Faktencheck Kirche

Die Fides-Statistik 2018 ist da. Zeit für einen Faktencheck.

1. „Der Kirche laufen die Menschen in Scharen davon! Es gibt immer weniger Katholiken!“

Falsch.

Richtig ist: Es gibt immer mehr Katholiken. Die Zahl der Katholiken ist im Jahr 2016 weltweit um rund 14 Millionen auf 1,299 Milliarden gestiegen.

2. „Besonders in Deutschland ist die Kirche in der Krise. So gibt es hier beispielsweise einen eklatanten Priestermangel!“

Falsch.

Richtig ist: In Deutschland gab es 2017 insgesamt 13.560 Priester und 23.311.321 Katholiken. Auf jeden Priester kamen also 1707 Katholiken. In Asien und Ozeanien kommen auf einen Priester 2172 Katholiken, in Afrika 5051 Katholiken und in Amerika 5156 Katholiken. Durchschnittlich kommen weltweit 3130 Katholiken auf einen Priester.

3. „In Deutschland, in Europa, in der Welt: Die Kirche tut nichts für die Menschen! Vor allem tut sie nichts für die, die es besonders nötig haben: die Jungen, die Alten, die Kranken!“

Falsch.

Richtig ist: In Trägerschaft der Katholischen Kirche sind weltweit 72.826 Kindergärten, 96.573 Grundschulen und 47.862 weiterführende Schulen. Etwa 68 Millionen junge Menschen besuchen derzeit einen katholischen Kindergarten, eine katholische Schule oder eine katholische Universität. Des weiteren betreibt die Kirche 5.287 Krankenhäuser, 15.937 Apotheken und Medikamentenausgabestellen, 610 Lepra-Stationen, 15.722 Seniorenheime, 9.552 Waisenhäuser, 11.758 Kindertagesstätten, 13.897 Ehe- und Familienberatungsstellen, 3.506 Rehabilitationszentren und 35.746 andere soziale und karitative Einrichtungen.

***

Die Zahlen insgesamt sind dennoch alles andere als rosig. Abnehmende Wachstumsdynamik und eine (im Verhältnis zum Bevölkerungswachstum) unterproportionale Zunahme der Katholikenzahl. Signifikante und schmerzliche Rückgänge bei Priestern und Ordensleuten, Missionsstationen und Säkularinstituten. Zuwächse dagegen bei den Diakonen und Bischöfen.

(Josef Bordat)

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Zutiefst verstörend

Ein zutiefst realistischer (und daher so verstörender) Artikel über die Entscheidung gegen das Kind erschien vor gut drei Jahren in der „Welt“: „Das Kind ist weg, die Gedanken bleiben. Verdammt“ von Paulina Czienskowski. Ich stieß nun bei Recherchen darauf und bin doch sehr überrascht, wie das Thema Abtreibung dort verhandelt wird. Mir scheint, der Text hat nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil. Fürchte ich.

Alles kommt darin vor: Die Situation der Mutter, ihr Ringen um eine Entscheidung, der Ablauf der Abtreibung, ihre Zweifel, auch die bleibenden Fragen nach dem Eingriff, zynische Vergleiche („verschütteter Milch trauert man nicht nach“ – ihr [damaliger] Lebensgefährte). Wie das eben so ist. Was nicht vorkommt: das Kind. Zumindest nicht als Rechtssubjekt. Als solches sieht es immerhin unser Grundgesetz.

Im Titel des Textes ist zwar vom Kind die Rede, aber nur in Bezug auf die Mutter: Es, das Kind, ist „weg“ (das scheint nicht weiter schlimm und muss daher nicht thematisiert werden), die Gedanken, die der Mutter, bleiben (hier wird das Thema erst relevant). Auch die Beratung scheint sich – folgt man dem Text – auf die Risiken des Einriffs für die Mutter zu beschränken. Die Risiken für das Kind scheinen keine Bedeutung zu haben.

