Ökumenisches Wort zur Interkulturellen Woche

In einem Gemeinsamen Wort der Kirchen laden der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, Metropolit Augoustinos, zur Teilnahme an der 43. Interkulturellen Woche ein. Sie findet vom 23. bis 29. September 2018 statt und steht unter dem Leitthema „Vielfalt verbindet“. Geplant sind mehr als 5.000 Veranstaltungen an über 500 Orten im gesamten Bundesgebiet.

In dem Ökumenischen Wort heißt es:

„Die Interkulturelle Woche dient der Begegnung zwischen ‚alten‘ und ’neuen‘ Nachbarn: Im Austausch über den Alltag, im Gespräch über Gemeinsames und Unterscheidendes kann Vertrauen wachsen. Gleichzeitig bietet die Interkulturelle Woche eine gute Gelegenheit, mit politischen Verantwortungsträgern über drängende Fragen ins Gespräch zu kommen.

Dazu gehört etwa die Situation an den europäischen Außengrenzen. Die Staaten Europas stehen vor der Aufgabe, Fragen der Migration menschengerecht zu gestalten. Wenn wir uns daran gewöhnen, dass tagtäglich schutzsuchende Menschen an den Außengrenzen ihr Leben verlieren, drohen unsere Grundwerte bedeutungslos zu werden. Seenotrettung darf daher nicht kriminalisiert werden. Sie stellt eine völkerrechtliche und humanitäre Verpflichtung dar.

Mit Nachdruck setzen sich die Kirchen dafür ein, dass Menschen, die bei uns Schutz suchen, nicht dauerhaft von ihren engsten Angehörigen getrennt werden. Der Schutz der Familie liegt den Kirchen am Herzen. Zugleich ist er im Grundgesetz verbrieft und durch mehrere Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts bestätigt. Die Aussetzung des Familiennachzugs für Bürgerkriegsflüchtlinge hat viele Betroffene in Verzweiflung gestürzt. Künftig soll er nur noch in stark eingeschränkter Form möglich sein. Damit verbindet sich eine Frage, die für die Betroffenen existentiell ist: Was passiert mit jenen Familien, die nicht berücksichtigt werden und deshalb über mehrere Jahre voneinander getrennt bleiben? Welche Folgen hat das Trauma der Trennung für sie persönlich? Können sie sich unter solchen Umständen auf ein neues Leben in Deutschland einlassen? Als Kirchen werben wir hier für eine humane und verantwortungsvolle Lösung.“

Der Text des Gemeinsamen Wortes der Kirchen zur Interkulturellen Woche kann auf der DBK-website heruntergeladen werden.

(Josef Bordat)

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Weltfrieden

Zum heutigen Weltfriedenstag appelliert die Gemeinschaft Sant’Egidio an die Staaten und die Internationalen Organisationen und Einrichtungen, die Anstrengungen für Friedens- und Vermittlungsmissionen zu vermehren, um die weltweit über 30 aktuell bestehenden Konflikte zu beenden.

Denn es gebe, so Sant’Egidio, in vielen Fällen aufgrund von Untätigkeit keinen Frieden. Der Fall Syrien sei beispielhaft: Dieser Konflikt dauert schon länger als der Zweite Weltkrieg und hat über eine halbe Millionen Todesopfer gefordert sowie fast sechs Millionen Flüchtlinge und fast sieben Millionen Inlandsvertriebene.

Die Gemeinschaft erinnert daran, dass niemand von Konflikten profitiert, außer den Waffenhändlers. Jeder Krieg hinterlasse Wunden und Zerstörungen, die Jahrzehnte benötigen, um geheilt und beseitigt zu werden, heißt es in dem Appell.

Die Gemeinschaft Sant’Egidio bekräftigt im fünfzigsten Jahr seit ihrer Gründung erneut ihren Willen, sich für die Schaffung von Friedensabkommen einzusetzen, wo sie dazu eingeladen wird oder wo sie auch nur einen minimalen Spielraum erkennt, um ihren Beitrag als Christliche Gemeinschaft einzubringen.

Derzeit vermittelt Sant’Egidio vor allem in der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan und in Libyen zwischen Konfliktparteien.

(Josef Bordat)

Was ist nur in Holland los?

