren lassen.

Für dieses Gottesbild gibt es zwei deutsche Bezeichnungen, die die ganze Spannung zwischen Einheit und Verschiedenheit erkennbar machen: Dreifaltigkeit und Dreieinigkeit. Gott entäußert sich in Seiner Schöpfung, in Seinem Wort und in Seiner schöpferischen Kraft der Liebe: Dreifaltigkeit. Doch die Relation der drei göttlichen Personen zueinander führt nicht zur Eingrenzung der jeweils anderen personalen Form von Göttlichkeit. Die Personen weisen einander nicht feste Plätze zu, schon gar nicht weisen sie sich in die Schranken partikularer Kompetenz. Gott ist in sich relational, wird damit aber nicht relativ. So sehr sind die göttlichen Personen miteinander verbunden, daß wir von Durchdringung, von Einheit sprechen können: Dreieinigkeit.

Gott ist dreifaltig einer, so heißt es in einem Kirchenlied zum Glaubensbekenntnis. Tatsächlich gehört die Trinität als Dreifaltigkeit in Dreieinigkeit zu den zentralen, unumstößlichen Glaubenswahrheiten des Christentums. Sie ist für die ganze Menschheit von größter Relevanz. Denn: Aus dem Verständnis von Gott als Relation dreier Personen, die in Verschiedenheit geeint sind und in Einheit verschieden bleiben, erwächst eine dialogische Grundhaltung, die den Menschen (das Abbild Gottes) ebenso als „Beziehungswesen“ begreift, als ein ens sociale, das auch unter den faktischen Bedingungen der Verschiedenheit den Gedanken der Einheit nie ganz verwirft. Durch eine schlichte Analogie können wir Christen von Gott selbst lernen, wie Beziehungen gelingen. Damit ist der Grund gelegt für eine kooperativere und friedlichere Welt.

So unterschiedlich wie die Versuche, das Auftreten des Heiligen Geistes zu beschreiben, sind auch die Wirkungen, die Gaben, die uns durch den Heiligen Geist geschenkt sind: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Wissenschaft, Frömmigkeit, Gottesfurcht (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1831). Diese Geistesgaben lohnen eine genauere Betrachtung.

Beginnen wir mit der Frömmigkeit. Frömmigkeit ist für einen gläubigen Menschen eigentlich selbstverständlich. Es ist klar, daß man dem, den man liebt, auch nach besten Kräften dient, also Gottesdienst verrichtet, wozu uns der Geist Stärke geben möge. Auch, daß man regelmäßig betet und die Sakramente empfängt. Doch kommt es eben auf die Haltung an, in der unser Dienst geschieht. Wahre Frömmigkeit hat nichts mit dem äußeren Ritus zu tun, sondern mit dem Herzen, dem inneren Gespür für das, was passiert, wenn wir Gottesdienst feiern.

Zur Frömmigkeit gehört Gottesfurcht. Das hört sich nach Angst an. Doch Bangemachen gilt nicht! Es geht ja auch nicht darum, sich vor Gott zu fürchten wie man sich vor einer Spinne oder einer Krankheit fürchtet und deswegen alles tut, ihrer Existenz im eigenen Leben zu entgehen, sondern um Ehrfurcht vor Gott, um Respekt, um Achtung, also darum, eine Haltung höchster Wertschätzung zu entwickeln, die einen stets in die Nähe des Verehrten, Gelobten und Gepriesenen drängt, hin zur Frömmigkeit. Ehrfurcht ist also das glatte Gegenteil von Furcht, mit der genau entgegengesetzten Konsequenz: nicht Flucht vor Gott, sondern gläubige Annäherung an Ihn.

Wissenschaft schafft Wissen. Und damit zugleich neue Möglichkeiten, die Welt und den Menschen zu deuten. Man braucht dafür Fleiß und Ausdauer. Wissen zu erlangen ist kein Privileg von Genies, die kommen, sehen und verstehen, sondern die schwere Aufgabe aller Menschen, die in der Welt zurechtkommen wollen. Wissen ist etwas anderes als Information, es ist interpretierte Information. Für die richtige Deutung von Daten braucht es neben den Fertigkeiten der Forschungsdisziplin auch Frömmigkeit und Gottesfurcht.

