Kurt Huber

Heute vor 75 Jahren wurde Kurt Huber hingerichtet.

In einem Schreiben des glühenden Antisemiten Herbert Gerigks, eines Fachkollegen Hubers, an den Reichsstudentenführer vom 19. November 1936 heißt es: „Hubers Bindungen zum Katholizismus und sogar eine ausgesprochen parteifeindliche Haltung sind eindeutig erwiesen“.

Schon die Nazis unterstellten offenbar einen Zusammenhang, den wir heute anhand von Schriftzeugnissen klar aufweisen können: Weil Huber katholisch war, war er parteifeindlich. Und weil er ein Mensch war, der sich weigerte, das Denken einzustellen. Und ein Patriot, der es – im Gegensatz zu den Nazis – ganz ernst meinte mit dem Wohl des deutschen Volkes.

In der Tagespost erinnere ich an den Hochschullehrer, der „die Wiederherstellung der Legalität“ forderte. Und dafür hingerichtet wurde.

(Josef Bordat)

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Das verordnete Kreuz

In seinem „Standpunkt“ auf katholisch.de kritisiert Andreas Püttmann unter dem Titel „Das Kreuz und die billige Münze“ den Kreuz-Erlass der bayerischen Staatsregierung. Püttmanns Ausgangspunkt ist dabei die Weigerung eines (evangelischen) Behördenleiters, den Erlass umzusetzen. Hier zeigt sich, dass sich Widerstände nicht nur aus säkularistischen Motiven regen, sondern auch Christen ein Problem mit dem „verordneten Kreuz“ haben.

In der Debatte zeigt sich deutlich die Spannung zwischen Glaubenszeichen und Kultursymbol, die im Kreuz steckt. Püttmann ergreift Partei für einen Glauben, der sich nicht verzwecken oder gar verstaatlichen lässt, sich stattdessen eher in Zeichen denn in Symbolen zu erkennen gibt: Christliches Handeln in Behörden brauche kein christliches Symbol an der Wand.

Ich denke, dass ein strenges Entweder-Oder nicht die Lösung ist. Weder der rein abstrakte, anonyme Glaubensvollzug noch die Instrumentalisierung von Religion und deren auf Form und Materie reduzierte Zurschaustellung sind im Kern christlich. Es braucht auch das Gegenständliche, das uns an das Wesentliche erinnert – wer wüsste das besser als wir Katholiken.

Das Kreuz ist unstreitig auch das Symbol einer Wertorientierung, die der moderne Verfassungsstaat mit dem Christentum teilt. Bei aller historischen und kulturellen Bedeutung der christlichen Religion und christlicher Institutionen für den europäischen Staat ist das Kreuz die Versinnbildlichung einer Idee mit universalistischem Anspruch, an die zu erinnern zwei schlichte Holzleisten dienen können – ohne damit gleich das Glaubensbekenntnis mit zu meinen.

Das Kreuz im Foyer meint: Alles hoheitliche Handeln in den Büros dieses Gebäudes soll in Verantwortung vor Gott und dem Menschen geschehen, dessen Würde stets zu achten und zu schützen ist. So betrachtet, hängen die Kreuze in Einrichtungen des Staates goldrichtig. Falsch ist es, mit dem Kreuz zeigen zu wollen: „Hier ist das Abendland – und hier gab es mal was, an das wir uns nostalgisch rückbinden. Das machen wir aber nur, um zu zeigen, dass wir anders sind als ihr und ihr anders seid als wir!“ Wer das Kreuz so deutet, hat den Gekreuzigten nicht verstanden.

(Josef Bordat)

Christsein heute

Christen werden hierzulande immer mehr zu Exoten. Darin liegt aber auch eine Chance: Im Diskurs als Minderheit gehört und (wieder) ernst genommen zu werden. Vorausgesetzt, die Kirche bleibt argumentativ anschlussfähig und nimmt selbstbewusst an den gesellschaftlichen Debatten teil.