Der Gedanke, dass dieses Kind, das nun „weg“ ist, ein eigenes, von der angestrebten Karriere der Mutter unabhängiges Lebensrecht hatte, kommt schlicht und einfach nicht vor. Nicht mal die Möglichkeit eines solchen wird erwogen. Nicht von der Frau, nicht von der Autorin, die sich (so scheint es) jeder Wertung enthält.

Vielleicht ja, weil sie sich den ausschlaggebenden Entscheidungsgrund (Karriere geht vor) zu eigen macht? Das wäre eine Spekulation. Doch, dass die seit nunmehr fast sieben Jahrzehnten geltende Auffassung, das ungeborene Kind habe ein Recht auf Leben, so gar keine Rolle mehr spielt in der Argumentation zum Thema Abtreibung, ist dann doch verstörend. Oder realistisch.

(Josef Bordat)

„Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind?“

Clemens August Graf von Galen und sein Kampf gegen das „Euthanasie“-Programm der Nationalsozialisten („Aktion T 4“). – Grußwort anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Töten aus Überzeugung“ zur „Aktion T 4“ am 4. Oktober 2018, 15 Uhr im Caritas-Seniorenwohnhaus „Kardinal von Galen“ in der Goltzstraße 26, 10781 Berlin-Schöneberg.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin gebeten worden, einige Worte zu Clemens August Graf von Galen zu sagen, vor allem zu seiner Rolle im Widerstand gegen die „Aktion T 4“, der diese Ausstellung gewidmet ist. Die „Aktion T 4“ bezeichnet das zynisch „Euthanasie“ genannte Programm zur Vernichtung von etwa 300.000 chronisch kranken und behinderten Menschen, das in der Berliner Tiergartenstraße 4 geplant wurde, daher „T 4“. Gegen dieses menschenverachtende Programm erhob Clemens August Graf von Galen als Bischof von Münster 1941 seine Stimme. In drei wirkmächtigen Predigten mobilisierte er die westfälischen Katholiken.

Der 1878 in Oldenburg geborene und 1904 in Münster zum Priester geweihte Clemens August Graf von Galen war von 1919 bis 1929 als Pfarrer in der Gemeinde Sankt Matthias (Berlin-Schöneberg) tätig. 1933 wurde er zum Bischof von Münster geweiht und 1946 in den Kardinalsstand erhoben, einen Monat vor seinem Tod. Die Aufnahme ins Kardinalskollegium geschah aus Dankbarkeit und als Anerkennung für seine unerschrockene Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus. Am 9. Oktober 2005 wurde er von Papst Benedikt XVI. Seliggesprochen. Dass wir also hier und heute an Kardinal von Galen erinnern hat drei Gründe: Er wirkte hier in Sankt Matthias, er wurde vor 13 Jahren seliggesprochen und – das Entscheidende – er hat sich gegen all das gewandt, wovon diese Ausstellung handelt.

Am Tag seiner Bischofsweihe waren die Nazis schon ein halbes Jahr an der Macht, die ersten Konzentrationslager bereits in Betrieb. Das KZ Dachau zum Beispiel. Von Galen wählte als Wahlspruch das Wort Nec laudibus nec timore – „Weder durch Lob noch durch Furcht“. Das ist durchaus programmatisch für den westfälischen Hirten, der sich im Sommer 1941 (am 13. und 20. Juli sowie am 3. August) in drei Predigten gegen die „Aktion T 4“ wandte, was ihm den Beinamen „Löwe von Münster“ eintrug.