Wissen führt zu Einsicht, ebenso die aus der Gottesfurcht erwachsene Frömmigkeit, auch sie führt zur Einsicht. Die Weisheit ist sicherlich die Königin der Einsicht, doch auch unterhalb der Schwelle zur höchsten Erkenntnis liegen Aspekte des Lebens, die einzusehen sich lohnt. Die Einsicht, daß man Rat braucht. Die Einsicht, daß es mit der eigenen Stärke nicht so gut bestellt ist, wie angenommen. Wir müssen bei der Einsicht in Dinge oft eine liebgewonnene Ansicht hinterfragen. Das ist nicht einfach, dazu braucht es die Vermittlung durch den Heiligen Geist.

Im Gegensatz zu Wissenschaft läßt sich Weisheit nicht erwerben, nicht erarbeiten. Weisheit, so scheint es zumindest, ist einem Menschen gegeben oder eben nicht. Zu Wissen und Bildung kann man systematisch gelangen, nach bestimmten Regeln, auf festgelegten Wegen. Man muß sammeln, ordnen, deuten – kurz: aktiv werden. Weisheit aber verlangt einen gedanklichen Rückzug, eine Passivität, die sich beschenken läßt und zu einem gelassenen, humorvollen, spielerischen Umgang mit dem Wissen führt. Der Weise scheut sich nicht, sich selbst zu hinterfragen, und schließt dabei seine Fähigkeit, zu Einsicht zu gelangen, ganz bewußt mit ein.

Die Fähigkeit, Anderen einen guten Rat zu geben, wird von einer Fähigkeit übertroffen: selber einen guten Rat von anderen Menschen anzunehmen. Braucht es für jenes Einsicht und Wissenschaft, benötigt dieses Weisheit. Hilfsbedürftigkeit zuzugeben, ist eine Schwäche, die wir nicht gerne offenbaren. Doch nur so läßt sich Hilflosigkeit vermeiden, also: Schwäche, die uns offenbart. Der Heilige Geist hilft uns, daß wir uns helfen lassen, so, wie Er uns zu helfen hilft. Da Sein guter Rat teuer ist, üben wir uns zugleich in Gottesfurcht und Frömmigkeit.

Schließlich braucht man Kraft, um sich im Glauben zu bewähren und stets in der rechten Frömmigkeit zu leben. Die Stärke hat eine häßliche Schwester: die Gewalt. Gewalt tun wir einander an, wenn wir aus der Haltung des vermeintlich oder tatsächlich Stärkeren die Schwachen für ihre vermeintliche oder tatsächliche Glaubensschwäche verurteilen. Das kommt vor. Dabei fehlen dann jedoch die anderen sechs Gaben des Heiligen Geistes, vor allem die Weisheit.

Hinter all diesen Gaben steckt ein Gott, ein Herr, ein Geist. Der Heilige Geist ist ein göttliches Gnadengeschenk. Er ist geschenkt aus Gnade und schenkt uns Gnade. Der Heilige Geist ist nämlich der göttliche Beistand, der uns auf Erden gegeben ist. Jesus selbst kündigt das Kommen des Heiligen Geist an: „Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird“ (Joh 14, 16-17).

Dreierlei wird hier über den Heiligen Geist, den Beistand gesagt: 1. Dieser Beistand ist anders als Jesus. Er begleitet uns, lenkt und leitet unsere Suche nach Gott, so wie Jesus es im Dienst an den Menschen tat, als Er auf Erden wirkte. Doch der Heilige Geist ist eben nicht für alle Augen zu sehen und für alle Ohren zu hören, wie das bei Jesus der Fall war, dessen Wirken auch Seinen Gegnern nicht verborgen blieb. Das ist nun anders: Der „Welt“ (also Sinnbild eines von Gott fernen Lebensstils) bleibt das Wirken des Heiligen Geistes verborgen. 2. Dieser Beistand ist für immer bei uns. Er ist grenzenlos und ewig. Er bleibt. Und: Er weht, wo Er will. Der Heilige Geist wird damit zum Lebensprinzip einer Kirche im ständigen Wandel, die Kulturräume und Zeitepochen überschreitet. 3. Dieser Beistand ist Garant jener Wahrheit, für die Jesus kurz zuvor mit seiner Person einsteht: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6). Er ist denen steter Zuspruch, die diese Wahrheit aufrichtig suchen, Er weht zugleich die Gewißheit derer davon, die für sich in Anspruch nehmen, sie bis ins letzte Detail hinein exklusiv gepachtet zu haben.

(Josef Bordat)