Wer in Berlin katholisch ist, gehört nicht nur zu einer Minderheit, er ist ein Exot. Es gibt in der deutschen Hauptstadt mehr Moslems als Katholiken und auch die katholischen Christen sind zumeist nach Berlin immigriert, aus Schlesien, aus dem Rheinland, aus Schwaben, neuerdings vor allem aus Lateinamerika und Afrika. Die säkularistische Definition von Andersartigkeit erfährt vor diesem Hintergrund erst im Christsein eine negative Wendung. Oder, wie ich es mal in einem Kommentar in einem Internetforum fand: „Ich würde bei meinen Kindern alles tolerieren. Es sei denn, sie würden katholisch werden wollen. Das ginge mir dann doch zu weit!“ Der Kommentar war – auf Nachfrage bestätigt – ernst gemeint.

Wer als Christ im akademischen Umfeld unterwegs ist, wird zudem oft unter Hinweis auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritts gefragt: Warum heute noch seine Orientierung in der Religion suchen? Warum heute noch an Gott glauben? Warum heute noch Christ sein? Ich stelle dann gerne Gegenfragen: Was hat denn der wissenschaftlich-technische Fortschritt mit dem Glauben zu tun? Was hat die Wissenschaft an Erkenntnissen gebracht für die Frage nach Gott? Und: Was bedeutet der Fortschritt für das Lebensglück des Einzelnen? Fakt ist: Noch nie und nirgendwo waren so viele Menschen orientierungslos, hoffnungslos, an Depressionen erkrankt wie hier und heute. Die beglückende Wirkung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts scheint jedenfalls an einigen zielsicher vorbei zu gehen.

Dennoch ist dieser Ansatz nicht uninteressant. Allein – man muss die Frage transformieren: Nicht „Warum“, sondern „Wie“ kann und soll man Christ sein? Heute. Dazu vier Vorbemerkungen: 1. Beim religiösen Glauben des Christen geht es nicht um eine bloße Behauptung, eine Meinung, wie es die philosophische Kategorie des „Theismus“ andeutet. Es geht nicht um das Für-wahr-halten der Gotteshypothese, sondern um ein Vertrauen auf Gott, das so tief ist, dass Gott – auf Vermittlung Jesu – zum „Vater“ wird. Aus dem abstrakten „Etwas“ wird im christlichen Glauben ein konkreter „Jemand“, aus dem „Es“ wird ein „Du“, das sich – obgleich ein „Anderes“ – dem Menschen zuwendet. 2. Der religiöse Glaube des Christen, so, wie er in der Kirche gelebt wird, ist zwar auch ein systematisch erschlossener, vielmehr jedoch ein historisch gewachsener, aus der biblischen Offenbarung, die die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt, und aus der Deutungstradition, die diese Geschichte fortschreibt. Der christliche Glaube bleibt sich dieser Historizität der Gott-Mensch-Beziehung bewusst. 3. Der religiöse Glaube des Christen ist weniger eine Erkenntnis als vielmehr eine Entscheidung. Zwar ist der christliche Glaube vernünftig, aber eben nicht wissenschaftlich ergründbar. Seine Grundlage, die Bibel, ist wahr, aber nicht logisch. Sein Kern, die Auferstehung Christi, ist nicht bewiesen, wohl aber bezeugt. Dass Wahrheit und Vernunft auch außerhalb von Logik und Wissenschaft gesucht und gefunden werden können, mag den menschlichen Verstand übersteigen. Aber nicht die Macht Gottes. 4. Der religiöse Glaube des Christen bewährt sich nicht im Labor, sondern im Leben. Christlicher Glaube ist die existentielle Erfahrung, dass Gott die Liebe ist und will, dass wir Ihn, uns und Andere so lieben, wie Er uns durch Christus geliebt hat. Das hat Folgen für das Leben. Im christlichen Glauben erhält der Mensch die Kraft, die ihn befähigt, die Last der Folgen zu tragen und ein Leben zu führen, wie Christus es uns vorgestellt hat: ein Leben in Fülle.