In seiner Predigt vom 3. August 1941 kritisiert er die Auffassung der Nazis, man dürfe „lebensunwertes Leben“ töten, weil es unproduktiv sei, wie eine alte Maschine oder ein lahmes Pferd. Der Schrecken über diese Gleichsetzung lässt ihn furchtlos die folgenden unmissverständlichen und darum wirkmächtigen Worte sagen: „Nein, ich will den Vergleich nicht bis zu Ende führen –, so furchtbar seine Berechtigung ist und seine Leuchtkraft! Es handelt sich hier ja nicht um Maschinen, es handelt sich nicht um ein Pferd oder eine Kuh. Nein, hier handelt es sich um Menschen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern! Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen meinetwegen! Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von den anderen als produktiv anerkannt werden?“

Diese Worte sorgten für Unruhe unter denen, die sie hörten. Sie rüttelten an ihrem Gewissen, sie appellierten an ihre Nächstenliebe. Große Betroffenheit löste Clemens August Graf von Galen mit folgendem Satz aus: „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven‘ Menschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden“. Die Gläubigen verbreiteten die Predigttexte ihres Hirten und schafften damit eine Gegenöffentlichkeit.

Und die Predigten bzw. ihre Verbreitung zeigten Wirkung: Das NS-Regime, das schon ahnte, ein „Euthanasie“-Programm werde in der Bevölkerung nicht besonders populär sein und das deswegen versuchte, die „Aktion T 4“ geheim zu halten, knickte wenig später ein. Bereits am 24. August 1941 – nur drei Wochen nach der dritten Predigt von Galens in St. Lamberti – gab Hitler Anweisung, die „Aktion T 4“ auszusetzen.

Der Historiker Winfried Süß schreibt dazu: „Die kirchlichen Proteste machten Hitler dreierlei deutlich: Erstens demonstrierten sie, dass der sorgsam über die Krankenmorde gelegte Geheimhaltungsschleier irreparabel zerrissen war. Zweitens ließen sie weiteren Widerstand der Kirchen befürchten. Und drittens machten sie deutlich, dass die ,Euthanasieʻ in erheblichen Teilen der Bevölkerung nicht konsensfähig war. So gesehen ist Hitlers Abbruchentscheidung weniger überraschend, als sie auf den ersten Blick scheint.“

Für diese Abbruchentscheidung spielte neben der breiten Rezeption der Predigten von Galens unter den Katholiken auch der Protest von Vertretern der Bekennenden Kirche eine Rolle. Das war also durchaus ein ökumenischer Widerstand. Die „Aktion T4“ wurde insgesamt ein Jahr lang ausgesetzt und dann weniger vehement weiterverfolgt.

Clemens August Graf von Galen sollte für diese Störung des Vernichtungsbetriebs getötet werden – „auf Heller und Pfennig“ wolle man mit ihm abrechnen. Aus Furcht vor noch größerer Unruhe unter den Katholiken im Rheinland und in Westfalen beschloss Reichspropagandaminister Joseph Goebbels jedoch, diese Abrechnung auf die Zeit „nach dem Endsieg“ zu verschieben. Doch dazu kam es nicht – nicht zum „Endsieg“ und nicht zur Abrechnung mit von Galen. Stattdessen gab es 1945 die militärische Niederlage und Kapitulation Deutschlands (und damit das Ende des Nationalsozialismus) und – wie eingangs bereits erwähnt – 1946 für Clemens August Graf von Galen die Kardinalswürde.

Sein beherztes Eingreifen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Menschen in Deutschland schwiegen, auch die meisten Christen, auch die meisten Katholiken, dass sie sich von ihrem Gewissen nicht aus dem Gleichgewicht bringen ließen. Nicht zuletzt dies muss uns eine Mahnung sein, die Stimme zu erheben, wenn die Würde des Menschen bedroht ist, etwa dadurch, dass man wieder Rechnungen aufmacht, wie viel uns doch „so ein Behinderter“ kostet, welche Belastung er darstellt für die Gesellschaft.

Ich erlebe solche Bemerkungen auch im aktuellen Diskurs um bioethische Fragen, wo oft genug die rechtzeitige (also: vorgeburtliche) Tötung des (möglicherweise) kranken oder behinderten Menschenlebens als „Erlösung“ angepriesen wird, als „Erlösung“ für das Kind, seine Eltern und die Gesellschaft. Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich jedoch auch und gerade an ihrem Umgang mit kranken und behinderten Menschen – der Nationalsozialismus ist hier dramatisch gescheitert. Ich wünsche mir, dass wir heute – auch eingedenk der Erinnerung an dieses Kapitel unserer Geschichte – niemals aus den Augen verlieren, dass dem Menschen Würde zukommt, weil er Mensch ist – nicht, weil er jung, gesund und produktiv ist.