3677 Missbrauchsfälle haben sich gemäß Medienberichten zur Studie der deutschen Bischöfe im Raum der Katholischen Kirche in Deutschland binnen 68 Jahren (von 1946 bis 2014) ereignet – 54 Fälle pro Jahr. Der deutschen Studie zufolge hat es von 1670 Priestern, Diakonen und männlichen Ordensangehörigen in dieser Zeit sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche gegeben. 1670 von 38.156 (Grundgesamtheit der untersuchten Personalakten) – das ist ein Täteranteil von 4,4 Prozent. In Deutschland ist damit jeder 23. Priester betroffen. Das entspricht den Daten zur relativen Häufigkeit aus den USA. Schlimm.

Anders in Australien. Dort sollen im Zeitraum von 1950 bis 2009 über 4000 Kinder von Priestern, Diakonen und männlichen Ordensangehörigen missbraucht worden sein. Jeder 14. Kleriker wäre danach in Fälle sexuellen Missbrauchs verwickelt. Schlimmer.

Am schlimmsten: Holland. In den Niederlanden sollen nach jetzt bekannt gewordenen Zahlen für die Jahre 1945-2010 etwa jeder 8. Priester und jeder 10. Bischof als Täter in Missbrauchsfälle verwickelt worden sein (vgl. Die Tagespost, Onlineausgabe vom 18. September: „Missbrauchskrise: Vorwürfe gegen niederländische Bischöfe“). Zudem wird die Hälfte der Bischöfe der Vertuschung bezichtigt.

Auch die Fallzahl ist in der Kirche der Niederlande dramatisch hoch: Sechsmal so hoch wie in Deutschland. Über 300 Fälle jährlich. Und das in einer Gesellschaft, in der insgesamt weniger Fälle zu erwarten sind als in Deutschland – die Bundesrepublik hatte rund viermal, das vereinigte Deutschland etwa fünfmal so viele Einwohner.

Aktuelle Studien aus den Niederlanden zeigen, dass dort etwa 3 Prozent der Kinder und Jugendlichen sexuellen Missbrauch erfahren haben. Für Institutionen wie Schulen, Polizeistationen, Kinderkliniken, Einrichtungen der Kinderpsychiatrie etc. stellte die Nationale Prevalentiestudie Mishandeling van Kinderen en Jeugdigen im Jahr 2010 insgesamt 96.175 Fälle von Kindesmisshandlung fest, davon waren 3 Prozent Fälle von sexuellem Missbrauch, also 2885 Fälle. Ähnliche Werte lieferte die Studie fünf Jahre zuvor.

Die Kirche als Institution wäre demnach in den Niederlanden mit etwa 10 Prozent an allen Fällen von sexuellem Missbrauch in Institutionen beteiligt. Das wiederum läge durchaus im Rahmen der Erwartung. Warum aber sind die Fallzahlen für institutionellen Missbrauch in Holland insgesamt so hoch? Reagiert man sensibler? Ist der Rechtsbegriff des sexuellen Missbrauchs weiter gefasst?

(Josef Bordat)

Zahlen zum Missbrauch

Eigentlich sollten sie erst am 25. September rauskommen, aber dann lagen sie doch bereits heute vor: die Zahlen der DBK-Studie zum Missbrauch.

Danach hat es von 1670 Priestern, Diakonen und männlichen Ordensangehörigen in der Zeit von 1946 bis 2014 sexuelle Übergriffe auf (überwiegend männliche) Kinder und Jugendliche gegeben. 1670 von 38.156 (Grundgesamtheit der untersuchten Personalakten) – das ist ein Täteranteil von 4,4 Prozent. Damit liegt er viermal höher als zu erwarten, da in der Bevölkerung von etwa ein Prozent Männern mit pädophilen Neigungen ausgegangen wird. Viermal höher, das ist signifikant. Und das finde ich schon bedenkenswert.

Ich glaube nicht, dass der Zölibat dazu führt, dass man sich an Kindern vergeht. Aber es gibt Hinweise darauf, dass das Leben als Priester oder Ordensmann in der Vergangenheit attraktiv war für Männer mit einer solchen Neigung, die damit gesellschaftlich unauffällig leben konnten und zugleich in der pastoralen Arbeit tagtäglich Zugang hatten zu Kindern und Jugendlichen.

Nicht der priesterliche Zölibat hat damit versagt, sondern die Kirche hat versagt, weil sie diesen Zusammenhang nicht erkannt hat. Und weil sie bei Bekanntwerden von Fällen nicht entschlossen gehandelt hat. Weil sie so den Tätern in gewisser Weise suggeriert hat: „Ihr bekommt die Kinder – Messdiener, Pfadfinder, Kommunionkinder – und könnt euch quasi folgen- und gefahrlos an ihnen vergehen. Folgen- und gefahrlos für euch“. So und nicht anders werden die einfachen Versetzungen bei einigen Intensivtätern angekommen sein. Das ist die große Schuld der Institution Kirche.