Eigentlich eine großartige Perspektive! Doch wer so denkt, hat es schwer. Mir geht eine Geschichte aus der Nachbardiözese Dresden-Meißen nicht aus dem Sinn. Eine Firmbewerberin schrieb an ihren damaligen Bischof Dr. Heiner Koch (mittlerweile Erzbischof von Berlin), dass sie sich auf das Sakrament der Firmung freue, diese Freude aber in ihrer Umgebung nicht vermitteln könne, ganz im Gegenteil: „Als mich unser Klassenlehrer fragte, auf was wir uns in diesem Sommer freuen, und ich sagte, dass ich mich auf meine Firmung freue, da rastete er völlig aus. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass wir katholische Christen sind und dass die Firmung die Bekräftigung unseres Glaubens ist, aber er hat nur noch geschrien und mich vor der ganzen Klasse heruntergemacht. Ein Junge aus der anderen Klasse, der auch zur Firmung gehen soll, traut sich gar nicht mehr, in der Schule davon zu sprechen“. So zitierte Bischof Koch die Schülerin in seinem Hirtenbrief zur Fastenzeit 2015.

Ein Pädagoge „rastete völlig aus“, „hat nur noch geschrien“ und eine Schutzbefohlene „vor der ganzen Klasse heruntergemacht“, weil sie katholische Christin ist. Nein: Weil sie es gewagt hatte, diese Tatsache zuzugeben. In der Schule, einem weltanschaulich neutralen Lernort, wo das Mobbing den Lehrkräften vorbehalten und scheinbar völlig in Ordnung ist. Solange es nur gegen Menschen mit religiösem Bekenntnis geht. Aus dem Geschichtsunterricht habe ich dieses Foto in Erinnerung: Zwei dunkelhaarige Kinder stehen mit gesenkten Köpfen vor einer Tafel, auf dieser die Worte: „Der Jude ist unser größter Feind!“ Ein Symbolfoto für die gezielte Demütigung jüdischer Schülerinnen und Schüler durch ihre Lehrer in den 1930er Jahren. Sie wurden damals „vor der ganzen Klasse heruntergemacht“. Vermutlich, nachdem der zuständige Pädagoge „völlig ausgerastet“ war und „nur noch geschrien“ hatte. Sicher: ein Einzelfall. Sicher: in der Diaspora. Aber um zu verhindern, dass der ausrastende, schreiende Lehrer, der Schülerinnen und Schüler „vor der ganzen Klasse heruntermacht“, weil und soweit sie katholisch sind, zum Normalfall in Deutschland wird, braucht es neben der Geschlossenheit der Christen auch ein deutliches Wort der Hirten an die Wölfe, die darauf eingerichtet sind, ihre Schafe zu reißen.

Trotz dieser unverkennbaren Widerstände in Schule und Universität – also dort, wo die Zukunft Deutschlands gebildet wird – sagen politisch Verantwortliche immer wieder, wie wichtig der gesellschaftliche Beitrag der Christen sei. Auch heute noch. Besser: Gerade heute. In Zeiten sozialer Erosion ist es die Kirche, die mit ihren karitativen Werken und Initiativen den Kitt liefert, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Doch dieser funktionalistische Begriff des Christseins lässt sich nicht trennen vom Bekenntnis des Christen zu seinem Glauben, auch, wenn dies unbequem ist, etwa dann, wenn sich Katholiken nicht nur für Menschen einsetzen, die in ihrer Heimat, sondern auch für die, die im Mutterleib bedroht sind. Flüchtlingshilfe: Ja! – Eintreten für die Ungeborenen: Nein! – das ergibt nicht nur eine inkohärente Lebensschutzethik, sondern eine Forderung an die Kirche, die diese nicht erfüllen kann. So, wie sie auch umgekehrt kein Staat erfüllen kann, der über das positive Recht hinaus glaubwürdig sein will.