In diesem Sinne wünsche ich der Ausstellung viele interessierte und aufmerksame Besucherinnen und Besucher.

Vielen Dank!

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Oktober 2018 zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Mo. – Fr. 9 bis 15 Uhr. Der Eintritt ist frei.

(Josef Bordat)

Nur mit Euch. Gesellschaft als Lerngemeinschaft

Lernfortschritte werden [..] oftmals angestoßen und begleitet durch Menschen und Gemeinschaften, die nicht zu unseren uns vertrauten Kreisen gehören. In ihnen herrschen die gleiche Wahrnehmung, der gleiche Sprachstil und die gleichen Handlungsprioritäten. Ihre Mitglieder bekräftigen sich in ihrer übereinstimmenden Überzeugung. Wie bereichernd und belebend ist es dann, wenn Menschen aus unterschiedlichen Denktürmen, Gemeinschaften und Gruppierungen in ein lernbereites Für- und Miteinander eintreten und sich im Gespräch für neue Überlegungen öffnen. So können alle von- und miteinander lernen.

Das gilt sowohl innerhalb unserer deutschen Gesellschaft als auch im Hinblick auf das gemeinsame Lernen mit denen, die als Flüchtlinge und Migranten zu uns kommen. Um wiederum das Motto des diesjährigen Tages der Deutschen Einheit aufzugreifen: „Nur mit Euch“ ist ein Lernen möglich, das einem erfüllten Leben dient; „Nur mit Euch“, die Ihr mir und uns vielleicht fremd und in eurer Lebensart, eurer Lebenskultur und eurem Lebenswissen zunächst im guten Sinne fragwürdig erscheint. Wir brauchen euch, weil Ihr unser Lernen und unser Leben reich macht. „Nur mit Euch“!

[…]

Wir haben die Wahrheit und wir haben Gott nie im Griff, sondern lernen sie und ihn immer anders und immer tiefer zu verstehen. Nur so lässt sich der destruktiv und lebensfeindlich wirkende Gegensatz in unserer Gesellschaft überwinden: Die einen sind überzeugt von einer zeitlosen Wahrheit und die anderen von einer wahrheitslosen Zeit.

Es bleibt eine ständige Aufgabe gerade auch in der Gottesfrage, die eigene Relativität sowie die gegenseitige Verwiesenheit zu erkennen und anzuerkennen, ohne in einen Relativismus der Wahrheit abzusinken. Für uns Christen ist die Wahrheit kein System von Aussagen und Erkenntnissen, für uns ist die Wahrheit eine Person, Jesus Christus. Er ist die Wahrheit auf dem Wege, der zum Leben führt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6). Nur über die Beziehung zu ihm, nur ihm nachfolgend werden wir die Wahrheit finden. Deshalb hat Jesus die Menschen zu sich gerufen und sie aufgefordert: „Lernt von mir!“ (Mt 11, 29).

Heiner Koch, Erzbischof von Berlin (in seiner Predigt im Ökumenischen Gottesdienst zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2018 im Berliner Dom)

Was hat der Zölibat mit sexuellem Missbrauch zu tun?

Ist der Zölibat Schuld an den fürchterlichen Nachrichten, die uns erreichen – aus Irland, Australien, USA, Deutschland, Holland?

Nein. Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch, dass man also meinen sollte, zölibatär lebende Männer würden „aus der Not heraus“ zu Missbrauchstätern. Der Gerichtsgutachter Hans Ludwig Kröber meint dazu unmissverständlich: „Man wird eher vom Küssen schwanger als vom Zölibat pädophil“.