3677 Fälle haben sich im Raum der Kirche in 68 Jahren ereignet – 54 Fälle pro Jahr. Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 10.000 Missbrauchsfälle pro Jahr. Es gibt sogar in der Literatur die Angabe des Faktors 20 für die Dunkelziffer, das wären 200.000 Fälle pro Jahr. Insofern muss man hier auch die Dimensionen sehen, die das Missbrauchsproblem gesellschaftlich hat. Selbst, wenn die Dunkelziffer innerhalb der Kirche ebenfalls um den Faktor 20 höher liegt, bliebe es bei einem Anteil von 0,5 Prozent.

Ich hatte vor fünf Jahren – vor Beginn der Studie – behauptet: „99,4 Prozent der katholischen Geistlichen hatte bzw. hat mit sexuellem Kindesmissbrauch nichts zu tun. 99,9 Prozent der Missbrauchsfälle findet nicht im Raum der Kirche statt“. Das ist offensichtlich falsch. Nach den Erkenntnissen der Studie muss es heißen: „95,6 Prozent der katholischen Geistlichen hatte bzw. hat mit sexuellem Kindesmissbrauch nichts zu tun. 99,5 Prozent der Missbrauchsfälle findet nicht im Raum der Kirche statt“. Das ist – vor allem, was den Anteil der Täter unter den Priestern, Diakonen und männliche Ordensangehörigen – ein Unterschied. Ein Unterschied, der zu denken gibt.

Bei all den Zahlen soll nicht vergessen werden, dass es um 3677 schwere Schicksale geht, um 3677 Menschen, denen unsägliches Leid zugefügt wurde. Durch Menschen, die ihnen den Weg zum Heil zeigen sollten. Das sollte schließlich uns alle schmerzen.

(Josef Bordat)

Lebensrecht

Am 22. September gehen in Berlin wieder tausende Menschen für das Lebensrecht auf die Straße. Worum geht es beim „Marsch für das Leben“? Es geht um das unbedingte Recht auf Leben, dass einem Menschen – jedem Menschen – zukommt; organisiert wird die Veranstaltung nicht zufällig vom Bundesverband Lebensrecht. Und woher weiß man, dass das Recht auf Leben jedem Menschen zukommt? Ganz einfach: Es steht im Grundgesetz. Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 GG lautet: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“. Was „Leben“ ist, klärt die Biologie. Doch: Wer oder was ist hier „jeder“? Wer oder was kann das Lebensrecht für sich in Anspruch nehmen? Etwa auch Wachkomapatienten? Oder Föten? Migranten? Nazis? Journalisten? Demenzpatienten? Embryos? Finanzbeamte? Lebensschützer? Islamisten? Blogger?

Das Bundesverfassungsgericht beantwortet diese Fragen 1975 eindeutig: „Das Recht auf Leben wird jedem gewährleistet, der ‚lebt‘; zwischen einzelnen Abschnitten des sich entwickelnden Lebens vor der Geburt oder zwischen ungeborenem und geborenem Leben kann hier kein Unterschied gemacht werden. ‚Jeder‘ im Sinne des Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ist ‚jeder Lebende‘, anders ausgedrückt: jedes Leben besitzende menschliche Individuum; ‚jeder‘ ist daher auch das noch ungeborene menschliche Wesen“ (BVerfGE 39, 1, 133). Ganz klar: „Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG schützt auch das sich im Mutterleib entwickelnde Leben als selbständiges Rechtsgut“ (BVerfGE 39, 1, 131).

Das entspricht dem Umstand, dass sich auch die Achtung und der Schutz der Menschenwürde, die dem Staat in Artikel 1 des Grundgesetzes aufgegeben sind, auf „jeden“ Menschen beziehen soll, als „Würde des Menschseins“, so das BVerfG im Jahr 1993: „Diese Würde des Menschseins liegt auch für das ungeborene Leben im Dasein um seiner selbst willen. Es zu achten und zu schützen bedingt, daß die Rechtsordnung die rechtlichen Voraussetzungen seiner Entfaltung im Sinne eines eigenen Lebensrechts des Ungeborenen gewährleistet“ (BVerfGE 88, 203, 252). Daraus folgt: „Liegt die Würde des Menschseins auch für das ungeborene Leben im Dasein um seiner selbst willen, so verbieten sich jegliche Differenzierungen der Schutzverpflichtung mit Blick auf Alter und Entwicklungsstand dieses Lebens“ (BVerfGE 88, 203, 267).