Es ist Aufgabe der Katholiken wie der Christen überhaupt, sich deutlich vernehmbar in die Diskurse einzubringen. Das ist – zumal in Berlin – nur in der Ökumene zu leisten. Die Erfahrung des Scheiterns der Initiative „Pro Reli“, die vor rund zehn Jahren vergeblich versucht hat, den konfessionellen Religionsunterricht im Curriculum der Schulen zu erhalten, zeigt jedoch, dass mit säkularisierenden Protestanten nur noch Staat zu machen ist, nicht mehr. Daher müssen neue Allianzen ausgelotet werden. Wertkonservative Evangelikale bieten sich als Partner an. Man muss gemeinsam schauen, was an der Basis zu tun ist, um Menschen wieder zum Glauben an Christus zu führen. Das ist das Wichtigste – gestern, morgen, heute. Neuevangelisierung ist Aufgabe aller christlichen Konfessionen. Dazu gibt es jedoch bedauerlicherweise relativ wenig Impulse aus den Evangelischen Landeskirchen.

Darüber hinaus ist es unerlässlich, konfessionsübergreifend gemeinsame christliche Positionen zu den bioethischen Fragen unserer Zeit zu entwickeln und wirksam in den politischen Diskurs einzubringen. In diesem sind nämlich die konfessionellen Differenzen gar nicht so bedeutend wie die Differenz zwischen einem materialistischen Menschenbild und dem christlichen Menschenbild der Bibel. Das ist die bioethische „Front“, wenn man so will, nicht jedoch der Unterschied zwischen evangelisch, katholisch, orthodox.

Christ sein heute bedeutet, sich einzumischen. Christen müssen sich einmischen in Debatten über die weltliche Ordnung. Ich kann ja nicht ständig beten „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“ – und dann, was die Erde betrifft, nichts dafür tun. Gerade dann, wenn es um Fragen von Leben und Tod geht, müssen Christen und eben auch christliche Publizisten Präsenz zeigen. Das gilt für die Bioethik ebenso wie für den Lebensschutz, der sich der ungeborenen und geborenen Menschen in Not annimmt. Gerade der Katholizismus hat mit seiner Soziallehre eine lange Tradition der Einmischung. Daran gilt es heute anzuknüpfen, fast 170 Jahre nach den Mainzer Adventspredigten des späteren Bischofs und Reichstagsabgeordneten Wilhelm Emmanuel von Ketteler im November und Dezember 1848.

Für Christen katholischer Prägung gilt es heute, ihre Identität zu wahren, auch, wenn das Unverständnis einträgt und Sozialprestige kostet. Auf der Basis einer ultramontanen Grundorientierung und Weltoffenheit, die ihn zurückschrecken lässt vor nationalistischer Abschottung und völkischer Rhetorik, sollte ein Christ katholischer Prägung in den gesellschaftlichen Debatten, die über die Fragen der Dogmatik hinausgehen, eine biophile Grundhaltung entwickeln, die sich einsetzt für Frieden, die Bewahrung der Schöpfung, angemessene Arbeitsbedingungen, gerechte Verfahren in Justiz und Verwaltung sowie eine lebensförderliche Forschung, eine Grundhaltung, die sich erhebt gegen Abtreibung, Sterbehilfe, Folter, Todesstrafe, Krieg und Umweltzerstörung. Er sollte sich also einsetzen für moralische Werte, die nur die Kirche in der ihr eigenen, in zwei Jahrtausenden erprobten und bewährten Radikalität vertreten kann. Die Kirche wiederum muss begründen, wie sie darauf kommt, will sie anschlussfähig bleiben an den gesellschaftlichen Diskurs. Das Argument ersetzt heute den Gehorsam.

(Josef Bordat)

So reich ist das Erzbistum München-Freising

Die reichste Diözese Deutschlands hat Zahlen veröffentlicht, nach denen sie über ein Vermögen von sechs Milliarden Euro (sieben Milliarden US-Dollar) verfügt.

Damit schafft es das reichste deutsche Bistum leider nur ganz knapp in die Liste der 20 reichsten Deutschen und teilt sich mit Ludwig Merckle und Maria-Elisabeth Schaeffler Rang 18. Georg Schaeffler hat übrigens vier Erzbistümer München-Freising. Aber der muss ja auch richtig hart dafür arbeiten! So als Unternehmenserbe.