Auch der Stanford-Professor und Mitherausgeber der Analyse Sexual Abuse in the Catholic Church: A Decade of Crisis, 2002-2012, Thomas G. Plante, weist in einem Artikel für Psychology Today darauf hin, dass „Clerical celibacy doesn’t cause pedophilia and sexual crimes against minors“. Weiterhin: „Celibacy doesn’t turn people into sex offenders of children. And the vast majority of sex offenders in our community are not celibate men“. Heißt: Wenn ein Mann pädophil ist, dann war er es schon, bevor er Priester wurde. Er wird es nicht durch den Zölibat.

Aber: Die zölibatäre Lebensform ist attraktiv für Männer, die ihre (gesellschaftlich nicht akzeptierten) sexuellen Präferenzen heimlich ausleben wollen, während sie nach außen hin ein anerkanntes Leben führen, das Niemanden Verdacht schöpfen lässt. Zugleich haben sie in der pastoralen Arbeit tagtäglich Zugang zu Kindern und Jugendlichen. Das ist ein Problem.

Der Zölibat ist also nicht die Ursache von sexuellem Missbrauch, er kann aber die Wirkung haben, die Wahrscheinlichkeit für sexuellen Missbrauch in entsprechend organisierten Lebensformen zu erhöhen, weil er potentielle Täter anzieht. Da muss man wirklich aufpassen: in der Priesterausbildung und in der Begleitung von Geistlichen durch die Diözese oder die Ordensgemeinschaft. Das gleiche gilt aber auch für Erzieher in staatlichen Kitas und Trainer im Turnverein.

Der Zölibat ist wertvoll. Es ist kein Zwang, denn niemand ist gezwungen, Priester zu werden. Einfach aufgeben kann man die Verpflichtung zum priesterlichen Zölibat nicht. Schon gar nicht aus den falschen Gründen. Lesen Sie dazu auch den MeinungsMacher-Kommentar von Anna Diouf in der Online-Ausgabe der Tagespost.

(Josef Bordat)

Das Machtwort des Papstes

Es war ein Paukenschlag, deutlich vernehmbar in ganz Europa. Der wegen seiner Amtsführung so stark kritisierte Bischof von Rom, setzt sich für eine verfolgte Minderheit ein.

Heute vor 670 Jahren, am 26. September 1348, spricht Papst Clemens VI. in seiner Bulle Quamvis perfidiam die Juden vom Vorwurf der Brunnenvergiftung frei. Im Volk war zuvor der Aberglaube entstanden, die Juden seien die Verursacher der jüngsten Pestepidemie, weil sie das Trinkwasser vergiftet hätten.

Clemens argumentierte gegen diesen Aberglauben mit Verweis auf die Tatsache, dass auch die Juden selbst Opfer der Pest seien. Allerdings wurde dagegen ins Feld geführt, Juden seien unterproportional von der Pest betroffen. Das ist wahr, lag aber – wie wir heute wissen – an den besonderen Hygiene- und Speisevorschriften der Juden, die das Infektionsrisiko hemmten.

So heißt es im Markusevangelium: „Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Hand voll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt. Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln“ (Mk 7, 3-4). Hätten sich auch die Christen daran gehalten, wären sie in diesem Punkt „Pharisäer“ gewesen, dann wäre die Pest nicht zu einer Pandemie geworden, der insgesamt 25 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Wer gegen die Weisung der Bulle weiterhin Juden verfolge, so Clemens, werde exkommuniziert. Die Flagellanten, die sich bei den Judenpogromen besonders hervorgetan hatten, erklärte er zu Häretikern. Das Engagement des Papst war jedoch vergeblich. Noch im selben Jahr kam es zu Pogromen gegen Juden in Toulon und in Zürich, 1349 in Freiburg im Breisgau, Speyer, Straßburg und Erfurt.