Das Bundesverfassungsgericht bezog sich bereits bei seiner Entscheidung im Jahre 1975 ausdrücklich auf „die Entstehungsgeschichte des Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG“. Diese lege nahe, daß die Formulierung „jeder hat das Recht auf Leben“ auch das „keimende“ Leben einschließen solle. Tatsächlich war schon in den Verhandlungen des Parlamentarischen Rates klar, dass es um eine derart weit gefasste Konzeption von Würde und Leben gehen soll, wenn diese Begriffe im Grundgesetz Verwendung finden.

Nachdem die Fraktion der Deutschen Partei (DP) wiederholt den Antrag gestellt hatte, im Zusammenhang mit dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit auch das „keimende Leben“ ausdrücklich zu erwähnen, beriet der Parlamentarische Rat erstmalig in der 32. Sitzung seines Ausschusses für Grundsatzfragen am 11. Januar 1949 dieses Thema. Der Hauptausschuss des Parlamentarischen Rates befasste sich in seiner 42. Sitzung am 18. Januar 1949 bei der Zweiten Lesung der Grundrechte eingehender mit der Frage der Einbeziehung des werdenden Lebens in den Schutz der Verfassung. Der Abgeordnete Hans-Christoph Seebohm (DP) beantragte, dem damaligen Art. 2 Abs. 1 GG die beiden Sätze anzufügen: „Das keimende Leben wird geschützt“ und „Die Todesstrafe wird abgeschafft“. Dazu führte Seebohm aus, das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit umfasse möglicherweise nicht unbedingt auch das keimende Leben. Deshalb müsse es besonders erwähnt werden. Die Abgeordnete Helene Weber, einzige Frau in den Reihen der Union, erklärte für ihre Fraktion, diese meine das Leben schlechthin, wenn sie für ein Recht auf Leben eintrete, also auch das keimende Leben. Zuspruch bekam sie vom späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss (FDP).

Im Parlamentarischen Rat gab es also eine Lebensschutzkoalition aus CDU/CSU, DP und FDP: Leben ist jedes Leben, geboren oder ungeboren. Einzig die SPD konnte sich dieser Sicht nicht anschließen. Für die Sozialdemokraten meinte der Abgeordnete Otto Heinrich Greve, dass er unter dem Recht auf Leben nicht auch automatisch das Recht auf das keimende Leben verstehe. Seebohm stellte daraufhin seinen Antrag auf ausdrückliche Erwähnung des „keimenden Lebens“ erneut zur Abstimmung im Ausschuss. Dieser Antrag wurde mit 11 zu 7 Stimmen abgelehnt, aber nicht etwa deshalb, weil man ihn für inhaltlich unbegründet, sondern allein deshalb, weil man ihn für formal unnötig hielt. Es war für die Mehrheit aus Union und FDP schlicht überflüssig, extra zu erwähnen, dass mit „Leben“ im Grundgesetz auch „keimendes Leben“ gemeint sei. So steht es im Schriftlichen Bericht des Hauptausschusses zu Art. 2 GG. Die zusammenfassende Einschätzung des Abgeordneten Hermann Hans von Mangoldt (CDU) lautet darin: „Dabei hat mit der Gewährleistung des Rechts auf Leben auch das keimende Leben geschützt werden sollen. Von der Deutschen Partei im Hauptausschuss eingebrachte Anträge, einen besonderen Satz über den Schutz des keimenden Lebens einzufügen, haben nur deshalb keine Mehrheit gefunden, weil nach der im Ausschuss vorherrschenden Auffassung das zu schützende Gut bereits durch die gegenwärtige Fassung gesichert war“ (zit. nach BVerfGE 39, 1, 139).

Das Plenum des Parlamentarischen Rates stimmte dem Art. 2 Abs. 2 GG am 6. Mai 1949 in Zweiter Lesung bei 2 Gegenstimmen zu. Bei der Dritten Lesung am 8. Mai 1949 brachten sowohl der Abgeordnete Seebohm als auch die Abgeordnete Weber zum Ausdruck, daß nach ihrer Auffassung Art. 2 Abs. 2 GG auch das keimende Leben in den Schutz des Grundrechts auf Leben einbeziehe. Beide Redner blieben mit ihren Ausführungen unwidersprochen.