Also, ganz nach oben reicht es für das reichste deutsche Bistum nicht, aber immerhin könnte es den Welthunger beenden, wenn es sich endlich auflöste und sein Vermögen liquidierte! Jeder Mensch bekäme dann einen Dollar und die Probleme des Planeten wären Geschichte.

Aber, nein! Stattdessen will das reichste deutsche Bistum sein Vermögen behalten! Einfach so! Unter anderem knapp 3000 Wohnungen, an denen sich der Kirchenkrösus in der Absicht festkrallt, sie„verstärkt günstig zu vermieten, um den Wohnmarkt zu entlasten“. Das muss man sich mal vorstellen! Mehr an Egoismus und Raffgier geht nun wirklich nicht!

Mit gut einem Drittel des Vermögens sichert die Kirche im Erzbistum München-Freising, die den Hals scheinbar nie voll kriegt, „Bildung, Soziales und das kirchliche Leben“: „Die drei größten Stiftungen des Erzbistums, die Bildung, Soziales und das kirchliche Leben fördern, beziffern ihr Vermögen mit zusammen 2,11 Milliarden Euro“.

Mit dem Rest werden dann u.a. die Pensionen der emeritierten Priester gesichert. Als ob die nicht endlich mal arbeiten gehen könnten, so wie alle anständigen Menschen! So, wie die Schaefflers.

Günstigen Wohnraum, Bildung, Soziales, Altersversorgung – für einen derartigen Schnick-Schnack schmeißt das Erzbistum München-Freising das über Jahrtausende mit Folter und „Türkollekte“ erpresste Geld aus dem Fenster, statt den Deutschen für gute drei Monate den Konsum von Bier und Eiscreme zu ermöglichen. Dafür muss das geschundene Volk nämlich Jahr für Jahr höchstselbst 21 Milliarden Euro (24 Milliarden US-Dollar) berappen, während die Peiniger in München-Freising selbstsüchtig „den Wohnmarkt entlasten“!

Aber, was will man schon von der Katholischen Kirche erwarten?!

(Josef Bordat)

Kreuz oder nicht Kreuz?

Das ist in Bayern ab heute keine Frage. Oder doch?

In Bayerns Behörden gilt ab heute die Kreuz-Pflicht. Zuletzt hatten Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, des Zentralrats der Juden in Deutschland und des Zentralrats der Muslime vor einer Gefahr gesellschaftlicher Spaltung angesichts der Kreuz-Pflicht gewarnt. Die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Karin Kortmann, erklärte, das Kreuz stehe für ein öffentliches und privates Bekenntnis. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) instrumentalisiere es aber durch den Kreuz-Erlass. Kortmann äußerte sich beim ersten Jahrestag der Initiative kulturelle Vielfalt, ein Bündnis aus Spitzenverbänden der Zivilgesellschaft, der Kirchen und Religionsgemeinschaften, der Sozialpartner, der Medien, dem Bund, den Ländern und den Kommunen.

Der Kreuz-Erlass sorgt auch in der bayrischen Politik weiterhin für Diskussionen. Die Opposition fordert das Aus für den Erlass. Ein souveräner Ministerpräsident würde den Fehler einräumen und den Erlass zurücknehmen, sagte die bayerische SPD-Chefin Natascha Kohnen der „Augsburger Allgemeinen“. Kohnen warf Söder zudem vor, dass er das Kreuz für ein Wahlkampf-Manöver missbraucht habe. Die grüne Landtagsvizepräsidentin Ulrike Gote geht davon aus, dass der Kreuz-Erlass verfassungswidrig ist. Söder will mit Kritikern des Erlasses ins Gespräch kommen. Noch im Juni soll es dazu einen Runden Tisch zu Werten, Kultur und Identität geben, an dem Vertreter von Religionsgemeinschaften, Wissenschaft, Brauchtum und Kultur beteiligt sein sollen.