Die Pestepidemie hielt bis 1351 an und ebbte danach allmählich ab. Bis heute ist die Pest nicht vollständig besiegt, immer noch erkranken jährlich mehrere tausend Menschen an der Pest, die mittlerweile jedoch behandelbar und damit kein Todesurteil mehr ist. Ein wichtiger Schritt zur Ausrottung der Krankheit gelang 2011 mit der Entschlüsselung des Genoms des Bakteriums Yersinia pestis, das als Erreger der Pest gilt.

(Josef Bordat)

Missbrauchskrise – Krise der Moraltheorie?

Dass Missbrauch ein moralisches Problem ist, sollte nicht weiter erläuterungsbedürftig sein. Doch anders sieht es mit der These aus, Missbrauch sei das Ergebnis falscher Moraltheorie. Wie ist das zu verstehen? Vor zehn Jahren – also noch vor der epochalen Pressekonferenz am Berliner Canisius-Kolleg, noch vor der (morgen nun offiziell vorgestellten) Studie der DBK – sagte der damals amtierende und jetzt emeritierte Papst Benedikt XVI., Missbrauch sei Ergebnis eines „ethischen Proportionalismus“.

Benedikt äußerte sich am 12. Juli 2008 während seines Flugs zum Weltjugendtag in Sydney. Auf die Missbrauchsfälle in Australien angesprochen, skizzierte er die moraltheoretischen Ursachen des Missbrauchs in der Katholischen Kirche: „Es muß klar sein, und es war immer klar, angefangen bei den ersten Jahrhunderten, daß das Priestertum, das Priestersein mit diesem Verhalten unvereinbar ist, da ein Priester im Dienst des Herrn steht, und unser Herr ist die Heiligkeit in Person, und er ist immer unser Lehrer – die Kirche hat hierauf stets den Akzent gesetzt. Wir müssen darüber nachdenken, was in unserer Erziehung, in unserer Lehre der letzten Jahrzehnte unzureichend war: in den 50er, 60er und 70er Jahren gab es das Konzept des ethischen Proportionalismus: es bestand in der Absicht, daß nichts in sich schlecht ist, sondern nur in seiner Proportion zu anderem; mit dem Proportionalismus war die Möglichkeit gegeben, in bezug auf einige Dinge – eines davon kann auch die Pädophilie sein – zu denken, daß sie in bestimmten Proportionen gut sein können. Nun, da muß ich ganz klar sein: das war niemals eine katholische Lehre. Es gibt Dinge, die immer schlecht sind, und Pädophilie ist immer schlecht. In unserer Ausbildung, in den Seminarien, in der ständigen Weiterbildung der Priester müssen wir den Priestern helfen, Christus wirklich nahe zu sein, von Christus zu lernen, und so Helfer und nicht Feinde unserer Mitmenschen, unserer Mitchristen zu sein. Daher werden wir alles in unserer Macht Stehende tun, um zu erklären, was die Lehre der Kirche ist, und in der Ausbildung und Vorbereitung von Priestern helfen, in der ständigen Weiterbildung, und wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um die Opfer zu heilen und zu versöhnen. Ich denke, dies ist der wesentliche Inhalt des Wortes »um Entschuldigung bitten«. Ich denke, daß es besser und wichtiger ist, den Inhalt der Formel zu geben, und ich bin der Ansicht, daß der Inhalt besagen muß, was in unserem Verhalten unzureichend war, was wir in diesem Moment tun sollen, wie wir es verhindern und wie wir alle heilen und versöhnen können“.

Der ethische Proportionalismus – eine Variante des Relativismus – bestreitet, dass es Dinge gibt, die in sich schlecht sind. Er trägt uns stattdessen auf, die Moral einer Handlung situativ zu eruieren und damit immer neu zu beurteilen, was das Beste in einer bestimmten Konstellation ist – ohne dabei eine absolute Untergrenze des moralisch Vertretbaren anzuerkennen. Damit wird nicht nur das Bessere immer wieder neu definiert, sondern auch das Böse an sich geleugnet. Benedikt stellt klar, dass ein solches Denken in einigen Fällen verheerende Folgen hat. Zum Beispiel beim sexuellen Missbrauch.

(Josef Bordat)