Halten wir fest: Alle phänomenologischen Kriterien, die man sich ausdenken kann, die Eigenschaften und Fertigkeiten des Menschen, müssen hinter dem einen überragenden ontologischen Fakt zurückstehen: Beim Menschen – geboren oder nicht – handelt sich um ein einzigartiges (menschliches) Wesen mit einer DNA, die so nur einmal auf der Welt und nur einmal in der Geschichte vorkommt. Sagt nicht nur die Biologie, das sagt auch das Grundgesetz. Zumindest soll es uns dies sagen, folgt man der Debatte über Artikel 2 GG im Parlamentarischen Rat und der fortlaufenden und bis zum Tage unaufgehobenen, also geltenden Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts.

(Josef Bordat)

Starke Frauen!

Elisabeth Schmitz und Margarete Sommer – zwei mutige Frauen der Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus

Es ist in diesem Jahr viel von Bernhard Lichtenberg die Rede, anlässlich seines 75. Todestages. Doch vergessen wir darüber nicht zwei Frauen, die in seinem Sinne wirkten, und deren 125. Geburtstag in dieses Jahr fällt: Elisabeth Schmitz (23.8.1893 – 10.9. 1977) und Margarete Sommer (21.7.1893 – 20.6.1965). Sie haben vielen in Nazi-Deutschland verfolgten Juden aktiv geholfen. Beide wurden von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

Heute gedenken beide Kirchen ökumenisch dieser mutigen Frauen. Pfarrerin Marion Gardei und Pfarre Lutz Nehk feiern um 18:30 Uhr einen Gottesdienst in der Krypta der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum (Heckerdamm 230, Charlottenburg-Nord). Im Anschluss, um 19:30 Uhr, erinnert der Publizist und Journalist Joachim Jauer im benachbarten Evangelischen Gemeindezentrum (Heckerdamm 226) an Margarete Sommer, Elisabeth Schmitz und ihre Unterstützer.

Joachim Jauer schreibt: „Es waren nur wenige Christen, die während der NS-Diktatur ‚im Juden ihren Nächsten erkannten‘, wie der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg gesagt hat. Die meisten Christen waren Mit-Schweiger im Angesicht des Unrechts, manche waren Mit-Läufer und einige sogar Mit-Täter in Auschwitz. Unter dem Schutz des katholischen Berliner Bischofs Konrad Graf von Preysing halfen Bernhard Lichtenberg und Margarete Sommer den bedrängten Juden mit einem ‚Bischöflichen Hilfswerk‘. Die evangelische Christin Elisabeth Schmitz versteckte und rettete in Berlin mehrere verfolgte Juden. Ihre anklagenden Schriften, die die Verbrechen an den Juden in aller Deutlichkeit anprangerten, wurden sogar von den NS-Gegnern der Bekennenden Kirche kaum beachtet.“

Umso mehr Beachtung sollten sie heute erfahren.

(Josef Bordat)

Mea culpa

Mir ist in den letzten Tagen klar geworden: Ich habe im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche zu oft nur Augen gehabt für Zahlen und deren Einordnung – und zu selten auch ein Herz für die Opfer. Natürlich stimmen die Zahlen und die Institution Kirche steht nicht schlechter da als andere gesellschaftliche Institutionen wie etwa die Sportverbände, ihre Einrichtungen sind für Kinder nicht gefährlicher als andere Einrichtungen wie Kinderchöre oder säkulare Internate. Aber das – so wird mir immer klarer – kann nicht das letzte Wort in der Sache sein.

Ich bitte diejenigen, die ich mit meinen aus ihrer Sicht kaltherzigen und einseitigen Analysen von Häufigkeiten und Wahrscheinlichkeiten verärgert oder verletzt habe, um Verzeihung. Ich werde mich dem Thema künftig weniger soziologisch oder diskursanalytisch als vielmehr so näher, wie es die christlichen Werte, die mir wichtig sind, gebieten. Dazu gehört, zunächst und vor allem, für die Opfer zu beten. Und zu schweigen.

Das auch in der zweiten Auflage des „Sündenregisters“ weitgehend unveränderte Buchkapitel „Missbrauch“ bitte ich insoweit unter diesen Vorzeichen zu lesen: Ich habe schlichtweg nicht sehen, nicht glauben und (was ich persönlich als am schmerzlichsten empfinde) nicht wirklich wissen wollen, wie schlimm die Lage war (dass sie heute besser ist als vor 20 oder 30 Jahren, davon bin ich nach wie vor überzeugt) und wie sehr gerade auch das systemische Element der Vertuschung Opfer weit über die Tat hinaus gekränkt hat und bis heute kränkt.

Das tut mir Leid.

(Josef Bordat)