Das Kreuz als Symbol ist unstreitig das Symbol einer Wertorientierung, die der moderne Verfassungsstaat mit dem Christentum teilt. Bei aller historischen und kulturellen Bedeutung der christlichen Religion und christlicher Institutionen für den europäischen Staat ist das Kreuz die Versinnbildlichung einer Idee mit universalistischem Anspruch, einer Idee also, von der auch Buddhisten, Agnostiker und Scientologen profitieren: Alles hoheitliche Handeln soll in Verantwortung vor Gott und dem Menschen geschehen, dessen Würde stets zu achten und zu schützen ist. So betrachtet, hängen die Kreuze in Dienstgebäuden des Staates goldrichtig. Falsch ist es, mit dem Kreuz zeigen zu wollen: „Hier ist das Abendland – und hier gab es mal was, an das wir uns nostalgisch rückbinden. Das machen wir aber nur, um zu zeigen, dass wir anders sind als ihr und ihr anders seid als wir!“ Wer das Kreuz so deutet, hat den Gekreuzigten nicht verstanden.

(Josef Bordat)

Recht auf Abtreibung? Grund zu feiern?

So problematisch ich es finde, dass man Schwangeren in Not auch nach einer Vergewaltigung nur mit Strafe droht, statt ihnen beizustehen, so unerträglich finde ich es, wie nun ein angebliches „Recht auf Abtreibung“ ausgelassen gefeiert wird.

Zumindest in Deutschland gibt es ein solches Recht nicht. Dass Straffreiheit trotz Rechtswidrigkeit in der Summe als „Recht“ wahrgenommen wird, kann man ja psychologisch gerade noch nachvollziehen, dass Abtreibung aber in der öffentlich-rechtlichen „Tagesschau“ wie selbstverständlich als „Recht“ behandelt wird, ist nicht nachzuvollziehen.

Dass ich für so etwas qua Existenz Gebühren zu zahlen habe, tut schon einigermaßen weh: „Das Land hat seine eigenen Bürgerinnen schändlich behandelt – und daran ist wesentlich die Katholische Kirche schuld, mit der der irische Staat seit seiner Gründung in der Rebellion gegen das britische Empire eine unheilige Allianz eingegangen ist. Gut ein Jahrhundert nach der Staatsgründung schaffen es Politiker und Bürger, sich aus den moralischen Fesseln zu lösen, die Bischöfe und Priester und Nonnen ihnen zu lange anlegen konnten. Besser spät als nie.“

Was nun allgemein bejubelt wird, ist die Aussicht auf eine Fristenlösung wie sie von 1972 bis 1990 in der DDR galt. Bis zur 12. Schwangerschaftswoche darf das ungeborene menschliche Leben getötet werden. Der Embryo genießt bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Rechtsschutz. Es findet keine Beratung statt, um die Frau zu ermutigen, sich für das einzigartige Leben zu entscheiden, das in ihr heranwächst. Immer noch in Partylaune?

Warum eigentlich diese 12-Wochen-Frist? Es geht dabei offenbar nicht um „Empfindungsfähigkeit“ oder irgendein objektivierbares „Bewusstsein“, denn je nach dem, welche Ansprüche man an „Hirnströme“ stellt (Reicht ihre nachweisliche Existenz, also: „Strom fließt“ oder braucht es die Ausbildung eines gleichförmigen Wellenprofils auf dem Bildschirm?), liegt der erste Zeitpunkt ihres Auftretens zwischen der 6. und der 24. Schwangerschaftswoche. Irgendwo mittendrin liegt dann die 12-Wochen-Frist. Bei dieser geht es allein um pragmatische Fragen der Durchführbarkeit von Abtreibungen.

Fassen wir zusammen: Irland droht mit einer neuen Gesetzgebung zur Abtreibung weit hinter den bundesdeutschen Kompromiss zurückzufallen, weil eine klare Abstufung des Lebensrechts vorgenommen wird (was unser Grundgesetz nach geltender Ausdeutung durch das Bundesverfassungsrecht nicht erlaubt), und mitten in der DDR zu landen. Ein Grund, ausgelassen zu feiern, sieht anders aus.

(Josef Bordat)